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Fußball-Business: Die Strippenzieher

Sie sind die Big-Player im Fußballgeschäft: Adidas und Nike. Fast alle europäischen Topvereine und Superstars stehen bei den Branchenriesen unter Vertrag. Hier werden entscheidende Fäden gezogen. Sind Spieler und Manager nur noch machtlose Marionetten?

Von Nico Stankewitz und Klaus Bellstedt

Es ist Frühling. Die Wettbewerbe in Pokal und Meisterschaft treten in die entscheidende Phase, die verbliebenen Clubs streben nach europäischen Ehren. Die Fans fiebern mit ihren Vereinen auf der Zielgerade, aber noch etwas anderes bewegt die Anhängerschaft: Bleiben die Topspieler meines Clubs oder wechseln sie? Wer kommt in der nächsten Saison dazu? Gerüchte wabern durch die Fußballszene, nur wenige Insider wissen Bescheid, der Rest tappt im Dunkeln. Scheinbar geht es um Gehälter und Ablösesummen, scheinbar ist völlig offen, wohin der Weg der Stars führt. Scheinbar.

Sportschuhgiganten haben den Fußball aufgeteilt

In der Realität haben Superstars wie Klose, Ballack, Lehmann, Ronaldinho oder Kaka exklusive Verträge mit Adidas oder Nike, die für die Stars nicht unerhebliche Gehaltsanteile darstellen. Ebenso die Giganten unter den europäischen Vereinsmannschaften: In England stehen Manchester United und Arsenal London bei Nike unter Vertrag, Chelsea und Liverpool bei Adidas, in Spanien ist Real Madrid bei Adidas und der FC Barcelona bei Nike, in Italien spielt Inter Mailand in Nike und der AC in Adidas. Die deutsche Bundesliga regiert traditionell der Weltkonzern aus Herzogenaurach: Am nationalen Branchenprimus Bayern München ist Adidas sogar beteiligt, Schalke und Leverkusen sind ebenfalls langjährige Partner, im Sommer kommt auch der Hamburger SV hinzu. Nike ist nur bei den mittelmäßigen Clubs Dortmund, Wolfsburg und Hertha vertreten, die Spitzenvereine Werder (Kappa) und Stuttgart (Puma) sind "blockfrei".

Topstars bleiben bei "Hausclubs"

Auch die ganz großen Topstars stehen bei den beiden Giganten unter Vertrag. Nike hat etwa Ronaldinho, Thierry Henry, Cristiano Ronaldo, Wayne Rooney, Zlatan Ibrahimovic, Jens Lehmann oder Miroslav Klose unter Vertrag - bis auf den deutschen Topstürmer spielen alle auch bei Teams, die von ihrem persönlichen Sponsor ausgerüstet werden. Der Rivale Adidas lässt David Beckham, Michael Ballack, Kaka, Raul, Oliver Kahn in drei Streifen spielen - ebenfalls alle auch in ihren Vereinstrikots für Adidas unterwegs. Das Gros der Vereinswechsel unter den Superstars verläuft seit Jahren schon erstaunlich harmonisch innerhalb der Grenzen der eigenen Marke, selten unter Beteiligung einiger weiterer "blockfreier" Topclubs in den großen Ligen. Ohne dass es irgendwer ausspricht, wird es in den Kommandozentralen der Giganten extrem gern gesehen, wenn die teuren Topstars zu den Schuhen auch passende Trikots tragen.

Beispiele gefällig? 2006 wurde reichlich spekuliert, wohin Michael Ballack wohl wechseln würde. Der Kapitän unserer Nationalelf wurde mit Manchester und Barcelona in Verbindung gebracht, er ging schließlich vom Adidas-Team Bayern München zum Adidas-Team Chelsea London. In der Heimat gab es großes Rätselraten um einen möglichen (Werbe-) Nachfolger von Ballack. Als Lukas Podolski zwischen dem HSV, Werder und den Bayern wählen konnte, entschied er sich prompt für den Adidas-Club. Nicht so überraschend, denn der damalige Kölner war gerade neben Kahn und Ballack zum wichtigsten Werbeträger für die Adidas-WM 2006 erkoren worden.

Sektiererische Bayern

Interessant in diesem Zusammenhang ist die Personalie Miroslav Klose. Nike versucht seit einigen Jahren verstärkt in den deutschen Markt einzudringen, Klose ist ihr wichtigster Botschafter in Deutschland, der auch im Schuhstreit nach der WM eine exponierte Rolle spielte. Der Bremer Stürmer forderte ultimativ sein Recht ein, auch im Nationalteam in seinen gewohnten Schuhen zu spielen. Er bekomme in den Schuhen der Konkurrenz "Blasen". Schon erstaunlich, dass sich nun ausgerechnet der Herzogenauracher "Hausclub" Bayern angeblich um Klose bemüht. Hatte doch Vorstandsboss Karl-Heinz Rummenigge den WM-Torschützenkönig von Werder Bremen vor Monaten noch davor gewarnt, einen neuen Werbevertrag mit Nike bis 2010 zu vereinbaren. "Wir wissen, dass Klose diesen Vertrag mit Nike noch nicht unterschrieben hat. Sollte er das aber tun, wäre das Thema FC Bayern damit wahrscheinlich erledigt", sagte Rummenigge noch im Januar. Klose unterschrieb den hochdotierten Vertrag Anfang 2007 und schickte damit auch eine deutliche Botschaft nach München. Olaf Markhoff, Unternehmenssprecher von Nike, stellt gegenüber stern.de klar: "Miro Klose hat einen langfristigen Ausrüstervertrag mit Nike. Und der behält auch bei einem Clubwechsel seine Gültigkeit."

Gerade der FC Bayern gilt in der Branche als sektiererisch fanatischer Gegner von freier Schuhwahl. Puma-Spieler Daniel van Buyten konnte nur unter massivem Druck seine vertraglichen Verpflichtungen erfüllen, die Reihen von Adidas und Bayern scheinen immer noch fest geschlossen. Viele Experten bezweifeln deshalb, ob sich Adidas mit Klose ein "Kuckucksei" ins Nest legen würde. Auch der andere hoch gehandelte Bayern-Kandidat, Rafael van der Vaart vom Hamburger SV, ist ein Nike-Spieler - wenn auch nicht so stark exponiert wie Klose.

Auch Werder bald ein Nike-Verein?

Normalerweise würden diese Spieler einfach mit eigenen Schuhen ihres Ausrüsters spielen, Nike-Sprecher Markhoff: "Die Individualverträge lassen zu, dass die Spieler die Schuhe ihres Ausrüsters tragen dürfen, egal bei welchem Team sie spielen, so spielt auch Kaka für Brasilien (Nike-Team, Anm. der Red.) in Adidas Schuhen. Nike respektiert Individualverträge und auch bei Teams wie zum Beispiel dem FC Bayern beginnt man offensichtlich über eine Liberalisierung nachzudenken, was am Beispiel van Buyten/Puma deutlich wird."

Andererseits spielen die Superstars - also die Spieler, die insbesondere vor und bei Großereignissen auf Plakatwänden und in Werbespots präsentiert werden - eine so herausragende Rolle in der Kommunikation, dass auch Nike äußerst verärgert wäre, wenn ihr Topspieler Klose in der kommenden Saison nicht mehr nur in der Nationalelf, sondern auch im Vereinstrikot mit dem Logo des Konkurrenten auflaufen würde. Aufschlussreich diesbezüglich: Seit einigen Monaten ist im Gespräch, dass Nike bei Werder Bremen einsteigen will - neben Klose haben die Amerikaner übrigens auch Torsten Frings und Diego unter Vertrag.

"Immer schwieriger, absolute Topleute zu transferieren"

Gegenüber stern.de erläutert Sportmarketing-Experte Bernhard Schmittenbecher, Berater von Schalke-Keeper Manuel Neuer und Eintracht-Stürmer Naohiro Takahara: "Der Einfluss der Sportartikelhersteller wird immer größer. Die Folge: Es wird für die Clubs immer schwieriger, die absoluten Topleute zu transferieren. Ich bin mal gespannt, ob Klose zum Adidas-Klub Bayern wechselt. Fakt ist, dass Nike so etwas gar nicht gerne sehen würde. Und je nach Vertrag wird Nike einen Teufel tun und Klose da herauslassen."

Absolute Superstars haben für Adidas und Nike inzwischen häufig Aufträge, die weit über den Sport hinausgehen, schließlich geht es um globale Marketinginteressen. Die Adidas-Werbeikone Nummer Eins, David Beckham, wechselt am Ende der Saison vom Adidas-Team Real Madrid in die USA zu Los Angeles Galaxy. Seine Mission: Ein wenig Fußball spielen und viel Promotion für den Sport und die US-Liga Major League Soccer (MLS). Und wer sich noch wundert, warum Beckham zukünftig im Fußball-Entwicklungsland kickt, nimmt zur Kenntnis: Ausrüster nicht nur von Galaxy, sondern von allen MLS-Teams ist: Adidas.

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