US-Präsident Obama will in Moskau eine Annäherung zu Russland einleiten - Abrüstung inklusive. Doch er trifft auf ein paranoides Land: eine Großmacht mit Minderwertigkeitskomplexen. Mit einer strauchelnden Wirtschaft nach Jahren des Booms. Und einer Regierung, die demokratisch tut, doch wie ein Zar regiert. Von Katja Gloger

Mit Paraden und anderem Militär-Chauvinismus demonstriert der Kreml seiner Bevölkerung den eigenen Großmachtstatus© Yuri Kochetkov/DPA
Wer in diesem Land die Hosen anhat, das zeigt Wladimir Wladimirowitsch immer mal wieder. Der Premierminister Wladimir Wladimirowitsch Putin rast durchs Land wie Daniel Düsentrieb, erscheint überall, wo Menschen in Nöten sind. Hört sich mit runzelnder Stirn die Sorgen der Werktätigen an, besichtigt Fabriken, steigt in Kohleschächte, besucht Wohnungen. Verspricht stets Besserung, stets mit zorniger Stimme.
Neulich war es mal wieder soweit. Da kam Putin in die ärmliche Kleinstadt Pikaljowo bei St. Petersburg. Und ließ dort, einem Zaren gleich, einen alten Bekannten antanzen: seinen Untertanen Oleg Deripaska, mit 28 Milliarden Dollar noch vor kurzem reichster Mann Russlands, jetzt mit über 20 Milliarden Dollar verschuldet, Russlands Aluminiumkönig, mehr denn je ein Mann von Putins Gnaden. Hatte dieser Deripaska doch alle Fabriken im kleinen Pikaljowo stillgelegt, denn dort gehört ja alles ihm, die Arbeiter hatten seit Monaten keinen Lohn bekommen. Sie übten sich in zivilem Ungehorsam, blockierten die Schnellstrasse Nr. 2 nach St. Petersburg.
Die Fernsehkameras liefen in Pikaljowo, Wladimir Putin tobte, dozierte über Habgier, der Milliardär schlug die Hände vors Gesicht, dann unterschrieb er Anweisungen zur Lohnfortzahlung. Und 200 Arbeiter feierten Putin wie einen Helden. "Effektives Krisenmanagement", tönte die staatliche Nachrichtenagentur Ria Novosti folgsam, "Putin greift gegen Oligarchen durch."
Zur gleichen Zeit präsentierte sich nur 250 Kilometer entfernt der andere Mächtige in Russland als liberaler Reformer. Auf dem internationalen Wirtschaftsforum in St. Petersburg sprach Präsident Dmitrij Medwedew von den Errungenschaften der vergangenen Jahre, von hart erkämpften Freiheiten, die man nicht aufs Spiel setzen sollte. Er sprach sich auch für den Schutz des Privateigentums aus.
Und wieder einmal bleibt man ratlos zurück. Weites, widersprüchliches Russland, noch nie war es zu erfassen mit rationalen westlichen Kriterien. Da agiert der ehemalige KGB-Oberst Wladimir Putin wie ein allmächtiger Zar. Da zeigt sich Medwedew als vorsichtiger Modernisierer. Die Widersprüche mögen inszeniert sein, einmütig aber sind die Herren in einem: Russland darf nie wieder auf den Knien vor dem Westen liegen wie noch in den 90er Jahren. Darf sich nicht den Amerikanern verkaufen. Russland ist groß und mächtig und lässt sich von niemandem was sagen. Auch nicht von einem Barack Obama.
Barack Obama hofft auf einen schnellen Durchbruch in den seit Jahren lahm gelegten Abrüstungsverhandlungen. Ende dieses Jahres läuft das wichtige Start-Abkommen zur Reduzierung der strategischen Nuklearwaffenarsenale aus. Obama will ein Folgeabkommen, eine Begrenzung der Nuklearwaffen auf 1700. Schließlich hat er gerade die Vision einer nuklearwaffenfreien Welt entworfen.
Bevor der Besuch Obamas beginnt, haben sich nun die USA und Russland nach amerikanischen Angaben auf einen Entwurf für eine Vereinbarung zur Verringerung der Atomwaffen verständigt. Ein US-Regierungsvertreter sagte, Unterhändler beider Seiten hätten sich auf einen Text verständigt, der nun den beiden Präsidenten Barack Obama und Dmitri Medwedew vorgelegt werden solle. Von einer endgültigen Einigung könne aber erst gesprochen werden, wenn beide Präsidenten dem Papier zugestimmt hätten, betonte der Regierungsvertreter. Das Abkommen soll im Laufe des Tages von beiden Staatschefs verkündet werden.
Ein Abrüstungsabkommen wäre auch eines der ersten handfesten Ergebnisse der neuen Außenpolitik Obamas: "Wir halten die Hand ausgestreckt, wenn die anderen ihre Faust öffnen." Es wäre ein Ergebnis, das er dem Wahlvolk im kommenden Jahr präsentieren kann. Denn dann stehen Kongresswahlen an, dann muss Obama bewiesen haben, dass er mehr kann als klug reden.
Die Frage ist nur: Wollen die Herren in der Festung Kreml die ausgestreckte Hand wirklich ergreifen? So ein Abrüstungsabkommen würde ihnen gut passen, sehr gut sogar. Denn Nuklearwaffen sind der einzige Bereich, in dem Russland wirklich eine Supermacht ist - auf Augenhöhe mit den USA. Es wäre ein Anfang, immerhin. "Doch man sollte nicht zuviel erwarten", sagt David Kramer, bis vor kurzem Russland-Experte im US-Außenministerium und jetzt beim German Marshall Fund. "Die momentane russische Führung teilt weder unsere Interessen noch unsere Bedrohungsszenarien. Und schon gar nicht unsere Werte. Die Menschen in Russland sind zwar wieder stolz auf ihr Land. Doch damit einher gehen Arroganz, Einbildung, gar Aggressivität. Und zugleich sind sie paranoid, unsicher, überempfindlich. Das ist eine schlechte Kombination. Das ist sogar eine brandgefährliche Kombination."
Einig wie selten sind sich Kreml-Astrologen, Russlandforscher, Experten aller Couleur über die wahre Natur des Moskauer Regimes. "Autoritär und instabil", "Demokratie wird imitiert". Ein Staat der "Silowiki": in diesem Staat haben Vertreter der Sicherheitsorgane Macht und Milliarden. "Zum ersten Mal in der Geschichte Russlands besitzen diejenigen, die Russland regieren, auch das Land", sagt Dmitrij Trenin vom Moskauer Forschungsinstitut Carnegie Center. "Putins Staats-Kapitalismus hat Macht und Eigentum in einer Weise verschmolzen, wie es das in der russischen Geschichte noch nie gegeben hat." So konnten es sich Putin und die Herren im Kreml sogar leisten, einen neuen Präsidenten wählen zu lassen. So wurde der demokratische Anschein gewahrt, das Land würde übergangsweise im Tandem regiert, die Verfassung geändert, sodass Putin erneut kandidieren kann.
In den vergangenen Jahren ging es gut, viel zu gut. Die Einnahmen aus den Öl- und Gasquellen sprudelten wie ein nie versiegender Brunnen, Präsident Putin versprach grandiose "nationale Projekte" aller Art: Wohnungen, Schulen, neue Industrien. Die Oligarchen hatten zu gehorchen, sie finanzierten Wahlen und Prestigeprojekte wie die Olympischen Winterspiele im tropisch-warmen Sotschi. Wer aufmuckte, wie Ölbaron Michail Chodorkowskij, musste ins Arbeitslager nach Sibirien.
Katja Gloger Die Wirtschaftskrise hat eine Welt fest im Griff, die auch ohne sie vor einer Neuordnung steht. Vor allem seit Barack Obama ins Weiße Haus eingezogen ist. Wie Amerikas Präsident die Welt verändern will, wer in Russland um die Macht kämpft, warum China das 21. Jahrhundert bestimmen könnte und worüber die Mächtigen dieser Erde hinter den Kulissen sonst noch rangeln, darüber schreibt stern-Autorin Katja Gloger in der stern.de-Kolumne "Was die Welt bewegt". Katja Gloger hat als Korrespondentin jahrelang für den stern aus Washington und Moskau berichtet.