. .
Politik in Deutschland
Schlagzeilen Themen Mobil iPad Blogs Investigativ Hefte
 
Fotocommunity
Fotocommunity

Treffpunkt für ambitionierte Amateurfotografie. Bilder hochladen und bewerten, sich mit anderen Austauschen. mehr...

Weblogs bei stern.de
Weblogs bei stern.de

Die Online-Tagebücher bei stern.de: Freie Autoren schreiben hier persönlich, direkt und eigenständig. mehr...

Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka
sternTV - Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka

Vertiefende Informationen zu der aktuellen und den vergangenen Sendungen von sternTV. mehr...

stern Investigativ
stern Investigativ

Das Recherche-Team des stern. Erfahren Sie mehr über die Recherchespezialisten und ihre Enthüllungen von Terrorismus bis Wettmanipulation. mehr...

 
8. Juli 2010, 20:00 Uhr

Warum die bayerische Polizei lieber zuhause bleibt

Am Freitag wird Guido Westerwelle eine Regierungserklärung zu Afghanistan abgeben. Er wird viel vom zivilen Aufbau sprechen. Die Wahrheit ist eine andere. Von Gabriele Rettner-Halder

Polizei, Afghanistan, Einsatz, Ausbildung, ziviler, Wiederaufbau, Guido Westerwelle, Regierungserklärung

Einsatz in Afghanistan: Polizei-Patrouille mit Bundeswehrsoldaten© Axel Schmidt/ddp

Es sind 20. Exakt 20 bayerische Polizeibeamte, die derzeit in Afghanistan arbeiten. Um Einheimische zu schulen, um darauf hinzuwirken, dass das Land in wenigen Jahren in die Eigenverantwortung entlassen werden kann. Unter Ministerpräsident Günther Beckstein, CSU, der bis 2008 in Bayern regierte, waren es noch exakt null. Beckstein lehnte es ab, seine Landsleute an den Hindukusch zu schicken, um afghanische Polizeianwärter auszubilden.

Allein das Beispiel Bayern zeigt: Die Behauptung, der zivile Wiederaufbau in Afghanistan werde mit aller Kraft vorangetrieben, ist kaum zu halten. Außenminister Guido Westerwelle wird sie in seiner Regierungserklärung am Freitag dennoch aufstellen. Kanzlerin Angela Merkel hatte in ihrer Regierungserklärung im Januar gesagt, die Deutschen hätten bereits 30.000 afghanische Polizeikräfte aus- und fortgebildet, dieses Engagement sei in seiner Bedeutung nicht hoch genug einzuschätzen.

"Himmelfahrtskommandos"

Merkels Zahlen klingen imposant. Der Alltag vor Ort ist ein Grauen. Der bayerische Polizeidirektor Jan Schürmann, hat davon berichtet, auch in einem nachdenklichen Aufsatz für die Zeitschrift der Gewerkschaft der Polizei. Dass Frauen festgenommen wurden, weil sie allein das Haus verließen. Dass sie wegen Kidnappings beschuldigt wurden, weil sie ihre Kinder mitnahmen. Dass ihnen bei Vergewaltigung eine Mitschuld gegeben wurde. Dass Männer, die gerade mal drei Jahre in der Schule waren, sich für den Posten eines Staatsanwalts bewerben. Dass Urteile durch abgepresste Geständnisse zustande kamen und modernste westliche Kriminaltechnik in Abstellräumen verrottete. Polizeiausbildung in Afghanistan? Das ist eine Geschichte der Niederlagen. Mehr als 60 Prozent der Bewerber brechen ihre Polizeiausbildung wieder ab. Diejenigen, die durchhalten, verhalten sich noch lange nicht so, wie sie es sollten. Die afghanische Bevölkerung hat ohnehin kein Vertrauen in ihre Polizei - sie gilt als korrupt.

Wer prüft nach, wer kontrolliert, wer betreut die Männer über einen längeren Zeitraum? Es ist nicht so, als würden sich deutsche Polizisten darum reißen, an den Hindukusch zu fliegen. 136 Euro "Buschzulage" bekommen sie pro Tag. Ein karger Lohn für 24 Stunden Angst am Tag. Zumal die Lage auch im Norden nicht besser, sondern immer gefährlicher wird. Der GDP-Vorsitzende Konrad Freiberg sprach - in polemischer Überspitzung - von "Himmelfahrtskommandos".

Ausstattung der Polizei

Martin Schilf war im Auftrag der GDP in Afghanistan, um die Lage zu erkunden. Nach fünf Tagen in Kabul, Kundus und Masar-i-Scharif stand sein Urteil fest. "Die humanitäre Unterstützung ist dringend geboten", sagt er mit Blick auf die Polizeiausbildung. Nur werde bei der Debatte in Deutschland immer vergessen, dass 80 Prozent der Gebiete als "nicht begehbar" gelten. Wo bleibe da die Sicherheit für deutsche Polizisten, wenn sie die Trainingscamps verlassen?

Die Amerikaner haben darauf eine klare Antwort: Die deutschen Polizisten hätten sich von Anfang an schwer bewaffnen sollen. Nach Angaben aus Sicherheitskreisen hatte die Bundesregierung große Mühe, die Forderung der Vereinigten Staaten zurückweisen, den deutschen Polizisten quasi paramilitärische Vollmachten zu geben. Gleichwohl sind sie mit Feuerwaffen, Schutzhelm und Munition ausgestattet, sobald sie mit afghanischen Patrouillen unterwegs sind - und immer in Begleitung von Feldjägern der Bundeswehr. Das hat auch damit zu tun, dass Taliban und Warlords eine regelrechte Jagd auf Polizeikräfte veranstalten. GDP-Vorstand Jörg Radek weist im Gespräch mit stern.de darauf hin, dass bisher doppelt so viele afghanischen Polizisten wie afghanischen Soldaten getötet worden sind. Bis 2008 waren es zirka 1200.

Das Problem Bürokratie

Der Berliner Innensenator Erhart Körting will trotzdem weitermachen. "Raus aus Afghanistan" sei keine Lösung, sagt er zu stern.de. Allerdings müsse der Westen sein Engagement intensivieren. "Ich habe den Eindruck, die westliche Staatengemeinschaft hat den Zeitdruck immer noch nicht verstanden." Bei seinen Besuchen in Afghanistan habe er erlebt, dass die Unbeweglichkeit der afghanischen Verhältnisse und die westliche Bürokratie eine heikle Mischung ergäben. Körting: "Wie lange können wir das noch verantworten?"

Deutschland ist unter den Verbündeten die "leading nation" bei der Ausbildung der afghanischen Polizei. Funktioniert dieses Projekt nicht, ist die Abzugsperspektive nicht haltbar. Bis 2014 sollen 134.000 afghanische Polizisten im Einsatz sein. ´

Es liegt noch mehr vor den Deutschen als hinter ihnen.

Mitarbeit: lk
 
 
KOMMENTARE (10 von 10)
 
mantrid (09.07.2010, 15:05 Uhr)
Unfähiger Westen
Für die meisten Afghanen sind Freiheit, Menschenrechte zeitlebens abstrakte Begriffe. Wie sollen diese Menschen in Null Komma Nix dazu Zugang finden?

Es ist unglaublich, mit welch rührender Naivität die ach so fortschrittlichen Nationen nach Afghanistan hereingegangen sind. Wozu werden eigentlich Milliardensummen in Afuklärung (CIA, BND usw.) investiert, wenn dabei solche Fehleinschätzungen herauskommen?

Man muss den Afghanen erst einmal Werte vermitteln, die übrigens aus der Koran kennt. Afghanistan zu einer islamischen Demokratie zu entwicklen, wird mindestens zwei Generationen dauern.
Knurrer (09.07.2010, 13:30 Uhr)
Raus aus Afghanistan
Vielleicht sollten unsere europäischen Lichtgestalten endlich einmal begreifen, dass Afghanistan eine andere Welt ist, in der man mit unseren Maßstäben nicht weit kommt.
Aber ein Eingeständnis des Scheiterns oder der falschen Lösungsansätze würde ja dem Ego der politischen Bagage schaden.
Ich warte außerdem eigentlich nur noch auf die Dolchstoßlegende, mit der sich das erfolglose Militär aus dem Hindukuschsumpf zieht - auf Kosten der zahlmeisternden Bürger und dummen Wahlkreuzchenmacher natürlich.

traldors (09.07.2010, 09:09 Uhr)
Der Aufbau und die Schulung der (...)
Polizei in Afghanistan ist ein einziges Fiasko.
Unglaublich, wenn man diese "Phrasen" aus Berlin hört und die "Beweihräucherung" durch die Kanzlerin liest. U N F A S S B A R!
Fakt ist: Die Polizei in Afghanistan rekrutiert sich überwiegend aus ländlichen Gegenden mit schlecht vorbereiteten Rekruten mit kaum vorhandenen Voraussetzungen für den späteren Einsatz. Doch halt, im "Abzocken" lernen die afghanischen Polizisten schnell wie es läuft. Das Militär benutzt die Polizei als "dummy" für Operationen in gefährlichen Gebieten und es werden viel zu viele in "body bags" zurückgeschickt.
Zitat aus der Süddeutschen Zeitung: "Nur Doofe und Kriminelle wollen zur Polizei (in Afganistan)...."
Zum Nachlesen:" "http://www.sueddeutsche.de/politik/afghanistan-deutsches-desaster-nur-doofe-wollen-zur-polizei-1.143304"
Beobachter2010 (09.07.2010, 08:56 Uhr)
Guter Witz
@VolkerRockel

Zitat:
Eigentlich müßte man nun annehmen, dass die Politik(er) aus ihrem Versagen der letzten Jahre zum Thema Afghanistan gelernt hat!?

Das ist ein wirklich guter Witz, aber auch ein wenig weltfremd. Ichhabe noch nie erlebt, dass ein Politiker seine Haltung nachhaltig und ehrlich korregiert hat.

Zu hören bekommt man immer nur stereotype Statements die alles andere als ernst gemeint sind, sondern einfach so ins Mikrofon gesprochen sind ... man muss ja was sagen.
VolkerRockel (09.07.2010, 08:37 Uhr)
Afghanistan steht für die Unfähigkeit...
deutscher Politik, sich mit einer Aufgabenstellung angemessen analytisch auseinanderzusetzen und ein Konzept zu entwickeln, das in seiner Umsetzung kritisch begleitet wird und nach Bedarf konsequent korrigiert wird!

Die Entscheidungen zu Afghanistan, ist der typischen "fire and forget" Mentalität von politischen Entscheidungen entsprungen, die zunehmend kennzeichnend sind für das parlamentarischen Handeln der letzten Dekade!- Auf einer unzureichenden Analyse fussend, wurde eine Entscheidung getroffen, die in der Sache sicherlich richtig war, aber in der Strategie der Umsetzung bereits von Anfang an falsch!

Das diese Strategie falsch war, war relativ schnell erkennbar!- Um aber nicht die politische Entscheidung öffentlich korrigieren zu müssen (offensichtlich gehört es zu den Schwächen des Selbstverständnisses unseres parlamentarischen Systems, nicht angemessen selbstkritisch mit den eigenen Entscheidungen umzugehen, wenn sie der Korrektur bedürfen!?), wurde die eskalierende Situation in Afghanistan kaschiert, um so dem politischen Handlungsbedarf keinen Platz einräumen zu müssen!


Eigentlich müßte man nun annehmen, dass die Politik(er) aus ihrem Versagen der letzten Jahre zum Thema Afghanistan gelernt hat!?

Weit gefehlt!- Auch die "aktuelle" Afghanistan Strategie fusst auf einer unzulänglichen Analyse der Entwicklung "Vor Ort" und ist weiterhin eher dem "Prinzip Hoffnung" geschuldet als seriöser Politik, die sich mit dem Ergebnis ihrer politischen Entscheidungen laufend kritisch auseinandersetzt!- Hier wird im Zweifelsfall eher kollektiv weggeschaut, als sich mit dem aktuellen Lagebild in Afghanistan in Regierung und Parlament aktiv auseinanderzusetzen!- Das ist ein unhaltbarer Zusand!


Erschreckend genug, dass diese Unzulänglichkeit im Vorgehen von Parlament und Regierung zum Thema Afghanistan so deutlich wird.- Noch schlimmer ist, dass sich dieses Vorgehen auch in vielen anderen Politikfeldern erkennen läßt und offensichtlich ein systemisches Problem deutscher Politik darstellt!- Offensichtlich hat in den letzten Jahren in unser parlamentarisches System ein Vorgehensmodell Einzug gehalten, das nicht mehr den Ansprüchen der Zeit an die Qualität politischen Handelns genügt!


Anders ausgedrückt: Politik muss endlich lernen sich an konkreten Ergebnissen politischen Handelns messen zu lassen und an einem Vorgehen, dass sich an politischem "best practice" orientiert und nicht am Grad der Verschleierung politischer Inkompetenz!
Mikeorganizer (09.07.2010, 07:55 Uhr)
Alles Unsinn ...
Nachdem wir den amerikanischen Invasoren den Weg geebnet haben auf Kosten unserer Bürger, die wir als Kanonenfutter mit einem verlogenen Friedensauftrag dorthin geschickt haben, machen sich diese Herren nun über die Resourcen des Landes her. Da werden knebelverträge für Land etc. abgeschlossen um die teilweise unwissenden Eigentümer über den Tisch zu ziehen.
Selbstverständlich alles bezahlt auch von unseren Steuergeldern. Damit nicht genug :

Spendengelder und Staatsspenden von anderen Ländern versickern in undurchsichtigen Kanälen aber eben nicht da wo sie hingehören sollten.

Das ganze entpuppt sich als eine Geldwaschmaschine auf Kosten des Steuerzahlers der nicht nur sein Geld, sondern seine Söhne dort verliert und dies alles um ein paar gierige Invasoren reich zu machen.

Dies System ist ja auch wirklich nichts neues aber ändert auch nichts an seiner Widerwärtigkeit.

Diesem Land ging es besser ohne uns - das ist mal sicher.
Hiro (09.07.2010, 07:41 Uhr)
All in bringt den Abzug
Ich verstehe gar nicht was es bei diesem Einsatz zu diskutieren gibt. Diese ganzen Diskussionen sind nur schädlich. Wir müssen uns klar machen das wir da raus müssen. Das geht aber nicht so einfach von heute auf morgen. Wir müssen vorher alles nach Afghanistan schicken was wir haben und was die da brauchen und wenn es die komplette BW ist. Einfach Massiv auftreten und da unten Chef spielen. Das bringt uns den nötigen Respekt da unten um die Umstrukturierung angemessen durchzuziehen. DANN können wir da endlich raus. Alles andere ist zu teuer und können wir uns - nicht nur wegen dem Geld - nicht leisten.
jomimo (09.07.2010, 01:58 Uhr)
Nicht nur afghanische Felder sind interessant
sondern auch das Land mit metallischen Rohstoffen ohne Ende.

Das Militär muss das Land verlassen und neutrale Helfer ihm beistehen, aus den Schätzen der Erde und der Natur das Beste zu machen.

Die Achse des Bösen befindet sich wohl eher in Frankfurt oder London oder NY .
Papayu (09.07.2010, 01:48 Uhr)
Die Invasoren
Seit die Europaeer in Uebersee "TAETIG"
sind, haben sie versucht ihren GOTT und
Lebensstil aufzuzwingen. Allen voran die katholische Kirche - woher kommt wohl der Ausdruck: Missionarsstellung? Dann folgte die Kaufmannsschaft und die Ausbeuter. Ueberall in der Welt wurden die "Eingeborenen" gezwungen den europaeischen Ideen zu folgen, wenn nicht Folterung,Toetung und Versklavung.

Sie werden nie einem asiatischen Polizisten
"bayrischen" Gehorsam und Denkweise" beibringen koennen.
Also lasst andere Voelker und Sitten doch endlich in Ruhe. Aber das geht nicht, denn irgendeiner und irgendwelche wuerden dann ihre "EINFLUSS UND MACHT" verlieren, oder wie es im asiatischen
Stammtischparole (08.07.2010, 23:02 Uhr)
Es fehlt allein der Wille...
...und wahrscheinlich noch einiges mehr. Es ist Konsens in der internationalen Gemeinschaft dass der deutsche Beitrag zum Polizeiaufbau erbärmlich gescheitert ist. Nachdem wir Anfangs die Rolle der Lead-Nation für diesen Bereich übernommen hatten kam schnell die Ernüchterung. Es gab zwar ausgezeichnete Verbindungen zu hohen AFG-Polizisten, schließlich verbindet AFG und D eine lange Beziehung, dennoch zeigte sich schnell, dass der Ansatz, Polizisten der gehobenen Dienstgrade nach europäischem Vorbild auszubilden als nicht zweckmäßig. Nach der Übernahme durch die EU-geführte Polizeimission und die damit verbundene Personalaufstockung befanden sich immernoch weitaus weniger westliche Polizisten in AFG als im Kosovo (man bedenke den Größenvergleich). Im selben Zeitraum haben die USA zehntausende Polizisten mehr ausgebildet und allein für diesen Sektor mehr Geld ausgegeben als D für sein gesamtes AFG-Engagement.

Das afghanische Volk wird im Stich gelassen weil sich hierzulande niemand traut den Realitäten ins Auge zu sehen!
MEHR ZUM ARTIKEL
Nato-Truppen töten afghanische Soldaten "Friendly Fire" in Afghanistan

Ein Kampfflugzeug der Internationalen Schutztruppe ISAF hat in Afghanistan versehentlich eine Einheit der afghanischen Armee bombardiert und dabei mindestens fünf Soldaten getötet. mehr...

Ausstellung in Berlin "Warum Soldaten?"

Der Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan wird in der Heimat kritisch beäugt. Das drückt der Truppe aufs Gemüt. Nun will die Bundeswehr herausfinden, was die Bevölkerung wirklich über sie denkt. Mit einer Ausstellung. mehr...

 
Leser werben Leser

Jetzt den stern empfehlen und attraktive Prämie sichern!

 
 
 
 
 
stern - jetzt im Handel
stern (23/2012)
Rettet die Liebe