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12. November 2008, 10:25 Uhr

"Das BKA wird zum deutschen FBI"

Die Große Koalition ist wild entschlossen: An diesem Mittwoch soll das umstrittene BKA-Gesetz durch den Bundestag gepeitscht werden - die Opposition tobt. Deren letzte Hoffnung: Roland Koch. Er könnte das BKA-Gesetz im Bundesrat stoppen. Von Tiemo Rink

BKA-Gesetz, Big Brother, FBI, Innere Sicherheit

Privatsphäre in Gefahr? Bundestag beschließt BKA-Gesetz© Jens Meyer/AP Photo

Je schlechter die Chancen, desto schriller der Tonfall. Ein "Desaster" sei das von der Bundesregierung geplante BKA-Gesetz, zürnt der linke Bundestagsabgeordnete Wolfgang Nescovic. Gisela Piltz, innenpolitische Sprecherin der FDP, erkennt "einen gefährlichen Eingriff in die Bürgerrechte" und Grünen-Chefin Claudia Roth geißelt den "Schnüffelstaat". Wenn der Bundestag heute zur Abstimmung über eines der umstrittensten Gesetze der letzten Zeit antritt, dürfte es im Parlament bunt zugehen. Und wie immer, wenn die Not besonders groß ist, werden auch etwas seltsame Szenarien diskutiert. Die jüngste Hoffnung der Opposition: Roland Koch!

Dass die letzte Bastion im Kampf gegen das BKA-Gesetz nun ausgerechnet in Hessen liegen soll, hat einen einfachen Grund: Im Bundestag hat die Opposition aus FDP, Linkspartei und Grünen keine Chance, den Vorstoß von Innenminister Wolfgang Schäuble zu stoppen. Die nächste Möglichkeit, das umstrittene Gesetz zu verhindern, liegt also im Bundesrat. In der Länderkammer hat die Große Koalition nach dem CSU-Debakel bei der bayerischen Landtagswahl nur noch eine hauchdünne Mehrheit von einer Stimme. Aber auch nur, wenn die geschäftsführende CDU-Landesregierung in Hessen dem BKA-Gesetz trotz anstehender Neuwahlen zustimmt. "Hessen ist entscheidend", sagt der FDP-Bundestagsabgeordnete Max Stadler im Gespräch mit stern.de.

Politische Stilfrage

Es ist eine Frage des politischen Stils. Darf eine Landesregierung, die nicht vom Landtag bestätigt ist, trotzdem weitreichende politische Entscheidungen im Bundesrat treffen oder müsste sie sich enthalten? Für eine Antwort war in der Wiesbadener Staatskanzlei zwar niemand erreichbar. Doch auch Stadler macht sich nur begrenzt Hoffnungen: "Ich fürchte, der hessische Landtag hat in dieser Frage wenig Möglichkeiten." Dass die hessische CDU sich im Bundesrat tatsächlich enthält, gilt als ausgesprochen unwahrscheinlich. Politische Stilfragen sind zwar eine schöne Sache, letzten Endes aber nicht entscheidend. Schon gar nicht bei knappen Mehrheiten im Bundesrat.

So gesehen, erreichen nun auch die letzten Schockwellen des politischen Erdbebens rund um Andrea Ypsilantis die Bundespolitik. Wäre sie letzte Woche in Hessen Ministerpräsidentin einer rot-grünen Koalition geworden - die Mehrheit der Großen Koalition im Bundesrat wäre dahin gewesen.

Aller Voraussicht nach wird das umstrittene Gesetz also zum Jahreswechsel in Kraft treten. Vor allem die Onlinedurchsuchung, also das heimliche Ausspähen privater Computer, kritisiert der linke Bundestagsabgeordnete Jan Korte im Gespräch mit stern.de: "Mit einem einzigen Zugriff lassen sich zukünftig alle Daten des Betroffenen abfragen, von Emails über Tagebucheinträge bis zu privaten Fotos." Dass die Spionage bis Ende 2020 befristet sein soll, ist da kein Trost. "Mal sehen, wer von den heutigen Abgeordneten das überhaupt noch erleben wird", so der 31-jährige Linke weiter.

"Ein deutsches FBI"

Auch die Grünen üben scharfe Kritik am Vorhaben der Großen Koalition. Zukünftig soll das BKA beispielsweise mit Videoüberwachung, Lauschangriffen und dem Einsatz von verdeckten Ermittlern Befugnisse erhalten, die üblicherweise nur Geheimdiensten zustehen. Aus der Sicht des grünen Bundestagsabgeordneten Wolfgang Wieland wird "das BKA damit zum deutschen FBI aufgerüstet". "Wir bekommen eine Polizei, die gleichzeitig ihr eigener Geheimdienst ist. Ohne Kontrolle durch das Parlament und ohne Kontrolle durch die Staatsanwaltschaft", so Wieland im Gespräch mit stern.de.

Der wirklich allerletzte Strohhalm, an den die Gegner des Gesetzes sich jetzt noch klammern, ist das Bundesverfassungsgericht. Neben der grünen Bundestagsabgeordneten Renate Künast hat auch der ehemalige Bundesinnenminister Gerhart Baum (FDP) eine Verfassungsklage angekündigt. "Die grundsätzlichen Unterschiede zwischen Nachrichtendienst und Polizei werden verwischt. Diese Veränderung der deutschen Sicherheitsstruktur halte ich für gefährlich", sagt der Altliberale zu stern.de.

Mit Verfassungsbeschwerden hat Baum recht gute Erfahrungen gemacht. Im Februar 2008 gab das Bundesverfassungsgericht dem ehemaligen Minister recht und erklärte die in Nordrhein-Westfalen legalisierte Online-Durchsuchung für verfassungswidrig. Dementsprechend siegessicher gibt sich Baum: "Ich würde das nicht machen, wenn ich mir keinen Erfolg verspräche."

Was bringt das BKA-Gesetz? Durch das "Gesetz zur Abwehr von Gefahren des internationalen Terrorismus durch das Bundeskriminalamt" werden Kompetenzen an das BKA abgetreten, die bisher vornehmlich Geheimdiensten vorbehalten waren. stern.de listet einige Punkte auf:
1.
Der Informantenschutz wird zukünftig nur noch Rechtsanwälten, Abgeordneten und Geistlichen gewährt. Journalisten können zukünftig durch das BKA überwacht werden.
2.
BKA-Ermittler dürfen in den Wohnungen von Verdächtigen zukünftig nicht nur lauschen, sondern zur Gefahrenabwehr auch Kameras installieren - bis zu einem Monat lang.
3.
Telefone dürfen zukünftig zur Gefahrenabwehr bis zu sechs Monaten abgehört werden.
4.
Per Rasterfahndung dürfen Fahnder nach Verdächtigen suchen, ohne dass eine Straftat bereits begangen wurde.
5.
Bei einer konkreten Gefahr und dem Verdacht auf schwerste Straftaten dürfen BKA-Beamte auf Computer von Verdächtigen zugreifen. Dabei muss eine richterliche Erlaubnis vorliegen. Im Eilfall reicht es jedoch auch, wenn diese Erlaubnis erst im Nachhinein eingeholt wird.
6.
Bei der Auswertung personenbezogener Daten soll ein Datenschutzbeauftragter des BKA anwesend sein. Gemeinsam mit den ermittelnden BKA-Beamten hat dieser Datenschutzbeauftragte zu prüfen, ob die Privatsphäre des Verdächtigen verletzt wird und die gespeicherten Daten zu löschen sind.

Von Tiemo Rink
 
 
KOMMENTARE (10 von 22)
 
Facti (13.11.2008, 12:11 Uhr)
Den mit "Ja" für das Gesetz stimmenden Parlamentarier
müßten im Fall des Einkassierens des Gesetzes die Gerichtskosten von den Diäten abgezogen bekommen. Evtl. unterlassen sie es dann, verfassungswidrigem geistigen Dünnpfiff Gesetzesstatus einhauchen zu wollen.
aroldaski (13.11.2008, 09:23 Uhr)
Er spricht für sich, aber kann er auch für andere sprechen?
Einen solchen Eingriff zu formulieren ist immer leicht, wenn man von sich selbst ausgeht. Eine gute Absicht unterstelle ich dabei. Doch der Herr Minister wird wohl kaum den Umgang mit den gesetzlichen Lockerungen überwachen können. Wir haben immer noch Menschen in unserem Land, die mit Macht nicht umgehen können (s. eine Schaffnerin, die ein Kind ohne gültige Fahrkarte aus dem Zug wirft). Ich bin demnach sehr froh, dass Kritiker sich laut zu Wort melden.
pitiplatsch (13.11.2008, 06:26 Uhr)
Juhuuuu die Stasi und Gestapo
lassen Grüüüüßen. Das ists was die Kriegsgaile Kanzlerin will und auch durchsetzt. Spione bis unter die Bettdecke. DDR Methoden und Adolfmethoden wunderbar, aber wir haben diesen Berliner Sauhaufen selber gewählt, und können dieses, leider leider erst nächstes Jahr korrigieren. Weg mit diesem Kriegsgailen Abzockerhaufen der sich Regierung nennt.
crestflight (12.11.2008, 20:29 Uhr)
Ärzte oder Parlamentarier?
Stellen Sie sich folgende Frage: Wenn Sie morgen auf alle Ärzte oder alle Parlamentarier verzichten müßten, für welche dieser Gruppen würden Sie sich entscheiden?
Soviel zur selbsteinschätzung von Herrn Wiefelspütz!
hevosenkuva (12.11.2008, 18:59 Uhr)
Paranoide Fanatiker in der Regierung
"Rasterfahndung vor der Begehung einer Straftat" ja wo kommen wir denn hin? In die geschlossene Anstalt, und das möglichst rasch!
Angela Merkel wollte das Land mit "großer Fröhlichkeit regieren", hat sie mal vor der Wahl gesagt. Und jetzt die radikalen Ideen einiger Sicherheitsfaschisten durchwinken.
Necro (12.11.2008, 17:36 Uhr)
was bin ich froh...
.. diesen Staat verlassen zu haben. Zwar hab ich noch einn deutschen Pass und diesesmal werde ich auch bestimmt mein Wahlrecht fuer den deutschen Bundestag wahrnehmen und bestimmt nicht fuer den Herren Schaeuble und seine Vassallen stimmen.
Dabei faellt mir auf;" Wo ist eigentlich unser Vegefranz, der ja immer gegen die DDR-Fans wettert? Hier koennen Sie gegen Stasi 2.0-Mann Schaeuble abziehen. Aber das waere ja gegen die eigene Partei. Das geht ja nicht.
taucher1102 (12.11.2008, 16:36 Uhr)
Wie war das gleich....
ne dem Schäuble bauen wir keine Rampe mehr zum Bundestag :-)
Gisella (12.11.2008, 14:37 Uhr)
Schlimmer
geht es doch gar nicht mehr. Unter dem Mantel des Terrorismus werden wir jetzt alle bespitzelt??? Wenn das wirklich alles vom Schäuble kommt, dann doch nur, weil er wirklich "KEINER" mehr ist. Und da bringt man sich eben immerwieder ins Gerede-eben auch negativ.Es ist pure Kontrolle-diehaben Angst vor uns, das ist alles. Es ist ja bekannt, dass auch die Bespitzelei durch die Stasi nichts als Gegenwehr gebracht hat und Hass auf die, die uns bespitzelt haben. Will Herr Schäuble das wirklich???
kralli19 (12.11.2008, 14:14 Uhr)
Ärzteverband...
Gerade gelesen, das auch der Ärzteverband dagegen protestiert, in erster Linie auch deswegen, das zwar Parlamentarier geschützt werden, aber nicht die Ärzte. Die Antwort ist der Hammer:
"Im Namen der SPD wies Dieter Wiefelspütz den Ärztepräsidenten zurecht. Er habe zwar hohen Respekt vor der Arbeit der Mediziner, sehe aber ihre Rolle im Staatsgebilde als untergeordnet gegenüber der Arbeit von Abgeordneten und Strafverteidigern: "Das Parlament ist ein wenig wichtiger als ein Arzt.""
Also wenn ich die Wahl habe, auf was ich eher verzichten könnte, das Parlament oder den Arzt - die Entscheidung fällt mir nicht schwer.
papaleo2000 (12.11.2008, 14:09 Uhr)
Ein Sarg und vier Nägeln
Hat Schäuble eben nicht mitgekriegt, dass neokonservatives Denken out ist? Hey Du Rolliterrorist, deine Zeit ist abgelaufen, ich würde mir an deiner Stelle lieber ein Bestattungsunternehmen aufsuchen. Für Hundefutter kann man dich nicht hernehmen.
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