Wie Sergeant Andersson nicht im Krieg starb

27. März 2013, 12:00 Uhr

Die USA verlieren mehr Soldaten durch Selbstmord als im Gefecht. Charlotte Porter verlor nicht nur ihren Sohn, sondern auch ihre Schwiegertochter. Wie lebt eine Mutter mit diesem Schicksal? Von Jan Christoph Wiechmann, Portland

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Charlotte Porter versucht den Verlust ihres Sohnes durch die Arbeit mit seelisch verwundeten Soldaten zu überwinden©

Die letzten Meter zum Grab sind jedes Mal die schlimmsten. Die letzten Schritte über den akkurat geschnittenen Rasen. Vorbei an den symmetrisch angelegten Grabplatten der anderen Soldaten. Bis ganz nach hinten zu Grab JJ 452 des Militärfriedhofs von Portland.

Die kleine, schlichte Grabplatte ist immer noch da. Sie ist jedes Mal da. Die Erinnerung, dass alles wahr ist. Dass ihr Sohn nicht wiederkehrt aus seinem Krieg. In schwarzen Buchstaben steht dort: Nils Aron Andersson. Sergeant US Army. Iraq. Bronze Star Medal. APR 25 1981 - MAR 6 2007. You will not be forgotten.

Mehr nicht. Nur der Bronze Star. Der Tapferkeitsorden. Nichts zu seinem Krieg im Kopf. Nichts zu seiner posttraumatischen Verletzung PTSD. Nichts zum Versagen der US Army. Also muss die Geschichte ein anderer erzählen, findet sie.

Charlotte Porter kann froh sein, dass ihr Sohn ein Militärbegräbnis bekam. Früher wurden Selbstmörder hier nicht beerdigt. Früher galt Selbstmord als Verrat am Vaterland. Heute ist eine solche Interpretation schon schwieriger. Heute bringen sich mehr US-Soldaten um, als im Gefecht sterben. Charlotte Porter holt eine Statistik hervor, die sie dabei trägt. "349", sagt sie. 349 Soldaten brachten sich im vergangenen Jahr um. Mehr als je zuvor. Die meisten sind Männer zwischen 20 und 24. Viele bereits registriert als seelisch Verwundete. "Es ist eine Epidemie", sagt sie.

Admiral Mullen, bis 2012 Amerikas höchster Militär, nannte es "einen Notstand".

Die Zahl der Suizide steigt unaufhörlich

Die Zahl der Selbstmorde in den Streitkräften steigt von Jahr zu Jahr. 2010 waren es 298. 2011 301. Bis März 2003, dem Beginn des Kriegs im Irak, entsprach die Zahl der Suizide im Militär noch der in der Zivilbevölkerung. Seitdem stieg sie um 40 Prozent, ergab eine Studie der US Army.

Statistisch gesehen vergeht kein Tag, an dem sich nicht ein Soldat tötet, meist mit einer Schusswaffe. Auch Aron erschoss sich mit einer Pistole, auf einem Parkdeck in Houston. "Für Soldaten ist der Schritt viel zu leicht, weil sie ständig Zugang zu Waffen haben", sagt Porter. "Für mich und die meisten Menschen sind Waffen etwas so Fremdes, die Überwindung ist hoch. Für Aron waren sie ständige Begleiter."

Es vergeht kein Tag, an dem Charlotte Porter nicht an Aron denkt, ihren Erstgeborenen. Manchmal sieht sie sein Lachen vor sich. Mal seine Schmerzen. Häufiger die Schmerzen. Das Gesicht, aus dem die Leichtigkeit gewichen war. Nach seinen Einsätzen im Irak war er nicht mehr der unbeschwerte Sohn, den sie von früher kannte. Aber sie kam nur noch schwer an ihn heran. "Er sagte immer, dass keiner von seinen Seelenschmerzen erfahren dürfe. Sonst sei seine Karriere dahin."

Charlotte Porter versteht diesen Satz heute als Aufforderung. Sie rät allen Müttern: Holt eure kranken Söhne nach Hause. Überlasst sie nicht den Antidepressiva der Army. Akzeptiert keine medikamentöse Behandlung ohne begleitende Therapie. Holt euch selber Hilfe – ihr Mütter, Kinder, Ehefrauen. Die Veteranen tragen den Krieg in die Familien hinein.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Endlich, das Militär wacht auf. Nimmt die Seelenqualen zur Kenntnis und Charlotte hilft den Soldaten. Es hilft ihr, den Schmerz zu lindern.

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Lesen Sie im neuen stern Der Vater ein Kriegsgegner, der Sohn ein Kriegsheld. Sergeant Nils Aron Andersson war ein einfacher Kerl, der Schlachten überlebte, aber am Leben zerbrach. stern-Autor Jan-Christoph Wiechmann erzählt eine amerikanische Tragödie.

Charlotte Porter im Video-Interview - zu sehen hier, im stern-eMagazine

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