Ein Blick zurück mit Angela Merkel

31. Dezember 2012, 14:48 Uhr

Seit 2006 plauderte Hans Peter Schütz Klatsch und Tratsch aus der Berliner Politik aus. Nun hört er damit auf. Zum Abschied wirft er noch einmal einen Blick in sein Angela-Merkel-Klatschbuch. Von Hans Peter Schütz

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Angela Merkel, CDU, Klatsch, Tratsch, Rückblick

Gab mit ihrem Auftritt bei der Eröffnung der Osloer Oper 2008 Anlass zu Klatsch und Tratsch: Angela Merkel, tief dekolletiert©

Berliner Klatsch und Tratsch. stern.de-Autor Hans Peter Schütz plauderte ihn seit dem Jahr 2006 wöchentlich aus. Mal zum Entzücken der Lästermäuler, Mal zu ihrem Entsetzen. Künftig müssen sie nicht mehr vor ihrer eigenen Klatschsucht zittern. Denn "Berlin vertraulich!" schweigt künftig - eisern.

Im nostalgischen Rückblick haben wir aber noch einmal im Angela-Merkel-Klatschbuch geblättert. Schütz klatschte:

2012: "Miesmund und die Schattenboxer"

Auf dem CDU-Parteitag in Hannover übersetzten Gebärdensprachdolmetscher die Reden von Angela Merkel. Gehörlose sind schließlich auch wahlberechtigt, 80.000 sind nach dem Schwerbehindertengesetz anerkannt. Die Antwort auf die Frage, wie "Angie" in der Gehörlosensprache heißt, dürften indes nur wenigen Hörenden bekannt sein: Merkel wird mit "Miesmund" übersetzt. Guido Westerwelle gilt in der Gehörlosensprache als "Aknehaut", Gerhard Schröder wird mit drei Handbewegungen als der "Schwanker" beschrieben, als einer, der in der Mitte stehen will, aber mal nach rechts neigt, mal nach links.

Das alles ist nicht böse oder gar politisch gemeint, die Dinge und Personen müssen in der Gebärdensprache sehr schnell auf den Punkt gebracht werden, deshalb sind ins Auge stechende Merkmale oft namensgebend. Und das sind bei Merkel nun mal die häufig hängenden Mundwinkel, Joschka Fischer heißt übrigens der "Dickdünne". Wir sind jetzt sehr gespannt, in welche Schablone Peer Steinbrück gesteckt wird. Vielleicht als "Roter Miesmund"? Oder gar als "Pinot grigio"?

2011: "Die mit dem Wulff tanzt"

"Angela Merkel war, wie immer, ein Tanzmuffel: Sie schwänzte am Samstag den 60. Bundespresseball in Berlin, der als gesellschaftliches Ereignis Nummer eins der Republik gilt: Auf der Fete gehen Presse und Politik auf Tuchfühlung und dulden auch Lobbyisten und Wirtschaftsbosse neben sich. Den Eröffnungswalzer legte Bundespräsident Christian Wulff unfallfrei hin, obwohl er lieber "diskothekenmäßig" unterwegs ist. Daher habe er zuvor eifrig Standardtänze geübt, erklärte er. Merkel hingegen begründete ihre Dauerabwesenheit schon 2009 mit dem Satz, es gäbe auch "andere kulturelle Höhepunkte". Billigere gibt es allemal: Die Karte im Speisesaal kostete 690 Euro, die Karte zum am Rande Rumstehen auch noch 450 Euro. 480 Kilo Hummer, sechs Kilo Trüffeln, 6500 Austern und jede Menge Schampus wollen schließlich bezahlt sein. Für Philipp Rösler, Wirtschaftsminister, hat sich der Abend besonders gelohnt. Er wurde als "Vizekanzler und Verkehrsminister" begrüßt. Der echte Verkehrsminister Peter Ramsauer trug den Versprecher mit Haltung. Und er wagte den Spruch: "Wann immer ich nicht mit Angela Merkel zusammen bin, vermisse ich sie."

2010: "Merkel in der Zitronenpresse"

"Allenthalben wird die Bundeskanzlerin für frischen Angriffsgeist gelobt. Endlich sei Schluss mit der langweiligen Moderatorin der vergangenen zwölf Monate. Aber vielleicht steckt dahinter keine politische Neubesinnung, sondern eine Art Doping. Das Aufputschmittel wird in der Parlaments-Buchhandlung nahe dem Reichstag feilgeboten. Es heißt Parlamenthol und verspricht den "Frischekick für ihre Rede!" Der Werbespruch, der Merkel angelockt haben könnte, heißt: "Klingt die Rede leer und hohl, hilft dir schnell Parlamenthol." SPD-Chef Sigmar Gabriel braucht die Mentholbonbons nicht unbedingt. Aber er könnte sich in der Buchhandlung mit der Zitronenpresse "Angie" politisch aufrüsten, die dort auch noch feil geboten wird. Bei deren Benutzung hätte er die Kanzlerin endlich mal richtig in der Hand.

2009: "Wie die SPD Angela Merkel stürzt."

Ein in überaus heikles politisches Problem hatte dieser Tage die Bayerische Landesvertretung in Berlin zu lösen: Sollte man erkennen lassen, dass auch sie jetzt einen Gregor Gysi, Fraktionschef der Linkspartei im Bundestag, ins weiß-blaue Haus lässt? Vorgestellt wurde ein Buch des Journalisten Hugo Müller-Vogg mit dem Titel "Volksrepublik Deutschland - Drehbuch für die rot-rot-grüne Wende", erschienen im renommierten Münchner Olzog-Verlag. Gysi war als kritischer Laudator eingeladen vom bayerischen Verlag, man musste ihn daher auftreten lassen. Weil die Buchvorstellung aber auch noch vor TV-Kameras stattfand, wurde ganz im Ernst überlegt, ob man auf der dafür in der Landesvertretung aufgebauten Wand nicht besser den Schriftzug "Bayerische Vertretung in Berlin" überkleben lassen sollte.

Das Buch ist natürlich politische Science Fiction, weil es schildert, wie sich nach der Bundestagswahl 2009 zunächst erneut eine Große Koalition bilden muss, weil Angela Merkel eine Mehrheit für ihre Traumkonstellation mit der FDP nicht schafft. Aber nach einem Jahr Durchwursteln, so Müller-Vogg, denkt die SPD dann doch über eine von ihr geführte rot-rot-grüne Koalition nach, mit der sie Kanzlerin Angela Merkel tatsächlich stürzen kann.

Das entscheidende Gespräch zwischen SPD-Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier und Altkanzler Gerhard Schröder im Vorfeld des Koalitionsausstiegs liest sich wie folgt:

Steinmeier: "Also jetzt mal im Ernst: Jetzt raus aus der Großen Koalition und rein in eine rot-rot-grüne, das nehmen uns die Menschen nicht ab. Da haben wir eine Wortbruch-Debatte am Hals..."

Schröder: "Is' nicht von der Hand zu weisen. Da kommt mir eine Idee. Wie wär's, du machst erst mal mit der CDU-Mutti weiter..."

Steinmeier (ungehalten): "...nicht sehr originell..."

Schröder: "...und dann lasst ihr die Große Koalition im nächsten Jahr platzen. Wenn der Obama mehr deutsche Truppen in Afghanistan will oder so und die CDU begeistert ist. Ein Grund lässt sich ja immer finden. Übrigens: Ihr habt doch immer gesagt, 2009 geht nicht mit den Linken. Von später war ja wohl nie die Rede."

Steinmeier: "Mhm, ein Koalitionswechsel 2010 oder 2011, das sähe dann nicht so nach Wortbruch aus, eher als Benutzung des Notausgangs. Muss ich mal mit dem Franz besprechen. Werde mal testen, wie er dazu steht."

Schröder: "Der Franz ist ein Parteisoldat. Der will, dass die SPD wieder auf die Beine kommt. Und wenn ihm der Teufel dabei hilft, dann koaliert der mit dem. Also: Entweder ihr springt sofort. Oder ihr lasst die CDU-Tussi erst in einem Jahr über die Klinge springen (lacht dröhnend)."

Steinmeier: "Okay, ich denke drüber nach. Tschüß Gerd."

Mal ehrlich: Kann man einen solchen "Originaltext" besser erfinden? Aus Fiktion kann sehr wohl noch Faktum werden.

2008: "Die Architektur von Angies Ausschnitt"

"Glückliches Deutschland! Wo in Europa - Frankreich mit Nicolas Sarkozy und seiner Carla vielleicht ausgenommen - könnte ein tiefliegendes Dekolleté der Regierungschefin vergleichbares mediales Aufsehen erregen? Rentenkrise, Finanzkrise, Hungerkrise? Nichts da, alles blickte in Angies Ausschnitt. Typisch deutsch allerdings die zuweilen verkniffenen Kommentare in der Politik-Kulisse. Da murrten einige im Kanzleramt über Regierungssprecher Thomas Steg, der wieder einmal seiner Formulierkunst erlegen sei. "Ein Satz hätte genügt", tadelten sie ihn. Dabei hatte er sich doch immerhin "bekümmert" gezeigt ob des Aufsehens, das seine Kanzlerin erregt hatte. Dadurch sei die großartige Architektur der neuen Oper in Oslo kaum noch wahrgenommen worden sei. Dabei strahlte Steg so glücklich, als habe er soeben 100 Prozent auf der Sympathieskala für die Kanzlerin zu verkünden. Vermutlich dachte er dabei, in architektonischer Hinsicht, was auszusprechen über Angie sich nur Bayerns Ministerpräsident Günther Beckstein traute: "Gerade wir Bayern leben ja den Barock und wir leben Lebensfreude und von da aus habe ich überhaupt keine Einwände." Und was war denn daran auszusetzen, dass Steg von einem "Neuarrangement aus dem Bestand der Bundeskanzlerin" gesprochen hat? Wer hat, der hat. Eigentlich wäre es an der deutschen Öffentlichkeit und ihren Machern gewesen, aus Anlass dieses Ereignisses in Sack und Asche zu gehen. Denn Angela Merkel hatte die Robe schon in den Jahren 2000 und 2002 vorgeführt, ohne dass sie irgendjemandem aufgefallen wäre. Aber damals war sie auch nur CDU-Vorsitzende gewesen und hatte gerade begonnen, sich von ihrer ursprünglichen Topf-Frisur zu verabschieden. Hoch empfindlich war sie übrigens damals noch. Da prahlte sie mit dem Satz: "Jeder, der wirklich etwas zu sagen hat, braucht kein Make-up." Das war wohl der Grund dafür, den Journalisten, der damals als Erster darüber berichtet hatte, dass neuerdings eine Visagistin in der Kanzlermaschine auf Reisen ging, zunächst von weiterer Mitreise auszuschließen.

2007: "Der Kellner lässt kellnern"

"Einmal schon ist sogar Angela Merkel auf ihre Doppelgängerin hereingefallen. Sie saß im "Dorfkrug" im brandenburgischen Flecken Meseberg, wo das Gästehaus der Bundesregierung steht, und blätterte im Gästebuch des Lokals. Auf Seite 1 ein Foto Gerhard Schröder. Auf Seite 2 eins von Angela Merkel. "Wann war das denn?", fragte sie überrascht. "Ach, das ist Frau Knoll aus Lübeck", sagte Werner Paarmann, der Wirt. Noch nie allerdings sind sich die beiden Frauen persönlich begegnet. Susanne Knoll, 48 und Mutter dreier Töchter, jobbt indes fleißig als Doppelgängerin der Kanzlerin. Wer will, kann sie bei einer Doppelgängerin-Agentur buchen. Mal hält sie Reden, mal taucht sie in Jux-TV-Sendungen auf. Entdeckt wurde sie von einem DJ auf einer Party. Ob sie wisse, dass sie der Kanzlerin verblüffend ähnlich sehe? Die Lübeckerin war leicht geschockt, hatte sie an diesem Tag doch dunkle Ringe unter den Augen, weil es in der Nacht zuvor spät geworden war. Wie Merkel zuweilen, wenn es mal wieder spät im Kanzleramt geworden ist. Beide Frauen besitzen auch ähnliche Blazer. Und auf Merkels Tisch im Kanzleramt steht ein Bild der russischen Zarin Katharina der Großen. Auch Knoll hat aus Begeisterung für diese Frau eine ihrer Töchter Katharina genannt. Nur einen kleinen Unterschied gibt es: Angela I ist in der CDU, Angela II in der SPD. Zu Zeiten einer Großen Koalition sind das indes ein vernachlässigbare Kriterien. Ein Traum von Frau Knoll dürfte sich allerdings kaum erfüllen lassen: Sie möchte die echte Angela einmal vertreten und keiner sollte es merken. Vielleicht an Weiberfastnacht?"

2006: "Merkel und Rüttgers werden keine Freunde mehr"

"Taten sprechen zuweilen mehr als tausend Worte, wie am Presseabend vor dem Dresdner Parteitag wieder einmal zu beobachten war. Keiner wurde am Tisch von Angela Merkel, die sich in glänzender Laune befand, herzlicher begrüßt als Hessens Ministerpräsident Roland Koch. Sie sprang auf, drückte ihm die Hand und fast hätte sie ihn noch umarmt. Die Kanzlerin weiß eben, wer ihre Freunde sind. Jürgen Rüttgers wurde nicht an ihren Tisch gebeten - und als er mit einem Tross von Journalisten im Laufe des Abends vorbeiging, gönnte sie ihm keinen Blick. Freunde werden die beiden nicht mehr."

 
 
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