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19. Oktober 2009, 17:50 Uhr

"Wir werden Steine statt Brot essen"

CSU-Chef Seehofer kündigte Steuersenkungen für 2011 an. Doch eigentlich gibt es keinen finanzpolitisch Spielraum. Merkels Große Koalition hat das Land heruntergewirtschaftet. Von Andreas Hoffmann

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Klamme Kassen: Angela Merkel und Guido Westerwelle© Michael Sohn/AP

Wenn es ums Geld geht, hört die Freundschaft auf. Sagt CDU-Vize Christian Wulff, Ministerpräsident in Niedersachsen. Was das bedeutet, erlebte die Koalitionsrunde am Samstag: Wulff und FDP-Chef Guido Westerwelle stritten, dass die Fetzen flogen. Der Niedersachse nannte die Steuersenkungspläne der Liberalen einen "steuerpolitischen Blindflug", Westerwelle drohte, aus den Verhandlungen auszusteigen. Die FDP will die Bürger um 35 Milliarden Euro entlasten, die Union maximal 20 Milliarden zugestehen. Und selbst 20 Milliarden sind eigentlich nicht zu stemmen. Auch wenn CSU-Chef Horst Seehofer nun vage Steuersenkungen für 2011 ankündigte. "Nach der Wahl werden wir Steine statt Brot zu essen haben", sagte ein hochrangiger Repräsentant der deutschen Industrie schon vor Wochen.

Der Koalitionsvertrag für die nächsten vier Jahre müsste diese Überschrift tragen: Wehgeschrei statt Wohltaten. Für Geschenke an die Bürger, in welcher Form auch immer, ist kein Geld da. Es ist eigentlich gar kein Geld zum Ausgeben da, wenn man es genau nimmt. Nur Geld, um das Nötigste zu bestreiten - und um den gigantischen Schuldenberg von 1,6 Billionen Euro abzutragen.

Kanzlerin Angela Merkel, ihrem Finanzminister und der Koalition bleiben nur drei Möglichkeiten - und keine davon ist schön:

1. Sie können noch mehr Schulden machen. Aber schon jetzt geht jeder achte Euro aus dem Haushalt für Zinsen drauf, schränkt das Handeln des Staates dramatisch ein und belastet künftige Generationen.

2. Sie können sparen, sparen, sparen, bis der Haushalt quietscht. Aber schon jetzt fehlt ausgerechnet da das Geld, wo es am dringendsten benötigt wird: bei den Zukunftsausgaben Bildung, Forschung und Betreuung.

3. Sie können die Steuern erhöhen. Aber das würde die Aussicht zerstören, dass die Wirtschaft bereits im nächsten Jahr leicht wächst.

Das sind die Handlungsmöglichkeiten der zweiten Regierung Merkel. Mehr hat sie nicht. So sieht die Zukunft der Kanzlerin aus, die sich als gefühlte Sozialdemokratin vier Jahre lang beliebt gemacht hat bei den Deutschen. In ihrer zweiten Amtsperiode bleibt ihr nichts anderes übrig als eine unpopuläre Maßnahme nach der anderen durchzusetzen. Es wird Merkel kaum anders gehen als ihrem Vorgänger Gerhard Schröder - allerdings bei weit schlechterer Ausgangslage. Und die ist selbstverschuldet.

Jobs, Jobs, Jobs - verzweifelt gesucht

Bislang hat die Große Koalition Glück gehabt. Mit der ausgeweiteten Kurzarbeit verhinderte sie, dass die Arbeitslosigkeit drastisch steigt. Doch Wolfgang Franz, Chef der Fünf Weisen, blickt düster nach vorn: "Auf dem Arbeitsmarkt steht uns leider das Schlimmste erst noch bevor." In den nächsten Wochen laufen die Regelungen bei vielen der über eine Million Kurzarbeiter aus. Offen ist, ob die Firmen dann verstärkt entlassen. Besonders Maschinenbau, Autoindustrie und deren Zulieferbetriebe könnte es treffen. Ihnen fehlen Aufträge aus dem Ausland, in der Autoindustrie neigt sich der durch die Abwrackprämie ausgelöste Boom dem Ende, die Hersteller legen Kapazitäten still. Allein bei Opel sollen 4500 Stellen wegfallen, bei Daimler-Benz sind 3000 Jobs gefährdet.

Klar ist: Die Arbeitslosigkeit wird steigen. Die Schätzungen für das nächste Jahr liegen bei 4,1 Millionen. Das drückt auf die Bilanz der Bundesagentur für Arbeit (BA).100.000 zusätzliche Arbeitslose kosten die BA etwa 1,7 Milliarden Euro pro Jahr.

Doch die Große Koalition hat ihre Konten geplündert und ein Kraftpaket in einen Schwächling verwandelt. Von ihrer Rücklage von 16,7 Milliarden Euro zu Beginn des Jahres ist nichts mehr übrig. Im nächsten Jahr benötigt die BA ein Darlehen von 15 bis 20 Milliarden Euro vom Bund, damit sie ihre Leistungen zahlen kann. Bis 2013 könnten weitere 30 Milliarden nötig sein. Dabei will die Regierung die Milliarden offenbar als Zuschuss gewähren.

Schuld daran ist Angela Merkel. Sie hat sträflich vernachlässigt, was sie in Reden beschwört. Das Bild der schwäbischen Hausfrau, die vorsichtig wirtschaftet, um vorzusorgen.

In Wirklichkeit prasste die Große Koalition. Sie drückte den Beitragssatz der Arbeitslosenversicherung von 6,5 Prozent des Bruttolohns auf 2,8 Prozent und bürdete der Arbeitslosenversicherung neue Lasten auf: Sie soll etwa dafür zahlen, dass Arbeitslose zu Alten- und Krankenpfleger umgeschult werden. Finanzminister Peer Steinbrück zwackte über einen "Eingliederungsbeitrag" ebenfalls einige Milliarden für seinen Etat ab.

Das kurzsichtige Treiben rächt sich nun.

 
 
KOMMENTARE (10 von 55)
 
almabu (21.10.2009, 13:42 Uhr)
Guter Artikel!
Noch besser wäre es aber gewesen, der STERN hätte ihn VOR und nicht NACH der Wahl publiziert. Jetzt über Schwarz/Gelb zu jammern, ist ein bißchen unehrlich von G+J?
heulenderClown (20.10.2009, 15:55 Uhr)
Schuldfrage
Warum muss in Deutschland immer erst die Schuldfrage geklärt werden, bevor was, wenn überhaupt, passiert. Können alle Unzufriedenen sich nicht einfach Montags treffen und laut schreien: " Ihr in Berlin ihr müsst da raus."
Uwe650 (20.10.2009, 12:54 Uhr)
dabei wäre es so einfach...
... zwar ein steiniger Weg aber mit einem Licht am Ende des Tunnels. Aufheben der Subventionen die hier nicht genannt wurden, nämlich die ALG II Aufstockung, Reduzierung der Leiharbeitsmöglichkeiten und massive Einschränkung der Zeitarbeit. Das sind alles Subventionen durch die kalte Küche, die lediglich den Unternehmen dienen abere die Allgemeinheit belasten. Die Arbeit würde bestehen bleiben, aber es müssten vollwertige Gehälter gezahlt werden. Also haben die Menschen mehr in der Tasche und würden logisch auch mehr ausgeben. Die Binnennachfrage steigt. Das ist eben Deutschlands massivstes Problem, die Binnennachfrage. Keine Wirtschaft kann auf Dauer nur vom Export leben. Es ist zwar ein harter Weg für 1- 2 Jahre, aber die Ergebnisse sind höhere Einnahmen der Sozialkassen, geringerer sozialer Druck auf die Arbeitnehmer, mehr Impulse im Binnenmarkt, geringere Arbeitslosigkeit,
mehr Motivation der Bevölkerung und nicht mehr das Gefühl allein gelassen zu werden.

Ich weiß das ist ein netter Traum, weil es ist nicht umsetzbar. Dann müssten ja auch die oberen 10 % zulassen, dass die Unterschicht von 70 % etwas ansparen kann und wieder zu alter Stärke kommt. Streiks werden wieder möglich und haben auch Auswirkungen insgesamt gleicht sich das Machtverhältnis zwischen Kapital und Arbeit an. Eben das ist nicht erwünscht, man möchte die Bevölkerung dumm und arm halten um so dann herrschen zu können. Monarchie und Feudalismus auf modern halt.

ganzbaf (20.10.2009, 11:08 Uhr)
@mupfel

Die "Leistung" erbringen immer und zu aller erst die WERKtätigen.

Und nicht die FDP-Wähler. Auch nicht die "Elite" an CDU-Wählern...;-p
ganzbaf (20.10.2009, 10:59 Uhr)
Wenn man die Steuern für Reiche und Konzerne erhöht...

leidet darunter keineswegs die Wirtschaft, im Gegenteil.
"Arbeit muß sich wieder lohnen", WEG mit den privaten Geldbergen und den daraus resultierenden leistungslosen Einkommen für Überbegüterte ! ;-)

Die Schere zwischen Arm und Reich muß sich wieder schließen.
felice4711 (20.10.2009, 10:41 Uhr)
@mupfeline
Ihre heißgeliebte Kanzlerin hatte aber die letzten vier Jahre Zeit, einige der Sozialverbrechen aus rot/grün wieder zurechtzurücken. Hat sie aber nicht, "gipfelte" lieber durch die Welt und "balkonte" zu Opernaufführungen, wenn sie nicht gerade zu George W. Bush den analen Zugang suchte. Aber ich weiß jetzt immerhin, wen sie wohl meinte, als sie Ende 2007 verkündete, dass der Aufschwung bei den Leuten angekommen sei: Mupfeline!
kabelmann (20.10.2009, 09:52 Uhr)
@mupfeline
Die Kanzlerin ist also für nichts verantwortlich?
Wozu haben wir sie dann?
auwei (20.10.2009, 09:36 Uhr)
@mupfeline
Die Kanzlerin hat sicherloich nicht Rom angezündet, aber sie hat in den letzten vier Jahren mehr Kraft auf ihr Image, Machtkonsolidierung und Symbolpolitik verwendet als für wirkliche Arbeit. Sorry, dafür wurde sie geliebt - jetzt muss sie die Folgen tragen.
Fakten (20.10.2009, 09:24 Uhr)
Lach mich immer wieder tod wenn ich die Leistungsglaeubigkeit einiger Menschen so hoere.
Klar nur wer tonnenweise Kohle durch Erbe, Korruption, Betrug und Steuerhinterziehung angehaeuft hat darf sich zu den Leistungsfaehigen zaehlen.
Klar dieser einzelne Mensch investiert dann sicher auch in Arbeitsplaetze und laesst auch seine Mitmenschen leben.

Fuer wie bloed halten uns Einige, oder wie bloed sind diese Knechte die so einen Mist schreiben eigentlich selbst.

Klar das Solidaritaet nichts mehr zaehlt, ganz zu schweigen von der angeblichen Christlichkeit - denn warum lassen wir dann einen Hunger Holocaust zu der eine Milliarde Menschen betrifft.

Dann fahrt man ruhig euren Porsche und verschwendet was ihr nur koennt.
Aber bitte wenn es euch mal selber dreckig geht dann hofft nicht darauf das wir auch noch unseren Steuergroschen fuer euch aufwenden.
mupfeline (20.10.2009, 07:10 Uhr)
Dieter37
Warum? Warum ist die Merkeline "der Untergang" Deutschlands? Hat sie vielleicht die Weltwirtschaftskrise heimlich sogar inszeniert? Hat sie als erstes Soldaten nach Afghanistan gesandt und Jugoslawien bombardieren lassen? Hat sie das Missmanagement der Banker und Unternehmensführungen angeordnet-befohlen?

Man kann sicher der Merkeline einiges nachsagen aber dass die Unternehmen die Gewinne nicht in D versteuern lassen müssen sondern nur die Verluste geltend machen können das ist auf dem rot-grünen Misthaufen gewachsen, genauso wie die Einführung von Hartz IV.

Und wenn SIE den Wahlversprechen der Linken glauben dann sind Sie nicht nur ein Träumer dann sind Sie fern jeder Realität. oder was denken Sie was geschehen wird wenn die Besserverdienenden noch mehr gemolken werden bis kein Tropfen Milch mehr da ist? Was denken Sie was geschehen wird wenn die Vermögenden noch mehr Geld ins Ausland schaffen ...

DAS waren übrigens Wahlaussagen und Ziele der Linken:

Bürgergeld - jeder 1.000 Euro
raus aus der Nato
2 Mio neue Jobs
Verstaatlichung von Banken und Schlüsselindustrien (hatten wir das nicht schon mal?)
drastische Erhöhung der Vermögensteuer

Und? Wer soll dann noch die Leistungen erbringen? Wer soll die Waren kaufen? Wir haben dann zwar genügend Hersteller der Waren aber niemanden mehr der die Waren kaufen kann. Schon mal daran gedacht?

Und so weiter und so fort ... ganz sicher ist im Moment die Lage schwierig, Deutschland hat Jahrzehnte über seine Verhältnisse gelebt, wir haben einen Sozialstaat der alles und jeden unterstützt und niemand fragt mehr wer die Leistungen bringen soll. Die Sozialkassen explodieren weil immer weniger für immer mehr sorgen müssen. All das sind Gründe. Es gibt viele Gründe und Jahrzehntelanges verdrängen. Aber diese ganzen Probleme einer einzigen (Frau, Physikerin, aus dem Osten - schon allein das reicht für den geistigen Scheiterhaufen, nicht wahr!?) anzulasten, das zeugt ehrlich gesagt nicht von Naivität sondern schon von bodenloser Unbedarftheit.
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