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1. Februar 2008, 11:18 Uhr

Biosprit, die Umweltsau

Arbeitsplätze auf dem Land, Unabhängigkeit von Ölimporten und Klimaschutz: Die Bundesregierung verspricht sich viel vom Ackersprit. Und setzt damit die falschen Prioritäten, sagt ein wissenschaftlicher Beirat, der die aktuelle Politik als ineffizient und zerstörerisch kritisiert. Von Christoph M. Schwarzer

Bioethanol ist schon heute in den USA sehr beliebt. Auch wenn dafür Unmengen an Agrarkapazitäten aufgebraucht werden© Jens Resing/DPA

Biomasse, so ein Mist! Schön wär's, sagt jetzt ein Beirat von Agrarminister Seehofer. Mit der Verstromung von Gülle und Reststoffen in Kleinkraftwerken könnte die gerade in Deutschland begrenzten Feldflächen besser genutzt werden. Die aktuelle Förderung sei zu teuer und weit weniger effizient als möglich, kritisieren die Wissenschaftler. Vor allem im Autotank habe Biosprit nichts zu suchen. Brennt der Regenwald, damit wir weiter Vollgas geben können?

Bisher vorwiegend deutsche Quellen

Nein, zumindest nicht, wenn man dem Verband der Deutschen Biokraftstoffindustrie glauben darf. 80 Prozent des Biodiesels werde aus Raps von einheimischen Feldern erzeugt, sagt ein Sprecher. Den Rest erbringe Soja aus den USA und Kanada. Beim Bioethanol käme das erforderliche Getreide, der Mais und die Zuckerrüben sogar komplett aus dem Inland. Und selbst bei der geplanten Anhebung der Biokraftstoffquote sei eine Versorgung aus europäischen Quellen kein Problem.

"Da wird mir richtig übel"

Das sieht Alexander Hissting, Agrarexperte bei Greenpeace, etwas anders. Er denkt global und erklärt, dass zurzeit mehr als 80 Prozent aller Pflanzenöle als Lebensmittel verbraucht werden. Nicht nur in Deutschland habe man ehrgeizige Beimischungsziele. Weltweit sollen bald zehn Prozent des Dieselbedarfs vom Acker kommen. Drei Viertel aller Pflanzenöle würden dann durch die Brennkammern gejagt werden: "Mir wird richtig übel, wenn ich die internationalen Zielquoten höre", sagt Hissting.

Autos sind eben ineffizient

Egal ob Porsche 911 oder Fiat 500, Automotoren sind einfach nicht effizient. Wenn's gut läuft, werden 30 bis 40 Prozent der im Sprit enthaltenen Energie in Vortrieb verwandelt. Der Rest verpufft als Abwärme. Und darum, so Hissting, "gehören Biokraftstoffe nicht in den Tank". Klar, ein Vertreter von Greenpeace. Aber einer, dem nicht nur Physik und Chemie, sondern auch der wissenschaftliche Beirat des Agrarministers Recht geben.

Beimischungspflicht aufheben

Die Beimischungsziele, so die Empfehlung, sollten "zurückgenommen werden". Gut für die Umwelt und die geplagten Autofahrer, die angesichts ständiger Hiobsbotschaften für den alternden Fahrzeugbestand in Agonie zu verfallen drohen. Die Zurücknahme der Beimischungspflicht würde allerdings auch einigen Parteien weh tun. Zum Beispiel den Produzenten der Biokraftstoffe, die eine Erhöhung der Quote vehement eingefordert haben, weil ihnen sonst die Pleite droht.

Sie profitieren von der geplanten Quotensteigerung und bringen das immergleiche Totschlagargument: Arbeitsplätze. Und auch die Landwirtschaft freut sich, dass nach Jahrzehnten brutaler Billigpreise der Tropf staatlicher Subventionen ein Stück überflüssiger wird. Last but not least verdient auch der Staat bei der Pflichtbeimischung: Bioethanol an einer Extra-Zapfsäule wäre steuerbefreit, in der Beimischung ist er es nicht.

Amerikanisches Grundrecht auf Mobilität

Unterdessen steigt der Preis fürs Rohöl auch ohne Spekulanten weiter an, was vor allem den Amerikanern den Angstschweiß auf die Stirn treibt. Automobilität ist in den USA immer noch eine Art nicht verbrieftes Grundrecht, und das wird pragmatisch eingefordert. Weite Ackerflächen werden für den Anbau von Pflanzen zur Erzeugung von Bioethanol genutzt. Jetzt schon. Warum? Weil der Diesel in den USA die Abgashürden oft nicht schafft, der Benziner etabliert ist und sich mit wenig Aufwand auf Ethanolbetrieb umrüsten lässt.

Besonders geringe "Vermeidungsleistung"

Aber gerade Ethanol ist nach der aktuellen Empfehlung des wissenschaftlichen Beirats kein Königsweg. Im Gegenteil, nirgends sei das für den Klimaschutz vermiedene Kohlendioxid pro Hektar so gering. Und gleichzeitig wären die CO2-Vermeidungskosten nirgends so hoch. Weder die Unabhängigkeit vom Rohöl noch die Schaffung von Arbeitsplätzen könne so erreicht werden.

Feigenblatt für die Autoindustrie

Das Feld ist eben da, um Nahrungsmittel zu produzieren. Der Ackersprit kann zwar die Bauern aus ihrer Misere führen, aber nur wenn ausländische Landwirte nicht noch billiger sind. Ganz sicher werden die Lebensmittelpreise so nicht sinken, und das spüren speziell die, die ohnehin schon wenig haben. In Mexico City, in Delhi, in Berlin.

Die Profiteure des Biospritbooms sind scheinbar die Autohersteller. Sie können den Zwang zur Produktion von ernsthaft sparsamen Autos weiter hinauszögern. Und wahrscheinlich wird der an der Zapfsäule beigemischte Biosprit sogar auf die Kohlendioxidemissionen angerechnet. Ein Feigenblatt und ein Skandal zugleich: Der Gedanke an einen Geländewagen, der dank Biosprit als "klimaneutral" und damit umweltfreundlich durchgehen könnte, wirkt obszön.

Zukunftsstrategie bei Daimler

Wohin die Reise geht, sagt die Daimler AG. In der ersten Stufe sollen die aktuellen Motoren immer sparsamer und sauberer werden, mit BLUETEC und Hybrid und Diesotto. Dass gerade Mercedes-Benz davon noch meilenweit entfernt ist, zeigt der aktuelle Flottenverbrauch, bei dem die Marke mit dem Stern trotz des Sparmeisters Smart cdi den Negativrekord hält. Nach der Motorentechnik soll der Biosprit helfen, und da vor allem der BtL-"Sundiesel".

Den Quantensprung verspricht aber erst das elektrische Fahren, bei dem Mercedes-Benz auf die Brennstoffzelle setzt. Ab 2010 soll die B-Klasse in Kleinserie den Markt ertasten. Zu früh oder zu spät? Darüber entscheidet nicht nur der Markt. Auch der Gesetzgeber kann durch Vorgaben und Förderungen eingreifen. Im Moment scheint vor allem der Altbestand im Fadenkreuz zu sein. Wie ernst es die Bundesregierung mit dem Klimaschutz meint, wird die kommende Kohlendioxidsteuer zeigen. Mal sehen, ob die Spritsäufer ungeschoren davonkommen.

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Von Christoph M. Schwarzer
 
 
KOMMENTARE (9 von 9)
 
treffe (01.02.2008, 17:50 Uhr)
Die Erlösung vieler Agrarprobleme
Wer kennt nicht noch die Schweineberge, Butterberge, Milchseeen usw. Die Agrarreform brachte dann "Kohle" auch für Brachflächen. Wer hat etwas dagegen, dass diese Flächen mit Grün beliebiger bepflanzt und in Biosprit gewandelt; die Reste können noch zu Biogas und Strom umgesetzt werden.Die Bauern freut es; die Zahlungsbilanz und Finanzminister auch sowie Arbeitslose und Technologie-Exporteure. Nur die Scheiche ärgert´s!
Pixelschubser (01.02.2008, 16:24 Uhr)
Hach...
..wer lesen kann, ist klar im Vorteil - es waren natürlich zum jetzigen Zeitpunkt 9% und nicht 6% der User, die das Thema so sehen wir ich - Entschuldigung bei allen, die ich damit nicht genannte habe... ;o)
Pixelschubser (01.02.2008, 16:19 Uhr)
Was soll der ganze Stress?
Ich verstehe ja die Einwände derer, die monieren, hier werden Lebensmittel zu Sprit verarbeitet, die auf der anderen Seite der Erde fehlen.
Nur - ganz ehrlich - ich halte diese Argumentation für absolut scheinheilig. Denn würde man das Zeug nicht zu Treibstoff verarbeiten, würde man es bestenfalls verrotten lassen - im ungünstigeren Fall sogar in einer MVA verbrennen. Wem wäre denn damit geholfen? Und was von alledem käme denn bitte sehr in den genannten Regionen an?
Und ist es nicht gerade ein Land wie Brasilien, das - obwohl es bestenfalls zu den schwellenländern gehört, seinen Ethanol gerade aus lebensmittelfähigem Grünmaterial herstellt? Wäre das nicht eher als zynisch zu bezeichnen, als mit dem Moralfingerchen auf unsere Ideen zu zeigen? Dem Beispiel Brasilien muss man sich ja nun nicht unbedingt anschließen...
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Außerdem: wer behauptet eigentlich so steif und fest, man könne Bio-Ethanol nur aus lebensmittelfähigem Pflanzenmaterial erzeugen? Das ist nämlich absoluter Humbug und wieder einmal ein Totschlagargument der Mineralöllobby! Bio-Ethanol kann man aus allem organischen Material erzeugen, das verrottet. Am wirtschaftlichsten natürlich aus schnellwachsendem Grünzeug, das ebenso schnell wieder verrottet. Man kann also quasi Bruchholz genauso verwenden wie die Abfälle aus unseren Bio-Tonnen, Zuckerrüben genauso wie Industriemais, und, ja, man könnte dieses Gebiet quasi auch noch zur Spielwiese für Gentechniker erklären, denn solange das Zeug zur Alkoholgewinnung genutzt wird, braucht man sich um die Risiken in der Nahrungskette wohl nur noch die Hälfte der Sorgen machen.
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Nächster Punkt: Das Rohmaterial bleibt nach dem Gärprozess ja im Prinzip erhalten, kann also durchaus noch als Dünger oder Kompostmaterial für andere Pflanzen benutzt werden. Wo läge da der Schaden?
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Ich habe bei der angehängten Umfrage gesehen, dass nur 6% der Beteiligten die Biospritdebatte eher positiv sehen - ich zähle mich offen und gerne dazu. Denn wenn man mal ganz nüchtern betrachtet, haben wir kaum noch eine Alternative, Treibstoffe für unser aller Mobilität zu erzeugen. Die Brennstoffzelle ist in Ihrer gesamten Energiebilanz (inklusive Herstellung und Entsorgung) eine undiskutable Katastrophe, erdgasantrieb scheidet wegen seiner zwangsweisen Nähe zum Erdöl aus bekannten Gründen aus, reiner E-Antrieb scheitert an der Herstellung des Stroms, seiner mangelnden Lagerbarkeit und der geringen Reichweite vorerst wohl auch aus - also: was bleibt übrig? Das, worüber Ihr Euch grad künstlich aufregt!
Also: Mal halblang, Ihr Lieben!
brainuser (01.02.2008, 13:37 Uhr)
Tja, Lobbyismus hin oder her...
Wo ist denn die Lobby der Konsumenten? Allein durch ein gezieltes Konsumverhalten ließe sich ein Menge bewegen. Schließlich hat die Regel "Nachfrage bestimmt Angebot" grundsätzlich noch immer Bestand.
Aber es musste ja so kommen. Es war absehbar. Überraschend ist im Zusammenhang Automobil-Mineralöl-Industrie-Staat nichts.
Oder warum sollte ich für 40.000 € ein neues Fahrzeug kaufen, wenn ein 15 Jahre Alter Audi 100 2.0E noch immer ohne Beanstandung durch den TÜV geht, Schadstoffeklasse 3 schafft und nicht mehr als 9-10 Liter maximal verbraucht?
Soll mir doch keiner sagen, die damit entstehende Problematik auf seiten der Automobilhersteller wäre ganz neu.
faustjucken_de (01.02.2008, 13:35 Uhr)
Lebensmittel zu Brennstoff!
Merkt keiner, wie pervers das ist, Lebensmittel zu vertanken?
Nur, weil alle weiterhin möglichst dicke Karren fahren wollen.
Badmax (01.02.2008, 13:28 Uhr)
Die wollen uns fertig machen!!
Diese scheiss Lobby-Politiker: Woher aoll ich denn das Geld hernehmen, um mir alle 4-5 Jahre ein neues Auto zu kaufen? Mittlerweile bereue ich es wirklich, mir einen Neuwagen letztes Jahr für 24000 Euro gekauft zu haben. Hätte ich mir doch nur ne alte Rostlaube gekauf!
Es geht nur darum den Neuwagenverkauf anzukurbeln!
Biokraftstoffe kosten Agrarflächen, verteuern dadurch Lebensmittel, Regenwälder werden abgeholzt, sind 30% ineffizienter als normales Benzin, der Verbrauch steigt dadurch und damit steigt deutlich die Umweltbelastung.
Alles Abzocker! Schweine!
brainuser (01.02.2008, 13:18 Uhr)
Eine kapitale Zwickmühle...
... haben wir da.
Die Politik will mehr Unabhängigkeit von begrenzten und stets teurer werdenden fossilen Kraftstoffen. Technisch durchaus mittelfristig möglich und auch erstrebenswert.
Allerdings basiert ein Großteil der Volkswirtschaft und damit der Wohlstand bzw. die Existenzgrundlage der Bürger auf dem Faktor Mobilität durch Verbrennungsmotoren (Automobile, Zulieferer, Ölkonzerne, etc.). Banal einfach, aber umso fataler. Schnelle Schnitte und Änderungen sind nicht möglich, ohne das ganze Industriezweige zu kollabieren drohen.
Schade eigentlich. Im Norden wird gejammert, dass mehr Strom produziert als verbraucht wird. Andererseits fristen Elektrofahrzeuge noch immer ein Schattendasein, obwohl insbesondere im Pendelverkehr der Großstädte für eine Entlastung der Umwelt und des Geldsäckels der Bürger sorgen könnten.
Doch wer generiert dann Steuereinahmen durch Kraftstoffkonsum und Arbeitseinkommen aus Kette Automobil-Mineralöl-Konzerne?
Kiezzabel (01.02.2008, 12:48 Uhr)
es ist wie beim Zuchtfisch
was man nicht vergessen darf, ist, dass die Produktion von auf Pflanzen gewonnen Kraftstoff Wasser verbraucht. Insbesondere in Südeuropa wäre das der Fall. Aber auch Grundwasser steht nicht unbegrenzt zur Verfügung.
Es ist wie beim Zuchtfisch, der die natürlichen Bestände angeblich schont udn mitunter deswegen als "öko" gilt. Was weniger bekannt ist: die meisten auf gezüchteten Fischarten sidn Raubfische udn werden mit Fischmehr gefüttert. Fischmehl wird aus Gammelfisch hergestellt, der mit engmaschigen Netzen gefangen wird. Für ein Kilo Zuchtfisch benötigt man drei Kilo Gammelfisch.
Tja - da beisst sich die Katze in den Schwanz. wenn wir durch Biodiesel weniger Erdöl verbrauchen, wächst aber gleichzeitig der Wasserverbrauch.
Amin42 (01.02.2008, 12:39 Uhr)
Nur Zwang zum Neuwagenkauf.....
mehr ist diese ganze Polotik nicht. Man kann es nicht oft genug wiederholen: die Reduzierung der Umweltfrreundlichkeit eines Autos auf das, was "hinten" rauskommt ist nur Augenwischerei und dient einzig dem Ziel, neue Autos zu verkaufen. Die aber erst prouziert werden müssen. Mit Plastik und anderen Werkstoffen aus Billigstländern, in denen gar keine Umweltvorschriften existieren.
Die Aggrseivität, mit der die Autolobby und ihre Verlängerung, unsere "REgierung" gegen Menschen vorgeht, die sich nicht alle 4 jahre ein neues Auto leisten wollen oder können ist wirklich obszön. Da folgt eine neuwagenfreundliche Mogeloackung der anderen ( z.B. Verbrauchsermittlung mit Fantasiebedingungen, Verrechnung des CO2 Ausstosses mit dem Gewicht, was fürn Witz ) am Ende wirds immer so sein: jedes neue Auto ist per se umweltfreundlich. Na klar auch der 3 Tonnen SUV, denn bezogen aufs Gewicht sind 400g CO2 pro Kilimeter echt wenig!! Das wirklich schlimme ist das Maß an Terrorisierung durch die Lobby: Helfen höhere Steuern für ältere Autos nicht, dann müssen eben Fahrverbote und Enteignung her ( Umweltzone ). Hilft das nicht, dann wird halt das Benzin für alte ( Nach Definition VW: Autos vor Bj.2006 ) unbrauchbar gemacht. UNd auch die CO2 Steuer ist nur einweiteres INstrument: hauptsache es wird " neues" CO2 emittiert, dasselbe Abgas aus alten Autos wird strafbesteuert
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