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8. November 2010, 16:05 Uhr

Die Uhr tickt für Westerwelle

Wird Rainer Brüderle beim Dreikönigstreffen als neuer FDP-König ausgerufen? Viele Liberale basteln an seiner Thronbesteigung. General Lindner versucht seine Chancen mit Drei-Tage-Bart zu wahren. Von Hans Peter Schütz

 
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Wechsel schon im Januar? Wirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) und Parteichef Guido Westerwelle© Michael Gottschalk/dapd

Ihre politische Krise nagt an den Liberalen weitaus heftiger als sie nach außen erkennen lassen. Jeden Tag treten Parteifreunde aus, darunter auffallend viele, die seit mehr als 20 Jahren das Parteibuch trugen. Die demoskopischen FDP-Werte - zwischen vier und fünf Prozent - treffen sich mit dem Krisengefühl vieler Parteifunktionäre. Noch intensiver sind die Krisengefühle beim Blick auf Parteichef Guido Westerwelle, dessen Sympathiewerte ins Bodenlose gefallen sind. Eifrig wird nachgedacht über einen neuen FDP-Chef - Westerwelle soll Außenminister bleiben dürfen - und über die Frage: Wann kommt der Neue?

Heißes Datum in den Denkübungen führender Liberaler ist das nächste Dreikönigstreffen am 6. Januar in Stuttgart. Abzuwarten bis zum 27. März, wenn in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz neue Landtage gewählt werden, gilt als zu riskant. In Stuttgart könnte die FDP, trotz der 10,7 Prozent bei der letzten Wahl, aus dem Landtag fliegen und die Regierungsbeteiligung verlieren; und in Mainz - 2006: acht Prozent - ebenfalls unter der fünf Prozent landen. Das wäre auch eine Katastrophe für die schwarz-gelbe Koalition in Berlin. Kündigte man eine neue FDP-Führung schon zum Dreikönigstreffen an, sagen sich die FDP-Oberen, ließe sich das Schlimmste vielleicht verhindern.

Neu wäre diese Operation für die FDP nicht. Unmittelbar vor dem Dreikönigstreffen 2001 zwang Westerwelle den damaligen Parteichef Wolfgang Gerhardt auf die Parteiführung zu Westerwelles Gunsten zu verzichten und sich mit dem Fraktionsvorsitz im Bundestag zu begnügen. Auch damals standen Landtagswahlen in Stuttgart und Mainz bevor. Vollzogen wurde der Wechsel dann auf dem nachfolgenden FDP-Parteitag im Mai. Genauso könnte es auch jetzt laufen. Das Erbe Westerwelles als Parteichef soll Rainer Brüderle schultern. "Er ist der Einzige, mit dem man alte Parteifreunde noch vor dem Austritt abhalten kann", so ein Mitglied der FDP-Führungsriege zu stern.de. An Neueintritte sei ohnehin nicht mehr zu denken.

Ach, würde FDP-Generalsekretär Christian Lindner doch wenigstens so alt aussehen wie die 31 Jahre, die er zählt und nicht wie 21 Jahre jung. Dann wäre er optisch nicht ganz so weit weg vom noch amtierenden FDP-Vorsitzenden Westerwelle, 48. Denn trotz aller offiziellen Dementis ist weiterhin im Gespräch, dass Lindner und nicht Brüderle in Stuttgart zum neuen Boss der Liberalen ausgerufen werden soll. Optisch bessert Lindner seine Chancen auf, so gut er kann. Lässt seinen Bart zuweilen drei, vier Tage stehen,"um ein bisschen älter zu wirken".

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SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles war dieser Tage auf Dienstreise in Wiesbaden und ging essen im Edellokal "Schwarzer Bock." Dort wählte sie neugierig das Gericht "Argentinisches Rumpsteak à la Roland Koch". Serviert wurde es von Ex-CDU-Ministerpräsident Koch persönlich, im echten Kochküchenanzug. Seine derzeitige Freizeit vor dem Dienstantritt beim Bauriesen Bilfinger Berger nutze er gerade zur zweitägigen Fortbildung bei seinem Hobby, dem Kochen auf hohem Niveau, erzählte er Nahles. Die Genossin staunte und lobte: "Hat Klasse geschmeckt!" Auch dem Baby in ihrem Bauch, einem Mädchen, sei das CDU-Gericht gut bekommen, verriet sie nach der Rückkehr nach Berlin. Und erzählte den Genossen: "Hätte er doch früher mal was gemacht, wovon er was versteht!" Wieso? Koch ist doch Koch.

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Vom jüngsten CSU-Parteitag in München sind die Mitglieder der CSU-Landesgruppe im Bundestag mit einem politischen "Papier" nach Berlin zurückgekehrt. Werden sie nach der politischen Geradlinigkeit des CSU-Vorsitzenden Horst Seehofer gefragt, zücken sie es mit einem Lächeln. Zu besichtigen ist darauf eine gerade Linie und eine Wellenlinie. Mit dem Zeigefinger gehen sie auf die Wellenlinie und erklären ironisch: "Das ist die schnurgerade Linie des CSU-Vorsitzenden." Dann wandert der Finger weiter auf die gerade Linie. Kommentiert wird sie mit dem Satz: "Und das hier sind wir Berliner Abweichler." Man muss einräumen: Das Papier ist ein echter Seehofer.

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Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble geriet vergangene Woche wegen sehr direkten Sprachgebrauchs gegenüber seinem Pressesprecher Michael Offer in die Kritik, weil eine Pressemitteilung nicht auf die Minute genau zum Verteilen bereit lag. Zugleich machte er der Bundesrepublik sprachlich alle Ehre. Englisch können alle Bundesminister, inzwischen sogar Außenminister Guido Westerwelle. Aber bei Französisch liegt Schäuble vorn, der im badischen aufs Gymnasium ging und Französisch lernen musste. Dieser Tage redete er in Paris an der Universität Sorbonne 50 Minuten auf Französisch über Europas Einheit. "Es wird hart für Sie", warnte er zum Beginn das Publikum. Doch das applaudierte am Ende begeistert. Obwohl er das französische Wort "ministre" stets als "minischtre" aussprach. Ein Badener wie Schäuble bleibt eben immer Badener.

Von Hans Peter Schütz
 
 
Berlin vertraulich!

Homo politicus Hans Peter Schütz notiert in seiner wöchentlichen Kolumne den manchmal keineswegs politisch korrekten Tratsch hinter den Kulissen des politischen Berlins für stern.de.

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