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Lufthansa-Übernahme: Keine Rettung für Air-Berlin-Passagiere: Der Kranich pickt sich die Rosinen raus

Lufthansa hat sich einen kleineren Teil als angekündigt von Air Berlin geschnappt. Wird jetzt alles besser? Für die Passagiere mit Tickets der insolventen Fluggesellschaft Air Berlin geht das Rätselraten weiter. Nur ein Gewinner steht bereits fest.

Flugzeuge auf dem Rollfeld in Berlin-Tegel. Im Vordergrund eine Bombardier Dash 8 der Luftverkehrsgesellschaft Walter, dahinter ein Airbus der Lufthansa und von Air Berlin. 

Flugzeuge auf dem Rollfeld in Berlin-Tegel. Im Vordergrund eine Bombardier Dash 8 der Luftverkehrsgesellschaft Walter, dahinter ein Airbus der Lufthansa und von Air Berlin. 

Einen Sieger gibt es am Tag eins nach der Übernahme großer Teile von durch die Lufthansa: die Börse. Die Aktie der Lufthansa kletterte auf ein Allzeithoch seit Jahren. Im Regen dagegen stehen die Passagiere von Air Berlin, die noch Tickets in der Tasche haben, die sie vor Monaten für Flüge nach dem 27. Oktober gebucht hatten. Deren Flüge werden nicht mehr abheben, denn offiziell findet der letzte Air-Berlin-Flug unter der Nummer AB6210 am 27. Oktober auf der Strecke München-Berlin statt.

Die Zahl betroffener Passagiere, die nicht mehr an ihr Ziel kommen werden, geht in die Hunderttausende. Denn die Leidtragenden der Insolvenz sind all jene, die vor dem 15. August ihr Ticket gebucht haben. Ihre Flugscheine sind wertlos. Viele von ihnen haben gehofft, dass die Lufthansa ihre Buchungen übernimmt. Doch nach der Übernahme gibt es keine Entwarnung.

Keine 81 Flugzeuge, nur 50 Maschinen 

Noch hat die Lufthansa nur Slots, also die Zeitfenster für Start- und Landungen, sowie Teile des Personals übernommen. Die Jets gehörten schon lange nicht mehr zur Konkursmasse der Air Berlin, sondern sind schon längst im Besitz der Leasinggesellschaften. Ob Lufthansa auch Reservierungen und damit eine Beförderungsverplichtung übernommen hat, dazu gibt es kein Wort.

Nach dem am Freitag beim Notar unterschriebenen Vertrag übernimmt Lufthansa nur 17 Flugzeuge vom Typ Bombardier Dash 8 mit 870 Mitarbeitern der Luftfahrtgesellschaft Walter und 13 Airbus A320 Niki mit 830 Mitarbeitern sowie 20 Flugzeugen aus der Airbus A320-Familie. Außerdem will Eurowings am freien Markt zusätzliche Flugzeuge erwerben und 1300 Mitarbeiter einzustellen.

Ab dem 15. Oktober: Das Drama am Counter

Schon ab kommenden Montag wird sich an Flughäfen in den , Asien und Australien folgendes Szenario abspielen: Passagiere kommen am Flughafen zum Check-in und erfahren, dass sie mit ihrem Air-Berlin-Ticket nicht mitgenommen werden. Mit dem 15. Oktober hat Air Berlin alle Langstreckenflüge gestrichen. Auch im Rahmen von Code-Share-Tickets, die von Air Berlin zum Beispiel für Australien-Flüge von Etihad Airways ausgestellt hat, wird es eng. Besser dran sind jene, auf deren Tickets die Flugnummer nicht mit AB (für Air Berlin) beginnt, sondern mit EY (für Etihad).

Es gibt jedoch einen Hoffnungsschimmer: Lufthansa-Chef Carsten Spohr sagte am Donnerstag in einem Interview mit der "Rheinischen Post": "Wir bereiten ein Angebot vor, um im Ausland gestrandeten Passagieren der Air-Berlin die Heimreise zu einem fairen Preis anzubieten, sofern wir die Kapazitäten dafür haben." Doch Deutschlands größte Airline wird dazu nicht konkret. Es herrscht die große Ratlosigkeit unter den Kunden. Lufthansa gibt sich nicht als den erhofften Retter. Im Gegenteil: Die Seite mit den Ansprechpartnern der Pressestelle wurde vom Netz genommen.

Unklar ist auch, was mit den Buchungen innerdeutscher Zubringerflüge von Air Berlin zu Fernflügen anderer Airlines ab , Düsseldorf oder Frankfurt passiert. Auf der Homepage von Air Berlin heißt es nur lapidar: "Um den aktuellen Status Ihres Tickets zu überprüfen, wenden Sie sich bitte an die jeweilige Partnerairline."

Besser sieht es für die Fluggäste der Luftfahrtgesellschaft Walter (LGW) und den Ferienflieger Niki aus. Beide sind nicht von der Insolvenz betroffen und von der Lufthansa in dem am Donnerstag verkündeten Deal übernommen worden.

Steigende Flugpreise: 1000 Euro innerdeutsch

Lufthansa kann sich vor Buchungen in diesen Tag kaum retten. Durch das Wegbrechen der Air-Berlin-Flüge überschreitet die Nachfrage auf dem innerdeutschen Streckennetz zum Teil das Angebot. Innerhalb weniger Tage kletterten die Preise für Flüge zwischen Hamburg und München für Anfang nächster Woche von 400 auf 821 Euro. Einige Verbindungen wie Berlin-Saarbrücken kosten mehr als 1000 Euro.

Daher kommen auf vereinzelten Flügen zwischen Frankfurt und Berlin die riesige Boeing 747 zum Einsatz und auf der Rennstrecke zwischen Hamburg und München Langstreckenflugzeuge vom Typ Airbus A340.

Dementsprechend legt das Preiseniveau zu. Auf einigen Routen dehnt Lufthansa ihr Monopol aus. Im europäischen Vergleich muss sie sich aber mit der Konkurrenz der Billigflieger messen und hält mit der Tochterfirma Eurowings dagegen.

Schon um die Einwände der EU-Kartellbehörde zu entkräften, schafft sich die Lufthansa selbst Konkurrenz. Die Strecke Berlin-München flogen bisher drei Airlines: Lufthansa, Air Berlin und Transavia. Doch neben dem Wegbrechen der Air-Berlin-Flüge hatte der niederländische Billigflieger bereits im Februar angekündigt, die vier in der bayerischen Landeshauptstadt stationierten Maschinen wieder abzuziehen.

Mit dem Wechsel zum Winterflugplan am 31. Oktober entfallen damit auch die Flüge nach Berlin-Schönefeld. Ab November hat Lufthansa ein Monopol auf der Route. Laut Buchungstools werden Maschinen der Eurowings ab dem 15. Januar 2018 ebenfalls die Strecke bedienen. Die Ticketpreise sind günstig, noch: 29 und 39 Euro oneway.

Konkurrenz belebt das Geschäft

Die Konsolidierung der europäischen Luftfahrt ist im vollen Gange. Air Berlin, die britische Monarch und bald auch Alitalia sind die jüngsten Opfer. Weitere werden folgen, wie ein Blick in die USA zeigt. Dort begann die Deregulierung des US-Luftverkehrs Ende der 70er Jahre mit einem Kommen und Gehen von Fluggesellschaften. Jetzt gibt es noch nur noch United, Delta und American sowie den Billigflieger Southwest, die zusammen fast 90 Prozent des Marktes beherrschen - und die Preise diktieren. 

Ähnliche monopolistische Verhältnisse dürften auch auf uns in Europa zukommen. Lufthansa möchte um jeden Preis zu den Siegern gehören - auf Kosten der Passagiere.

Ärger mit Air Berlin

Haben Sie ein Ticket bei Air Berlin für die Zeit nach dem 27. Oktober gebucht? Wurde Ihnen ein Ersatzflug angeboten? Schreiben Sie uns und schildern Sie uns Ihren Fall: reise@stern.de, Stichwort: Air Berlin. 

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