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Bahnfahren in England: Das Beste an britischen Zügen: die Frauenstimme auf dem Klo

Autofahren in England ist keine Lösung, Bahnfahren auch nicht. Irgendwas ist immer mit den Zügen. Und sei es, ein Frettchen frisst dem Lokführer das Käsebrot weg. Kein Witz. Labour-Chef Jeremy Corbyn weiß, wovon ich spreche.

Virgin Zug Jeremy Corbyn

Ein Bild, dass es eigentlich niemand sehen dürfte - zumindest nicht ohne Verbrechen:  Labour-Chef Jeremy Corbyn fährt Zug

Auf die Bahn in England ist Verlass. Sie ist verlässlich unzuverlässig. Ich habe relativ häufig im Norden oder in Schottland zu tun und besteige für solche Reisen regelmäßig Züge der Firma Virgin, die nicht nur Züge, sondern auch Flüge anbietet und außerdem Internet und Fernsehen. Die Firma gehört dem Milliardär Richard Branson. Das ist der, der nicht altern will: blondes Haar seit vielen Jahrhunderten, makellose Zähne, Ganzkörperbräune, stets gut gelaunt.


Das Auffälligste an den Virgin-Zügen sind die Ansagen auf den Toiletten. Sobald man die Tür schließt, säuselt eine Frauenstimme, was man alles nicht ins Klo werfen soll: "Windeln, Handtücher, alte Handys, den Pullover Ihres Ex, unbezahlte Rechnungen, Träume, Junk-Mail und Goldfische". Ein paar Mal ist das ganz lustig. Spätestens nach der sechsten Fahrt von nach Manchester oder Liverpool möchte man am liebsten die Frau mit ihren Ansagen ins Klo spülen und ihre Träume gleich hinterher.

Belastender Wutanfall im

Früher fuhr ich gerne mit der Bahn. Theoretisch geht es recht schnell mit dem Zug, jedenfalls schneller als mit dem Auto. Im Auto werde ich regelmäßig unleidlich wenn Stau ist. Ich beginne zu fluchen, erst leise, dann laut. Im Auto bin ich peinlich. Manchmal schämen sich Frau und Töchter für meine Stau-Ausbrüche, und vor einiger Zeit filmten sie mich sogar von der Rückbank bei einem überaus langen Wutanfall gegen weißrussische SUV-Fahrer und bosnische Zöllner. Es ist ein sehr belastendes Dokument.

Schon deshalb: Ich fahre lieber Zug.

Leider verlässt mich neuerdings auch in der Bahn das Glück. Irgendwas ist immer in britischen Zügen. Bäume, die sich verzweifelt auf die Gleise werfen, Signale, die plötzlich rot statt grün sind. Mal steht die Sonne zu hoch, mal zu niedrig. Mal liegen die falschen Blätter auf den Gleisen, kein Witz. Mal blockieren Dachse die Fahrt, mal entfleucht ein seinem Besitzer, flitzt durch die Waggons nach vorne und verputzt das Käsebrot des darob untröstlichen Lokomotivführers, auch kein Witz. Mal hängen Ballons von Kindergeburtstagen in Oberleitungen. Mal springt ein Eichhörnchen vor die Windschutzscheibe oder ein Raupenzug kreuzt die Gleise, wieder kein Witz. Die Liste der Kalamitäten ist lang. Im Ergebnis bedeuten sie stets das Gleiche: Verspätung. Einmal sagte ein Schaffner: "Dieser Zug hält in Garforth, East Garforth, Micklefield und Ulleskelf. Und wir kommen in York an, wann immer wir ankommen." Das war zumindest ehrlich.

Die Bahn ist ein stattliches Ärgernis in Großbritannien, und zumindest eint das die Briten in parteiübergreifendem Groll. Neulich wollte , der Chef der Labour-Party, ganz besonders volksnah sein. Er bestieg einen Virgin-Zug nach Newcastle, fand angeblich keinen Platz, setzte sich im Klo-Gang auf den Boden, hörte gewiss ein Dutzend Mal die Stimme der Frau, "keine Windeln, Handtücher, alte Handys..." und arbeitete im Schneidersitz. Das entsprechende Video stellte er ins Netz. Selbst Labour-Feinde hatten danach Mitleid.

Jeremy Corbyn - glücklos ist noch geschmeichelt

Corbyn, muss man wissen, ist eine sehr umstrittene Person und eine verdammt unglückliche obendrein. Alles, was er anpackt, geht daneben. Wirklich alles. Wenn Corbyn sagt "Morgen scheint die Sonne" wird es mit absoluter Sicherheit regnen. Corbyn ist ein klassischer Seuchenvogel. Die eigene Partei rebelliert gegen ihn. Aber die Basis hält stramm zu ihm. Die Basis fährt auch Zug, und also dachte er, das Filmchen sei eine gute Idee, für die Verstaatlichung der Bahn zu werben. War es vielleicht auch. Allein: In besagtem Zug waren noch jede Menge Plätze frei, der Politiker hätte gar nicht vorm Klo hocken müssen. Virgin veröffentlichte Video-Aufnahmen von den Überwachungskameras, die den Zausel Corbyn zeigen, wie er an einer ganzen Batterie von leeren Plätzen entlangschreitet, um dann und ohne Not vor dem Klo Platz zu nehmen.

Virigin Zug in Kings Cross

Dieser Zug von Virigin steht auch still. Aber nicht wegen Bäumen, Blättern oder Nagetieren, sondern einfach nur wegen: Streik


Ich kenne keinen Menschen in Großbritannien, der nicht schon mal im Zug gestanden oder vorm Klo gesessen hat. Nicht einen. Selbst Virgin-Top-Manager stehen manchmal im Gang. Es ist ganz normal. Man steigt einfach in einen vollen Zug, und die meisten Züge sind ja voll. Nicht mal das kriegt Corbyn fehlerfrei hin. Und also wurde aus seiner Idee mit dem Protest-Filmchen vorm Klo ein Rohrkrepierer. Und eine Sommerloch-Posse.

Corbyn war einfach nur ein bisschen doof

Virgin verstieß nämlich mit den Bildern von Corbyn und den leeren Plätzen gegen die eigene Firmenpolitik. Aufnahmen der Überwachungskameras im Zug dürfen nur freigegeben werden, wenn sie zum Aufklären eines Verbrechens beitragen. Jeremy Corbyn beging aber kein Verbrechen, er spülte nicht mal Handys oder Goldfische oder Träume durchs Virgin-Klo. Er war einfach nur ein bisschen doof.

Sein Parteikollege John McDonald wollte das so nicht hinnehmen und forderte, dem Virgin-Besitzer Richard Branson sollte die Ritterschaft aberkannt werden. Er sei ein Steuerbetrüger, weil er vorzugsweise im Ausland lebt. Branson sagte erst mal gar nichts, wollte sich dann aber offenbar den Frust aus dem Leib radeln und landete bei dieser Übung koppheister auf dem Asphalt. Schürfwunden, blaues Auge, nicht mehr so makellos. Insgesamt Glück im Unglück. Danach erst mal Waffenstillstand. Das ganze Theater heißt jetzt im Übrigen "Traingate".

Ich werde auf die Frauenstimme warten

Diese Woche muss ich wieder in den Norden. Es wird ein Virgin-Zug. Es gibt keine Alternative. Ich werde einen Platz reservieren und dann feststellen, dass es diesen Platz in diesem Zug gar nicht gibt. Ich kenne das. Das passiert fast immer, wenn ich Zug fahre. Ich werde mich also wie Corbyn vors Klo setzen, wie Corbyn den Laptop rausholen und arbeiten. Irgendwann werde ich die Toilette benutzen, auch wenn ich gar nicht muss. Ich werde auf die Frauenstimme warten und im passenden Moment Träume von freien Sitzplätzen in Zügen in die Schüssel werfen und abziehen.

Draußen rieseln unterdessen Blätter auf die Gleise, ein Raupenzug kreuzt träge; drinnen rast ein käsebrotfressendes Frettchen durch die Gänge. Und Jeremy Corbyn meldet sich über den Bordlautsprecher und sagt: "Morgen scheint die Sonne."