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27. Juni 2007, 13:54 Uhr

Küsse und ein Schicksalsschlag

Der neue britische Premier Gordon Brown ist das exakte Gegenteil seines Amtsvorgängers Tony Blair. Dem Zahnarztlächeln Blairs setzt er verknitterte Anzüge und verrutschte Socken entgegen. Erst ein Schicksalsschlag ließen den steifen Politiker in den Augen seiner Mitbürger zu einem Menschen werden. Von Cornelia Fuchs

Sarah Brown bespricht mit ihrem Mann Gordon ein Redemanuskript im Haus von Freunden kurz vor einer Parteiversammlung in Brighton© Tom Stoddart

Gordon Brown holt nicht Luft, er schnappt sie sich. Dabei fällt sein Unterkiefer herunter, sein Mund öffnet sich, und er atmet schnell und tief ein. Als habe er Angst, es sei nicht genug Sauerstoff im Raum. Brown erklärt Journalisten gerade, dass es ihm gelungen sei, die Schuldenlast Großbritanniens um knapp ein Sechstel zu verringern. Das Pfund ist stark. Seine Entscheidung, gegen heftigen Widerstand vor Jahren die Bank of England unabhängig zu machen, hat dem Land zehn Jahre Aufschwung beschert. Gordon Brown gilt als bester Schatzkanzler aller Zeiten. Und doch holt er immer tiefer Luft, je länger er redet. Als fürchte er, jemand könne ihm den nächsten Atemzug verweigern.

Nichts wirkt leicht an diesem schwer gebauten 1,80-Meter-Mann mit dem Hang zu verknitterten Anzügen und verrutschten Socken. Und im Gegensatz zu Tony Blair mit dem Zahnarztlächeln erscheint der 56- jährige Brown wie der griesgrämige Kollege, der zu lange warten musste, bis er an die Reihe kam. Auf der Parteikonferenz 2003 konnte jeder diesen Frust des Gordon Brown zum ersten Mal sehen: Während Blair nach einer emotionalen Rede sieben Minuten lang frenetisch beklatscht wurde, saß Brown in der ersten Reihe zwischen den Jubelnden, die Hände gefaltet, die Augen auf den Boden gerichtet. Wie ein verstockter Schuljunge saß er da und musste erleben, dass Blair ihn wieder einmal übertrumpfte. Seine eigene Rede hatte nur zwei Minuten Applaus erhalten.

Der natürliche Führer der jungen Generation

Der Mann, der sein neues Amt als Premierminister antritt, hat in den vergangenen Jahren im Schatten von Blair gearbeitet. Und hat doch nie in dessen Schatten gestanden. Dazu war er einfach zu wichtig. Umso mehr fand er es zutiefst unfair, nicht dort zu sitzen, wo Tony Blair Weltgeschichte schrieb: in Downing Street No. 10. Denn es war Brown, der die Partei einst auf ihre neue Rolle in der politischen Mitte vorbereitet und ihr den Sozialismus ausgetrieben hatte. Er war der natürliche Führer der jungen Generation. Blair aber hatte ihm das Amt des Premiers gestohlen.

Dazu ist Brown viel zu sehr von seinem Intellekt bestimmt - anders als der Instinktpolitiker Blair. Schon mit 16 Jahren begann Gordon Brown mit einem Geschichtsstudium an der Universität in Edinburgh. Er war stets der Beste seines Jahrgangs - und ein exzellenter Sportler. Sein Traum war, Fußballprofi zu werden. Doch 1967, noch im ersten Semester, verschlechterte sich plötzlich sein Augenlicht dramatisch.

In der Dunkelheit zum Politiker

Die Netzhaut auf beiden Augen hatte begonnen, sich abzulösen. Grund dafür waren wahrscheinlich Tritte gegen den Kopf beim Rugby. Auf dem linken Auge erblindete Brown. Sechs Monate musste er im Dunkeln liegen, um sein rechtes Augenlicht zu retten. In dieser Dunkelheit wurde Brown zum Politiker. Anders als Blair, den der frühe Tod der Mutter zum gläubigen Christen gemacht hatte, zweifelte Brown seither an seinem Glauben. Und er spürte, dass er keine Zeit mehr verlieren durfte. Mit 21 wurde er der jüngste Rektor der Universität Edinburgh.

Der unorthodoxe Student mit dem schmutzigen Burberry-Mantel und der Plastiktüte voller wichtiger Papiere, die er überall mit hinschleppte, war bekannt für seine Unordnung und prima Partys. Frauen duldete er bestenfalls. Prinzessin Margarita von Rumänien lebte jahrelang mit ihm zusammen. Sie trennte sich jedoch, als Brown 1979 den Wahlkampf für ein Abgeordnetenmandat antrat und Wutanfälle bekam, wenn sie bei gemeinsamen Ausflügen am Wochenende das Telefon abstellen wollte. Brown hatte später zwar stets Freundinnen, manchmal sogar mehrere zur selben Zeit, niemals jedoch ließ er sich mit ihnen sehen.

Tony Blair spielte die Karte des Familienvaters

Er verstand einfach nicht, dass ein Politiker nicht nur ein genialer Stratege, sondern auch ein Mensch sein muss in den Augen seiner Wähler. Tony Blair dagegen spielte die Karte des liebevollen Familienvaters aus, mit drei Kindern und einer erfolgreichen Frau, die ihn zu Hause auch den Abwasch machen ließ. Das brachte Stimmen. Brown aber weigerte sich, über Privates zu reden. So entstand das Gerücht, der eiserne Junggeselle sei schwul.

Am 12. Mai 1994 starb der damalige Labour- Führer John Smith völlig unerwartet an Herzversagen. Blair witterte seine Chance und begann sofort, seine Anhänger um sich zu scharen. Er wollte der neue Vorsitzende werden, auch wenn dies hieß, seinen Freund Gordon auszuspielen. Für den ging Loyalität über alles. Darum war er in den Jahren zuvor keinem Streit mit Gewerkschaften und alten Parteikadern aus dem Weg gegangen, um Labour für Blair und sich auf die Zukunft vorzubereiten.

Brown kam zu spät

Die beiden trafen sich im Londoner Restaurant Granita. Blair saß ganz allein im hinteren Teil des Lokals, als Brown ankam, wie immer zu spät. Gedrängt von einem übereifrigen Blair und gedemütigt von schlechten Umfragewerten für sich, versprach Brown, bei der Wahl des Parteivorsitzenden nicht gegen Blair anzutreten. Dafür gab der Brown freie Hand für fast die gesamte Innenpolitik. Und er versprach ihm angeblich, in seiner zweiten Amtszeit zurückzutreten, um den Platz für einen Premier Brown zu räumen.

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 26/2007

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