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L. Karasek: Tippt die noch ganz richtig?: In Highheels unter Männern: Wie sexy ist noch seriös?

Statt Bier im Fußball-Stadion mag Laura Karasek ja eigentlich lieber Aperol Spritz in Highheels. Aber das knappe Outfit verdreht nur den Kollegen den Kopf. Warum dürfen Frauen in Männerdomänen nicht ein bisschen weiblicher sein?

Eine Frau in Rock und Highheels legt die Füsse auf den Schreibtisch

Wie knapp darf der Rock sein, bevor man nicht mehr ernst genommen wird?

Die Welt da draußen meint es nicht nur gut mit dir. Und die Welt hat auch nicht - im Gegensatz dazu, was deine Eltern dir immer erzählt haben - auf dich gewartet.

Du kannst dich in eine Depression googeln. Dachtest du eben noch, du seist vielleicht etwas Besonderes, belehrt dich das Netz eines Besseren. Alles, was du denkst, wurde schon gedacht. Nur in besser. Und sogar schon getwittert. Es gibt bereits 20.000 Hashtags zu deiner einzigartigen Idee. Dein Einfall ist ein Reinfall. Du kannst nichts erfinden.

Wo gehöre ich hin?

Ich arbeite in Frankfurt. Wirtschaftswelt, Deals, Share Purchase Agreements, Billable hours.  Du hast schon eine Gerichtsverhandlung beim Landgericht gewonnen? Andere gewinnen zum zweiundvierzigsten Mal vorm Bundesgerichtshof! Du hast ein Buch geschrieben? Andere schreiben acht Bücher. Bücher, die verfilmt werden! Du sprichst drei Sprachen? Andere sprechen sieben! Und da ist immerhin was Exotisches dabei, Finnisch oder Arabisch oder verhandlungssicheres Chinesisch. Ich bin höchstens in Liebesbeziehungen verhandlungssicher (aber es ärgert mich schon, dass ich da überhaupt verhandeln muss).

Aber warum habe ich manchmal das Gefühl, nicht dazu zu gehören? Und wohin gehöre ich? Ich fühle mich sogar auf "Mädelsabenden" häufig fehl am Platz. Alle benehmen sich so gut. Aber in den Männerclub passe ich auch nicht. Ich mag keinen Whiskey und kann mir schlecht Witze merken. Ich stehe gern vor Gericht und auch gern in der Zeitung oder im Fernsehen. Aber können die anderen nicht alle mehr als ich? Bin ich eine Mogelpackung und fliege irgendwann auf? Bald merkt jeder, dass ich nur von einer Welle aus Glück und Zufällen hier in die Welt der Erwachsenen und Mächtigen geschwappt wurde. Autoren sind Literaten. Und Wirtschaftsbosse sind seriös. Und was bin ich?

Danke für nix

Als ich anfing zu arbeiten, fühlte ich mich schon ertappt, wenn ich Begriffe, die beim Mittagessen mit den Kollegen fielen, hinterher auf Wikipedia nachlesen musste. Immer diese verdammte Wirtschaftsprache: Ist Agio jetzt ein Finanzbegriff, eine Verdi Oper oder ein italienischer Badeort (habe es gerade beim Schreiben übrigens erneut gegoogelt)? Theo, wir fahr'n nach Agio! (Wenigstens kenne ich das Bellagio (also das gute, schöne Agio) aus Las Vegas. Das Hotel mit der Fontäne. Da hab ich schon Geld verspielt - und wurde im Casino sogar nach meinem Ausweis gefragt! Danke, liebe Gene. Wobei die kurz darauf selbst den weißhaarigen Mann neben mir - hatte er einen Rollator? - am Roulettetisch kontrolliert haben. Nix danke, Gene! Nix danke, neue Gesichtscreme! "Die anderen kochen auch nur mit Wasser," sagten die netten Kollegen damals. Aber bei mir kochte gar nichts. Meine Herdplatte war ein Krisenherd.

Und dann kommt der Chef immer genau dann rein, wenn du gerade auf Facebook deine Kollegen stalkst ("wo war noch mal der aus der Buchhaltung im Urlaub?"). Oder wenn du gerade bei Zara online Kleider shoppst (und die Seite macht Musik, dazu räkeln sich Models auf dem Laufsteg oder Strumpfhosen blinken von deinem Bildschirm und er sieht, dass das nichts mit Jura zu tun hat. Nicht mal mit Recherche. Im weiteren Sinn). Kann einem Mann nicht passieren? Wirst du also deswegen irgendwann nicht befördert oder weil du eine Frau bist? Was hast du falsch gemacht?

Mit Schokomund im Meeting

Manchmal gab es Besprechungen, da saß ich allein mit zehn Männern (auch "Gegnern") in einem Raum. Auf dem Tisch standen Kekse. Stundenlang rührte keiner einen Keks an. Ich wartete, bis der erste Chef einen Keks aß. Stets gibt er den Startschuss. Dann langte ich endlich zu. Zum Abschied schüttelte ich allen zehn Männern die Hand, sie wussten nicht, wie sie mich hierarchisch einordnen sollten. War ich Kollegin, Sekretärin, Praktikantin, Assistentin, Chefs Liebling? Als ich danach auf Toilette ging, sah ich im Spiegel Schokoladenspuren um meine Mundwinkel und einen schwarzen Zahn von dem Brownie Happen. Ich war eine schwierige und vor allem schmierige Frau. Das war wohl nix mit souverän. Kommt Zeit, kommt Pirat. Beim nächsten Mal.

Ich habe eine Freundin bei einer Unternehmensberatung, die mir von ihrem Chef erzählte. Als meine Freundin ihn fragte, wie er ihre Arbeitsleistung und ihre Karrierechancen einstufe, erwiderte dieser "Sie wissen ja: Ich gebe kein Feedback!" In was für einer Arbeitswelt leben wir? Feedbackfaulheit und Komplimenteknappheit ohne Anteilnahme, Fürsorge, Förderung. Kann man nicht leidenschaftlich im Beruf sein und gleichzeitig leidenschaftlich mit Menschen? Wir jungen Leute brauchen Mentoren, Idole, Vorbilder.

Selfie mit Erbse

Neulich habe ich ein Selfie gemacht, in meinem Büro. Na ja, eigentlich wollte ich nur schauen, ob ich vom Mittagessen noch ein Stück Erbse in den Zähnen habe und da mein Büro keinen Spiegel (mehr) hat, habe ich die Selfiefunktion meiner Handykamera genutzt, um nachzusehen, ob sich zwischen meinen Vorderzähnen ein grüner Punkt (nein, nicht der zum Recyclen) von der Erbse (nein nicht der, deren Prinzessin ich als kleines Mädchen immer für meinen Vater war) befand. Ich wollte mir also den langen Weg zum WC sparen und hielt mir mein Smartphone vors Gesicht, als einer meiner Chefs gerade mit einer Gruppe von Bewerbern (für ein Sommerpraktikum) an meinem Büro vorbeikam. "Darf ich vorstellen: ..." hörte ich ihn bei seiner Führung noch sagen und auf mich zeigen. Vor Schreck machte ich ein Foto. Klick. Die Praktikanten grinsten, als stünden sie vor einem Pavian-Käfig. Selbstverliebt bei der Arbeit. Sowas würde einem Mann nicht passieren (obwohl ich auch einen Steuerberater kenne, der regelmäßig Liegestützen in seinem Büro macht - wirkt auf besichtigende Praktikanten bestimmt auch nicht besser).

Heute darf man sich auch in seriösen Jobs anziehen wie eine Frau. Darf man? Müssen wir weiterhin in biederen Hosenanzügen herumlaufen und um alles, was nach Make-up oder Haarpflege aussieht, einen weiten Bogen machen? Jacke wie Hose. Aber eben nicht wie Rock. Musste ich mich entscheiden, was ich überhaupt sein wollte: Anwältin oder Tussi? Karriere oder Kosmetik? Scheinbar schließen Intelligenz und Lipgloss sich aus. BH statt BGH.

Zu sexy für den Chef

Ich musste schon früher als Praktikantin in einem großen Unternehmen mal zum Personalchef. Wegen meiner Outfits. Es hieß, ich sei "zu aufreizend" und mir "meiner Wirkung nicht bewusst". Aber ich bin mir meines Auftretens schon bewusst. Warum muss es so verkrampft sein: Kann man nicht gleichzeitig seriös und trotzdem ein bisschen sexy sein? Oder muss man geschlechtslos auftreten? Kann man weiblich sein - ohne unprofessionell zu wirken? Oder sind manche Männer nur deshalb so pingelig, weil sie sich selbst im Hosenanzug so eingeengt und verkleidet fühlen, weil sie weniger Spielraum haben als wir? Ich finde Anzüge übrigens sexy! 

Können Machtspiele auch Schmachtspiele sein? Ich wollte immer unter Männern bestehen, mithalten. Eine Frau im Mannspelz (aber ohne kurzgeraspelte Mannsfrisur und ohne Mannsweib zu werden), ich wollte nicht zu verletzlich sein, aber auch kein böser Wolf werden (ohne Rotkäppchen und ohne Rotkäppchen-Sekt-Allüren). Aber darf ich als Frau dabei sein, wenn die Chefs am Feierabend ins Stadion gehen und Golfturniere spielen - oder empfinden die Männer eine Frau als Spaßbremse? Ich trinke ja auch eigentlich lieber Aperol Spritz in einer warmen Bar. Ich hätte auch kein Trikot parat. Soll ich ein Herrengedeck und ein Eisbein bestellen beim Business Lunch? Käme jedenfalls cooler als der Salat mit Hähnchenbrust und wenig Dressing.

Als wir mit anderen Jurastudenten mal ein Gefängnis besucht haben, hieß es "Zieht Euch nicht zu sinnlich an, liebe Referendarinnen, da sind Knackis, die haben seit 13 Jahren keine Frau mehr gesehen." Hab ich auch eingesehen. Andererseits wollte ich denen auch eine Freude machen und habe mir wenigstens hohe Schuhe angezogen. Aber hier in Freiheit könnten wir uns doch auch alle etwas lockerer machen! Mir machen Männer Freude. Und hohe Schuhe auch.

Ich mag Frankfurt, ich liebe es hier sogar. Ich bin freiwillig hier. Die Stadt ist fleißig, offen, berufstätig, umtriebig. Buchmesse trifft EZB. Ich möchte hier nicht weg. Ich möchte nur ab und zu wenigstens ins Fussballstadion eingeladen werden und den ersten Schokoladenkeks essen.