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2. Juli 2009, 08:09 Uhr

Spurenlos dank High-Tech

Scheiben einschlagen war gestern, heute überlisten Diebe die Sicherheitstechnik im Auto blitzschnell und ohne Spuren zu hinterlassen. Wegfahrsperren und codierte Funkschlüssel suggerieren eine trügerische Sicherheit, denn die Langfinger haben aufgerüstet. Von Peter Weyer, Dirk Vincken

Autodiebstahl, Versicherung, Einbruch, Betrug, Decoder

Knacker von heute öffnen Autos in wenigen Sekunden fast spurenlos© Colourbox

Genervt steht Kathrin Eichinger im Frühjahr vor ihrem Golf. Der ist innerhalb eines Jahres zum zweiten Mal aufgebrochen worden. Äußerlich ist auch diesmal keine Spur von Gewalt zu erkennen. Erst der Blick in den Innenraum zeigt den Schaden: Der Pralltopf des Lenkrads liegt auf der Fußmatte, und da, wo der Airbag eingebaut war, gähnt ein Loch. Bunte Kabel hängen heraus, fachmännisch abgetrennt.

Während Autos immer seltener geklaut werden, klettert die Zahl der Einbrüche und der Diebstähle von Zubehör oder Teilen steil nach oben - nach Angaben der Landeskriminalämter zwischen 2004 und 2008 um mehr als 400 Prozent. Zum Schreck kommt oft noch der Ärger mit der Versicherung. Denn bei der keimt schnell der Verdacht eines vorgetäuschten Einbruchs auf. "Ohne erkennbare Spuren", sagt Katrin Rüter de Escobar vom Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV), "sind Aufbruch und Diebstahl aus einem Auto kaum nachweisbar." Dann entfällt meist nicht nur der Schadensersatz. Vielfach gehen die Assekuranzen in solchen Fällen von Betrugsversuch aus.

Ohne jede Spur

Golffahrerin Eichinger war rasch aus dem Schneider. Der Versicherer unterstellte ihr nicht, dass sie, ohne Spuren zu hinterlassen, den Airbag ihres eigenen Wagens geklaut hätte. Anders bei Jan Suck aus Pinneberg. Als er Anfang des Jahres zu seinem VW Campingbus kam, fand er ihn durchwühlt vor. Alle Scheiben waren heil, und auch sonst gab es keine Gewaltspuren. Merkwürdig war nur, dass sich die Heckklappe nicht mehr abschließen ließ. Alles deutete auf einen Einbruch hin. Seine Versicherung behauptete anfangs, das Schloss könne ja schon lange vorher defekt gewesen sein. Erst nach zähen Verhandlungen zahlte sie Kauf und Einbau eines neuen Heckschlosses.

Solche Querelen werden häufiger. Und längst nicht immer sind die Verhandlungen mit dem Versicherer von Erfolg gekrönt wie im Fall von Jan Suck. Die auf den ersten Blick fehlenden Spuren sind das Problem. Oft hilft nur, einen Sachverständigen auf eigene Kosten einzusetzen und darauf zu hoffen, dass der etwas findet. Die Knacker von heute öffnen Autos in wenigen Sekunden fast spurenlos. Manfred Göth kennt die Methoden. Der ehemalige Polizist und Spurensucher des Landeskriminalamts (LKA) Rheinland-Pfalz betreibt in Mayen - ein kriminaltechnisches Prüflabor. Täglich rückt er im Auftrag von Geschädigten oder Versicherungen aus, um festzustellen, ob eingebrochen oder vorgetäuscht wurde.

Böse Buben haben leichtes Spiel

Schwierig wird es selbst für Göth, wenn die Autoknacker den "Decoder" einsetzen. Der ist mit feinen und flexiblen Drähten ausgerüstet, die sich beim Einführen ins Schloss den Innereien anpassen. Am Anschlag angekommen "merken" sich die Drähte ihre Position, die nun dem Bart des Originalschlüssels gleicht. Göth: "Der Ganove zieht den Decoder nach ein paar Sekunden wieder heraus und fertigt nach diesem Muster einen Zweitschlüssel an. Damit kann er das Auto aufschließen, wann immer er will."

Leichtes Spiel haben die bösen Buben dann auch deshalb, weil das Schließsystem den Dietrich nicht als Fremdkörper erkennt: Die Alarmanlage wird abgeschaltet. Es geht auch andersherum. Der Fahrer drückt auf den Knopf seiner Fernbedienung und ist im Glauben, der Wagen ist abgeschlossen und die Alarmanlage scharf. Beides ist dann nicht der Fall, wenn die Langfinger "Jammer" einsetzen. Das ist ein Sender, nicht größer als eine Zigarettenschachtel, der das Signal des Schlüssels mit tausendfach höherer Sendeleistung überlagert und es matt setzt. Effekt: Verriegelung und Alarmanlage sind inaktiv. Der bekannte Klickton für das Auf- oder Abschließen bleibt aus, doch der ist bei lauten Geräuschen in der Umgebung ohnehin leicht zu überhören.

Aufsperrwerkzeuge ganz legal

1440 Euro kostet so ein Minisender, ganz legal, etwa bei Adalbert Wendt in Bergheim bei Köln. Wendt bietet alle Arten von "Aufsperrwerkzeugen" im Katalog an. Auf 130 Seiten sind 1500 ähnliche Artikel gelistet. Ein Starterset ist schon für 400 Euro zu haben. Das heißeste Öffnungsteil der Szene jedoch hat auch Wendt nicht im Programm. Es stammt aus dem Baltikum und kostet auf dem Schwarzmarkt bis zu 90.000 Euro. Es ist ein noch namenloses Universalgerät, das den Funkverkehr zwischen Schlüssel und Auto belauschen, auslesen und aufzeichnen kann. Daraus macht eine Spezialsoftware dann elektronische Generalschlüssel für alle Marken und Modelle - der Horror für Autohersteller wie Versicherer.

Inzwischen ist es sogar möglich, die Funkfernbedienung auch dann anzuzapfen, wenn der Schlüssel nicht aktiv sendet. Christof Paar, Professor für Kommunikationssicherheit an der Ruhr-Universität in Bochum, hat bewiesen, dass es klappt. Paar, einer der weltweit führenden Verschlüsselungsexperten, legte sich mit Informationsspezialisten seiner Fakultät am Rande eines großen Parkplatzes auf die Lauer. Mit Laptop und spezieller Software saß das Team im Straßencafé und fischte nach den Codes der Autoschlüssel im Umkreis. Egal, ob die in einem vorbeifahrenden Fahrzeug oder in Hand- oder Hosentaschen steckten.

Umfangreiche Datenbank nachgemachter Autoschlüssel

Das funktioniert, weil moderne Autoschlüssel eine Funkerkennung (Radio Frequency Identification) haben. Kernstück ist ein Chip, der alle auf ihm gespeicherten Daten ausspuckt, sobald er per Funk von außen dazu aufgefordert wird. Der angepeilte Chip kann nicht unterscheiden, ob der originale Funkschlüssel des rechtmäßigen Besitzers nach dem Zugangscode fragt oder ob Diebe am Werk sind.

"Zweimal kurz lauschen, das reicht", sagt Paar. Danach müsse der Rechner noch eine halbe Stunde arbeiten, "dann kennen wir die Verschlüsselung und können den Türöffner klonen." Das Ergebnis: eine umfangreiche Datenbank nachgemachter Autoschlüssel. Nicht nur zum Öffnen, auch zum Wegfahren. Paar bot dem Marktführer dieser Schlüsselchips an, sein Know-how bei der Verbesserung von Schließ- und Verschlüsselungssystemen einzubringen. Doch Microchip Technology Inc. aus Chandler/Arizona in den USA lehnte ab und bedankte sich bei den "talentierten Forschern" aus Germany für das Angebot.

Weitere Informationen Autoaufbrüche ohne Spuren von Gewalt sind für Kunden und Versicherungen gleichermaßen problematisch. Einerseits: Die meisten Versicherten sind keine Betrüger, aber einige versuchen dennoch, mit angeblichen Einbrüchen abzuzocken. Anderserseits: Bei nachgewiesenen Aufbrüchen leisten die Assekuranzen vertragsgemäß Schadenersatz, sie sind aber auch verpflichtet, jeden Einzelfall zu prüfen und unberechtigte Forderungen abzulehnen. Wird der Versicherung ein spurenloser Autoaufbruch gemeldet, läuft meist eine kurze Plausibilitätsprüfung ab. Kernfrage dabei: Gab es rund um den angeblichen Tatort in jüngster Zeit eine Häufung vergleichbarer Fälle? Wenn ja, steigt die Glaubwürdigkeit des Kunden. Hat der Kunde in kurzer Zeit mehrfach Autoaufbrüche gemeldet? Wenn ja, sinkt die Glaubwürdigkeit. In der praktischen Abwicklung eines Einbruchschadens sollte der Kunde
immer die Polizei benachrichtigen und Anzeige erstatten.

den Zweitschlüssel vorlegen können. Dessen Verlust oder Diebstahl immer der Versicherung melden. Das schützt gegen den Vorwurf, den Schlüssel einem Dritten zum verabredeten Einbruch überlassen zu haben.

bei größeren Schäden, ab etwa 1000 Euro, auf eigene Kosten einen Gutachter mit der Spurensuche beauftragen. Wird der fündig, zahlt die Versicherung neben dem Schaden auch das Gutachterhonorar.

bei Sachverständigen, Autoklubs oder Prüforganisationen wie Tüv oder Dekra erfragen, ob es für bestimmte Automodelle auffallend viele Einbrüche gibt. Wenn ja, dann lässt das auf eine Schwachstelle schließen.

Von Peter Weyer, Dirk Vincken
 
 
KOMMENTARE (7 von 7)
 
chatahootchee (02.07.2009, 20:53 Uhr)
@ENDBENUTZER
Sollte mich nicht wundern, wenn 'stern.de' die Selbstbastelanleitungen zum Runterladen auch irgendwo gespeichert hat. Beim Stern nicht mehr verwunderlich.
Eisenbaer (02.07.2009, 19:14 Uhr)
Das namenlose Universalgerät....
...ist im schlimmsten Falle nicht mehr als eine lernfähige Universalfernbedienung für verschiedene Phono- und/oder TV-Produkte. War schon in den 90´er Jahren lustig mit so einem Teil seine Kollegen und/oder Freunde zu nerven...
Manderlay (02.07.2009, 14:51 Uhr)
wie bei den Banken
Das ist doch wie bei den Banken, die bekommen vom Gericht auch jedesmal Recht und der Kunde muß beweisen das er nicht so blöd war und die PIN auf der Scheckkarte notiert hatte !
endbenutzer (02.07.2009, 11:24 Uhr)
@Redaktion:
Na prima, dass ihr gleich auch die Bezugsquellen für das Einbruchswerkzeug geliefert habt.
rinaldi (02.07.2009, 11:03 Uhr)
Wenn es jemand unterlässt,
eine durchaus mögliche Verbesserung vorzunehmen, ist es dann so abwegig, demjenigen (böse) Absicht zu unterstellen?
Wahrscheinlich wurden schon abertausende von sinnvollen und nützlichen Erfindungen von der Industrie boykottiert und sabotiert, weil diese Erfindungen ihren Riesengewinnen hätten schaden können.
atticus (02.07.2009, 09:50 Uhr)
Sie haben es nicht verstanden... :-)
Geklaute Airbags müssen ersetzt werden. Natürlich in der Vertragswerkstatt. Versicherungsbeiträge können angepasst werden. etc pp.
Epaminaidos (02.07.2009, 08:32 Uhr)
Peinlich!
Also da verstehe ich die Autohersteller nicht. Dieses Problem ist seit Jahren abzusehen. Dabei ist die Problemstellung gar nicht so schwer: Zwei Komponenten, die sich vorher (im Werk) beliebig miteinander "bekannt machen" können, müssen sich über einen unsicheren Kanal authentifizieren und anschließend kurz kommunizieren.
Da gibt es Verfahren wie Sand am Meer, die das (nach heutigem Stand der Technik) unknackbar hinbekommen.
Eine offene Kommunikation oder gar RFID ist da einfach nur jämmerlich!
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