Am Ende einer ungewöhnlichen Karriere will Flüchtlingssohn Horst Köhler Bundespräsident werden. Besuch bei einem Unberechenbaren.

Auf den Spuren seiner Kindheit: Horst Köhler mit Gattin Eva am Cospudener im sächsischen Markkleeberg© Christian Irrgang
Es war ein schöner Tag zum Abschiednehmen. Eine Woche lang hatte es geregnet, nun riss die Wolkendecke auf, und über Washington D. C. breitete sich ein blauer Himmel aus. Die Luft war lau, das Thermometer kletterte auf 20 Grad, und Horst Köhler wollte ein letztes Mal seine Lieblingsstrecke am Potomac abwandern, hinauf zu den Great Falls, den Wasserfällen, wo er so gut abschalten kann.
Der Mann in der Zwischenzeit, nicht mehr Direktor und noch nicht Präsident, steigt hinauf in den zweiten Stock des dunkelroten Backsteinhauses, das er nach seiner Ernennung zum Chef des Internationalen Währungsfonds (IWF) im feinen Observatoriumsviertel gekauft hat. Er will den Anzug gegen etwas Bequemes tauschen. Nach ein paar Minuten ruft er von oben: "Eva, wo sind die Pullover?"
Wenig später sitzen die Köhlers in ihrem silbernen Mercedes Offroader. Sie fährt, er reguliert die Klimaanlage. "Wie ist die Stimmung in Deutschland?", fragt er. Nach sechs Jahren in London und Washington versucht er, den Anschluss wiederzufinden, zu ergründen, was in der Heimat, die er künftig repräsentieren soll, gedacht und gefühlt wird.
Am "Old Angler's Inn" eingangs des Nationalparks marschiert Horst Köhler zielstrebig auf die Terrasse: "Wir sind Draußensitzer." Er ordert Lammrücken mit grünem Spargel und ein Glas Merlot. Nervös, Herr Kandidat? Er lehnt sich zurück in den Gartenstuhl und sagt: "Ich bin ganz relaxed."
Am Sonntag wird Horst Köhler, 61, CDU-Mitglied seit 1981, aller Wahrscheinlichkeit nach zum neunten Präsidenten der Bundesrepublik Deutschland gewählt. Er wäre der erste Volkswirt in diesem Amt und der Erste, der keine klassische Politikerlaufbahn hinter sich hat. Ein Experiment.
Der Überraschungskandidat ("Ich wollte dann auch nicht nein sagen") war offenkundig weit weniger erstaunt über seine Nominierung als der Rest der Welt, der sich mit "Bild" fragte: "Horst wer?" und rätselte: Kann der das? Hat er die Klasse? Solche Zweifel plagen Köhler nicht. "Attempto", zitiert er einen alten Pilger-Wahlspruch. "Ich wag's." Als er am 4. März nachts um zwei Uhr Ortszeit Angela Merkel am Telefon sein Jawort gab, war ihm allerdings noch nicht so recht klar, dass damit sein mit jährlich 400 000 steuerfreien Dollars dotiertes Engagement beim IWF unwiderruflich beendet sein würde. Am Morgen danach fand er auf dem Schreibtisch in seinem turnhallengroßen Büro einen Vermerk der Hausjuristen: Herr Köhler, Sie müssen sofort zurücktreten.
Er strahlt ein schier unerschütterliches Vertrauen in seine Fähigkeiten aus. "Bei der Beurteilung der eigenen Leistung ist er durchaus selbstbewusst", sagt sein früherer Chef Theo Waigel diplomatisch-ironisch. Nur manchmal merkt man Horst Köhler an, dass er doch ein wenig staunt über die ungewöhnliche Karriere, die ihn aus den Flüchtlingsbaracken der Nachkriegszeit an die Spitze des Staates führte: "Ich denke immer: Was kommt denn noch?"
Aufdrängen musste er sich nie, immer wurde er gerufen, parteiübergreifend. Finanzminister Waigel machte ihn 1990 zum Staatssekretär, Helmut Kohl schickte ihn 1998 zur Osteuropabank nach London, Gerhard Schröder zwei Jahre darauf zum IWF. Irgendwie ist ihm sein Aufstieg einfach ein bisschen passiert. Das Lamm im "Old Angler's Inn" duftet nach Rosmarin. Vielleicht, philosophiert Köhler beim Essen, vielleicht war es gut, dass er auf fast allen Stationen die ersten Monate Strohwitwer war. Weil die Familie weit entfernt wohnte und abends niemand auf ihn wartete, konnte er hemmungslos ranklotzen. "Du verdirbst die Preise", meckerten schon die Kollegen in der Grundsatzabteilung des Wirtschaftsministeriums den arbeitswütigen Jungbeamten an.
Eines Nachts, erzählt Köhler durchaus stolz, saß er um zwei Uhr im Büro und brütete über einem Zukunftsinvestitionsprogramm für Kanzler Schmidt ("Den Auftrag habe ich gekriegt, weil ich garantiert keinen Journalisten kannte und nichts durchstechen würde"), da stand plötzlich ein Mann in der Tür: "Wer sind Sie denn?" - "Horst Köhler. Und Sie?" - "Tietmeyer." So entdeckte der Abteilungsleiter und spätere Bundesbankpräsident Hans Tietmeyer den Referenten K.