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M. Streck: Last Call: Füchse sind die besseren Londoner

Früher wurde er gejagt und bestialisch zur Strecke gebracht. Nun erlebt der Fuchs in Großbritannien eine Renaissance. In seiner Population, aber auch als kulturelles Phänomen. Ein britischer Exzentriker lebte sogar mit ihnen. 

Fuchs in der Großstadt

Ein Fuchs hat sich neben eine vielbefahrene Straße verirrt. Nichts gegen einen britischen Exzentriker. der sogar einmal versucht hat, als Fuchs zu leben

Kurz vor Ostern im vergangenen Jahr traf ich einen Fuchs. Er war fast zwei Meter groß, sehr freundlich und hatte eine Glatze. Der Fuchs hieß Charles Foster und hatte gerade ein Buch geschrieben, das in Großbritannien zu einem Bestseller geworden war, "Being a Beast". Foster erzählt darin sehr schlau, wie er versuchte, als Tier zu leben. Ganz präzise: als Otter, Hirsch, Dachs, Mauersegler (!) und eben als Fuchs. Es ist eine metaphysische Entdeckungsreise durch Wald, Wiesen, Seen und Seelen auf der Suche nach sich selbst und erschien auch gerade auf Deutsch.

Wir saßen in Fosters Wohnküche in , in der Stadt lehrt er auch an der Uni. Foster, der Anthropologe und Jurist und Universalgelehrte, erzählte sehr beschwingt davon, dass er als Mauersegler eine ziemliche Niete gewesen sei, auch als Hirsch im Übrigen. Er sah auch nicht aus wie ein Mauersegler oder Hirsch. Wenn überhaupt, ähnelte er nasenmäßig einem Otter, den er aber in seinen Monaten in den Wäldern zu verabscheuen gelernt hatte – als "habgierige Fressmaschinen ohne Persönlichkeit", die sich etwa gegenseitig ins Gemächt beißen. In ihrem ganzen Auftreten erinnerten die Otter Foster an "widerliche Ultra-Kapitalisten" in der Londoner City.

Charles Foster entdeckte das Tier in sich

Der Otter war mir danach auch nicht mehr besonders sympathisch.

Mit größter Wärme sprach Charles Foster dann aber vom Fuchs. Den Fuchs mochte er. Als Fuchs war er auch nicht so eine Niete wie als Mauersegler und Hirsch. Fuchs und Foster verstanden sich irgendwie.

Foster sagte, dass Füchse die besseren Stadtmenschen seien, die viel besseren Londoner auf jeden Fall, mit scharfen Sinnen und scharfem Verstand und dem noch nicht hundsmäßig domestizierten Hirn. Viele Jahre hatte Foster Füchse studiert, vornehmlich im Londoner Stadtteil Bethnal Green. Er schlief unter Büschen und robbte um Mülltonnen, vertilgte weggeworfene Pizza-Scheiben und erledigte seine Geschäfte draußen, große wie kleine. Niemand nahm Notiz von ihm, weil Foster aussah wie ein Penner. Aber dann sprach ihn eines Tages doch ein Polizist an. Worauf sich folgender Dialog entwickelte, der seine ganze Pracht nur ungekürzt entfaltet:

"Afternoon, Sir."

"Good afternoon."

"Kann ich Ihnen helfen?"

"Danke der Nachfrage, aber alles ist gut."

"Darf ich fragen, was Sie hier machen?"

"Ein kleines Nickerchen."

"Darf ich fragen, warum Sie ausgerechnet hier schlafen?"

"Das dürfen Sie selbstverständlich fragen, Officer. Ich fürchte nur, dass Sie meine Antwort nicht unbedingt zufriedenstellen wird. Ich versuche nämlich, ein Fuchs zu sein und möchte wissen, wie es ist, den ganzen Tag Verkehrslärm zu ertragen und auf Knöchel oder Schenkel zu starren statt auf ganze Menschen. Verstehen Sie?"

Füchse verhalten sich zunehmend menschlich

Der Polizist verstand natürlich nicht. Er dachte, Foster sei verrückt und verwies ihn von der Grünfläche. Ich kann Foster inzwischen verstehen, zumindest ein bisschen. In unserer kleinen Straße leben eine ganze Reihe von Füchsen, mindestens drei oder vier. Einer saß mal bei uns im Blumenkasten und schaute interessiert durchs Fenster, während ich drinnen Fußball guckte. Der Fuchs war mir auf Anhieb nahe, und mein Verein gewann auch noch. Gelegentlich versammeln sich die Füchse auch unter unserem Schlafzimmerfenster, und ihre Geräusche hören sich ziemlich menschlich an. Vergangene Woche kam die Tochter ins Wohnzimmer gestürmt und sagte: "Hört ihr das? Hier wird irgendwo eine Frau verprügelt." Es waren aber nur die Füchse, die tollten.

Ich finde es ziemlich lustig, dass sich Füchse ausgerechnet in Großbritannien vermehren wie Karnickel, zumindest in den Städten ist das so. Es ist ein bisschen wie die späte Rache. Früher machten sie Jagd auf Füchse, und das war ein bestialisches Schauspiel. Heute leben rund 150 000 Füchse in englischen Großstädten, die größte Dichte hat Bournemouth vor London. Wie man überhaupt sagen muss, dass der gemeine Rotfuchs (Vulpes vulpes) eine Art kulturelle Renaissance erlebt. Fast wie früher in Aesops Fabeln. Bücher werden wieder über ihn geschrieben und preisgekrönte Kurzgeschichten und sogar Popsongs. Der englische Fußballmeister Leicester City hat den Fuchs im Vereinswappen, und einer für den Brexit zuständigen Minister heißt Fox, Liam Fox. Ihm fehlt allerdings die dem Tier nachgesagte Raffinesse und Schläue, was vielleicht damit zu tun hat, dass Fox am Ende eben doch nur ein Mensch ist. Diese Woche beschäftigte sich der "Guardian" ausführlich mit dem Aufstieg des Tieres. Der Fuchs, notierten die werten Kollegen, sei zwar der ultimative Außenseiter, spiegele aber mit seinem Umzug vom Land in die Stadt die Migration der Menschen während der industriellen Revolution wider.

Vom Fuchs kann der Mensch lernen

So ähnlich hatte das auch Charles Foster formuliert, der alte Fuchs. Einmal standen sich Fuchs und Foster Auge in Auge gegenüber. Und Foster konnte regelrecht den gegenseitigen Respekt spüren, der Fuchs blinzelte nicht mal. Vom Fuchs, sagt Foster, könne der Mensch lernen, ein besserer Mensch zu werden.

Das geht mir ein bisschen weit. Aber neulich sahen wir einen Fuchs, der auf einer Wiese vor dem Grab von Karl Marx in der Sonne lag und amüsiert den Touristen zuschaute, wie sie Fotos von der Karls Büste machten. Das hatte etwas zutiefst Menschliches. Ich hätte zu gerne gewusst, was der Fuchs so dachte in diesem Moment.

Sollte demnächst mal wieder einer bei uns im Blumenkasten liegen und durchs Fenster gucken, werde ich ihn höflich in die Wohnung bitten und ihm Hühnchen anbieten.

Was kann schon passieren? Schlimmstenfalls handelt es sich beim Fuchs um Charles Foster.