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Fünfter Anstieg in Folge: Japan schien das Coronavirus im Griff zu haben – nun steigen die Fallzahlen immer weiter

Japan schien das Coronavirus lange unter Kontrolle zu haben. Seit fünf Tagen steigen die Zahlen unaufhörlich, vor allem in der Millionenmetropole Tokio. Hat das Land zu lange gezögert und das Virus unterschätzt?

Japan sträubte sich lange gegen strenge Regeln, um das Coronavirus einzudämmen.

Japan sträubte sich lange gegen strenge Regeln, um das Coronavirus einzudämmen.

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Ob New York, Berlin, Moskau oder Rio de Janeiro: In den Metropolen dieser Welt zeigt sich überall das gleiche Bild. U-Bahnen sind verwaist, die Innenstädte wie leergefegt. Milliarden Menschen bleiben zum Schutz ihrer Gesundheit seit Wochen in den eigenen vier Wänden. Sie fahren nicht auf Arbeit und bringen ihre Kinder nicht zur Schule.

Ganz anders sah es dagegen in den letzten Wochen in Japan aus: Hier lief der Alltag mit angezogener Handbremse weiter. Trotz des Virus fuhren viele Pendler mit dem Zug in ihre Büros. Geschäfte, Cafés, Hotels und Restaurants haben teils immer noch geöffnet. Die Menschen treffen sich, um die blühenden Kirschblüten anzusehen, wenn auch mit Masken vor dem Gesicht. Strenge Ausgangs- oder Kontaktbeschränkungen, wie sie im Rest der Welt Standard sind, wollte man hier vermeiden.

Die Corona-Fallzahlen steigen in Japan

Das könnte nun Konsequenzen haben: Nachdem Japan wochenlang nur wenige Corona-Fälle meldete, steigt die Infektions-Kurve nun steil an. Die Gesundheitsbehörde vermeldete den fünften Tag in Folge wachsende Fallzahlen. Demnach gab es in den letzten 24 Stunden 714 weitere nachgewiesene Infektionen mit dem Coronavirus – ein Rekordzuwachs, berichtet die japanische Nachrichtenagentur Kyodo. Am Vortag wurden 634 neue Fälle bestätigt, ebenfalls ein Rekord.

Nach offiziellen Angaben sind damit insgesamt 7460 Coronavirus-Fälle in Japan bestätigt, darin sind bereits die 712 Fälle des Kreuzfahrtschiffes "Diamond Princess" enthalten. Die Todeszahl liegt derzeit bei 109 Fällen.

Die Zahlen sind im internationalen Vergleich auf einem niedrigen Niveau. Doch der dramatische Anstieg der jüngsten Tage lässt die Kritik an Japans Premierminister Shinzo Abe lauter werden: Mediziner und internationale Experten werfen der Regierung vor, zu zögerlich beim Erlassen von Maßnahmen und beim Testen von Corona-Verdachtsfällen gewesen zu sein.

Vorwurf eins: zu wenige Tests

Beide Vorwürfe sind nicht von der Hand zu weisen. So würden in Japan nicht einmal Personen mit milden Symptomen getestet werden, kritisierte etwa der oppositionelle Abgehordnete Hiroshi Kawauchi am Donnerstag dieser Woche.

"Es besteht der weit verbreitete Verdacht, dass Virustests nicht durchgeführt werden, um die Zahl der bestätigten Infektionen zu unterdrücken", erklärte er. "Sollte die Politik nicht darin bestehen, Tests auszuweiten, Infektionen frühzeitig zu erkennen und so Ballungen zu kontrollieren?"

Diesen Vorwurf bestritt Gesundheitsminister Katsunobu Kato. Doch auch er bekräftigt, dass es nun wichtig sei, die Zahl der Tests nach oben zu schrauben: "Es ist jetzt wichtig für uns, die PCR-Testkapazität zu erhöhen und die Kriterien, nach denen die Tests durchgeführt werden, zu erweitern". Während in Deutschland rund eine halbe Million Tests pro Woche durchgeführt werden, habe Japan lediglich eine Kapazität von 3800 Tests pro Tag, also rund 26.000 pro Woche, schreibt die Nachrichtenagentur Reuters. In der Realität würden jedoch nicht einmal 900 Tests am Tag gemacht werden.

Zu ähnlich desaströsen Ergebnissen kommt auch die Universität Oxford. Demnach liege die Zahl der Tests je 1000 Einwohner in Japan bei 0,57. Deutschland führt im Vergleich 15,97 Tests pro 1000 Einwohner durch. In Südkorea, das ebenfalls sehr viel und streng testet, sind es 9,77 Tests pro 1000 Einwohner.

Experten befürchten deshalb: Die Dunkelziffer der Corona-Infizierten könnte in Japan deutlich höher sein als in anderen Ländern.

Vorwurf zwei: zu zögerliche Maßnahmen

Zugleich wird Premierminister Shinzo Abe vorgeworfen, zu lange einen zu laschen Kurs im Kampf gegen die Ausbreitung des Coronavirus gefahren zu haben. Wochenlang spielte er dessen Bedrohung herunter, erst Dienstag hatte der Premierminister schließlich den Notstand für den besonders betroffenen Großraum Tokio sowie einzelne Provinzen ausgerufen. Erst einmal für einen Monat. Aber es könnten, so heißt es, am Ende bis zu sechs werden.

Zu einem landesweiten "Lockdown" konnte Abe sich jedoch nicht durchringen. Die Zentralregierung sei zudem mit ihren kommunalen Amtskollegen zerstritten in der Frage, welche wesentlichen Dienstleistungen aufrechtzuerhalten sind und welche Unternehmen man besser schließen solle. 

"Japan hat Mist gebaut", fasst es Kenji Shibuya im Gespräch mit der "New York Times" zusammen. Er ist Direktor des Institute for Population Health am King's College London und der Meinung, der Notstand wurde deutlich zu spät ausgerufen. Die Zahl der bestätigten Fälle sei "nur die Spitze des Eisbergs", ist er überzeugt.

Tokio kämpft gegen Coronavirus

Der Kampf gegen das Coronavirus wird nun vor allem in Tokio ausgefochten, dem mit 37 Millionen Menschen größten Ballungsraum der Welt. "Niemand hat jemals gedacht, dass es dazu kommen würde", sagte die Gouverneurin Yuriko Koike im Rahmen einer Pressekonferenz am Freitag. "Wir müssen im nächsten Monat alles tun, um die weitere Ausbreitung des Virus zu verhindern und eine Verschärfung dieser Krise zu verhindern."

Seit gestern sind Universitäten und Schulen, Sportanlagen, Konzertsäle sowie Bars, Nachtclubs, Internetcafés und die in Japan beliebten Karaoke-Bars geschlossen. Friseure und Izakayas, das sind traditionelle japanische Pubs, bleiben jedoch weiterhin – wenn auch mit Einschränkungen – geöffnet.

Für Shinzo Abe geht es nun um alles. Er will mit den Maßnahmen möglichst viele Menschenleben retten – Japan ist eine der ältesten Bevölkerungen der Welt – und zugleich die Wirtschaft am Laufen halten, die ohnehin in eine Rezession gerutscht war. Während die meisten Politiker in Krisenzeiten an Ansehen gewinnen (die CDU hat Zustimmungswerte wie seit 2017 nicht mehr), ist Abes Zustimmungsrate in dieser Woche auf gerade einmal 43 Prozent gesunken.

"Was wir fürchten, ist die Furcht selbst", sagte Abe in einem Nebensatz seiner Ansprache zur Ausrufung des Coronavirus-Notstands am Dienstag. Abe dürfte diesen Satz nicht zufällig gewählt haben, sprach ihn doch einst Franklin D. Roosevelt während seiner Vereidigung als US-Präsident im Jahr 1933 aus. Die Vereinigten Staaten steckten damals in der Rezession und Roosevelt wollte Aufbruchsstimmung erzeugen. Diese Fallhöhe zeigt, in welchen Zeiten Abe sein Land wähnt.   

Quellen: New York Times, Reuters, Bloomberg, Financial TimesJapan-Forward

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