Vom "Oma-Kind" zur eiskalten NSU-Finanzchefin

15. April 2013, 11:14 Uhr

Mit strähnigem Haar und Brille - so kennt Deutschland Beate Zschäpe. Wenig ist über die 38-Jährige bekannt, die statt im Beruf im rechten Milieu Fuß fasste. Am Mittwoch beginnt der Prozess gegen sie.

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Es ist das Bild, das man von Beate Zschäpe gespeichtert hat. Bei ihrer Festnahme hatte es das Bundeskriminalamt veröffentlicht.©

Die Angehörigen der Opfer des NSU und die Öffentlichkeit kennen sie bislang nur von Fotos. Doch ab Mittwoch ist Beate Zschäpe nicht mehr nur ein Bild. Ab Mittwoch muss Zschäpe sich persönlich in München als Angeklagte den Fragen der Anklage und der Hinterbliebenen zur Neonazi-Mordserie mit zehn Toten stellen. Bisher heißt es, dass Zschäpe zu den Vorwürfen schweigen will - die große Frage vor dem NSU-Prozess ist, ob sie dieses Schweigen unter den Blicken der Hinterbliebenen durchhält oder ob sie mit einem Geständnis Reue zeigt.

Zschäpe kam am 2. Januar 1975 in Jena zur Welt. Ihre Mutter war beim Auslandsstudium in Rumänien eine Liaison mit einem rumänischen Kommilitonen eingegangen - Zschäpes Vater. Nur zwei Wochen nach der Entbindung in Deutschland ging Zschäpes Mutter zurück nach Rumänien, ohne das Neugeborene. Ihre kleine Tochter wuchs zunächst bei der Großmutter auf, den Vater lernte sie nie kennen.

Aufgewachsen ohne Vater und Mutter

Sie sei ein "Oma-Kind", sagte Zschäpe in den Vernehmungen. Bis heute gilt die Großmutter als ihre wichtigste Bezugsperson. Weil die betagte Frau nicht reisefähig ist, wurde Zschäpe im Juni vergangenen Jahres für einen Tag vom Gefängnis in Köln nach Gera gebracht, wo ihre Oma sie besuchen konnte. Ein erneuter Zwischenstopp in Gera während der Verlegung für den Prozess von Köln nach München musste im vergangenen Monat ausfallen, die Großmutter war Medienberichten zufolge erkrankt.

Ohne den Hintergrund der Mordserie würde diese Familiengeschichte fast anrührend wirken - doch so verstärkt sie nur die Frage, warum eine sich offensichtlich nach familiärer Geborgenheit sehnende Frau so viele Familien ins Unglück stürzte.

Nach den Kleinkindjahren mit der Oma lebte Zschäpe wieder bei ihrer Mutter. Dieses Zusammenleben brachte viel Unstetigkeit in die Kindheit. Zwei Mal ließ die Mutter sich scheiden, aus der zweiten Ehe blieb der Nachname Zschäpe. Immer wieder zogen Mutter und Tochter um. Als 1989 die Wende in der DDR kam, wandte sich die damals 14-Jährige der in Jena erstarkenden Rechtsextremen-Szene zu. Mit 16 Jahren lernte sie Uwe Mundlos kennen, er wurde ihr Freund.

Malerin und Gärtnerin

Beruflich fasste Zschäpe nie Fuß. Sie wollte Kindergärtnerin werden, fand aber keine Lehrstelle. Sie jobbte als Malerin und machte später eine Lehre als Gärtnerin. In dieser Lehrzeit trennte sie sich von Mundlos und verliebte sich in Uwe Böhnhardt, dessen ebenfalls in der rechten Szene aktiven besten Freund. Ab 1995 traten sie fast nur noch als Trio auf. In ihren Vernehmungen bezeichnete Zschäpe die Männer als ihre "Familie".

Bis 1998 sollen die drei immer wieder Bombenattrappen ausgelegt oder verschickt haben. Als die Polizei Anfang 1998 die von Zschäpe gemietete Garage entdeckte, in der das Trio die teils mit echtem Sprengstoff versetzten Attrappen baute, setzten sich die Drei ab - bis Ende 2011 lebten sie fast dreizehn Jahre unentdeckt an verschiedenen Orten in Deutschland. Mindestens neun Decknamen nutzte Zschäpe in dieser Zeit.

Logistikerin und Katzenmutter

Generalbundesanwalt Harald Range glaubt, dass ohne Zschäpes Rolle das Unwesen des NSU nicht möglich gewesen wäre. Zschäpe übernahm die für die Taten des NSU laut Anklage "unverzichtbare Aufgabe", dem Leben des Trios den Anschein von Normalität und Legalität zu geben. Sie habe eine unauffällige Fassade geschaffen und so den Rückzugsort des NSU gesichert. Aber darauf beschränkte sich ihre Rolle nicht: Zschäpe sei "maßgeblich" für die Logistik und die Finanzen verantwortlich gewesen, habe gefälschte Dokumente und eine Waffe besorgt und Wohnmobile gemietet sowie Zeitungsartikel zu den Mordanschlägen archiviert.

Eiskalt und zugleich besorgt um ihre Liebsten zeigte sich Zschäpe bis zu ihrer Festnahme in ihrem Tun. Nachdem sie im November 2011 das letzte Domizil des NSU in Zwickau in die Luft gesprengt hatte, gab sie noch ihre Katzen "Heidi" und "Lilly" einer Nachbarin zur Pflege. Dass in dem von ihr gesprengten, brennenden Haus eine hilflose Frau aus der Generation ihrer geliebten Oma war, kümmerte sie dagegen nicht.

Mittäterin oder Gehilfin?

Sollte Zschäpe gemäß der Anklage verurteilt werden, droht ihr eine lebenslange Haftstrafe. Die zentralen Anklagepunkte gegen die mutmaßliche Rechtsterroristin lauten auf Mittäterschaft bei zehn Morden, auf mehrfachen Mordversuch und besonders schwere Brandstiftung. Zwar führte Zschäpe demnach die Mordanschläge nicht selbst aus. Laut Bundesanwaltschaft verstand sich das NSU-Trio Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Zschäpe aber als "einheitliches Tötungskommando". Sollte Zschäpe als Mittäterin bei der NSU-Mordserie verurteilt werden, wäre lebenslänglich das einzig mögliche Strafmaß - denn Mittäter werden wie Täter bestraft, und auf Mord steht zwingend lebenslange Haft.

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