Im Krieg

20. April 2008, 15:00 Uhr

Sie ist kein Bond-Girl. Sie ist eine ganz normale Frau, 40, verheiratet, ein Sohn. Und sie hat sich für den Bundeswehr-Einsatz in Afghanistan gemeldet. Der stern hat sie ein halbes Jahr lang auf ihrem Weg nach Faisabad und zurück begleitet. Innenansichten einer Mustersoldatin. Von Franziska Reich

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Vor dem Spürpanzer Fuchs in Afghanistan: Die Verwaltungsbeamtin posiert mit ihrem G 36 für den stern©

Es ist ein Sonntag an der Kante zum Frühling, es ist nachts um halb eins, sie dreht den Schlüssel um und ist wieder da. Alles dunkel. Alles still. Ehemann Stefan* oben in tiefem Schlaf. Ihr kleiner Lukas* auch. Sie hat sich gefreut auf diese Stille, auf diesen Moment zwischen Gestern und Heute, zwischen Fremde und Heimat. Sie legt ihr Marschgepäck in die Ecke und geht durch das Wohnzimmer. Über der Couch das Bild von der kieseligen Küste, die Theke, aufgeräumt, sauber, alles genau so wie im November. Und draußen das weite Feld. Vielleicht sind die Kraniche schon zurück, und sie wird sie sehen, wenn sie morgens aufwacht.

Sie wird ein Ei essen. Sie wird frische Milch trinken. Sie wird ein Schaumbad nehmen. Zu Hause eben. Zurück aus dem Krieg.

Alexandra, so will sie genannt werden, so hätte ihr Vater sie genannt, wenn er ihren Namen hätte aussuchen dürfen - Alexandra also, die 40-jährige Verwaltungsbeamtin der Bundeswehr, kehrt an diesem Sonntag im Februar heim in ihr kleines Haus in dem kleinen Dorf auf Rügen. Dezember, Weihnachten, Silvester, ihren Geburtstag, Karneval, fast drei Monate war sie in Afghanistan - in Faisabad, dem Camp am nördlichen Rand dieses kaputten Landes zwischen dem Iran, Pakistan und den Bergen des Hindukusch. Eine kompakte Frau mit einem kompakten Leben. Eine Hosenanzugträgerin, die sich beflissen um den Papierkram der Bundeswehr kümmert. Keine Lara Croft. Kein Bond-Girl.

"Ich will helfen"

Wenn man sie fragt, warum sie sich freiwillig die Uniform übergezogen und für Afghanistan gemeldet hat, warum sie sich dieser Gefahr aussetzt, obwohl drei ihrer Verwaltungskollegen im vorigen Jahr beim Bombenanschlag auf dem Markt von Kundus umkamen, dann sagt sie: "Ich finde den Einsatz richtig, deshalb will ich dabei helfen." Und wenn man sie nach dem Geld fragt, nach den 92,10 Euro, die jeder Soldat pro Tag im Einsatz zusätzlich verdient, dann sagt sie: "Das spielt für mich keine Rolle. Nein. Wirklich. Überhaupt keine" - und man schaut sie an, und man weiß, man sollte ihr doch eigentlich glauben.

Alexandra gehört zu den 150 Soldatinnen und 3500 Soldaten, die im letzten Bundeswehrkontingent ihren Dienst in Afghanistan getan haben. Seit die Bundeswehr 2002 Teil der Internationalen Schutztruppe (Isaf) wurde, schickt sie in regelmäßigen Abständen deutsche Soldatinnen und Soldaten nach Afghanistan - manche schon zum vierten Mal.

Die Regierung schickt sie in den Krieg, aber irgendwie nur ein bisschen - in den Norden, wo es noch am sichersten ist. Sie spricht nicht gern über Kampf und Tote, dafür viel über den Aufbau, bei dem die deutschen Soldaten helfen. Ein bisschen Krieg, ein bisschen Aufbau. Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass. Dass gerade Alexandras Weg in diese merkwürdige Mission erzählt wird, ist weder Zufall noch Willkür. Alexandra wurde von der Bundeswehr für die Begleitung des stern ausgewählt. Als idealtypisch für einen Soldaten, der gut funktioniert. Als Musterbeispiel also.

Beim Militär gibt es nicht richtig oder falsch

Dieser Weg beginnt im vergangenen Herbst. Mitte November, in der bayerischen Rhön. Alexandra soll fit gemacht werden für den Einsatz, lernen, wie sich eine Soldatin bei Gefahren verhält. Es ist träger Mittag, alles feucht und kalt im Bundeswehrübungscamp Haveldorf, Wildflecken. Die Wachen überprüfen gerade einen Lkw, als sich plötzlich die Männer des Dorfes zu einer Menge zusammenrotten, einer aufgebrachten Menge, die mit Fäusten und Knüppeln in Richtung Camp droht und brüllt. Aus dem Dorf ziehen die Rauchschwaden eines Lagerfeuers herüber, "PFOR raus!", brüllen die Männer und schwenken Schilder, auf denen "Germany sucks! Fuck off Murderers!" steht. Sandsäcke, Natodraht, in den Stellungen Scharfschützen mit Maschinengewehren, und Alexandra beugt sich einige Meter entfernt vom Gewühl über einen Soldaten, der sich in Verzweiflung die Pulsadern aufgeschnitten hat. Sie ist als Sanitäterin eingeteilt. Sie muss die stabile Seitenlage und das Abbinden üben. "Die Aufgabe wurde zweckmäßig gelöst", sagt der Ausbilder hinterher bei der Auswertung. Beim Militär gibt es nicht richtig oder falsch. Es gibt nur zweckmäßig oder unzweckmäßig.

Rollenspiel in Bayern: Sechs Wochen wird sie zur Soldatin ausgebildet - hier als Panzerkommandantin©

Sechs Wochen verbringt Alexandra auf Übungen wie dieser. Das, was sie auf den Lehrgängen kennenlernt, gefällt ihr. Sie mag, dass jeder seinen festen Platz hat in dieser strengen Hierarchie. Dass jeder funktioniert in einem eng abgesteckten Rahmen. Dass man "Denkt an eure Kameraden" auf Schildern liest, die an Kühlschränken hängen und dazu ermahnen, eine lauwarme Wasserflasche hineinzustellen, wenn man eine kalte herausgenommen hat. "In der Bundeswehr gibt es noch echte Kameradschaft. Die gibt es heute nicht mehr oft", sagt Alexandra.

Und so lernt sie, wie man das Gewehr G 36 putzt. "Zuerst kommt das Material und dann der Mensch", erklärt sie abends auf ihrer Stube und putzt die 480 Millimeter Rohrlänge, durch die das Geschoss mit 920 Metern pro Sekunde austreten kann - und genehmigt sich dann erst die warme Dusche.

Im Fokus fremder Männer

Sie fährt auf dem Panzer und brüllt "Absitzen" und "Meldung machen" und wirft sich hin, wenn eine Handgranate fliegt. Sie marschiert mit Kompass und militärischer Karte durchs Gelände und balanciert über ein in neun Meter Höhe gespanntes Seil. Sie lauscht einer Psychologin, die erzählt, wie schwierig es ist für eine Frau im Einsatz, so weit weg von der Familie, so vollkommen im Fokus fremder Männer. Sie lernt alles über Minen, die in Afghanistan zehnmillionenfach herumliegen, und über Sprengfallen, die unter Toilettenbrillen, Sofakissen oder Kaffeemaschinen lauern, und über die "Bösen", die "Schergen" und "Perversen", die ihr nach dem Leben trachten.

Alexandras Welt teilt sich auf diesen Übungen in Sicherheit und Gefahr. Das Wenigste da draußen ist sicher, die Gefahr allgegenwärtig. Sie wird beschworen. Oder die Angst wird mit männlich herben Sprüchen verwitzelt. Die Explosion einer Handgranate: "Rumpeldiepumpel und weg sind die Kumpel." Der Spaziergang durchs Minenfeld: "Wer suchet, der findet. Wer drauftritt, verschwindet."

Es wäre fahrlässig, die Soldaten nicht auf die Situation in Afghanistan vorzubereiten - auch wenn der Ernstfall selten eintritt. In Wildflecken lernt Alexandra zu schießen. In Faisabad wird sie das Gewehr neben dem Schreibtisch abstellen. In Wildflecken erträgt Alexandra eine sechsstündige Geiselhaft. In Afghanistan bestellt sie Computermäuse, die ein afghanischer Angestellter auf dem Markt besorgt. Wie die meisten ihrer Kameraden wird Alexandra das Camp niemals verlassen.

Übernommen aus ... Stern Ausgabe 16/2008

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