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1. Bundesliga Bundesliga als Nebensache?


Wenn Trainer und Manager des Deutschen Vizemeisters mit einem 0:3 zufrieden sind, dann stimmt doch etwas in der Bundesliga nicht, oder? Trotz nur zweier Punkte Vorsprung haben sich alle darauf geeinigt, dass die Bayern in der Bundesliga "heillos unterfordert" sind. Alarmsignal für die Liga? Oder Einsicht, dass die Bundesliga eigentlich nur eine Trainingsrunde für die Champions League ist?

Den Bayern gehen "national die Gegner aus - als Ansporn bleibt wohl nur die Champions League". So lautet wohl gemerkt nicht das Fazit größenwahnsinniger Bayern-Fanclubs, sondern der Deutschen Presse-Agentur am Tag nach dem 3:0-Sieg des FC Bayern gegen Bayer Leverkusen.

Angesichts der bayerischen "Übermacht" seien die Münchner in der Bundesliga "heillos unterfordert", so das Urteil von dpa-Journalist Klaus Bergmann weiter. Bei zwei Punkten Vorsprung auf Platz drei, der im Moment von Borussia Mönchengladbach belegt wird, eine beachtliche Einschätzung - die aber von Zitaten Rudi Völlers untermauert wurde, der "das Niveau von Barcelona, von Real Madrid" erkannt haben wollte.

Verständlich, dass man als unterlegener Club im Nachhinein versucht, die eigene Niederlage zu relativieren, indem man den Gegner stark redet. Daran beteiligte sich auch Trainer Robin Dutt, der sich nach dem Spiel im Sky-Interview fast schon zufrieden zeigte, dass "wir uns nicht haben abschlachten lassen". Also besser als Freiburg sein, darum ging es Bayer 04? "Bayern kann nicht der Maßstab sein", wurde Völler auf Sport 1 zitiert.

War es nur das Hinspiel? Europapokal-Arithmetik?

Dass der Vizemeister ein Auswärtsspiel bestreitet, in dem er sich von vornherein nichts ausrechnet, das stimmt bedenklich. Prinzipiell ist gegen eine defensive Tannenbaumformation (4-3-2-1), wie Dutt sie in München aufbot, nicht viel zu sagen. Angesichts der aktuellen Bayern-Form ergab eine kompakte Spielweise einen gewissen Sinn. Spätestens, nachdem Bayern in der 19. Minute das 2:0 erzielt hatte, wäre jedoch eine Änderung der Taktik angezeigt gewesen.

Stattdessen agierte Leverkusen wie eine Mannschaft, die sich eine gute Ausgangsposition fürs Rückspiel sichern möchte. Das sogar mit Erfolg. Da Bayern sich ohnehin nicht unmäßig verausgaben wollte vor dem Spiel gegen Manchester City am Dienstag, gelang es Bayers Containment-Philosophie, die Münchner im gesamten Spiel auf 12 Torschüsse zu beschränken.

Die einzige Spitze Stefan Kießling schien nicht zum Toreschießen, sondern zum Kämpfen und Laufen aufgeboten worden zu sein - wofür dieser Spieler gut geeignet ist. Kießling absolvierte dann auch ein beachtliches Pensum, das zeitweise an Samuel Eto'os mannschaftsdienliche Leistung in Barcelona 2010 erinnerte. Damals allerdings half der Inter-Stürmer eine knappe Niederlage zu sichern, die seiner Mannschaft den Einzug ins Champions League-Finale sicherte. Leverkusen wollte nur sein Selbstbewusstsein schonen.

Schongang gegen Abschenkmodus

Schließlich spielt auch Bayer 04 in der Champions League - gegen KRC Genk am Mittwoch in der BayArena. Wir haben es hier mit zwei unterschiedlichen Formen von Konzentration auf die europäische Königsklasse zu tun. Einerseits die Bayern, die es sich leisten können, ihre Bundesligaspiele mit angezogener Handbremse zu bestreiten - und andererseits Leverkusen, das seine schwere Bundesligabegegnung mehr oder minder abschenkt, um die lösbarere Champions League-Aufgabe besser bewältigen zu können.

Ein Sonderfall? Nicht wirklich. Vor zwei Wochen haben wir die Wirkungsweise von Doppelbelastung bei Bundesligisten, die neu in der Champions League dabei sind, untersucht. Vergangen die Zeiten, in denen gerade Leverkusen in der Saison 2002/2003 unter Interimstrainer Thomas Hörster die Zwischenrunde der Champions League abschenkte und in Barcelona mit einer halben B-Elf auflief, um sich auf den Abstiegskampf in der Bundesliga konzentrieren zu können.

Die Prioritäten haben sich seither verschoben. Schalkes Spieler wussten in der Vorsaison schon, was ihnen wichtiger war - die Champions League (Halbfinale), und nicht die Bundesliga (Abstiegskampf). Borussia Dortmund ist übrigens alles andere als ein Gegenbeispiel. Der BVB schied in der Vorrunde der Europa League aus, während er in der Liga Spiel um Spiel gewann.

Europa League - auf der Roten Liste der WWF

Aber das war eben die Europa League. Und in dieser Hinsicht könnte sich auch in Deutschland allmählich durchsetzen, was in Italien und England schon an der Tagesordnung ist - nämlich den "Cup der Verlierer" (Franz Beckenbauer) als Nebensache oder gar als lästige Extralast zu behandeln. Das liegt neben den riesigen Unterschieden in den Verdienstmöglichkeiten für die Clubs in beiden Wettbewerben natürlich auch am geringen internationalen Glamourfaktor jenseits der Champions League.

Beispiel Manchester City: Als der Bayern-Gegner von Dienstag im vergangenen Frühjahr gegen Dynamo Kiew im Achtelfinale der Europa League spielte, war das Stadion in Manchester nur zur Hälfte gefüllt - während selbst das schlechtest besuchte Ligaheimspiel der Citizens noch eine Auslastung von über 90 Prozent erfuhr.

Beispiel Tottenham Hotspur: In der Vorsaison spielten die Spurs erstmals seit fast 50 Jahren wieder im Europapokal der Landesmeister. Vor lauter Begeisterung über den guten Lauf in der Champions League mit Spielen gegen Inter, Milan und Real Madrid vernachlässigte man die Premier League, in der Tottenham während der KO-Phase nur eines von zehn Punktspielen gewann.

Mit der A-Jugend im Europacup

Mit dem Ergebnis, dass die Londoner nun in der Europa League antreten müssen. Was Trainer Harry Redknapp davon hält, demonstrierte er zum Auftakt des Wettbewerbs in Saloniki, als zehn von elf Stammspielern aus der vorigen Premier League-Begegnung gar nicht erst mit nach Griechenland flogen, sondern in London trainierten, während die Reserve ein 0:0 bei PAOK holte.

Warum das alles? Weil in dieser Saison für Tottenham nur die Premier League zählt. Und das wiederum, weil Platz vier in dieser die Qualifikation für die Champions League mit sich bringt. Chancen rechnen sich die Spurs aus, obwohl Manchester United und City scheinbar ebenso in einer eigenen Liga spielen wie der FC Bayern in Deutschland.

Denn in der feinen Hierarchie von Europas Spitzenclubs haben die Red Devils aus Manchester (selbst im Mai noch von Barcelona deklassiert) in der noch jungen Saison schon einmal für Klarheit gesorgt: In den ersten drei Heimspielen besiegte United die drei Londoner Clubs, die in der Vorsaison noch in der Champions League gespielt hatten (Arsenal, Spurs und Chelsea) souverän und erzielte allein in diesen drei Spielen 14 Tore. Hinter den beiden Manchester-Clubs ist so nach jetzigem Formstand ein Kampf um Platz drei und vier zu erwarten. An diesem wiederum nehmen mit Arsenal, Chelsea, Tottenham und Liverpool realistisch gesehen auch nur vier Clubs teil.

Schöner Fußball ohne Spannung

Die Mehrklassengesellschaft ist in Spanien bekanntlich noch viel ausgeprägter. Dort wächst der Abstand zwischen Barcelona und Real Madrid auf der einen Seite und dem Rest der Primera División von Jahr zu Jahr an - durch unsolidarische TV-Verträge immer weiter begünstigt. Man mag nun einwenden, dass beide Großclubs in der aktuellen Saison schon überraschende Rückschläge hinnehmen mussten. Stimmt. Aber wer Barcelona in den beiden Heimspielen gegen die Verfolger Villarreal und Atlético Madrid (beide 5:0) gesehen hat, der wird nicht glauben, dass jemand anders als Real Madrid den Blaugrana in der Liga gefährlich werden kann.

Die zementierte Vormachtstellung von Madrid und Barcelona birgt bei aller Garantie auf große Einnahmen für diese beiden aber auch eine Gefahr: Weder ist eine Liga, in der die meisten Spiele der Großen kaum Spannung versprechen, ein tolles Produkt auf dem Markt der internationalen Übertragungsrechte, noch stellen die Punktspiele in der Primera División eine echte Vorbereitung auf die Champions League-KO-Spiele dar.

Was eingangs über die Bayern behauptet wurde ("heillos unterfordert"), das trifft auf Barcelona und Real Madrid nun wirklich zu. In der Bundesliga ist das bekanntlich (noch?) nicht so. Die viel gerühmte Ausgeglichenheit der deutschen Liga ist aber zumindest teilweise auch durch das geringere Niveau gegenüber den beiden Spitzenligen Europas zu erklären.

Große Ausgeglichenheit - Gift fürs Niveau?

Dass die "Jeder-kann-jeden-schlagen"-Atmo der Bundesliga einen Wettbewerbsvorteil  für die deutschen Clubs in Europa mit sich bringt, kann man mit Blick auf die Resultate der letzten Jahre jedenfalls nicht behaupten (CL-Halbfinalisten in den letzten zehn Jahren: England 15, Spanien 11, Italien 7, Deutschland 3). Diese unterschiedlichen Zahlen kehren sich um, wenn man statt der europäischen Erfolge die Varianz in den heimischen Ligen betrachtet.

In der Bundesliga haben in den vergangenen vier Saisons zehn verschiedene Clubs einen Platz unter den ersten Vier der Abschlusstabelle erreicht. In der Premier League waren es sechs in den letzten sechs Spielzeiten, in Spanien fünf Clubs in fünf Jahren. Diese Leistungskonzentration (oder Verödung, je nach Geschmack) war tatsächlich nicht immer so in England und Spanien.

Während in sechs der letzten sieben Jahre Real Madrid und Barcelona die ersten beiden Plätze der Primera División unter sich ausspielten, geschah das früher viel seltener. Zwischen 1969 und 1985 gab es nur zwei Jahre, in denen Real und Barca gemeinsam auf den ersten beiden Rängen einliefen. Interessanterweise erreichten im gleichen Zeitraum nur zwei spanische Clubs das Finale des Europapokals der Meister - und verloren beide.

Wollen die Fans Spannung - oder Klasse?

Demgegenüber zogen gleich siebenmal Bundesligisten in Europas Finale ein, mit vier Titelgewinnen. Und das in einer Zeit, in der mit einer Ausnahme (Köln 1978) zunächst Bayern und Mönchengladbach, dann Bayern und der HSV alle Bundesligatitel unter sich ausmachten. Was lernen wir daraus? Große Ausgeglichenheit und Abwechslung in einer Liga sind nicht gerade förderlich für den internationalen Erfolg.

Die beeindruckenden Zuschauerzahlen in der Bundesliga sprechen allerdings dafür, dass viele Fans lieber Spannung in der heimischen Liga sehen wollen als Fußball auf höchstem internationalen Niveau. Die Spitzenclubs hingegen sähen sicherlich gerne mehr Kontinuität, um ihre Planungssicherheit zu erhöhen. Auch verspricht die Champions League massive Einnahmen, und die meisten Profis, die auf einem globalisierten Spielermarkt in der Bundesliga kicken, nehmen die Champions League als perfekte Bühne war, um sich zu präsentieren.

Um zur Ausgangsfrage zurückzukommen: Was bedeutet es für die Zukunft der Bundesliga, wenn Bayern selbst Bundesligaspitzenspiele als bessere Trainingseinheiten behandeln kann? Selbstredend ist die aktuelle Dominanz der Münchner erstmal nicht mehr als eine Momentaufnahme. Und rein ökonomisch gesehen ist es für den FC Bayern so, dass er verglichen mit der internationalen Konkurrenz immer noch einen großen Anteil seiner Einnahmen mit Eintrittsgeldern und Merchandising in Deutschland verdient.

Das bayerische Geschäftsmodell

Kommt dann die bloße, mäßig erfolgreiche, aber regelmäßige Teilnahme an der Champions League hinzu, dann reicht das dank der von der UEFA ausgeschütteten TV-Gelder für das Münchner Geschäftsmodell eigentlich schon aus. Anders gesagt: Bayern hat rein finanziell gesehen gar kein Interesse daran, die Champions League zugunsten der Bundesliga aufzuwerten - solange die CL-Gelder nach München fließen.

Bayern ist aber ein Sonderfall in Deutschland, denn kein anderer Club kann sicher davon ausgehen, Jahr für Jahr unter den ersten Vier zu landen. Zu inkonstant ist die Arbeit in vielen Vereinen, zu groß die Konkurrenz. Noch einmal Rudi Völler: "Wir wollen unter die ersten Vier, daran ändert sich nichts". Soll heißen: Um den Meistertitel geht es für Bayer 04 (und damit mutmaßlich für fast alle anderen Clubs der Liga außer Bayern) gar nicht.

Da aber für Platz drei kein Titel ausgelobt wird, muss man diese Saisonziele schon als das betrachten, was sie sind: Sie behandeln die Bundesliga als Qualifikationsrunde für den Wettbewerb, um den es eigentlich geht. Mal sehen, wann das die Fans in Deutschland merken.

Daniel Raecke

sportal.de sportal

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