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Manuela Schwesig "Die Zeit der männlichen Monokultur ist endlich vorbei"

Manuela Schwesig kämpft seit Langem für mehr Frauen in Führungsjobs. Die Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern mahnt: Auch auf allen Ebenen darunter gebe es noch viel Nachholbedarf.  

Frau Schwesig, die Berliner Groko hat sich nach langer Diskussion doch noch auf eine Quotenregel für Dax-Vorstände geeinigt. Was taugt der Kompromiss? 

Die Zeit der männlichen Monokultur in Vorständen ist endlich vorbei. In Vorständen börsennotierter und paritätisch mitbestimmter Unternehmen mit mehr als drei Mitgliedern muss künftig ein Mitglied eine Frau sein. Damit gibt es erstmals verbindliche Vorgaben für mehr Frauen in Vorständen. Die Quote, die ich als Bundesfamilienministerin für Aufsichtsräte 2015 eingeführt habe, hat Erfolg gezeigt. Damals haben wir den Unternehmen gesagt, dass sie freiwillig für mehr Frauen in den Vorständen sorgen können, und wenn sie diese Chance nicht nutzen, die Quote kommt. Jetzt geht es darum, zügig das Gesetz zu verabschieden.   

Wie oft haben Sie schon gedacht, bei der Besetzung hätte eine Quote geholfen? 

(Überlegt lange) Wir haben eine Quote in der Partei, die es vielen Frauen ermöglicht hat teilzuhaben und die auch die politische Kultur verändert hat. Die Politik hat zum Glück deutlich früher als die Wirtschaft die Notwendigkeit erkannt, Frauen zu berücksichtigen, weil Wählerinnen sich sonst abwenden. 

Was spricht neben Gerechtigkeit noch für die Quote? 

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass gemischte Teams aus Männern und Frauen eine wirkliche Bereicherung sind. Es verändert den Blickwinkel und die Atmosphäre. Die Realität ist oft leider noch so: Wenn in männerdominierten Gesprächsrunden Frauen das Wort ergreifen, führen manche Männer eigene Gespräche anstatt zuzuhören. Das habe ich sogar in Kabinettsitzungen erlebt. 

Zu Ihren persönlichen Erfahrungen zählt auch der Spottname "Küstenbarbie". Der jüngst zurückgetretene Schweriner Innenminister Laurenz Caffier, CDU, hatte sie beim politischen Aschermittwoch 2011 so bezeichnet.  

Sollte ein Witz sein, war aber keiner. Solche Sprüche sollen Frauen kleinmachen. Selbst Angela Merkel hat als starke Kanzlerin den Spitznamen Mutti verpasst bekommen – das geht in dieselbe Richtung.  

Immerhin sind sie inzwischen zu dritt, wenn sich die Länderchefs mit der Kanzlerin zur Corona-Videokonferenz treffen: Frau Merkel, Malu Dreyer aus Rheinland-Pfalz und sie.   

Ja, das hilft. Unterschiede gibt es in der Bewertung von Außen. Wenn Herr Söder in München täglich vor die Presse tritt, dann ist er der durchsetzungsstarke Macher. Wenn ich das mache, höre ich den Vorwurf, das sei eine One-Woman-Show. 

Ist das Rollenmodell "starke Frau in der Politik" nach 15 Jahren Merkel nicht langsam akzeptiert? 

Es ist wichtig, dass sich diese Rollenbilder weiter etablieren, dass junge Mädchen sehen, dass es möglich ist, Ministerpräsidentin zu sein, Kanzlerin zu sein, und dass sie respektiert werden. Dass wir Frauen in Führungspositionen haben, darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass es auf allen Ebenen darunter noch viel Nachholbedarf gibt. 

Ist die fehlende Quote das größte Hindernis auf dem Weg zur echten Gleichstellung?  

Es gibt nicht den einen Hebel, wir müssen noch viele strukturelle Hindernisse überwinden. Das ungerechte Ehegattensplitting, das Einverdiener-Ehen bevorzugt oder die vielerorts noch mangelnde Kinderbetreuung. 

Ist Kinderbetreuung ein Frauenthema? 

Kinderbetreuung ist immer noch ein Frauenthema, obwohl es längt ein Thema für Mütter und Väter sein sollte. Aber auch das hat uns Corona gelehrt: Kaum haben wir die Schulen und Kitas geschlossen, fielen viele Partnerschaften zurück in alte Rollenmuster: Die Familienarbeit übernahmen meistens die Frauen, sie haben die zusätzliche Last geschultert. 

Ihr Mann hat beim zweiten Kind Elternzeit genommen…  

… und hat sich im eigenen Unternehmen anfangs dafür rechtfertigen müssen. Er arbeitet bis heute reduziert, damit wir Beruf und Familie vereinbaren können. Viele junge Väter wollen sich stärker einbringen, aber noch zu viele Arbeitgeber unterstützen das nicht.  

Sie sind in der DDR ausgewachsen. Hat Sie das in Sachen Gleichberechtigung geprägt? 

Die SED-Diktatur hatte sicher nicht die Gleichberechtigung im Sinn, Frauen wurden schlicht als Arbeitskräfte benötigt. Aber natürlich macht das einen Unterschied. Mein Mann und ich, wir sind beide mit arbeitenden Müttern aufgewachsen, das ist für uns selbstverständlich. Und es macht einen Unterschied, ob man von Mutter und Schwiegermutter ausschließlich Unterstützung in beruflichen Dingen erfährt oder öfter kritische Fragen hört: Ist das denn gut für die Kinder? 

Müssen Frauen sich überwinden, mehr zu wollen? 

Es liegt nicht an den Frauen, sondern an der Arbeitswelt. Viele Frauen erleben einen großen Spagat in ihrer Verantwortung für Beruf und Familie. Und das gleich zweimal: Am Anfang der beruflichen Entwicklung sind es die Kinder. Kaum sind sie groß, steht die Pflege der Eltern an. Darauf muss die Arbeitswelt besser reagieren.  

Gilt nicht auch hier: Wo steht geschrieben, dass das Frauenarbeit ist? 

Die Partnerschaft spielt natürlich eine große Rolle. Die Politik kann Gleichberechtigung nicht verordnen. Am Ende kommt es auch darauf an, ob man einen Partner findet, der das auch will. Da geht’s um Liebe – und die ist ja nun ganz und gar nicht rational. Politik kann aber unterstützend wirken wie zum Beispiel mit Angeboten wie einer Familienarbeitszeit, mit der die Arbeitszeit für beide reduziert werden kann und durch ein Familiengeld abgefedert wird. 

Uns interessieren auch Ihre Erfahrungen und Ihre Meinung. Wie sieht es in Ihrem Job aus? Könnten Sie mehr Frauen oder Männer gebrauchen? Schreiben Sie uns unter quotenfrau@stern.de


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