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Start der WM 2010 in Südafrika: Anpfiff zu Afrikas Fußball-Fest

Die Fußball-WM 2010 ist eröffnet. Eine mitreißende Feier läutet vier Wochen Ausnahmezustand ein - in Südafrika und auf der ganzen Welt. Es ist Zeit für große Emotionen.

Von Daniel Barthold und Dirk Benninghoff

Ein anderes Land, die gleichen Emotionen: Wie vor vier Jahren die Deutschen, feiern jetzt die Südafrikaner die Fußball-Weltmeisterschaft im eigenen Land. Mit ihrer geliebten Elf, der "Bafana Bafana", erhoffen sich die Fans am Kap ein "Wintermärchen". Es ist dort bei frischen Temperaturen bereits Winter – was der Stimmung keinen Abbruch tut: Besonders in und um Johannesburg herrscht Ausnahmezustand, 100.000 Menschen feierten die Mannschaft bereits vor dem Start im offenen Bus auf den Straßen. 30.000 Fans rockten beim Eröffnungskonzert in Soweto. Und beim Public Viewing an der "Waterfront" in Kapstadt gibt es Party-Alarm – bevor überhaupt das erste Spiel zu sehen ist. Das Motto der WM symbolisiert die fröhliche Ungeduld. Es lautet "Ke Nako" – übersetzt: "Es ist an der Zeit."

Und so freuen sich ein Land und ein ganzer Kontinent unbändig auf ein Großereignis, das der Welt zeigen kann, dass Afrika mehr ist, als Gewalt und Elend. Joseph Blatter, Präsident des Fußball-Weltverbandes Fifa, der die Vergabe an Südafrika maßgeblich gefördert hat, tönt bereits vom "größten Spektakel der Welt" und setzt noch eins drauf: "Es wird ein Fest der Menschlichkeit." Und ein Fest des Geldes: Die Fifa rechnet mit Einnahmen von 2,8 Milliarden Euro. Ein satter Gewinn wird hängen bleiben. Den südafrikanischen Organisatoren wurde eine Garantie von 80 Millionen Dollar gegeben.

Die Freude ist allgegenwärtig - die Angst jedoch auch

Freude allerorten also - wenn da nicht die viel diskutierte Sicherheitslage wäre. Trotz zurückgehender Kriminalitätsraten stehen Mord und Vergewaltigung am Kap auf der Tagesordnung. Noch vor dem Anpfiff wurden diverse Journalisten ausgeraubt und sogar die griechischen Nationalspieler im Hotel bestohlen. Selbst die Regierung in Pretoria, die die Problematik gerne verharmlost, warnt die Touristen, acht zu geben auf ihre Sicherheit.

Auch hinter der Infrastruktur steht wenige Stunden vor der WM-Eröffnungsfeier (14 Uhr) ein Fragezeichen. Vor allem beim Eröffnungsspiel zwischen Südafrika und Mexiko (16 Uhr/ARD) und im stern.de-Liveticker wird ein Verkehrschaos befürchtet. Deshalb haben die WM-Organisatoren die Fans bereits zu frühzeitiger Anreise aufgerufen. Ein Problem: In Südafrika kommen die Fans in der Regel eher unpünktlich zum Spiel, die Stadien könnten sich daher erst im Verlauf der ersten Halbzeit füllen.

Ein klares Ja steht dahingegen hinter dem Erfolg beim Stadionbau. Die Arenen sind Schmuckkästchen auf Top-Niveau geworden. Das Soccer-City-Stadium in Johannesburg ist mit 94.700 Plätzen das mit Abstand größte Stadion der WM und weitaus größer als das Olympiastadion in Berlin, in dem das WM-Finale 2006 stieg. Das "Green Point Stadium" (64.000 Zuschauer) in Kapstadt ist direkt am Wasser gebaut und bietet eine atemberaubende Silhouette. Insgesamt gibt es zehn Fußballtempel in neun Städten. Der Ticketverkauf gibt allerdings Rätsel auf. Nachdem Meldungen der ersten Verkaufsphasen noch ein totales Desaster befürchten ließen, deuten die jüngsten Äußerungen der Fifa zwar auf gut gefüllte Ränge hin. Laut Weltverband müsste die Auslastung der Stadien bei annähernd 100 Prozent liegen. Dies wird von Experten aber als Druckmanöver gewertet, damit sich Fans schnellstmöglich noch Karten sichern. In Deutschland war die WM quasi ausverkauft, der Zuschauerschnitt lag bei 52.500 pro Spiel, 3,36 Millionen Tickets wurden verkauft. Die Fifa rechnet in Südafrika mit rund drei Millionen verkauften Tickets.

Die Bühne für die großen Fußballstars

Die Besetzungsliste des Turniers wird den Weltverband freuen. Fast alle großen und größeren Fußballnationen sind dabei. Ausnahmen sind Afrika-Cup-Sieger Ägypten, Russland, Tschechien und die Türkei. Die ausgeglichenste der acht Gruppen dürfte die Gruppe A sein. Gastgeber Südafrika muss sich mit Frankreich, Uruguay und Mexiko messen. Hier trifft die alte Phrase zu, nach der im Fußball alles möglich ist. Zudem will in dieser Gruppe jeder tunlichst Erster werden, da dem Zweitplazierten im Achtelfinale die starken Argentinier drohen. Trotz der blamablen Qualifikation und diverser Aussetzer ihres Nationaltrainers Diego Maradona gelten die „Gauchos“, Weltmeister von 1978 und 1986, wieder einmal als ein Favorit. Seit Jahrzehnten allerdings können die Argentinier der Rolle nicht mehr gerecht werden.

Noch bessere Chancen rechnen Experten und Wettbüros Rekord-Weltmeister Brasilien und Europameister Spanien zu. Während Argentinien von den Namen her den beeindruckendsten Sturm aufbieten kann, imponiert bei den einstigen Fußballzauberern aus Brasilien die Abwehr und bei den Spaniern vor allem das Mittelfeld. Der Sportwettenanbieter bwin sieht Spanien ganz vorn, gefolgt von Brasilien und Argentinien. Deutschland rangiert mit einer Quote von 12,00 nur auf Platz sechs. Immerhin sehen die Deutschen selbst ihr Team als einen der Top-Favoriten. In einer stern.de-Umfrage rechneten 23 Prozent der Teilnehmer damit, dass Deutschland Weltmeister wird. Nur Spanien kam auf einen besseren Wert.

Mit Superstar Lionel Messi vom FC Barcelona haben die Argentinier den vermeintlich besten Fußballer der Welt in ihren Reihen. Viele erwarten, dass Messi der Spieler der WM wird, obwohl seine Rolle in der Nationalelf nicht so bedeutend ist wie bei den Katalanen. So spottet der Brasilianer Dani Alves, Messis Teamkollege in Barcelona: "Bei allem Respekt: Man kann die argentinische Mannschaft nicht mit Barcelona vergleichen. In Barcelona hat er sehr gute Spieler um sich herum, Spieler vom gleichen Niveau.“ Möglicherweise werden also andere Topstars dem Turnier den entscheidenden Stempel aufdrücken. Kandidaten: Portugals Cristiano Ronaldo, England Wayne Rooney oder Bayern-Star Arjen Robben. Der Niederländer geht allerdings angeschlagen in die WM.

Am Sonntag steigt die DFB-Elf in das Turnier ein

Die deutsche Mannschaft wird am Sonntag um 20.30 Uhr in Durban in das WM-Geschehen eingreifen. Gegner: die "Socceroos" aus Australien. Bei den Ansprüchen der DFB-Elf sind drei Punkte Pflicht. Nach der Vorrunde könnte Deutschland schon frühzeitig auf einen großen Namen treffen. Im Achtelfinale wäre ein Duell mit den Engländern möglich. Auch eine Wiederholung des WM-Viertelfinals von 2006 gegen Argentinien ist denkbar. Die Zeiten des Losglücks scheinen für die deutsche Nationalmannschaft passé zu sein. Bundestrainer Joachim Löw gibt sich dennoch optimistisch: Er sehe „der Veranstaltung hier in Südafrika“ unheimlich positiv entgegen. „Ich bin sicher, dass in den Stadien eine tolle Atmosphäre herrschen wird“, erwartet der Coach trotz des gesundheitsgefährdenden Höllenlärms der südafrikanischen Vuvuzela-Tröten beste Stimmung.

Die Topspiele finden nicht in der deutschen Gruppe statt. Brasilien gegen Portugal am 25. Juni, ebenfalls in Durban, gilt als das Highlight der Vorrunde. Interessant wird auch sein, wie sich die Afrikaner bei der ersten WM auf ihrem Kontinent präsentieren. Die Elfenbeinküste und Ghana werden trotz der Verletztenmisere höher eingeschätzt als Gastgeber Südafrika. Eine Tragödie für ganz Afrika wäre der Ausfall des Superstars Didier Drogba. Der Ivorer muss wahrscheinlich verletzungsbedingt passen.

Ein anderer, noch viel größerer afrikanischer Star musste in quasi letzter Minute absagen: Nelson Mandela. Der Friedensnobelpreisträger sollte mit 91 Jahren für 15 Minuten miterleben, wie das große Sportereignis in Johannesburg eröffnet wird. Der Tod seiner 13-jährigen Ur-Enkelin sorgte jedoch dafür, dass der Friedensnobelpreisträger die Teilnahme an der Feier absagen musste. Sie sei in der jetzigen Situation "unangemessen".

Am 11. Juli endet das "Fest der Menschlichkei" von dem Franz Beckenbauer sagt, dass ein ganzer Kontinent dran hänge. Vier Wochen Freude und Hoffnung für Afrika – immerhin.

P.S.: Wie sehr freuen Sie sich auf den WM-Start, und wie weit wird Deutschland kommen? Diskutieren Sie das Thema auf Fankurve 2010 der Facebook-Fußballfanseite von stern.de.

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