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Arbeit 2004: Härter, länger, schneller

Deutschlands Arbeitnehmer geraten immer mehr unter Druck. Es gibt keinen anderen Weg, sagen die Unternehmer. Unsinn, sagen viele Experten.

Viele spüren es jeden Tag: Der Job wird anstrengender, der Stress nimmt zu, die Angst um den Arbeitsplatz auch. Was sich zurzeit in den Büros und Fabriken abspielt, ist viel einschneidender, als es die Reformen der "Agenda 2010" sind. Die Konflikte bei Karstadt, Opel und VW sind nur Beispiele eines grundlegenden Wandels der Arbeitswelt.

Anfang September erschien im "Deutschen Ärzteblatt" eine bemerkenswerte Anzeige. 270 Ärzte der Berliner Uniklinik Charité ("in ungekündigter Stellung, wissenschaftlich ausgewiesen, in Klinik und Lehre engagiert") suchen darin "neue interessante Aufgaben (auch im Ausland)". Die Ärzte protestieren damit gegen neue Arbeitsverträge, die deutliche Verschlechterungen bringen: Weihnachts- und Urlaubsgeld werden gestrichen, die offizielle Arbeitszeit beträgt wieder 40 Stunden. Zwar arbeitet schon heute jeder dieser Ärzte länger als 40 Stunden; durch die Arbeitszeitverlängerung gibt es künftig aber weniger Geld für Bereitschaftsdienste. Unterm Strich sinkt das Einkommen der Doktoren um zehn Prozent, und die bisher üblichen Gehaltserhöhungen sind auch gestrichen.

Die Gehaltseinbuße bedeutet für die Ärzte aber nur den Gipfel einer seit Jahren andauernden Verschlechterung. Es ist ein offenes Geheimnis, dass Assistenzärzte 60 bis 70 Stunden pro Woche arbeiten und dabei ständig gegen das Arbeitszeitgesetz verstoßen. "Auch die Arbeitsverdichtung in den letzten Jahren war enorm", sagt Chirurg Olaf Guckelberger, 37. "Die Zahl der Patienten steigt, aber die Verweilzeiten werden kürzer - also muss immer mehr Arbeit in immer weniger Zeit erledigt werden." Früher sei bei Nachtschichten meist um null Uhr Feierabend gewesen. "Heute operieren wir häufig nächtelang durch." Guckelberger sagt, dass er nichts dagegen habe, 60 Stunden zu arbeiten. "Aber ich will, dass meine Arbeit bezahlt und nicht kriminalisiert wird."

Diethelm Elsner, 41, montiert im Daimler-Werk in Sindelfingen die E-Klasse. Vor 20 Jahren fing er in der Auto-Montage am Fließband an, musste dabei immer die gleichen Handgriffe machen. "Bei der Monotonie ist man meschugge geworden." Heute gehen ihm hydraulische Maschinen zur Hand. Computer steuern die Arbeit. "Früher konnte man sich zwischendurch was aus der Kantine holen, heute ist jeder an seinen Arbeitsplatz gebunden."

Die Aufgaben nehmen schleichend zu, beobachtet sein Kollege Frank Zannetin, 44, in Untertürkheim. "Vor etwa zehn Jahren hab ich zum ersten Mal festgestellt, dass es anzieht." Früher musste im Druckguss-Bereich ein Mann eine Maschine bedienen. Mit der zunehmenden Automatisierung habe aber dann ein Mann drei Maschinen bedienen müssen. Dazu komme die "steigende Stresskurve": Der Computer kontrolliere akribisch die Leistung. "Es ist wie beim Dehnen eines Gummibands", sagt Zannetin, "die Geschäftsleitung versucht, bis an die Grenze zu gehen, damit es gerade nicht reißt." Dennoch haben sie immer wieder zu hören bekommen: Wenn ihr nicht spurt, muss man die Gießerei schließen. Dass die eigene Arbeit nur noch nach Kosten beurteilt wird, nage an seinem Stolz, sagt Zannetin. Mit Gehaltserhöhungen rechnet er in den kommenden Jahren auf keinen Fall. "Ich bin froh, wenn ich weiter das bekomme, was ich hab."

Härter arbeiten - für weniger Geld. Worunter Ärzte der Charité und Arbeiter in der Industrie leiden, darunter leidet die halbe Republik. Jene Hälfte, die noch Arbeit hat. Nie zuvor haben Unternehmen so selbstverständlich wie in diesem Jahr damit gedroht, Arbeitsplätze ins Ausland zu verlagern, wenn die Belegschaft nicht spurt. Das heißt: wenn sie nicht billiger arbeitet, länger oder für weniger Geld. Dabei erlebt die deutsche Wirtschaft mit einem Wachstum von etwa zwei Prozent gegenwärtig sogar einen leichten Aufschwung. Aber die Tatsache, dass beinahe jeder Job ins Ausland verlagert werden kann, hat ebenso wie der verschärfte weltweite Wettbewerb und die Renditegier der Aktionäre die bisherige Machtbalance zwischen Arbeitgeberverbänden und Gewerkschaften hinweggefegt. Den Beschäftigten im Jahr 2004 bleibt nichts anderes übrig, als ja zu sagen zu den Sparpaketen ihrer Betriebe.

Wie anders war die Welt zuvor: Mehr als 40 Jahre lang ging es für die Westdeutschen immer nur bergauf - solange sie ihren Job behielten. Die Rollen waren fest verteilt: Gewerkschaften kämpften für höhere Löhne und kürzere Arbeitszeiten, Arbeitgeber wehrten sich, so gut es ging, und es ging nicht immer gut. Als die Unternehmer 1993 erstmals versuchten, die Spielregeln zu ändern, wurde dies als Skandal empfunden. Damals kündigten die Metallarbeitgeber - legal und fristgerecht - die Tarifverträge über Einkommen, Urlaub und Urlaubsgeld: ein Novum in der Nachkriegsgeschichte. Keine weiteren Lohnforderungen erheben zu können war für die Gewerkschaften damals ein "Schlag ins Gesicht der Demokratie". Metall-Arbeitgeberchef Dieter Kirchner hielt den Coup aber schon damals für nötig, als "Drecksarbeit zur Bewusstseinsbildung".

Was damals schockierte,

ist heute Routine: "In allen Tarifbereichen sehen sich die Gewerkschaften mit Verschlechterungen und Einschnitten in die Tarifstandards konfrontiert", heißt es lapidar in der Halbzeitbilanz des gewerkschaftsnahen Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts zur Tarifrunde 2004.

In vielen Firmen gehört die Verschärfung der Arbeitsbelastung seit zehn Jahren zum stillen Alltag. Ins allgemeine Bewusstsein drang sie aber erst in diesem Frühjahr, als Siemens die Methode "Friss oder stirb" einführte. Der Konzern verlangte von seinen Arbeitern in den Handy-Werken Bocholt und Kamp-Lintfort, länger zu arbeiten ohne Lohnausgleich, ansonsten werde man 2000 Arbeitsplätze nach Ungarn verlagern.

Der Betriebsrat akzeptierte. Im Juli folgte Daimler-Chrysler: Das Mercedes-Management drohte, die neue C-Klasse werde künftig in Bremen gebaut, wenn die Arbeiter in Sindelfingen nicht zu Einschnitten bereit seien. Der Betriebsrat akzeptierte. Vergangene Woche erklärte das Management von Karstadt, 77 Warenhäuser verkaufen zu wollen. Man sei bei der Sanierung darauf angewiesen, dass Beschäftigte "bereit sind, mehr zu arbeiten für gleiches Geld". Sonst drohe die Insolvenz. Der Betriebsrat erklärte sich zu weitgehenden Zugeständnissen bereit.

Bei Volkswagen droht der Vorstand derzeit damit, 30 000 Jobs abzubauen, wenn die Arbeitskosten bis zum Jahr 2011 nicht um 30 Prozent sinken.

Wie die Gewerkschaft reagieren wird? Man kann es sich schon jetzt ausmalen.

Geschickt spielt momentan auch Ge-neral Motors die Beschäftigten seiner Tochterunternehmen Opel und Saab gegeneinander aus. US-Konzernchef Rick Wagoner will die Autoproduktion entweder am deutschen Standort Rüsselsheim oder im schwedischen Trollhättan schließen. Die Nachfrage für Mittelklassewagen reiche nicht aus, um mehr als eine Fabrik in Europa auszulasten, erklärte Wagoner dem stern Ende vergangener Woche in Boston. Er sagte: "Entscheidend dafür, wer den Zuschlag bekommt, wird sein, welches Werk wettbewerbsfähiger ist." Am Verliererstandort könne man überlegen, "ob wir ein anderes Produkt finden, das wir dort bauen können". Opel in Rüsselsheim sei jedenfalls "nicht so wettbewerbsfähig, gemessen daran, wie viele Fahrzeuge pro Stunde produziert werden". Hinzu kämen "Deutschlands strukturelle Probleme", womit der General-Motors-Chef meint, dass die Arbeitszeit geringer sei als sonstwo auf der Welt. "Das ist, wenn alle anderen Faktoren gleich sind, ein Wettbewerbsnachteil für Rüsselsheim."

Das Argument mit den kürzesten Arbeitszeiten der Welt hört sich einleuchtend an - stimmt aber nicht mehr. Ulrich Walwei vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) analysiert seit Jahren die Veränderungen der deutschen Arbeitswelt. Sein Institut sitzt im Hinterhof der Bundesagentur für Arbeit in Nürnberg, ein grauer Betonkasten. Walwei zieht aus seinem Regal die Statistik "Jahresarbeitszeit von Vollzeitbeschäftigten in Westdeutschland". Demnach arbeiten die Westdeutschen heute schon 18 Stunden länger als vor acht Jahren. Im offiziellen EU-Vergleich der tatsächlichen Arbeitszeiten von Vollzeitbeschäftigten arbeiten die Deutschen mit 39,9 Wochenstunden länger als Franzosen (37,7), Italiener (38,5), Niederländer (38,9), Dänen (39,1), Finnen (39,2), Belgier (39,3) und Iren (39,5).

Was Deutschland von diesen Ländern aber unterscheidet, ist das systematische Schlechtreden des Standorts, sagt Margret Mönig-Raane, Vizechefin der Gewerkschaft Verdi. "Verbandsfunktionäre wie Hans-Olaf Henkel sind um die Welt gereist und haben überall erzählt, wie schrecklich dieser Standort sei." Unterstützung hätten sie dabei "von einem Mainstream in der Ökonomie und der Publizistik bekommen, wie man ihn in keinem anderen Land beobachten kann".

Die Arbeitswelt veränderte

sich in den vergangenen Jahren dramatisch, sagt IAB-Experte Walwei. So sind seit 1996 unterm Strich rund 2,5 Millionen Vollzeitstellen weggefallen. Ersetzt wurden sie zum Teil durch so genannte flexible Erwerbsformen wie Leiharbeit, Befristung, erzwungene Teilzeitarbeit oder Selbstständigkeit. Allein die Zahl der Selbstständigen, die keine Angestellten haben (dazu gehören die meisten Gründer von Ich-AGs), ist seit 1994 um 36 Prozent geklettert. Im New-Economy-Boom wurden diese Existenzgründungen oft ideologisch überhöht als eine Form des freien, unabhängigen, selbstbestimmten Arbeitens. Heute bedeutet Selbstständigkeit in vielen Branchen aber vor allem hohe Unsicherheit und geringes Einkommen.

Nach oben schoss auch die Zahl der Teilzeitarbeiter (seit 1996 um 41 Prozent), die Zahl der Leiharbeiter (seit 1995 plus 86 Prozent) und die Zahl befristeter Arbeitsverträge. Von den 20- bis 24-Jährigen muss sich inzwischen jeder Vierte mit einer befristeten Stelle begnügen (Auszubildende nicht mitgerechnet). "Es gibt in Deutschland nicht nur neue Zumutbarkeitsregeln für Arbeitslose, sondern auch für Beschäftigte", sagt Walwei. Viele merken, dass sie "mehr Konzessionen" machen müssen, das heißt: Sie arbeiten länger, wechseln ihren Wohnsitz oder steigen unter ihrer Qualifikation in einem Unternehmen ein. Dazu kommt der Versuch, Beschäftigte tariflich "downzugraden": In der Entsorgungswirtschaft etwa versuchen Firmen von den Tarifen für den öffentlichen Dienst in den billigeren Privat-Tarif und von da aus in die noch billigere Gruppierung für Speditionsfahrer zu kommen. Folge: Die Beschäftigten bekommen weniger Geld - die Arbeit bleibt die gleiche.

Aber auch jenen, die noch einen regulären Vollzeitjob haben und nach Tarif- vertrag bezahlt werden, wird mehr Leistung abverlangt. Was Manager nach außen gern als "Produktivitätszuwachs" verkaufen, bedeutet für Beschäftigte im Unternehmen häufig: mehr Druck, mehr Stress, mehr Hektik. Karl Marx erkannte Mitte des 19. Jahrhunderts: "Innerhalb des kapitalistischen Systems vollziehen sich alle Methoden zur Steigerung der gesellschaftlichen Produktivkraft der Arbeit auf Kosten des individuellen Arbeiters."

In einer Befragung von mehr als 3500 deutschen Betriebs- und Personalräten im Frühjahr dieses Jahres gaben 91 Prozent an, dass in ihrer Firma in den vergangenen fünf Jahren Zeitdruck, Arbeitsintensität und Verantwortungsdruck zugenommen haben. Selbst für Staatsdiener wird es ungemütlicher: In Baden-Württemberg, Bayern, Berlin, Hamburg, Hessen, Mecklenburg-Vorpommern, Nordrhein-Westfalen und dem Saarland müssen Lehrer eine bis zwei Stunden pro Woche mehr arbeiten. Eva Rathgen, 35, Grundschullehrerin in Hamburg-Wilhelmsburg, sagt, dass die Belastung nicht nur durch zunehmende Arbeitszeit größer würde, sondern dass viel mehr Pädagogik geleistet werden müsse. "Manchmal bin ich körperlich und psychisch so ausgelaugt, dass ich nicht weiß, ob ich das 25 Jahre durchstehe." Für Bundesbeamte wurde zum 1. Oktober die 38,5-Stunden-Woche auf 40 Stunden hochgesetzt, für Länderbeamte gilt diese Regelung schon länger. In Bayern und Hessen arbeiten Beamte sogar 42 Stun- den - die angeblich so unbeweglichen Deutschen haben zumindest an ihrem Arbeitsplatz seit Jahren gelernt, was Flexibilität bedeutet.

Beispiel Einzelhandel: Wo 1995 eine Verkäuferin noch durchschnittlich 34 Quadratmeter Ladenfläche betreuen musste, war sie 2002 für 44 Quadratmeter zuständig. Für Simone Habig im Galeria-Kaufhof in Paderborn hat sich die Fläche sogar verdoppelt. Die 33-jährige Verkäuferin sagt, dass sie in der Bücherabteilung früher noch zu zweit gewesen seien. Heute betreue sie ihre Abteilung allein, wie viele andere Kollegen auch. So kommt es häufig vor, dass sie rübermuss zu den Süßwaren oder den Strümpfen, um auszuhelfen. Wenn Frau Habig in die Mittagspause geht, bleibt ihre Abteilung mangels Personal verwaist. "Aber ich habe immer mein Telefon dabei. Wenn irgendwas ist, bin ich erreichbar."

Durch die Öffnung der Ladenschlusszeiten hat sich ihr Alltag verändert. "Zuerst kam der lange Donnerstag, dann die Öffnungszeiten unter der Woche bis 19 Uhr und am Samstag bis 18 Uhr." Inzwischen hat sie auch nur noch einen Samstag im Monat frei. "Das ist schon eine erhebliche Belastung", sagt Habig und zupft an ihrem Jubiläumshalstuch in den grünen Kaufhof-Farben. "Wenn ich abends nach Hause komme, bin ich einfach nur kaputt." Am schlimmsten seien die Samstage. "Das ist traditionell ein Familientag. Für mich allerdings nicht."

Ihren Lebenspartner sieht sie am Abend gerade noch drei Stunden, den Schachverein hat sie aufgegeben. "Ab und zu gehen wir ins Kino. Aber meistens bleiben wir auf dem Sofa und sehen noch ein bisschen fern." Um elf Uhr wird das Licht gelöscht. Manchmal, sagt Simone Habig, habe sie das Gefühl, nur noch zu leben, um zu arbeiten.

Doch es könnte schlimmer sein, sagt sie und zeigt auf das Warenhaus gegenüber. Sie kenne viele der Mitarbeiter der Karstadt-Filiale, die vor der Entlassung stehen. Simone Habig weiß, dass die "fetten Jahre in Deutschland vorbei sind". Und vielleicht, meint sie, müssten sich viele erst daran gewöhnen, dass das Leben jetzt von jedem mehr abverlangt.

Am Bankenplatz Frankfurt betrachtet man dagegen mit Wohlgefallen, wie sich die Arbeitswelt in Deutschland verändert. Die Schweizer Großbank UBS hat im Bankenviertel eine Dependance, und dort im ersten Stock sitzt Holger Fahrinkrug von der UBS-Forschungsabteilung. Fahrinkrug, 41, verfasst makroökonomische Berichte für ausländische Kapitalanleger, für Gesellschaften, die mehrere Milliarden Dollar anlegen und sich darüber informieren wollen, wie gut der Standort Deutschland ist. "Im letzten Jahr war die Reformdebatte der Renner", sagt Fahrinkrug. Bei Vorträgen in den USA hätten sie ihm seine Berichte über die Veränderungen in Deutschland fast aus der Hand gerissen. "Die Amis suchen Firmen, die billig und geprügelt sind, und wenn diese Firmen auch noch in Ländern liegen, in denen Sozialreformen anstehen, dann investieren sie." Klar: Je schärfer die Sozialreformen heute, desto besser die Unternehmensgewinne morgen.

Wie zufrieden die Kapitalanleger derzeit sind, zeigt zum Beispiel der HDax, ein Index, der die Investitionen in die 110 größten deutschen Firmen abbildet. Seit März 2003, als Schröder die Agenda 2010 vorstellte, ist der HDax um 75 Prozent gestiegen. Einen kleinen Push gab es noch, als Hartz IV den Bundestag passierte. "Die Agenda 2010 war für sich schon eine Revolution", bilanziert Fahrinkrug. "Statt ungebremsten Ausbaus des sozialen Netzes geht es jetzt in eine andere Richtung."

Für den UBS-Banker hat sich die Revolution 2004 mit Siemens fortgesetzt. "Da ist ein Damm gebrochen. Jeder Aktionär hat danach gesagt: Ich erwarte, dass meine Firma jetzt auch so einspart." Dazu komme der Erkenntnisschock in der Bevölkerung, den die EU-Osterweiterung am 1. Mai verursacht habe. "Damit ist den Leuten viel klarer geworden, dass wir uns in einem Wettbewerb befinden. Alle Medien brachten Beispiele, was ein Arbeiter in Polen oder Tschechien kostet." Fahrinkrug glaubt, dass die Arbeitnehmer in Deutschland sich auf eine weitere Verschärfung der Arbeitsbelastung gefasst machen müssen. Warum auch nicht? "Ich finde, die 40-Stunden-Woche tut nicht weh. Solange nicht die 50-Stunden-Woche eingeführt wird oder der freie Samstag zur Debatte steht, ist es nicht problematisch." Fahrinkrug selbst sagt, dass er 70 Stunden pro Woche arbeite. Das Problem sei doch, dass die deutschen Arbeitnehmer an zu viele Sicherheiten gewöhnt wurden, "an Sicherheiten, die in den 80er Jahren vielleicht ihre Berechtigung hatten, aber heute eben nicht mehr".

Elke Schwalm musste sich bereits von einigen Sicherheiten verabschieden. Die 39-Jährige arbeitete mehr als sieben Jahre für Talkshows, zuletzt als Chefin vom Dienst bei "Britt" auf Sat 1. Nachdem sie aus dem Job gedrängt worden war, suchte sie etwas Gleichwertiges und merkte, dass sie sich ihr früheres Gehalt fürs Erste abschminken konnte. Bisher verdiente sie rund 6100 Euro brutto im Monat. Das Höchste, was ihr jetzt angeboten wurde, waren 4000 Euro. Die hochqualifizierte TV-Redakteurin sagt: "Wenn man jedes Angebot annimmt, verdirbt man die Preise - auch für alle anderen." Da mache sie sich lieber selbstständig. Derzeit arbeitet sie als Rechercheurin und hat ein Kinderbuch geschrieben. Sie hat sich eine kleinere Wohnung gesucht, ihre Lebensversicherung gekündigt und gibt weniger Geld für Restaurants oder Reisen aus. "Zum Glück war ich nie so der Gucci-Typ." Dennoch fragt sie sich, wie lange das gut gehen kann.

Wie Elke Schwalm mit 39 Jahren aus einer Karriere herausgerissen zu werden heißt: plötzlich festzustellen, dass man mit fast 40 schon zu alt, zu teuer, zu erfahren ist. "Fast alle Stellenanzeigen gehen nur bis 35", sagt sie, "dabei ist doch heute keiner mit 40 so verbraucht wie früher, und es wird viel Zeit vertan, immer wieder neue, junge Leute einzuarbeiten."

Der gelernte Automechaniker

Hartmut Schkade hat das persönliche "downgrading" schon vollzogen. Schkade ist seit vielen Jahren wieder der erste Schuhputzer in Stuttgart. Der 53-Jährige kommt aus dem Osten der Republik, aus der Oberlausitz, konnte im Westen nie richtig Fuß fassen, lebte meist vom Sozialamt. Der Stuttgarter Schuhmacher Ralf Jaekel ermunterte ihn nach Jahren der Arbeitslosigkeit doch eine Ich-AG anzumelden und Schuhe zu putzen. Aus China bestellten die beiden eine Rikscha, bauten sie TÜV-gerecht und stilvoll um, ließen Flugblätter und Visitenkarten drucken, kauften Schuhputzmittel und beantragten bei der Stadt eine Genehmigung. Am 1. Juni dieses Jahres radelte Schkade los, und seither ist er fast täglich mit seinem mobilen Schuhputzladen in der Fußgängerzone anzutreffen. 1,80 Euro kostet das Schuheputzen bei ihm, täglich 35 Kunden braucht er, um davon leben zu können. Dazu säubert er nachts in Hotels die Schuhe von Gästen. Noch laufe das Geschäft schleppend, sagt Schkade. "Im Ausland sind Schuhputzer gang und gäbe, aber die Schwaben müssen sich wohl erst an mich gewöhnen."

Schkade ist so einer, wie ihn sich Ökonomen wünschen: flexibel und sich für nichts zu schade. "Ich kann doch nicht auf eine Stelle als Automechaniker pochen und ansonsten nichts tun. Bevor ich rumgammel, putz ich lieber Schuhe." Schkade sagt, dass er stolz darauf ist, seinen Unterhalt selbst zu verdienen. "In fünf Jahren läuft mein Geschäft sicher besser. Dann bestell ich mir im Gasthaus einen Fasan."

In Göttingen hat das "Soziologische Forschungsinstitut" (SOFI) seinen Sitz in einer Innenstadtvilla. Dessen Präsident Professor Michael Schumann sagt, dass das Institut vor 33 Jahren aus einem "antikapitalistischen Impuls" gegründet worden sei. "Wir wollten untersuchen, was die Industriearbeit mit den Menschen anstellt und die schlimmsten Belastungen verhindern. Wir wollten eine Humanisierung der Arbeitswelt." Schumann, 67, hat auch das Konzept "Auto 5000" bei VW erforscht, bei dem Arbeitslose außerhalb des VW-Haustarifvertrags eingestellt wurden, um den Minivan Touran zu bauen. Die Arbeiter verdienen 20 Prozent weniger als die VW-Stammbelegschaft, sie haben eine 38-Stunden-Woche (inklusive "Qualifizierungszeit"), weniger Hierarchien, arbeiten selbstverantwortlicher und nach Programmlohn: Das heißt, wenn sie eine vorgegebene Zahl von Autos in der Schicht nicht schaffen, müssen sie kostenlos nacharbeiten. Für Schumann hat dieses Modell Vorbildcharakter, weil es Kosten senkt und gleichzeitig die Arbeiter zufriedener macht.

Das bestätigen auch seine Umfragen unter den Touran-Werkern. Schumanns Mitarbeiter haben dreimal jeweils 700 Touran-Arbeiter interviewt. "Ihren niedrigeren Lohn haben sie nie als problematisch empfunden. Sie waren ja arbeitslos und froh, überhaupt was zu finden." Nach allem, was man wisse, sagt Schumann, sei den Beschäftigten heute nichts wichtiger als ein sicherer Arbeitsplatz.

Für ein Konzept wie "Auto 5000" brauche man aber einen langen Atem - und den sieht Schumann in der Industrie schwinden. "Heute dominiert wieder die Realisierung kurzfristiger Kostenvorteile, das macht mich natürlich pessimistisch." Schumann sieht ein Roll-back auf breiter Front, eine "Renaissance des fordistischen Fließbandes und der taktgebundenen Fertigung", wie er in einem Aufsatz schrieb: "Standardisierungen und Repetitivarbeit, das heißt Bandfertigung mit Einminutentakt, werden wieder forciert eingesetzt. Eigeninitiative, Partizipation, Verantwortlichkeit werden obsolet, Produktivitätszugewinn wird über die Wiedereinführung von Hierarchie und Kontrolle gesucht." Das Problem sieht Schumann darin, dass viele Unternehmen den Shareholder-Value als einzigen Maßstab akzeptierten. Jetzt herrsche in den Fabriken wieder "eine Politik der ausgepressten Zitrone".

Gleichzeitig werden alle Nischen in Unternehmen beseitigt, also Jobs gestrichen, die nicht mehr so leistungsfähige Mitarbeiter bisher bekamen. Früher wurden ausgelaugte Kollegen an die Pforte versetzt oder bekamen als Wachmann ihr Gnadenbrot. Unter dem Rationalisierungsdruck werden aber selbst diese Jobs heute komplett an Fremdfirmen ausgelagert.

Unter www.jobhamburg.com

gibt es seit zwei Wochen eine Jobbörse der besonderen Art, eine Art umgekehrtes Ebay, bei der derjenige zum Zuge kommt, der seine Arbeitskraft am günstigsten anbietet. Am 27. 9. gab zum Beispiel ein Arbeitgeber folgendes Inserat auf: "Eine Drehmaschine soll gereinigt und dann mit Pinsel und Rolle lackiert werden. Material stelle ich, Werkzeug sollte mitgebracht werden." Als Erster meldete sich "Molli" (Beruf Maurer, 66 Jahre), der den Job für acht Euro die Stunde machen wollte. Zwei Tage später mailte Toni, gelernter Trockenbauer, 31, dass er den Job für sieben Euro erledige. Wieder einen Tag später schrieb ein gelernter KfZ-Mechaniker, dass er die Maschine für 6,90 Euro lackiere. Der Arbeitgeber wartet aber auf niedrigere Angebote. Die Auktion läuft bis zum 24. Oktober.

Markus Grill
Mitarbeit: Nataly Bleuel, Catrin Boldebuck, Arne Daniels, Kathrin Haasis, Karsten Lemm, Anna Marohn, Christian Parth

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kann man sich gegen eine maßnahme vom jobcenter wehren?
hallo. ich bin quasi arbeitsunfähig seit meinem 18ten lebensjahr. ich wiege 200 kg und habe eine betreuung weil ich sonst gar nichts schaffen würde. sie bringt mich zu terminen und begleitet mich zu arzt besuchen. das einzige was ich noch alleine kann ist einkaufen und das auch nur weil es nunmal lebensnotwendig ist ,jedoch bin ich danach total erschöpft und fertig.ich kann keine 200 meter mehr laufen.und mal ganz abgesehen von meiner körperlich verfassung leide ich seit meiner kindheit an starken depressionen,borderline,panikattacken,einer traumatischen belastungsstörung und angstzuständen. ich bin demnach körperlich sowie auch psychisch ziemlich fertig. gestern war ich beim amtsarzt zur begutachtung sowie auch einmal vor 2 jahren. und die ärztin sagt mir ernsthaft,das es zumindest köperlich nicht ausreichen würde das ich weiterhin krank geschrieben werden kann und sagte,das eine maßnahme sicherlich gut sein kann.und das obwohl ich bereits sagte,das ich körperlich unfähig bin irgendwas alleine zu schaffen und ,meine betreuerin mich überallhin begleiten muss.(ich habe kein auto)ich bin vollkommen entsesetzt und habe nun angst das sie mich in eine maßnahme stecvken welche ich einfach nicht schaffe und sie mir dann das minum an geld nehmen welches ich bekomme und ich dann verhungernd und auf der starße leben muss,eben weil es ein ding der unmöglichkeit für mich darstellt.kann man sich da irgendwie wehren?sie sagt sie findet ich sei zu jung um berentet zu werden (28).ich habe gerade wirklich angst.kann man einen menschen zwingen etwas für ihn unmögliches zu tun?ich hab das gefühl die wollen irgendeine quote erfüllen und solange man die arme bewegen kann,ist man arbeitsfähig...hilfe :(