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Fußball-Nationalmannschaft: Angst vor russischem Rasen-Roulette

Das wichtigste Länderspiel des Jahres wird in Moskau auf Kunstrasen ausgetragen - einem Belag, auf dem kein deutscher Profi sonst jemals spielt. Kunstrasen ist ein tückischer Untergrund - und eine Wissenschaft für sich. Was auf Ballack & Co. gegen Russland zukommt.

Von Frank Hellmann, Mainz

Die Empfehlung von Alexander Zickler war gut gemeint. Gerne könne sich Joachim Löw melden und ihn einladen, beschied der 35-jährige Profi im Dienste des österreichischen Klubs Red Bull Salzburg. Allzu gerne würde er im reifen Alter noch sein 13. Länderspiel machen. Denn: "Ich sehe mich mittlerweile als Kunstrasenspezialist an. Wenn Jogi Löw anruft, bin ich bereit." Zickler, bei dem zuletzt mal wieder der Muskel gezwickt hat, wollte allerdings nur einen Scherz machen. Doch in Wahrheit ist die Sachlage sehr ernst. Gerade im internen DFB-Zirkel. Den Verbandsoberen als auch den Entscheidungsträgern bei der deutschen Nationalmannschaft gefällt es nämlich ganz und gar nicht, dass ausgerechnet das entscheidende WM-Qualifikationsspiel am Samstag in Moskau gegen Russland auf Kunstrasen ausgetragen wird - das erste Mal in der langen Länderspielgeschichte des DFB.

Es hat in den 70er Jahren Spaßverderber auf staubtrockenen Hartplätzen von Malta oder eine WM-Wasserschlacht in Frankfurt gegeben, aber noch nie den Kick auf künstlichem Grün. "Es gibt keine Möglichkeit, den Wettbewerbsvorteil der Russen rückgängig zu machen", hat Bundestrainer Joachim Löw bereits gesagt, aber die Situation bedeute ja nicht, "dass wir das Spiel nicht gewinnen können". Man müsse sich eben in der kurzen Zeit darauf einstellen, "bei der Vorbereitung in Mainz finden wir praktisch identische Gegebenheiten zu den Verhältnissen in Moskau". Aber was sind das für Verhältnisse, die Löws Auserwählte von Dienstag bis Donnerstag auf einem Kunstrasenplatz hinter dem Mainzer Bruchwegstadion simulieren?

"Kunstrasenplätze bieten hervorragende Spieleigenschaften"

Im Luschniki-Stadion liegt ein künstliches Grün der dritten und damit neuesten Generation. Entscheidend sind nicht nur die verwebten Kunststofffasern aus Polyethylen, die mit Quarzsand und Gummigranulat verfüllt werden, sondern auch die darunter liegenden Trägerschichten. Die Verbände Fifa und Uefa vergeben für die besten Plätze zwei Sterne - in Europa tragen mittlerweile 107 dieses Siegel. Darauf dürfen sogar Meisterschaftsspiele, Begegnungen der Champions und Europa League, aber auch EM- und WM-Qualifikation stattfinden.

In Russland, wo der lange, harte Winter dem natürlichen Rasen den Garaus macht, sind neun Kunstrasenplätze in erster und zweiter Liga im Gebrauch - Tendenz steigend. "Ganz entscheidend ist der Unterbau", sagt André Kastigen, Prokurist der Firma Heiler Sportplatz und Stadionbau. "Mittlerweile bieten die Kunstrasenplätze hervorragende Spieleigenschaften. An jeder Stelle des Platzes sind die Bedingungen gleich." Kastigen gesteht aber auch: "Gegen einen vernünftig gepflegten Naturrasen kommt immer noch kein Kunstrasen dieser Erde an."

Unternehmen aus Bielefeld verlegte den Kunstrasen von Moskau

Das Unternehmen aus Bielefeld hat echten Rasen in den Bundesliga-Stadien von Bremen, Bochum, Dortmund oder Wolfsburg verlegt - und eben auch den Kunstrasenplatz vor knapp zwei Jahren in Mainz errichtet, auf dem die DFB-Elite den Ernstfall probt. Genau wie in Moskau liegt ein Fieldturf-Produkt mit Namen "Prestige xm" aus. Dennoch gibt es einen kleinen, aber feinen Unterschied. In Mainz sind die Kunststofffasern nur 40 statt 63 Millimeter lang; pro Quadratmeter sind lediglich sechs bis acht statt fast 20 Kilo Gummigranulat über dem Quarzsand aufgebracht. Das liegt daran, dass es bei den Russen zwar auch eine Drainage, eine Trägerschicht, aber keine zusätzliche elastische Tragschicht unter der Kunststoffmatte gibt, wie es die deutsche Industrienorm vorschreibt. Dennoch seien Rollverhalten des Balles und Kraftabbau durch die Spieler identisch, beteuerte der DFB erst unlängst in einer eigenen Pressemitteilung.

Bierhoff warnt vor großen Diskussionen

Das allein belegt, wie viel Brisanz in der Platzfrage steckt. In Spielerkreisen soll das Thema nur intern heiß diskutiert werden - Teammanager Oliver Bierhoff möchte eine öffentliche Diskussion mit negativem Anstrich verhindern, wie sie das Mutterland des Fußballs 2008 in ähnlicher Situation vor dem entscheidenden EM-Qualifikationsspiel in Russland führte - prompt verloren die Engländer den Kick auf Kunstrasen, ohne sich allerdings hinterher darüber zu beschweren. Nur die Hysterie in den britischen Massenmedien war der Konzentration auf den Showdown nicht förderlich. Bierhoff verlangt daher: "Wir sollten daraus kein Thema machen und uns ein Alibi verschaffen." Doch es wird Löws wichtigste Aufgabe sein, seine Spieler auf den ungewohnten Untergrund einzustellen.

Einfach wird das nicht - da bräuchten Michael Ballack und Kollegen sich nur beim Bundesligisten FSV Mainz 05 umhören. Trainer Thomas Tuchel, der die A-Junioren mit ständigem Training auf Kunstrasen zum deutschen Meister machte, betont: "Das Spiel auf Kunstrasen ist schneller. Der Ball hat ein extrem anderes Absprung- und Rollverhalten. Der Wechsel ist eine absolute Umstellung." Dieselbe Meinung vertritt sein Spielmacher Andreas Ivanschitz, der in seiner Zeit bei Salzburg als Zicklers Kollege weiß: "Das Spiel auf Kunstrasen ist ein völlig anderes. Die Bälle müssen in den Fuß kommen - lange Pässe bringen gar nichts, wenn der Platz nass ist." Zickler: "Man muss im Passspiel genau sein. Wenn man zwei Meter daneben spielt, ist der Ball weg. Ich denke aber, dass die Nationalspieler kein Problem haben und sich darauf zurecht finden." Zickler gibt aber zu bedenken: "Das Problem ist der Kopf. Wenn man aber Profi ist, muss man überall spielen können. Ich persönlich liebe den Kunstrasen." Übrigens auch immer mehr Vereine in Deutschland, wo jährlich rund 300 neue Spielfelder mit dem künstlichen Grün entstehen. Auch Fifa-Boss Sepp Blatter gilt als glühender Verfechter des synthetischen Untergrunds, wollte sogar die WM in Südafrika darauf austragen.

Doch das bleibt den Deutschen erspart: Sollten sie die künstliche Hürde im Luschniki-Stadion nehmen, dürfen sie sich auf eine WM auf richtigem Rasen freuen.

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