Das Neue Gesicht des Terrors

8. Oktober 2004, 10:34 Uhr

Einst schwor er bin Laden die Treue. Dann gründete er sein eigenes Netzwerk. Im Irak wütet Zarqawi als Schlächter im Namen Allahs, köpfte Geiseln persönlich. Deutschland entging nur knapp seinen Anschlägen. Von Uli Rauss und Oliver Schröm

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Einer der gefährlichsten Männer der Welt: Die Belohnung, die auf Abu Musab al-Zarqawis (li.) Kopf ausgesetzt ist, wurde auf 25 Millionen US-Doller erhöht©

Niemand, der die Bilder gesehen hat, kann sie vergessen. Sie zeigen Abu Musab al-Zarqawi, den brutalsten Terroristen der Welt. 31 Sekunden dauert die Videosequenz, in der Zarqawi einen Menschen tötet. Auf bestialische Weise.

Am Abend des 20. September wird das Video auf einer islamistischen Website veröffentlicht. Unterlegt von Kampfgesängen erscheint der Schriftzug "Al Tawhid wa Al Jihad". So heißt Zarqawis Terrornetzwerk: "Einheit und Heiliger Krieg". Ein Symbol ist zu sehen. Flagge, Kalaschnikow, hochgereckte Hand vor einer Weltkugel - Zarqawis Zellen agieren weltweit, im Irak, in Europa, auch in Deutschland. Auf Arabisch ist dann zu lesen: "Die Mediensektion der Gruppe Al Tawhid wa Al Jihad präsentiert die Schlachtung der Geisel. Name: Eugene Armstrong. Nationalität: Amerikaner. Position: Versorgung von Lagern der amerikanischen Armee mit Material." Der Vorspann dauert 55 Sekunden.

Schnitt, Szenenwechsel. Fünf schwarz gekleidete Männer mit Gewehren und Gesichtsmasken stehen vor einer Wand. Der Mann in der Mitte, etwa 1,86 Meter groß, breite Schultern, ist Zarqawi. Vor ihm auf dem Boden sitzt Armstrong mit weißer Augenbinde und zerzaustem Haar. Der 52-Jährige stammt aus Hillsdale in Michigan. Er arbeitet als Bauingenieur für die Firma GSCS Gulf im Irak. Seine Kidnapper haben ihn und zwei Kollegen vier Tage zuvor in Bagdad entführt.

Armstrong trägt einen orangefarbenen Overall; Arme und die angehockten Beine sind gefesselt. Hinter sich hört er die tiefe Stimme von Zarqawi. Der liest auf Arabisch eine Erklärung ab, mehr als sechs Minuten lang. Armstrong wippt unruhig vor und zurück. Er atmet schwer.

Zarqawi schimpft über die Amerikaner. "Ihre Bomben töten Kinder und Frauen...Ihre Gefängnisse sind voll mit unseren Brüdern und Schwestern." Zarqawi tönt: "Bush, dein Tag wird kommen! Unsere Männer lieben den Tod, wie du das Leben liebst. Töten im Namen Allahs ist ihr größter Wunsch. Deine Soldaten und ihre Helfer zu schnappen beschert ihnen die glücklichsten Momente. Die Köpfe der Ungläubigen abzuschneiden ist die Verwirklichung des Willens unseres Gottes...Bush, wir geben dir 24 Stunden, um alle weiblichen muslimischen Gefangenen freizulassen." Wenn nicht, werde er weitere Geiseln töten. "Wir werden sehen, wer am Ende siegen wird - wir oder du." Dann zieht Zarqawi ein Messer aus der Hosentasche, die Klinge 25 Zentimeter lang. Er zerrt sein Opfer auf den Boden, hält dessen Kinn mit der linken Hand fest und trennt ihm den Kopf ab. Die Schnitte, das Blut, die Schreie; das ganze Sterben wird aus nächster Nähe gefilmt. Armstrongs Kopf wird auf die Brust des Toten gestellt. Die Kamera zoomt auf sein Gesicht, sieben Sekunden lang. Am Ende hält jemand den Kopf neben die Flagge von Zarqawis Terrorgruppe. Der Leichnam von Eugene Armstrong wird Stunden später gefunden, ein paar Blocks entfernt von dem Haus in Bagdad, aus dem er entführt worden war.

Abu Musab al-Zarqawi wird als Schlächter Allahs in die Annalen des Terrors eingehen. Seit er im Mai 2004 den US-Bürger Nicholas Berg vor laufender Kamera kämpfte, ist keine Woche vergangen ohne Anschläge, Geiselnahmen und andere Terrorakte im Irak, die seiner Organisation zugeschrieben werden. Zuletzt hat er sich zu Anschlägen am vergangenen Wochenende bekannt, bei denen in Bagdad 41 Menschen starben, unter ihnen 35 Kinder. Die USA erhöhten die Belohnung für seine Ergreifung auf 25 Millionen Dollar. Der Terrorboss konterte, indem er seinerseits auf Iraks Ministerpräsident Ijad Allawi ein Kopfgeld von 200 000 jordanischen Dinar (rund 230 000 Euro) aussetzte.

Abu Musab al-Zarqawi stammt aus Jordanien, wo er Staatsfeind Nummer eins ist - in Abwesenheit zum Tode verurteilt. Einige Tage vor Veröffentlichung des Videos mit der Enthauptung Eugene Armstrongs suchten stern-Reporter die Familie des Terroristenchefs in Zarqa auf. Die Stadt ist mit 800 000 Einwohnern eine der größten Jordaniens. Zarqawis Vater starb vor vier Jahren, im März 2004 erlag seine Mutter einem Krebsleiden. Seine Erstfrau und der ältere Bruder lehnten ein Treffen ab: "Beschluss unseres Familienrates." Cousins und Schwager wollten nicht offen reden, luden aber ein zum Tee. Sie verteidigten "Abu Musab". Er, ein Vater von vier kleinen Kindern, ordne keine Morde von Zivilisten an. "Das ist alles Propaganda - Abu Musab muss als Sündenbock für Amerikas Desaster im Irak herhalten."

Die Verwandten kannten wohl das Video vom Mai, das die Enthauptung des Amerikaners Nicholas Berg zeigt. Die Aufnahmen sind unscharf und verwackelt. Nach einer Stimmanalyse erklärte die CIA: "Mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit" sei Zarqawi der Mörder. Die Männer in Zarqa sagten: "Unsinn, das ist nicht seine Stimme. Außerdem ist Abu Musab Linkshänder, der Mörder im Video schneidet jedoch mit rechts." Die Männer sind Bani Hassan, traditionsbewusste Beduinen und gewohnt, nichts Schlechtes zu sagen über den eigenen Bruder, Schwager, Cousin.

Doch dann tauchte das neue Video mit dem Mord an Eugene Armstrong auf. Einige von Zarqawis Verwandten sahen das grausame Sterben des Amerikaners im Internet. Sie riefen noch am Abend des 20. September den Familienrat zusammen. Sie hatten den Mörder erkannt, es war unzweifelhaft der Mann, mit dem sie Kindheit und Jugend verbracht hatten. "Das war er, ganz klar. Er ist kein Mensch, er ist ein Monster. Krank, verrückt! Er würde sogar seine eigenen Söhne ermorden." Die Beduinensippe beschloss an jenem Abend, ihn zu verstoßen und seinen Namen nie mehr in den Mund zu nehmen.

Im Westen von Jordaniens Hauptstadt Amman, auf einem Hügel im Viertel Jandawil, liegt ein schwer bewachter Gebäudekomplex mit drei- und vierstöckigen Sandsteinbauten, Antennenanlagen und Satellitenschüsseln. Hinter Barrieren und Checkpoints mit MG-Stellungen residiert das General Intelligence Department. Das GID zählt zu den erfolgreichsten Nachrichtendiensten der Welt. Seine Agenten waren die Ersten, die in Afghanistan Lager von al Qaeda infiltrierten. Dem GID gelang es auch, Gefolgsleute von Zarqawi umzudrehen und so an Insider-Informationen zu gelangen.

Im Auftrag von König Abdullah II. kooperiert das GID bei der Jagd auf islamistische Terrorzellen seit Jahren sehr eng mit arabischen und ausgewählten westlichen Diensten. Mit dem Verbindungsbeamten des deutschen Bundesnachrichtendienstes (BND) in Amman beispielsweise. "Sobald wir etwas über Aktivitäten von Terroristen in Deutschland und Europa wissen, kriegt der Mann das", bestätigt ein GID-Mitarbeiter. Bisweilen starten die Dienste sogar gemeinsame Operationen.

Übernommen aus ... Stern Ausgabe 42/2004

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