11. Oktober 2012, 22:38 Uhr

Kohl und das Warten auf den Friedensnobelpreis

Zum 125. Mal wird der Friedensnobelpreis verliehen. Helmut Kohl ist zum 22. Mal nominiert. Ist das Osloer Komitee dem alten Mann dieses Jahr gnädig? Geschichte einer angekündigten Dauerverweigerung. Von Niels Kruse

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Noch nie wurde ein noch lebender Ex-Regierungschef mit einer Briefmarke gewürdigt - mit Ausnahme von Helmut Kohl©

Vermutlich weiß Helmut Kohl selbst nicht mehr, welche und wie viele Ehrungen und Auszeichnungen er in seinem Leben erhalten hat. Das muss nicht an seiner angeschlagenen Gesundheit liegen, eher an der schieren Masse: Angefangen 1973 mit dem silbernen Ehrenzeichen der Republik Österreich, über die Krönung zum Oldenburger Kohlkönig (natürlich), bis zum Henry-Kissinger-Preis vergangenes Jahr. Nach ihm wurden Straßen und Brücken benannt und eine Briefmarke gibt es auch schon. Mehr als 50 Würdigungen listet die Konrad-Adenauer-Stiftung auf, dazu mehr als 20 Ehrendoktortitel. Nur der eine Preis, die Auszeichnungen aller Auszeichnungen, ist dem Altkanzler bisher verwehrt geblieben: der Friedensnobelpreis.

Schließlich: Wer hat den nicht schon alles bekommen? Im Jahr 2000 zum Beispiel, der südkoreanische Präsident Kim Dae-Jung für seine "Beiträge zur Verständigung Südkoreas mit Nordkorea" - ein Konflikt, der bis heute nicht gelöst ist. Oder der Ökostar, aber insgesamt glücklose Al Gore. Oder 2009 Barack Obama, dem diese Ehre allerdings selbst zu viel des Guten war. Doch was sind all ihre Bemühungen gegenüber dem, was der 82-Jährige nicht nur für Deutschland sondern für den ganzen Kontinent geleistet hat? Wiedervereinigung! Grenzenloses Europa! Gemeinschaftswährung! So sehen es zumindest diejenigen, die seit Jahren dafür eintreten, dass der Pfälzer nun aber wirklich mal an der Reihe ist. An allererster Stelle Kohl selbst. Michael Gorbatschow gehört ebenfalls dazu, die "Bild"-Zeitung selbstredend, aber auch Sozialdemokrat Manfred Stolpe und mittlerweile sogar Angela Merkel, Kohls gelehrigste Schülerin, die sich "auch persönlich" über die Auszeichnung freuen würde, wie sie einmal vielsagend ausrichten ließ.

22 Jahre in Folge ist Kohl Anwärter auf den Preis

Am Freitag, 11 Uhr, gibt das Komitee in Oslo den 125. Preisträger bekannt. 2012 wird sozusagen ein Jubiläum begangen, 231 Nominierungen wurden dafür eingereicht und natürlich gehört Helmut Kohl wieder zum Kreis der Erlauchten. Wie jedes Jahr seit 1990, wenn man den Auguren glauben darf. Denn die Nominiertenliste wird traditionell geheim gehalten, nur ein paar ausgewählte Persönlichkeiten und die Gesamtzahl gibt das Nobelpreiskomitee bekannt. Angesichts der 22 Jahre, die der Kanzler/Altkanzler nun unter den Anwärtern weilt, ist es erstaunlich, dass die erste Pro-Kohl-Kampagne 17 Jahre gedauert hat. 2007 hatte sich José Manuel Barroso, damals wie heute EU-Kommissionspräsident, für den Einheitskanzler stark gemacht. Schnell schwollen daraufhin die Anfeuerungschöre an, und ebbten genauso schnell wieder ab. Bis heute fragen sich viele Beobachter, ob diese massive Unterstützung dem Mann nicht eher geschadet als genutzt hat.

Helmut Kohl hat es ohnehin schwer mit seinem Selbstbild als großer Vereiniger und Friedensstifter durchzudringen. Unbestritten ergriff er nach dem Fall der Mauer beherzt die Chance zur Wiedervereinigung. Weniger klar dagegen ist, wie bequem das Bett schon bereitet war, in das sich Kohl 89/90 legte. Waren es nicht Konrad Adenauer und Charles de Gaulle, die die Grundlage für die spätere EU legten? War es nicht Willy Brandt, der mit seiner Ostpolitik Deutschland wieder salonfähig machte? War es nicht Michael Gorbatschow, der mit seiner Perestroika den eisernen Vorhang lüftete? Und waren es nicht die Bürger der DDR, die den Mauerfall herbeidemonstrierten? Es sind die aus Sicht von Kohl die Sozis und andere Genossen, die ihm sein Lebenswerk mit solchem Genörgel madig machen wollen. Aus seiner Sicht ebenfalls bedauernswert: Auch das Friedensnobelpreiskomitee steht nicht im Verdacht, politisch besonders konservativ zu sein.

Wie Ballack bleibt ihm der ganz große Titel verwehrt

Es deutet also einiges daraufhin, dass der von Alter und Krankheit gezeichnete Ex-Kanzler auch dieses Mal wieder leer ausgehen wird. Vermutlich entscheiden sich die Osloer für einen ehrenwerten aber weitgehend unbekannten Menschenrechtler, aus einer der vielen Krisenregion der Welt. Davon gab und gibt es immer noch reichlich: die arabische Welt, Afrika, Russland. Dabei wäre eigentlich mal wieder einer aus der alten Welt dran. Der letzte Europäer, der den Auszeichnungsolymp erklomm, war 2008 der Finne Martti Ahtisaari, der letzte Deutsche Willy Brandt 1971. Vielleicht ist Helmut Kohl aber auch einfach nur der Michael Ballack der Politik: Jahrelang immer ganz vorne dabei, wenn es um ganz große Geschichte ging, aber für den Titel aller Titel spielte er stets im falschen Team.

Von Niels Kruse
 
 
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