Teil 3: 1939 - 1948 Die Schicksalsjahre der Verfolgten


Juden fliehen zu Tausenden nach Palästina. Dort versucht die britische Mandatsmacht das labile Gleichgewicht zu erhalten. Die Zionisten kämpfen für einen eigenen Staat mit List und Terror. Die Araber rüsten zum Krieg.

Sie konnten im Mondlicht die Küste des Gelobten Landes bereits ahnen. Doch da setzten die englischen Zerstörer, die das Schiff schon während der gesamten Überfahrt verfolgt hatten, zum Rammstoß an. Die "Exodus" war brechend voll mit verzweifelten Menschen. 4554 Männer, Frauen und Kinder an Bord des umgebauten amerikanischen Musikdampfers, die dem Horror der Nazi-Konzentrationslager entronnen waren, sahen schreckerfüllt zu, wie die Enterbrücke der "Childers" die Flanke der "Exodus" aufriss und britische Soldaten das Oberdeck enterten.

Ein erbitterter Kampf begann. Mit Enterhaken und Brecheisen versuchten die Briten, sich des Decks zu bemächtigen. Die jüdischen Passagiere warfen ein paar von ihnen über Bord. Die Soldaten besprühten die Planken mit Heizöl und verwandelten sie in eine Rutschbahn. Tränengas-Granaten wurden abgeschossen, dumpf detonierende Feuerwerkskörper in das riesige Leck auf der Backbordseite geschleudert. Im Gegenzug ließen die Menschen von der "Exodus" auf die beiden Kriegsschiffe an ihrer Seite einen Hagel von Eisenstangen und Konservendosen niederprasseln.

"Die Leute, die das Schiff enterten, wurden mit Flaschen und Knüppeln angegriffen", erinnert sich heute einer der britischen Soldaten. "Sie mussten alle den Unterleibsschutz der Kricketspieler tragen, weil die Frauen auf dem Flüchtlingsschiff den Soldaten zwischen die Beine zu treten pflegten." Ein 15-jähriger Junge zertrümmerte einen Scheinwerfer mit einem Fahnenstock. Schüsse fielen, zerschmetterten den Kopf des Jungen. Zwi Jakubowicz, Vollwaise, war der erste von drei Toten des Kampfes. "Ich habe die russischen Pogrome, die polnischen Pogrome und die Nazi-Mörder überlebt", rief ein alter Mann ins Getümmel, "mit Gottes Hilfe werde ich auch die Briten überleben." Die Flüchtlinge hatten ein paar der Soldaten überwältigt und in die Kabinen eingesperrt. Für einen Augenblick überlegte der Kapitän der "Exodus", sie an Deck zu holen "und sie an Seilen seitlich an das Schiff zu hängen. Dann würden sich die Zerstörer ferngehalten haben, um ihre eigenen Leute nicht zu zerquetschen."

"Schwimmendes Auschwitz"

Doch schließlich behielten die britischen Soldaten die Oberhand. Mit letzter Kraft erreichte die "Exodus" den Hafen von Haifa. Die zu Tode erschöpften Passagiere durften den Boden Palästinas betreten, wie sie es ersehnt hatten. Wenn auch nur für ein paar Stunden. Die Briten desinfizierten sie mit DDT und luden sie sofort auf drei Truppentransporter um. Im ersten Morgenlicht des 19. Juli 1947 legten die Schiffe ab. Eine mehrwöchige Irrfahrt zurück nach Europa begann. Sie endete erst am 8. September im damals britisch besetzten Hamburg. "Schwimmendes Auschwitz" nannte die französische Zeitung "LHumanite" diese Rückführaktion.

Das Drama um die "Exodus" war der Höhepunkt des Kampfes der Londoner Regierung gegen die illegale Einwanderung von Juden in das britische Mandatsgebiet Palästina. Es empörte die ganze Welt. Hatten die Opfer des Holocaust, dessen schreckliche Ausmaße der Welt nach dem Ende von Nazi-Deutschland so richtig klar wurden, denn kein Recht auf eine Heimat? Auf ein Leben in Frieden und Sicherheit? Hatten jüdische Streitkräfte im Zweiten Weltkrieg nicht sogar an der Seite der Alliierten gekämpft? Und jetzt dies. Eine Schande.

Ganz so einfach lagen die Dinge nicht. In Palästina standen sich nach Kriegsende die Araber und die Juden noch immer so unversöhnlich gegenüber wie zu Beginn der zionistischen Einwanderung um 1900. Der große arabische Aufstand von 1936 bis 1939 war für die Briten eine deutliche Warnung gewesen, dass die Palästinenser sich durch die wachsende Zahl von Juden bedroht fühlten und einem zionistischen Staat auf ihrem Boden unter keinen Umständen zustimmen wollten. Als dann der Krieg mit Hitler drohte, konnten die Engländer es sich nicht mit der arabischen Welt verderben. Sie brauchten das Öl des Nahen Ostens und Sicherheit für den Seeweg durch den Suezkanal.

Der neue Mensch, geboren aus Blut und Tränen

Im berühmt-berüchtigten Weißbuch von 1939 hatten sie daher die Einwanderer-Quote für Palästina auf 75 000 innerhalb der kommenden zehn Jahre begrenzt. Die Zionisten hatten erbitterten Widerstand angekündigt. Doch David Ben Gurion wusste, dass Hitler, die größte Bedrohung für das jüdische Volk, nur von Großbritannien und dessen Verbündeten besiegt werden konnte. Jüdische Verbände kämpften mit den Briten an der Front gegen die Faschisten. In Palästina beschränkte sich die zionistische Führung darauf, möglichst viele Juden illegal ins Land zu schleusen. Nach dem Krieg und dem Ende der Nazi-Gefahr würde man weitersehen.

Soweit wir heute wissen, sah die konservative britische Regierung im pro-arabischen Weißbuch tatsächlich eher eine taktische Maßnahme. 1941 hielt Winston Churchill in einer geheimen Kabinettsnotiz fest: "Ich darf jetzt schon sagen, für den Fall, dass England und die USA den Krieg gewinnen, wird die Schaffung eines großen jüdischen Staates in Palästina mit Millionen von jüdischen Einwohnern zu den Hauptpunkten einer Friedenskonferenz gehören." In den Vereinigten Staaten hatte die Idee von einem Groß-Israel durch inzwischen fünf Millionen amerikanische Juden ohnehin starken Rückhalt.

Anders als die gemäßigten Zionisten wollten radikale Gruppen jedoch nicht darauf warten, bis die englischen Besatzer ihre Einstellung zugunsten der Juden vielleicht ändern würden. Die militanten Organisationen Irgun und Lehi waren schon immer für ein Israel in biblischen Dimensionen eingetreten. Es sollte ganz Palästina umfassen, außerdem Transjordanien sowie die südlichen Teile Syriens und des Libanons. Ihr Ideal war der "kämpfende Jude", eine "neue Menschengattung, geboren aus Blut und Feuer und Tränen, der Welt seit über 1800 Jahren völlig unbekannt", wie Menachem Begin schrieb, Führer der Irgun ab 1943 und später Ministerpräsident sowie Friedensnobelpreisträger. Und sie hatten stets die Meinung vertreten, dass dieser Staat nur mit Waffengewalt gegen die Araber erobert und behauptet werden könne.

Die Extremisten schlugen los. Im November 1944 erschoss ein Lehi-Kommando Lord Moyne, den britischen Nahost-Minister, in Kairo auf offener Straße. Einer der Drahtzieher des Attentats hieß Yitzhak Shamir. Auch er sollte es später zum israelischen Ministerpräsidenten bringen. Moyne war ein enger Freund Churchills. Der Premier war entsetzt. "Wenn es so ist, dass unsere Träume für den Zionismus im Pulverdampf enden und eine neue Ausgabe von Gangstern, Nazi-Deutschlands würdig, hervorbringen, dann werden viele so wie ich ihre Position überdenken müssen."

Churchill sorgte persönlich dafür, dass die drei Attentäter Anfang 1945 in Kairo gehängt wurden. Um es sich mit den Briten nicht ganz zu verderben, eröffnete die Hagana, die Untergrundmiliz der Zionisten um Ben Gurion, eine Offensive gegen "diese jungen Fanatiker, die das Leiden ihres Volks zu dem verrückten Glauben gebracht hat, Zerstörung könne Heilung bringen". Sie zerschlug deren Zellen, nahm ihnen die Waffen ab, verprügelte sie und übergab "die fehlgeleiteten Terroristen" gelegentlich sogar der britischen Polizei.

Der Terror eines "unterdrückten Volkes"

Mit der Kapitulation Japans am 15. August 1945 war der Zweite Weltkrieg beendet. Nun hätte Großbritannien geopolitisch keine Rücksicht mehr auf die Araber nehmen müssen.

Trotzdem beharrte die Labour-Regierung, die Churchills konservatives Kabinett abgelöst hatte, auf der Quotenregelung des Weißbuchs. Je größer die Zahl der illegalen Einwanderer wurde, viele davon befreite KZ-Häftlinge, die jüdische Organisationen per Schiff nach Palästina einschmuggeln wollten, desto mehr füllten sich die Internierungslager der Briten. Innerhalb von zwei Jahren versuchten etwa 60 Flüchtlingsschiffe, in Palästina zu landen. Die Mehrzahl davon wurde aufgebracht. Die Blockade sei "gleichbedeutend mit einem Todesurteil für die befreiten Juden, die noch immer in Auffanglagern in Deutschland schmachten", so ein zionistisches Statement im Herbst 1945. Jetzt begannen auch die moderaten Juden den offenen Kampf gegen die Mandatsmacht und für ein unabhängiges Israel. Brücken wurden gesprengt, britische Polizeiposten überfallen, eine Pipeline ging hoch.

Am 22. Juli 1946 stand eine gigantische Rauchsäule über dem King David Hotel in Jerusalem. Irgun-Aktivisten hatten den Südflügel des Gebäudes, der als Hauptquartier des britischen Generalstabs diente, in die Luft gejagt. Die Täter hatten ihre Bomben in Milchkannen versteckt und im Keller abgestellt. 91 Menschen starben, darunter viele Zivilisten. Juden, Araber, Briten. In seinen Memoiren verteidigte sich Menachim Begin, der Kopf hinter dem Attentat, man habe die Briten telefonisch 20 Minuten vor der Explosion gewarnt. Die aber hätten die Aufforderung zur Evakuierung ignoriert. Angebliche Antwort eines englischen Offiziers: "Wir sind nicht dafür da, jüdische Befehle entgegenzunehmen. Wir geben den Juden Befehle!" Die britische Seite bestritt diese Darstellung.

1946 musste sich ein Irgun-Kämpfer vor einem britischen Gericht verantworten. Seine Argumentation erinnert an die Parolen, mit denen Palästinenser heute ihre Attentate rechtfertigen: "Dieser Krieg ist ein Befreiungskrieg, der Krieg eines unterdrückten Volkes gegen seine Unterdrücker, eines Volkes, dem seine Heimat gestohlen wurde, gegen den, der sie gestohlen hat. Trotzdem nennt ihr die Mitglieder der Jüdischen Armee, Terroristen". Ein uralter missbräuchlicher Ausdruck, wie ihn alle Tyrannen gegen Kämpfer für die Freiheit mit der Absicht benutzen, deren Idealismus in den Schmutz zu ziehen."

Nach dem King-David-Anschlag wurde die Auseinandersetzung auf beiden Seiten hässlicher und erbitterter. Die Besatzer ließen einen 16-jährigen jüdischen Untergrundkämpfer auspeitschen, Irgun schlug Auge um Auge, Zahn um Zahn zurück und verabreichte einem gekidnappten britischen Offizier dieselbe Zahl von Peitschenhieben, exakt 18. Als im Juni 1947 drei "Terroristen" von einem Militärgericht zum Tode verurteilt worden waren, entführte Irgun zwei britische Sergeanten, einer davon übrigens jüdischer Abstammung. Unmittelbar nachdem ihre drei Mitglieder am 29. Juli hingerichtet worden waren, hängte ein Irgun-Kommando die beiden Geiseln auf. In den Taschen der Toten versteckte es Sprengstoff. Als ein englischer Hauptmann die Leichen abschnitt, wurde er schwer verletzt.

Makabre Machtprobe

Fast gleichzeitig mit dieser makaberen Machtprobe sorgte das Drama um die "Exodus" weltweit für Entrüstung über Großbritanniens Mandatspolitik. Geschwächt vom wirtschaftlichen Niedergang nach dem Zweiten Weltkrieg, geschockt durch den eskalierenden Kleinkrieg in Palästina, gebrandmarkt wegen seiner in vielen Augen unmenschlichen Einwanderregelung, reagierte London nach fast 30 Jahren unglücklicher Kolonialpolitik in seinem Mandatsgebiet radikal: Die britische Regierung legte das Schicksal des Heiligen Landes 1947 in die Hände der Vereinten Nationen.

"Wir können die arabische Lösung des Problems nicht akzeptieren, wir können die jüdische Lösung nicht akzeptieren, und unsere eigene Lösung können wir uns schon gar nicht aufbürden", sagte Außenminister Ernest Bevin. Die UN sollten nun Vorschläge für die Quadratur des Kreises machen.

Die Araber in Palästina waren alarmiert. Während des Weltkriegs hatten sie weitgehend Ruhe gehalten. Zwar war ihre Zahl noch immer doppelt so hoch wie die der Juden - 1,3 Millionen zu 650 000 - , doch seit ihrem gescheiterten Aufstand von 1936 bis 1939 waren sie entscheidend geschwächt. Ihre Führer waren verhaftet worden oder ins Ausland geflohen, ihre Kämpfer für Jahre entmutigt. Während die Welt unter dem Eindruck des Holocausts dem jüdischen Wunsch nach einem Staat zunehmend Sympathie entgegenbrachte, hatte die Figur des Großmuftis von Jerusalem, ihres einstigen Führers, das Ansehen der Araber schwer getrübt. Amin al-Husseini war 1941 zu Hitler nach Berlin geflüchtet und hatte bis zum Zusammenbruch des Nazi-Reichs von dort Propaganda für das Dritte Reich gemacht.

Die arabischen Nachbarstaaten, auf deren Hilfe die Palästinenser mehr angewiesen waren denn je, hatten zwar schon 1944 versucht, Holocaust und Palästinafrage zu entkoppeln: "Wir stehen niemandem in dem Bedauern über die Leiden nach, die den Juden Europas durch europäische Diktaturen zugefügt wurden. Aber die Angelegenheiten dieser Juden sollten nicht mit dem Zionismus verwechselt werden, denn es kann kein größeres Unrecht und keine größere Aggression geben, als das Problem der Juden Europas dadurch zu lösen, dass man den Arabern Palästinas Unrecht tut."

"Reue-Geste für den Holocaust"

Als im November 1947 die UN-Vollversammlung mit der Resolution 181 die Teilung Palästinas in einen jüdischen und einen arabischen Staat beschloss, war dies "die Reue-Geste der westlichen Zivilisation für den Holocaust, das Zurückzahlen einer Schuld durch die Nationen, die begriffen, dass sie mehr hätten tun können, die jüdische Tragödie während des Zweiten Weltkriegs zu verhindern oder wenigstens zu begrenzen", so der amerikanische Historiker Michael Cohen. Die Araber waren geschockt. Sie wollten keinen jüdischen Staat in ihrer Heimat. Sie fanden es unerträglich, dass in dem zionistischen Teil-Staat Hunderttausende Araber auf dem angestammten Boden ihrer Väter plötzlich als Minderheit unter fremder Herrschaft leben sollten (auf 520 000 Juden kamen dort 350 000 Araber). Und niemand konnte ihnen plausibel machen, dass die Juden 55 Prozent Palästinas erhielten, obwohl sie doch kaum mehr als ein Drittel der Bevölkerung stellten.

Noch in New York erklärten die Araber, die Verwirklichung dieser Teilung bedeute Krieg. In den jüdischen Siedlungen zündete man Freudenfeuer an und feierte bis in die Nacht hinein auf den Straßen. Ben Gurion allerdings wusste, was die Stunde geschlagen hatte: "Ich konnte in dieser Nacht nicht tanzen und nicht singen. Ich schaute auf die, die da so glücklich tanzten, und konnte nur das eine denken: Sie werden alle in den Krieg ziehen müssen."

Er begann am Morgen danach als erbitterter Kleinkrieg mit heimtückischen und grausamen Kommandounternehmen auf beiden Seiten. Die Palästinenser waren schlecht ausgebildet und noch schlechter bewaffnet. Die jüdischen Milizen waren militärisch weit überlegen. Viele ihrer Soldaten hatten ja im Zweiten Weltkrieg aufseiten der Alliierten gekämpft.

Doch solange die Engländer noch im Land standen, konnten die jüdischen Truppen ihre Kampfkraft nicht voll ausspielen. Sie konnten nicht einschätzen, wie die britische Armee reagieren würde. Dieser Unsicherheitsfaktor hielt andererseits auch die arabischen Nachbarstaaten davon ab, jetzt schon einzugreifen. Bis zu seinem Abzug am 14. Mai 1948 spielte das britische Militär eine unberechenbare Rolle. Mal intervenierte es zugunsten der Araber, mal zugunsten der Juden. Meist aber schauten die englischen Soldaten weg, wenn die Todfeinde aufeinander trafen.

Am 9. April 1948 richteten Truppen der extremistischen Organisationen Irgun und Lehi im arabischen Dorf Dair Yasin nahe Jerusalem ein Massaker an.

Ein jüdischer Zeuge: "Ganze Familien - Frauen, alte Leute, Kinder - wurden getötet, die Leichen stapelten sich zu Haufen. Einige der Gefangenen, darunter Frauen und Kinder, wurden bei der Gefangennahme brutalst umgebracht. Die erwachsenen Männer wurden auf Lkws nach Jerusalem gebracht und durch die Straßen paradiert. Dann fuhr man sie zurück und erschoss sie mit Gewehr- und MG-Feuer. Irgun- und Lehi-Männer durchsuchten Frauen, Männer und Kinder und nahmen ihnen ihren Schmuck und ihr Geld weg." Zwischen 100 und 200 Menschen starben.

Die offizielle jüdische Führung verurteilte das Massaker. Menachim Begin, der Chef von Irgun, stritt später den verbrecherischen Charakter der Aktion ab, brüstete sich aber, Dair Yasin habe unter den Arabern so viel Panik verbreitet, dass sie von da an vor jüdischen Truppen kampflos davonliefen. Vier Tage später überfielen arabische Bewaffnete einen jüdischen Konvoi aus Bussen und Lastwagen, der zum größten Teil unbewaffnete Lehrer, Krankenschwestern und Ärzte zu einem Hospital auf dem Mount Skopus bei Jerusalem transportierte. Sechs Stunden beschossen die Angreifer die Fahrzeuge. Schließlich übergossen die Araber die Busse mit Benzin und zündeten sie an. Als die Engländer endlich dazwischengingen, waren über 70 Juden verbrannt.

Die Briten machen sich aus dem Staub

Am 15. Mai 1948 holte Großbritannien in Haifa den Union Jack ein. Der britische Gouverneur verließ mit den letzten Truppen Palästina. Die "Schutzmacht" hatte ausgespielt. Jetzt war das Feld frei für die Entscheidungsschlacht. Am Tag zuvor hatte Ben Gurion in Tel Aviv den Staat Israel proklamiert: "Der furchtbare Massenmord, der in unseren Tagen zur Vernichtung von Millionen Juden geführt hat, erbrachte den zwingenden Beweis dafür, dass das Problem der jüdischen Heimatlosigkeit eine Lösung im Lande Israel finden müsse, in der Gründung eines Staates, dessen Tore jedem Juden offen stehen." Wenige Stunden später erkannte der Kreml als erste Regierung den neuen Staat an: Die Sowjetunion, später stets aufseiten der Araber, glaubte damals noch, im israelischen Kibbuz-System große Ähnlichkeiten mit dem sowjetischen Kommunismus zu entdecken.

Am Abend der israelischen Unabhängigkeit erklärte der Generalsekretär der Arabischen Liga, des Dachorgans der arabischen Staaten, dass nun die gesamte arabische Welt den bedrängten palästinensischen Brüdern zu Hilfe eile: "Es wird ein Vernichtungskrieg werden und ein riesiges Gemetzel, von dem man sprechen wird wie von den Massakern der Mongolen und der Kreuzfahrer."

Selbst die israelische Führung war von dieser Berserker-Rhetorik beeindruckt und schrieb den Invasionsarmeen gewaltige Mengen an Menschen, Flugzeugen und Panzern zu. Als später die Israelis auf breiter Front siegten, sahen sie den geheiligten Mythos vom Kampf Davids gegen Goliath erfüllt, des tapferen jungen Helden, der über den hochgerüsteten Riesen triumphiert. Doch vom ersten Kriegstag an waren die Truppen aus Ägypten, Jordanien, Syrien, Libanon und dem Irak sowohl an Zahl als auch an Bewaffnung und Ausbildung unterlegen. Die meisten ihrer angejahrten Flugzeuge flogen nicht richtig, für ihre Artillerie hatten sie beklagenswert wenig Munition.

Die Palästinenser spielten in diesem ersten arabisch-israelischen Krieg keine Rolle mehr. Die Juden hatten sie vor dem Abzug der Briten in die Defensive gedrängt, und jetzt setzten ihre arabischen Brüder sie fast nur noch als Hilfstruppen ein. Das Schicksal Palästinas lag in fremden Händen, und die waren nicht immer sauber. Einen vernünftigen Schlachtplan hatte die große arabische Koalition ohnehin nicht gehabt. Und nach den ersten militärischen Rückschlägen dachten die einzelnen Staaten sehr schnell sehr eigennützig. Jeder wollte ein möglichst großes Stück Palästinas an sich reißen, bevor die Israelis ihm zuvorkämen.

Waffen aus der Tschechoslowakei

Transjordaniens König Abdullah hatte sogar schon vor Kriegsausbruch heimlich mit den Juden über die Annexion der heutigen Westbank verhandelt. Die sah der UN-Teilungsplan eigentlich als Herzstück des arabischen Palästinenserstaats vor. Noch Anfang Mai 1948, kurz vor Ausbruch des Krieges, fuhr die spätere Ministerpräsidentin Golda Meir, mit einem langen wallenden schwarzen Gewand als männlicher Araber getarnt, nach Amman. Abdullah ließ durchblicken, dass er sich mit der Besetzung der Westbank begnüge. Der König hielt Wort. Obwohl seine Armee die bestgerüstete der arabischen Alliierten war, machte sie keinerlei Anstalten, auf israelisches Gebiet vorzustoßen. Sie eroberte lediglich die Altstadt von Jerusalem, im Teilungsplan als internationale Zone vorgesehen.

Als im Januar 1949 der Waffenstillstand unterzeichnet wurde, stand der junge Staat Israel als eindeutiger Sieger da. Im Verlauf der Kämpfe war die Überlegenheit der zionistischen Armee immer drückender geworden. Sie hatte moderne Waffen erhalten, vor allem aus der Tschechoslowakei, und die zusammengewürfelten und unkoordinierten Truppen der arabischen Invasoren ein ums andere Mal geschlagen. Israel vergrößerte sein Territorium. Anstatt der ursprünglich 55 Prozent des Mandatsgebiets Palästina gehörten ihm nun 77 Prozent.

Die großen Verlierer waren die Palästinenser. Nicht nur, dass ein Judenstaat auf ihrem Boden jetzt bittere Realität war. Für die einheimische arabische Bevölkerung blieb nicht mal der im UN-Plan vorgesehene eigene Ministaat übrig. Denn als Belohnung für das tapfere Stillhalten seiner Armee konnte der transjordanische König Abdullah augenzwinkernd die Westbank, das arabische Land am Westufer des Jordans, annektieren. Er benannte denn auch geschwind sein Königreich von "Transjordanien" in "Jordanien" um. Selbst die Ägypter, die im Süden Palästinas besonders glücklos gekämpft hatten, gewannen etwas dazu. Sie durften den Gazastreifen behalten.

Für die Palästinenser grub sich der erste arabisch-israelische Krieg als "al-nakba", die Katastrophe, unauslöschlich ins kollektive Bewusstsein. Nur noch 160 000 von ihnen lebten in der Folge als Bürger zweiter Klasse im Staate Israel. Die übrigen, rund 700 000 Menschen, waren vertrieben worden, vor den anrückenden israelischen Truppen geflohen oder aus Angst vor Gräueln wie in Dair Yasin aus ihren Dörfern weggelaufen.

Tod als "Verräter Israels"

Für die Behauptung der Israelis, die Palästinenser hätten "freiwillig" ihre Heimat verlassen oder seien zu Kriegsbeginn von den Führern der Arabischen Liga dazu aufgefordert worden, gibt es keine Beweise. Unbestritten hingegen ist, dass das israelische Kabinett anordnete, arabischen Flüchtlingen die Rückkehr in die Heimat unmöglich zu machen. Verlassene Palästinenser-Dörfer wurden eingeebnet oder vermint. Felder wurden in Brand gesteckt und arabische Stadtviertel mit Juden neu besiedelt. Wollten Heimkehrer trotzdem nicht aufgeben, schoss das Militär häufig scharf, um sie zu stoppen. Als der schwedische UN-Vermittler Graf Bernadotte noch während des Kriegs angesichts des Flüchtlingselends energisch ein Rückkehrrecht für die Vertriebenen gefordert hatte, war er am 17. September 1948 von der Terroristenorganisation Lehi unter der bewährten Leitung Yitzhak Shamirs als "Verräter Israels" ermordet worden.

Von 1949 an hauste die Mehrzahl der palästinensischen Flüchtlinge in Lagern auf der Westbank, im Gazastreifen und in den umliegenden arabischen Staaten. Die taten wenig, sie zu integrieren. Doch die Palästinenser wollten hier auch keine neuen Wurzeln schlagen. "Sie wollten nach Hause zurück", so Professor Morris. "Israel aber verweigerte ihnen die Rückkehr. Es brauchte die aufgegebenen Ländereien und Häuser für neue Einwanderer und fürchtete gleichzeitig, die Rückkehrer würden den Staat Israel destabilisieren. So blieb das Flüchtlingsproblem die Plage - für den Nahen Osten und die ganze Welt."

Teja Fiedler print

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