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10. November 2011, 23:38 Uhr

Wie retten wir die Welt, Herr Meadows?

1972 schrieb Dennis L. Meadows die bahnbrechende Studie "Die Grenzen des Wachstums". 2011 ist der Ökonom der Verzweiflung nahe. Ein Gespräch über den Euro, das Öl und die Kleingärtnerei. Jan-Christoph Wiechmann

Seit 60 Jahren leben wir im Westen in relativer Stabilität. Da ist eine Revolution schwer vorstellbar.

Richtig. Aber auf Kosten der Umwelt. Nehmen Sie nur Öl als Beispiel. In meiner Lebenszeit - ich bin Jahrgang 1942 - verbrauchen wir 85 Prozent des gesamten Erdöls, das in der Geschichte der Menschheit genutzt wurde. Ihr Deutschen kriegt das meiste Öl und Gas aus Russland. Wenn die Russen das irgendwann selber brauchen, habt ihr hier die große Krise.

Das haben Sie schon vor 40 Jahren gesagt. Neue Technologien aber beginnen Öl zu ersetzen.

Das ist ein Mythos. Es ist völlig undenkbar, dass Solar- und Windenergie Öl ersetzen werden. Öl macht die große Mehrheit unseres Transportsystems aus. Sonnenenergie kann das nicht ersetzen. Die Energy Watch Group hat berechnet, dass im Jahr 2030 die globale Erdölproduktion nur noch 50 Prozent der heutigen Produktion beträgt.

Deutschland verzichtet sogar auf Kernenergie.

Das habt ihr nur angekündigt. Wenn ihr in wirtschaftliche Nöte kommt, wird es ein Umdenken geben, und ihr werdet ökologische Ziele wieder aus den Augen verlieren. Klimaziele und all das, was teuer erscheint, werden aufgegeben.

Wenn der Mensch mit dem Rücken zur Wand stand, kam er immer mit neuen Erfindungen: Elektroautos. Windkraft. Energiesparsysteme.

Die helfen - eliminiert aber wird das Problem nicht. Die Energiekrise wird kommen. Auch die Klimakrise wird kommen. Es ist zu spät, den Klimawandel zu verhindern. Selbst wenn wir die CO2 Produktion sofort auf null reduzieren, wird sich das Klima über die nächsten 200 Jahre dramatisch verändern. Aber für Politiker ist das zu weit weg. Sie reagieren ja schon auf die Energiekrise nicht.

Momentan gibt es ja auch noch keine Krise.

Sie wird sehr plötzlich kommen, es wird zu Engpässen und Ausfällen kommen, da müssen Politiker reagieren. Als Russland Ernteausfälle hatte, hat es einfach den Weizenexport gestoppt. Eines Tages wachen die Deutschen auf und stellen fest, dass China im Besitz seltener Rohstoffe ist und sie Deutschland nicht mehr so billig gibt. Weil wir also nur kurzfristig denken, nähern wir uns einer Zeit extremer Krisen mit vielen physischen Folgen wie Klimawandel und Ölknappheit. Wenn du auf die Krisen nicht vorbereitet bist, folgt Chaos. Da Menschen die Ordnung der Freiheit vorziehen, führt das zu mehr Autoritarismus.

Sie sagten den Bundestagsabgeordneten etwas, das denen die Angst ins Gesicht trieb: "Wenn Sie nicht realistisch sind, wird die Demokratie verschwinden."

Es überrascht mich, dass ich sie angesichts ihrer jüngeren Geschichte davon überzeugen muss. Selbst in den USA ist das möglich. Plötzlich dürfen wir US-Staatsbürger im Jemen töten. Das Gesetz sagt zwar etwas anderes, aber wir bestimmen einfach: Das Gesetz gilt nicht. Wenn Menschen zwischen Ordnung und Freiheit wählen müssen, entscheiden sie sich immer für Ordnung. Das ist kulturübergreifend so, in Deutschland, Russland, Amerika. Das haben sie nach dem 11. September gesehen, als wir viele Freiheiten aufgaben.

Was also kann man tun, um den Kollaps zu verhindern?

Seien Sie vorsichtig mit dem Begriff Kollaps. Beim Kollaps denkt man, alles stürzt plötzlich in sich zusammen. Nach meinen Berechnungen haben wir im Jahr 2100 immer noch mehr Menschen auf der Erde und mehr Nahrung, aber wir haben dann Wendepunkte erreicht.

Welche?

Bei der maximalen Erdölfördermenge - Peak Oil - haben wir den Wendepunkt wahrscheinlich bereits 2006 erreicht. Bei der Nahrungsmittelproduktion pro Kopf haben wir den Höhepunkt schon in den 90er Jahren überschritten. Beim Wasser noch nicht, aber es wird bald soweit sein. Schon jetzt haben wir viele Wasserreservoirs geplündert.

Wie sieht es bei anderen Rohstoffen aus – Kupfer, Eisenerz, Lithium?

Noch nicht, aber für mich ist es egal, ob es in zwei oder zwanzig Jahren so weit ist. Was die Menschen verstehen müssen, ist dass wir in unserem Wachstumswahn die natürlichen Rohstoffe nicht unendlich ausbeuten können. Ich benutze als Analogie zur Erde gern das Beispiel eines Kindes. Du freust dich 18 Jahre lang, dass es wächst, aber irgendwann erwartest du, dass das Kind nicht mehr wächst, sondern sich anderweitig entwickelt.

Wie sollte es sich entwickeln?

Vielleicht glücklich werden? Wachstum macht nicht auf Dauer glücklich. Fragen Sie mal ihre Landsleute, ob das Wirtschaftswachstum sie glücklich macht. Wir brauchen andere Indikatoren, um eine Gesellschaft zu bewerten. Die Kanadier entwickeln gerade den Canadian Welfare Indicator. Der setzt sich aus 64 Indikatoren zusammen. Darunter: Gesundheit, Bildung, Sicherheit, das Erlernen eines Instruments.

Wir sollten das Bruttosozialprodukt durch Musizieren ersetzen?

Nicht ersetzen. Erweitern. Wir können nicht alles mit Bruttoinlands-Statistiken messen. Wir brauchen mehr Indikatoren. Nehmen Sie als Beispiel neue Fahrzeuge wie den Prius. Wenn die einzige Anzeige der Geschwindigkeitsmesser wäre, würden die Menschen das treibstoffsparende Potential gar nicht wahrnehmen. Man braucht also andere Anzeigen wie etwa den momentanen Spritverbrauch.

Damit verhindern wir auch nicht die von ihnen angekündigte Katastrophe.

Sie wollen immer Lösungen.

Natürlich.

Hören Sie auf damit. Eine Lösung würde bedeuten, die Probleme zu eliminieren. Das werden wir nicht schaffen. Sie können nur die Widerstandskraft verbessern.

Machen Sie das ganz persönlich?

Ja. Abstrakt gesehen kann man seine Widerstandskraft dreifach verbessern: In dem man die Pufferung verbessert, Überfluss vermeidet und Effizienz steigert. In meinem Haus habe ich alle drei berücksichtigt. Ich baue zudem gerade soziale Netzwerke. In unserer Gesellschaft haben wir zwischenmenschliche Beziehungen ausgelagert. Früher hast du dich um deine Eltern gekümmert, heute steckst du sie ins Altersheim. Früher hattest du einen Gemüsegarten, heute kaufst du alles.

Der Garten als Antwort auf die große Krise?

Ich fange im Kleinen an. Ich habe einen Community Garden gegründet. Da kommen 60 Kleingärtner zusammen. Wir treffen uns, wir helfen uns, wir sind im Notfall füreinander da. Ich habe alle Dinge aufgelistet, wie mein Leben im Fall einer Katastrophe beeinträchtigt wäre. Wenn also Internet, Wasserversorgung, das Bankensystem zusammenbrechen - wie bin ich dann gerüstet? Das sollte sich jeder fragen.

Und wie sind Sie gerüstet?

Ich diversifiziere meine Geldanlagen. Ich baue Überfluss ab. Brauche ich wirklich eine 11.000 Dollar Uhr wie mein deutscher Freund? Nein. Ich trage meine 20 Dollar-Uhr seit 10 Jahren. Ich habe mein Haus drastisch umgebaut, um 40 Prozent Energiekosten zu sparen.

Ihr Leben in New Hampshire als Modell für die Welt?

Neulich zog Hurrikan Irene direkt über mein Haus. Ich habe es schadlos überstanden. Ich habe jetzt meinen 100 Gallonen Propangas-Tank mit einem 500 Gallonen-Tank ersetzt. So überstehe ich fünf Wochen ohne Hilfe.

Und dann?

Na ja, es ist alles relativ. In der sechsten Woche nützt mir das auch nichts mehr.

Interview: Jan-Christoph Wiechmann
Seite 1: Wie retten wir die Welt, Herr Meadows?
Seite 2: Seit 60 Jahren leben wir im Westen in relativer Stabilität. Da ist eine Revolution schwer vorstellbar.
 
 
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