Sie trotzen Saddam, leben fern von Bagdad und profitieren von der Schwäche des Diktators. Mit ihrem Wunsch nach einem eigenen Staat könnten sie Bush in die Quere kommen.

Hoch über dem Fluss Habur sitzen zwei Peshmergas, trinken Tee und bewachen die Eisenbrücke. "Saddam kommt nicht mehr", sagen sie. "Aber wenn hier die Türken einmarschieren, werden wir wieder kämpfen"© Thomas Hegenbart
Frischer Schnee liegt auf den Bergen, reicht beinahe hinunter bis ins Grün der Täler. Die Sonne lässt das Eis der Nachtfröste knacken. Tariq sagt nicht viel und lächelt selten. Tariq, der ExPeshmerga, wie die Kurden ihre "dem Tode geweihten" Kämpfer nennen, chauffiert uns durch die wilde Landschaft des Nordirak. Tariq, der jahrelang in Eiseskälte und staubiger Hitze gekämpft, der getötet und seinen Bruder im Krieg gegen die irakische Armee verloren hat, will ein unabhängiges Kurdistan. Auch wenn alle Politiker der beiden herrschenden Parteien beschwören, sie wollen selbst verständlich als autonome Provinz im Irak verbleiben.
Tariq hat eine Lieblingskassette: Stundenlang hören wir die Filmmusik von "Titanic", immer wieder singt Céline Dion bei der Fahrt durch die schroffen Berge vom Ozean und von der Enttäuschung, nie das zu bekommen, was man sich am innigsten ersehnt. Nein, sagt Tariq, das Meer habe er noch nie gesehen. Aber warum nicht davon träumen? Jahrzehntelang haben die Zentralregierungen in Bagdad versucht, die Kurden zu unterwerfen. Saddam Hussein ließ Ende der achtziger Jahre Tausende Dörfer niederbrennen, ordnete ethnische Säuberungen an, befahl, Giftgas einzusetzen. Weit mehr als 100 000 Menschen starben, bis heute gibt es Flüchtlingslager rund um die Städte.

Dann kam der Golfkrieg. 1991, als die Alliierten Saddam erst militärisch besiegten, aber schließlich doch an der Macht ließen; als Washington die Iraker erst zum Aufstand gegen Saddam ermutigte und sie dann den Massakern der Republikanischen Garden auslieferte. Ein Gutes aber hatten die Wirren: Beschützt von UN-Sanktionen, Flugverbotszonen und amerikanischem Militär entstand das autonome Kurdistan -eine rund 40 000 Quadratmeter große Enklave für knapp vier Millionen Menschen ohne völkerrechtliche Souveränität, ohne Flughafen, ohne eigene Währung. Aber frei.
Ein virtueller Staat hat sich entwickelt: Die Mobiltelefongesellschaften laufen über angemietete Leitungen des britischen Telefonnetzes, Kurdistan hat dieselbe Ländervorwahl wie England: 0044. In den Städten haben Dutzende von Internetcafés eröffnet und eKurd-Net zu einem florierenden Unternehmen gemacht, dessen Hauptserver in Schweden und England stehen. Während das Nachbarland Syrien selbst Mailbetreiber wie Hotmail und Yahoo blockiert und im Irak das ohnehin kümmerliche Netz überwacht und oft wochenlang lahmgelegt wird, ist in Kurdistan keine einzige Website gesperrt. Was Geschäftsleute selbst aus Bagdad anlockt und die Internetcafé-Betreiber dazu gebracht hat, regelrechte Kabinen um die Computer zu bauen, damit die User sich in Ruhe auch Pornobilder anschauen können.
Die Kurden besitzen ein eigenes Parlament und zwei Regionalregierungen, eine in Erbil im Westen, eine in Suleimaniye im Osten. Nach Kurdistan fließen 13 Prozent der Milliardeneinnahmen aus den Erdölverkäufen, die dem Irak unter Aufsicht des Oil-for-Food-Programms erlaubt sind. Obendrein wetteiferten in den vergangenen Jahren alle UN-Hilfswerke darum, Kurdistan wieder aufzubauen. Die Straßen sind gesäumt von blau-weißen Hinweisschildern, dass hier mit UN-Hilfe Wasserleitungen gebaut wurden, Dörfer - bis hin zu den Blumenrabatten vorm "Zollamt" von Ibrahim Chalil, wo Tag und Nacht Tanklaster mit geschmuggeltem Öl an allen UN-Resolutionen vorbei in die Türkei rollen. Universitäten, Schulen, lokale Fernsehsender sind entstanden. Niemand wünscht sich das Regime aus Bagdad zurück. Und genau da beginnt die Tragik: Einen Krieg Amerikas gegen Saddam Hussein würden die meisten begrüßen. Aber was würde aus ihrer Unabhängigkeit, die sie im Windschatten des zwölf Jahre währenden Ausnahmezustands zwischen Krieg und Frieden genießen?