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9. September 2007, 11:35 Uhr

Die Nacht von Mügeln

Nazis wollten Inder lynchen. Zu gut passte diese Nachricht in die lange Reihe rechtsextremer Überfälle, als dass die Öffentlichkeit genauer hinsah. Doch was in der sächsischen Kleinstadt geschah, war kein organisierter Neonazi-Angriff, sondern schlimmer. Von Gerald Drißner, Martin Knobbe und Christian Parth

Jagpal Singh zeigt das blutverschmierte Hemd, das er in der Nacht zum 19. August trug. Er wurde vor dem Festzelt brutal zusammengeschlagen. Als seine sieben Freunde in die Pizzeria flohen, blieb er verletzt liegen© Jörg Gläscher

Kulvir hatte seinen Marktstand aufgestellt, beim Rathaus, nur wenige Meter von dem Platz entfernt, an dem er sonst immer steht, dienstags und donnerstags. Es war Samstag, das Altstadtfest, und Kulvir verkaufte T-Shirts und Socken. So kennt man ihn in Mügeln, den Textilhändler aus Indien. Am Abend packte er seine Sachen zusammen, es sind nur 500 Meter bis zu seiner Wohnung, er rief seine Freunde an, Kuldeep, Mandeep und Jagpal, sie trafen sich gegen neun und tranken Schnaps und Bier. Später rief Amarjeet an, "kommt ihr rüber?", das "Picobello", sein Imbissladen, war nur fünf Minuten entfernt. Er hatte eine riesige Pizza im Ofen, mit Ingwer, Knoblauch und Peperoni. Es war eine halbe Stunde vor Mitternacht, als sie mit dem Essen fertig waren, sie hatten Lust zum Feiern und gingen rüber zum Fest.

Anderthalb Stunden später waren sie wieder zurück in der Pizzeria. Ihre Hemden waren voller Blut, sie hatten Platzwunden am Kopf, Beulen im Gesicht, die Augen zugeschwollen. Draußen standen Menschen, die brüllten, die gegen die Tür schlugen. Sie waren wütend, diese Menschen, denn sie glaubten, dass Kulvir und seine Freunde, die Textilhändler aus Indien, zu weit gegangen waren. Und Kulvir dachte, er habe nicht mehr lange zu leben. Was in dieser Nacht in Mügeln geschah, wird die Stadt zum Symbol machen. Für den braunen Osten, für eine Gesellschaft ohne Zivilcourage und für eine Stadt, die nicht verstehen will, was passiert war. Von Rechtsextremismus und einer Hetzjagd werden die Zeitungen schreiben, über Diffamierung und einseitige Berichterstattung die Bürger klagen, mehr finanzielle Mittel und Verbote die Politiker fordern. Es wird wie immer sein, wenn so etwas geschieht. Es wird gestritten und diskutiert - und dabei übersehen, was tatsächlich geschah, in Mügeln.

Ich habe beim lieben Gott angefragt, damit er uns heute in Ruhe lässt"

Sieben Menschen stehen auf der Rathaustreppe, sie tragen die Festuniform der "Mügelner Schützengesellschaft 1591- 1990 e. V.", schwarze Hose, weißes Hemd, grüne Jacke, grüne Krawatte, Hut mit Feder. Es ist Samstag, 14 Uhr, das zwölfte Mügelner Stadtfest wird mit Salutschüssen aus sechs Gewehren eröffnet. Der Bürgermeister tritt ans Mikrofon und sagt: "Ich habe beim lieben Gott angefragt, damit er uns heute in Ruhe lässt." Er schaut zum Himmel, die Sonne scheint. Gotthard Deuse ist seit 17 Jahren Bürgermeister. Mügeln liegt im Döllnitztal am Südrand des Landkreises Torgau-Oschatz, ziemlich genau in der Mitte zwischen Dresden und Leipzig. Die Stadt hat elf Ortsteile und 5200 Einwohner, die größten Arbeitgeber sind eine Handwerksfirma und eine Ofenkachelfabrik. Es gibt zwei Pensionen mit 18 Betten. Entweder man verirrt sich zufällig hierher oder man kommt, weil es einst den größten Schmalspurbahnhof Europas gab für einen Zug, der im Volksmund "Wilder Robert" heißt. Zweimal im Jahr feiern die Mügelner: im Juni das Parkfest, im August das Altstadtfest. Es ist eine Attraktion für die ganze Region.

Ein Wochenende lang steht dann ein weißes Zelt auf dem Rathausplatz, über der Bühne ein Schriftzug "Freut Euch". Das Bier kostet zwei Euro, nachmittags treffen sich die Älteren zum "Kessel Buntes mit Gesang und Tanz", der Posaunenchor tritt auf, und abends kommen die Jungen. Die Band Limit spielt Schlager zum Mitsingen, "Er gehört zu mir", "Live is Life" und Geier Sturzflugs "Bruttosozialprodukt". Als Kulvir und seine Freunde um halb zwölf ins Zelt kommen, sehen sie die Kellnerin und einen Mitarbeiter aus dem "Picobello" im Gedränge auf der Tanzfläche. Sie winken. Die Inder gehen nach vorn und tanzen, so wie man tanzt, wenn man ein paar Bier getrunken hat. Getrunken haben die meisten, die jetzt noch hier sind. Die Älteren sind längst zu Hause. Als die Band "Hey, wir woll’n die Eisbär’n sehn" spielt, das Fanlied des Berliner Eishockeyclubs, sind auch Marco und sein Kumpel auf der Tanzfläche. Marco, ein 1,95 Meter großer Junge, 17 Jahre alt, der zur Hauptschule ging, die Abschlussprüfung nicht schaffte und nun eine Lehrstelle sucht. Seinen Tag verbringt er gern im "Free Time Inn", dem Jugendklub hinter dem Disko-Discountmarkt.

Die Inder sollten "ein bisschen aufpassen"

In Mügeln gilt der Klub als links. Mehr als 50 Jugendliche tanzen und grölen, es ist eng im Zelt, es wird gerempelt, Marco spürt, wie jemand an seinen Hintern greift, einer der Inder, sie kennen sich aus dem "Picobello", der Inder lacht und Marco weiß nicht, warum; vielleicht macht er sich lustig, vielleicht ist er betrunken, vielleicht lacht er nur so. Marco schubst ihn, dann schubsen die Inder, Marco schubst zurück. Irgendwann, so erzählt es Marco später, hatte er eine Faust im Gesicht, kein harter Schlag, doch Marcos Kumpel hat genug, er geht zur Kellnerin des "Picobello" und sagt: Die Inder sollten "ein bisschen aufpassen". Die Botschaft macht schnell die Runde im Zelt, und jeder versteht sie etwas anders. Marco erzählt, ein Mitarbeiter der Pizzeria habe ihn dann nach draußen gerufen. Am Seiteneingang habe eine Gruppe gewartet, die Inder. Sie hätten auf ihn eingeredet, durcheinander, er habe nicht verstanden, was sie von ihm wollten. Sie hätten ihn geschubst und geschlagen.

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 36/2007

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