Der syrische Präsident Baschar al Assad hatte Reformen versprochen und lässt stattdessen sein Volk zusammenschießen. Doch die UN sehen ihn nicht als Gefahr. Porträt eines Problems. Von Manuela Pfohl

Als "konfus, weltfremd, eigensinnig" wird Baschar al Assad beschrieben© EPA
Er hätte einen markigen Spruch bringen können oder auch einen unverbindlichen staatsmännischen Nullsatz. Doch als ihn die Journalisten des "Wall Street Journals" im Januar nach den Demokratisierungsprozessen in seinem Land fragten, bemühte Baschar al Assad, Präsident der Republik Syrien, einen stinkenden Tümpel für seine Antwort. Einem Land im politischen Stillstand ginge es wie einem solchen Brackwasser. Es bildeten sich faulende Mikroben, die am Ende alles zersetzen. Deshalb, so Assad, sei es zwingend notwendig, dass sich Gesellschaften bewegten, auch die syrische. Und zwar hin zum Fortschritt, zu mehr Demokratie, aber vor allem zu mehr Dialog.
Nach den Aufständen in Tunesien und Ägypten konnte der Westen solche Versprechen gut gebrauchen und auch die Syrer hätten im Dialog mit ihrer Regierung einiges zu sagen gehabt. Doch die Berichte über die blutige Niederschlagung der Proteste in Syrien zeigen: Von Assads Bewegungsdrang vom Januar ist wenig geblieben. Im Gegenteil: Die meisten Hoffnungen, die sein Volk und auch der Westen in den jungen Staatsmann setzten, als er vor elf Jahren Präsident wurde, sind spätestens jetzt gestorben. Es stinkt im Land. Und zwar gewaltig. Doch was heißt das?
Baschar al Assad hat seit seinem Amtsantritt schon so oft seine Strategie geändert, dass ihm die anderen Staatschefs der Region inzwischen fast jeden Kurswechsel zutrauen. Dass er nach Jahren der Unterstützung für radikale Gruppierungen im Irak, im Libanon und in den Palästinensergebieten vor drei Jahren plötzlich indirekte Friedensverhandlungen mit Israel führte und sich auch mit dem vormals von ihm geschmähten französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy wieder versöhnte, kam für sie nicht wirklich überraschend. "Konfus, weltfremd, eigensinnig", so beschreiben Diplomaten anderer arabischer Staaten den Führungsstil des Präsidenten.
Dabei hatten auf ihm viele Hoffnungen geruht. Gerade auch im Westen. Als Baschar al Assad die Herrschaft über Syrien übernahm, glaubten viele politische Analysten an einen politischen Kurswechsel im repressiven und noch dazu äußerst rückständigen Staat. Assad Junior hatte schließlich, nachdem er in London Medizin studiert hatte, in einer britischen Klinik als Augenarzt gearbeitet und - Vorzug der westlichen Moderne - ganz ungezwungen mit seiner Freundin zusammengelebt.
Auch ihretwegen, der neuen First-Lady Asma al Assad, wuchs die Hoffnung auf einen gesellschaftlichen Wandel. Die 1975 geborene Arzttochter wuchs in London auf. Bekannt für elegante Garderobe und betont westlichen Lebensstil, erwarb sie im Volk hohes Ansehen für ihr soziales Engagement. Die mächtige Baath-Partei, Militär und Geheimdienst verhinderten allerdings wirkliche Reformen im Polizeistaat Syrien ebenso wie den vom Präsidenten versprochenen Kampf gegen die Korruption. Ob Baschar al Assad nicht die Chance hatte, gegen die alten Strukturen anzugehen, oder ob er sich ihnen aus Eigennutz unterordnete, ist nicht ganz klar. Sicher ist nur, dass er quasi zu seinem Amt genötigt wurde und es nun nicht so ohne Weiteres gedenkt aufzugeben.
Der heute 45-jährige Staatschef wäre wahrscheinlich immer noch Augenarzt, wenn sein für die "Thronfolge" bestimmter Bruder Basil nicht 1994 bei einem Autounfall ums Leben gekommen wäre. Als Baschar al Assad im Sommer 2000 die Nachfolge seines ebenso schlauen wie unnachgiebigen Vaters Hafis antrat, galt er zunächst als unerfahren, beeinflussbar und idealistisch. Vorsichtig ließ er in dem Geheimdienststaat, den ihm sein Vater hinterlassen hatte, die Meinungsfreiheit keimen.
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