Am Samstag gehen per SMS alle Nachrichten und Daten zwischen der Zentrale und den Sammelpunkten hin und her, die nur einen Kilometer voneinander entfernt sind. Wer ein internetfähiges Handy hat, kann den Liveticker verfolgen und per Twitter selbst Nachrichten an die anderen schicken. Jeder wird alles wissen. Gesprochen werden muss dazu eigentlich nicht mehr viel.
Die Organisatoren der legendären Menschenkette von Stuttgart nach Neu-Ulm hatten 1983 dagegen kein Handy, kein Twitter, kein Facebook, keine GPS-Daten für die Sonderbusse, keine Email-Verteiler. Die Fäden zogen Männer wie der Karlsruher Sonderschullehrer Ulli Thiel. Der "Vater der Menschenkette" schaffte es - gemeinsam mit vielen anderen -, dass Hunderttausende eine 108 Kilometer lange Kette von Stuttgart nach Neu-Ulm bildeten.
"Man musste mit den Leuten telefonieren, die kannte man ja", sagt Thiel, der sich sehr gern an die großen Tage erinnert. "Wir haben auch Rundbriefe verschickt an die Initiativen. Darin standen die wichtigsten organisatorischen Sachen. Die Adressaten sind dann mit dem Kettenbrief in die Treffen vor Ort gegangen." Penibel wurden einzelne Regionen Deutschlands den 20 Orten an der Strecke zugeordnet.
Dort verteilten am Tag der Demonstration Friedensfreunde Luftballons in verschiedenen Farben: Um 12 Uhr marschierten alle mit roten Ballons in die eine Richtung, die mit den blauen in die andere. Ob die Kette zwischen den Orten geschlossen war, erfuhren die Demonstranten aus Transistorradios. Darin liefen die Nachrichten des Südwestfunks, die dann den Kettennachbarn weiter erzählt wurden.
Das unablässige Sprechen in Gruppen gehörte Anfang der 80er ohnehin zum Protest wie der Sprengkopf zur Rakete. Es war ein einziges Palaver - bei dem sich erst im Nachhinein herausstellte, wie fürsorglich es von der DDR mit Geld und anderen diskreten Hilfen unterstützt worden war. Es war wirklich nicht alles besser. Aber ziemlich anders.