4. November 2012, 19:00 Uhr

Wo sich die Schlacht ums Weiße Haus entscheidet

Die US-Wahl entscheidet sich in ein paar Bundesstaaten. Vor allem in Ohio und dort im Landkreis Cuyahoga. Die Kandidaten werfen hier ihre letzten Reserven ins Rennen: Polit-VIPs und jede Menge Geld. Von Katja Gloger

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Aufgeputscht auf den letzten Metern des Wahlkampfes: Obama verbreitet gute Laune im wichtigen Bundesstaat Ohio.©

Nun also "the final push", die letzte große Schlacht um die letzten Wählerstimmen, die vielleicht wirklich allesentscheidend sind in diesem seit Monaten allesentscheidenden Wahlkampf. Die Fernsehdebatten sind geführt, die Talkshows besucht, die Anzeigen geschaltet. Mehr als 1,5 Milliarden - ja, MILLIARDEN - Dollar haben die beiden Parteien für diesen Wahlkampf ausgegeben. Es war schon wieder einmal der teuerste aller Zeiten - und darin sind die geschätzt 800 Millionen "dunklen" Dollar anonymer Werbung noch nicht einmal enthalten. Es war ein miserabler Wahlkampf, bestimmt von Negativwerbung, gemein und kreischend, und das ist kein gutes Zeichen: Denn mittlerweile scheint Amerika so tief gespalten, dass Wähler offenbar nur noch dann mobilisiert werden können, indem man den Gegner im medialen Dauerfeuer diffamiert.

Vor den Kandidaten liegen nun die letzten Auftritte dieses elenden Wahlkampfes, der vor allem die Aufholjagd des Herausforderers ist: Mitt Romney. Ihm gelang es, sich in den vergangenen Wochen zunehmend als Mann der rechten Mitte zu präsentieren, vor allem in der ersten TV-Debatte mit Barack Obama. Damit punktet er bei konservativen Wechselwählern - und disziplinierte so auch die Rechten seiner Partei, seine Kritiker, die wütenden Männer der Tea Party. Sie werden ihn jetzt wählen, jetzt, da ihr Sieg greifbar scheint.

Umfrage-Patt der Kandidaten

Barack Obama und Romney liegen in den Umfragen statistisch gleichauf, es ist eine klassische Patt-Situation: Mal 47:47, mal 48:47 Prozent, am vergangenen Donnerstag - zwei Tage nach dem Hurrikan Sandy - ergab der Mittelwert der wichtigsten landesweiten Umfragen 47,4 :47,4 Prozent - und das ist schlecht für einen Präsidenten, der normalerweise einen Amtsbonus genießt. Wenn es also um die Zahl der Wählerstimmen geht, muss Barack Obama um seine Wiederwahl fürchten.

Doch in Amerika gilt ein anderes Gesetz: Nicht die Mehrheit der Wählerstimmen sichert den Sieg, sondern die Mehrheit der Wahlmännerstimmen. Es ist ein merkwürdiges Verfahren, ein Relikt aus den Gründerjahren der amerikanischen Republik. Man wollte die Präsidentenwahl damals nicht dem US-Kongress überlassen. Allerdings sprachen sich die Gründerväter auch gegen eine Direktwahl durch das Volk aus. Man hätte damit ja Millionen "Negroes" ausgeschlossen, so nannte man damals die schwarzen Sklaven der jungen amerikanischen Republik. So waren Wahlmänner der Kompromiss. Seitdem gilt die Regel: Gezählt wird auf Landesebene. Der Kandidat, der die meisten Stimmen bekommt, erhält sämtliche Wahlmänner eines Bundesstaates. Und je größer die Bevölkerung dort ist, desto mehr Wahlmänner werden nach Washington geschickt.

Niederlage trotz Stimmenmehrheit

Wer ins Weiße Haus einziehen will, muss mindestens 270 der 538 Wahlmänner für sich gewinnen. Und dabei kann es geschehen, dass ein Kandidat verliert, obwohl er die Mehrheit der Wählerstimmen erringt. Zuletzt passierte dies 2000 dem Demokraten Al Gore - er hatte rund 400.000 Stimmen Vorsprung vor seinem Gegner George W. Bush - aber nur 266 Wahlmänner, ihm fehlten die des Bundesstaates Florida.

Die Wahlen werden also in den Swing States gewonnen, in jenen drei bis elf Bundesstaaten also, die nicht fest einer Partei zuzuordnen sind - aktuell gehören Virginia und Iowa dazu, Wisconsin, Colorado und Nevada - vor allem aber Florida und Ohio. Die beiden Bundesstaaten sind die größten Preise der Wahl, liefern sie doch 27 und 18 Wahlmänner. Beide gingen vor vier Jahren an Barack Obama, sie sicherten seinen Sieg.

Bundesstaat für Bundesstaat, Landkreis für Landkreis

In den Wahlkampfzentralen in Chicago (Obama) und Boston (Romney) tüfteln sie an Formeln für sichere Wege zur Mehrheit, es ist die Mathematik des Sieges. Noch in der vergangenen Woche waren Hunderte mathematischer Kombinationen möglich. Jetzt werden jeden Tag Bundesstaat für Bundesstaat, Landkreis für Landkreis, Stadt für Stadt, Straße für Straße gescannt, Wähleraktivitäten registriert, Anforderungen für Briefwahlen etwa. Lohnt es sich für Obama etwa noch, in Colorado zu investieren? Dort könnte sich ein Vorteil Romneys abzeichnen. Welche Städte in Virginia eignen sich besonders für einen letzten Besuch Romneys? Vielleicht dort, wo Erstwähler, Frauen und Latinos bei der letzten Wahl überraschend für Obama gestimmt hatten? In Florida gingen Soul-Legende Stevie Wonder und Latino-Star Marc Anthony auf Tour mit First Lady Michelle Obama - wahrscheinlich eher nicht, um die weißen Pensionäre im Norden des Bundesstaates zu mobilisieren.

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