Venezuela fährt seine Truppen an der Grenze zu Kolumbien auf, Ecuador ebenfalls - die Krise in Südamerika, ausgelöst durch den Tod eines ranghohen kolumbianischen Rebellenführers, spitzt sich zu. Doch der Drohgebärden sind nur ein symbolischer Akt. Von unserem Korrespondenten aus Caracas

Steht sein Land vor dem Beginn eines Krieges? Präsident Hugo Chavez geht in seiner TV-Show den Kollegen Uribe an© AFP
Der tödliche Angriff auf einen Führer der Farc-Guerilla hat die Krise zwischen Venezuela und Kolumbien verschärft. Der venezolanische Staatschef Hugo Chavez ordnete in seiner TV- und Radiosendung "Aló Presidente" die Entsendung von zehn Armeebataillonen an die Grenze zu Kolumbien sowie die Mobilisierung der Luftwaffe an. "Ich versetze Venezuela in den Alarmzustand", erklärte Chavez vor laufender Kamera. Venezuela schloss außerdem seine Botschaft in Bogota. Auch Ecuador versetzte seine Truppen an der gemeinsamen Grenze zu Kolumbien in Bereitschaft.
Auslöser für die drastischen Schritte war der Angriff der kolumbianischen Armee auf ein Lager der Revolutionären Streitkräfte Kolumbiens in den ecuadorianischen Anden. Die Soldaten töteten dabei die Nummer zwei der kolumbianischen Guerilla-Gruppe, Raul Reyes, sowie 16 weitere Rebellen.
Chavez wies das Vorgehen Kolumbiens als Angriff auf die Souveränität Ecuadors zurück: Die "terroristische" Aktion könnte "der Beginn eines Krieges sein", sagte er warnend. Der für seine undiplomatische Sprache berühmt-berüchtigte Staatschef warf seinem kolumbianischen Kollegen Alvaro Uribe vor, als Handlanger der USA fungieren. Uribe sei "ein Krimineller, ein Lügner, ein Mafioso, ein Paramilitär", der eine Lakaienregierung im Auftrag Washingtons anführe. Lobende Worte fand Chavez hingegen für Reyes. Der getötete Farc-Sprecher sei ein "guter Revolutionär" gewesen.
Ecuador - von dem kolumbianischen Angriff direkt betroffen - mobilisierte seine Truppen in der Nähe des Nachbarlandes. Der am Pazifik gelegene Andenstaat zog seinen Botschafter aus Bogota ab. Ecuadors Präsident Rafael Correa und Chavez sind politische Verbündete. Entschuldigung für den Waffengang Die kolumbianische Regierung entschuldigte sich für den Waffengang auf dem Territorium Ecuadors. Gleichzeitig kritisierten allerdings kolumbianische Politiker laut Medienberichten Verbindungen der ecuadorianischen Regierung zur Farc. Der Gouverneur der Verwaltungseinheit Putumayo, Felipe Guzman, sagte Radio Caracol, die Rebellen würden in Ecuador mehrere Stützpunkte unterhalten, wo sie womöglich auch ausländische Geiseln, darunter die ehemalige kolumbianische Präsidentschaftskandidatin Ingrid Betancourt, versteckten. Das aktuelle Drohgehabe ist ein weiterer Tiefschlag für die ohnehin angespannten Beziehungen zwischen Venezuela und Kolumbien. Die Krise ist vor allem ideologischer Art: Der einstige Oxford- und Harvard-Student Uribe pflegt seit seinem Amtsantritt 2002 enge Beziehungen zu den USA, und lässt sich in seinem Kampf gegen Drogenkriminelle und die beiden größten Guerillagruppen in Kolumbien, Farc und ELN, finanziell aus Washington unterstützen. Mit seinem Hardliner-Kurs kann Uribe durchaus Erfolge vorweisen: In den vergangenen Jahren liefen tausende Guerillas zur Regierungsseite über, die Einnahmen der Rebellenorganisationen aus dem Drogenhandel und dem Geschäft mit Entführungen sind deutlich gesunken.
Der Linkspopulist Chavez hat dagegen mit seiner Abneigung gegen das "US-Imperium" und seine Sympathie für die kolumbianische Guerilla nie hinter dem Berg gehalten. Im August 2007 schaltete er sich als Vermittler in die Verhandlungen zur Freilassung von Geiseln in der Hand der Farc ein. Bogota nahm die Hilfe zunächst auch an. Im November erklärte Präsident Uribe die Mitwirkung von Chavez dann aber für unerwünscht. Der Grund: Sein Kollege hatte ohne seine Einwilligung Kontakt zum kolumbianischen Militärchef aufgenommen. Der eingeschnappte Chavez erklärte daraufhin die Beziehungen zu Kolumbien für eingefroren. Das Verhältnis zwischen der Farc und Chavez hingegen blieb ungetrübt: Im Januar und im Februar dieses Jahres ließ die Rebellenorganisation insgesamt sechs Geiseln frei, beide Male durfte der Staatschef aus dem Nachbarland - und nicht Uribe - die Freigelassenen in Empfang nehmen. Ein wichtiger Propagandaerfolg für Chavez, der bei einem Verfassungsreferendum im vergangenen Dezember die erste Wahlschlappe in den neun Jahren seiner Amtszeit erlitten hatte. Venezuela als Rückzugsort Für viele Venezolaner gilt es als offenes Geheimnis, dass die kolumbianischen Rebellen ihre Heimat als Rückzugsgebiet nutzen - und dort offenbar auch verstärkt auch ihr schmutziges Entführungsgeschäft betreiben. In den letzten Jahren sind die Geiselnahmen auf venezolanischem Territorium drastisch angestiegen. Opferverbände vermuten auch aktive oder zumindest einstige Mitglieder von ELN und Farc unter den Hintermännern.
Trotz des Säbelrasselns halten Experten einen militärischen Konflikt zwischen Kolumbien und Venezuela vorerst für unwahrscheinlich. Die Mobilmachung an der Grenze verschärfe die Spannungen, sei aber eher als "symbolischer Akt" zu verstehen, meint Ex-Verteidigungsminister Fernando Ochoa Antich. Einen Grund sieht er im Kräfteverhältnis zwischen den Streitkräften beider Länder. Die venezolanische Armee sei nicht bereit für einen Krieg, sagte Ochoa Antich. Die letzte Mobilmachungsübung habe im Jahr 1989 stattgefunden. Auch die wirtschaftliche Verflechtung zwischen beiden Länder spricht gegen eine militärische Eskalation. So bezieht Venezuela viele seiner Lebensmittel aus Kolumbien. Das Leben der von der Farc festgehaltenen Geiseln ist von dem Schlag der kolumbianischen Armee am Wochenende offenbar nicht bedroht. Die älteste aktive Rebellengruppe Lateinamerikas verbreitete venezolanischen Medienberichten zufolge in ihrer Zeitschrift "Resistencia" eine Erklärung zum Tod von Raul Reyes. Darin erklärte sie ihre Bereitschaft, an ihrem "Friedensvorschlag" festhalten zu wollen. Die Rebellen wollen eine Gruppe von mehr als 40 Entführten, darunter Betancourt, gegen hunderte inhaftierte Gesinnungsgenossen austauschen.