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6. Februar 2004, 11:16 Uhr

Entführt

74 Tage war die Deutsche Reinhilt Weigel in der Gewalt von kolumbianischen Guerilleros. Ihr Leiden, das ihrer Mitgefangenen und den Kampf ums Überleben hielt sie in einem bewegenden Tagebuch fest.

Es gibt Momente, da fragt sich Reinhilt Weigel, ob sie eine Art Gehirnwäsche hinter sich hat. Und sagt nur noch: "Ich will mein Leben zurück!"© Roswitha Strothhenke

Die roten Socken und die Goretex-Jacke riechen noch nach Rauch, weil sie so oft durchweicht waren und am Feuer trocknen mussten. Die Schuhe, zerlumpt von 800 Kilometern Staub und Schlamm, sehen so spröde aus, als könnten sie jeden Moment zerfallen. Daneben liegt die letzte Tüte Trockenmilch. Die Notration Panela, ein gelber Block aus Zuckerrohr, in den Zähne schon Riefen gekratzt haben. Eine paar Quadratzentimeter Spiegelscherbe und ein bisschen Baumwolle, von einem Ast gerupft, für die Regel. Ja, auch die weiße, verbogene Kerze, die am 31. Geburtstag mitten im Busch brannte, ist noch da.

Reinhilt Weigel sitzt in ihrem bunten Pullover aus Peru zwischen den Resten einer Reise in eine andere Welt. Sie hütet sie, aber nicht wie Trophäen. Meist versteckt sie alles in einer Kiste in der Fluchtburg, in die sie sich zurückgezogen hat. In dem kleinen Apartment, das sie als begeisterte Felsklettererin in Chamonix auf Pump gekauft hat, versucht sie zu verstehen, was mit ihr passiert ist. Die aufgekratzten Insektenstiche, die tiefen Löcher an den Beinen sind langsam verheilt. Aber manchmal, wenn keiner es sieht, bricht eine Wut aus ihr, dass sie mit Gegenständen um sich schmeißen muss. Der Albtraum will einfach nicht enden, der am 12. September 2003 begann.

Es sollte das Highlight einer abenteuerlichen Reise werden

Es sollte das letzte Highlight einer abenteuerlichen Reise durch Südamerika werden. Den Titicaca-See in Bolivien, die gleißend weiße Uyuni-Salzwüste an der Grenze zu Chile, die mächtigen Inka-Festungen in Machu Picchu und Cuzco, die Vulkane in Ecuador - das alles hatte die Lehrertochter aus Bremen schon gesehen. Blieb nach zwei Monaten und vier Ländern noch die geheimnisvolle Ciudad Perdida im Norden Kolumbiens. Die Verlorene Stadt der Tairona-Indianer, die erst 1975 von Grabräubern entdeckt wurde und schon unzählige Rucksacktouristen angezogen hat.

Reinhilt Weigel wusste, dass Kolumbien ein heißes Pflaster ist. Dass dort Kriminalität und Drogen grassieren. Dass das "South American Handbook", die Bibel der Backpacker, vor "no-go-areas" in dem Land mit der weltweit höchsten Entführungsrate warnt.

Aber die Physiotherapeutin aus Bremen, die seit 1999 in einer Schweizer Klinik arbeitet, war so reiseerfahren, wie man nur sein kann. Ein Jahr mit dem Rad durch Australien und Neuseeland. Bike-Ritte durch die kanadischen Rocky Mountains und Free Climbing im Yosemite-Nationalpark in Kalifornien. Und außerdem: Weder das Internet noch Touristenführer warnten vor ihrem Ziel an der kolumbianischen Küste. Im Gegenteil: Das Hotel Miramar in der Stadt Santa Marta organisierte sogar Trekking-Touren zur Ciudad Perdida, die zwischen der Karibikküste und 5700 Meter hohen Gipfeln liegt.

Aber dann wurde es ein Matyruim

Am 9. September startete sie mit einer zusammengewürfelten Gruppe von Travellern auf den Treck. Er sollte sechs Tage dauern. Aber dann wurde es ein Martyrium von 74 Tagen und Nächten, über den sie ab dem 20. September Tagebuch führte, nachdem sie Papier bekommen hatte. Die Tage und Nächte davor kann sie noch heute nur schwer beschreiben, ohne zu schlucken: "Es war am 12. September, kurz nach 4 Uhr, als ich durch Stimmengewirr aus dem Schlaf gerissen wurde. Im Mondlicht war die Silhouette eines Mannes mit Uniform und Schusswaffe zu erkennen. ,Raus!" und ,Anziehen!" wurde gerufen. Keine Erklärung, nur ,Vamos!"", erzählt Reinhilt Weigel. "Als ich unsere beiden Führer gefesselt sah, dachte ich: O Gott, was ist hier bloß los?"

Am Nachmittag davor war die Gruppe in der Ruinenstadt in 1100 Meter Höhe angekommen, wo verfallene Tempel und Mauerreste zwischen Palmen stehen. Schon auf den ersten Blick ein mystischer Platz mit kreisrunden Terrassen, die in den tiefen Wolken wie Ufo-Landeplätze aussehen. Jetzt wurden im Mondschein Touristen von Männern mit Gewehren zusammengedrängt, die acht Kräftigsten abgesondert und in den Dschungel getrieben. Unter ihnen "Reini", die etwas von "Drogen" hört: "Ich hatte ein ganz mulmiges Gefühl. Ich hab alle Sensoren ausgefahren. Versucht, mir den Weg zu merken." Nach ein paar Stunden Marsch wirft sich der 19-jährige Matt aus London einen Abhang runter, um abzuhauen. Zornige Rufe der Entführer. Zum ersten Mal bekommt Reinhilt Weigel Angst, erschossen zu werden. Später sagen die Kidnapper: "Den holen die Tiger!"

20. September - Kälte, Hunger, Wut

Endlich hat Reinhilt Weigel von den Entführern etwas Papier bekommen. In engen Zeilen schreibt sie auf, was mit ihr passiert, um ihr inneres Durcheinander einigermaßen zu sortieren.

"Ich möchte am liebsten sterben, dann wär's auf einmal still", sind die ersten Worte, die sie notiert. "Gestern war ich vor Kälte bewusstlos, einer musste mich auf dem Muli halten, einer das Tier führen. Wann hört die Scheiße auf. Wie soll man das aushalten? 7 Tage durch den knöcheltiefen Matsch gelatscht. Kaum Essen, nur Panela. Zucker und Hühnerknochen ... mal so komisches Pulver aus dreckigen Händen, wie alles Essen. Reissuppe, alles aus dreckigen Behältern, mit Fingern, die sind nur noch verwundete Dreckklumpen." Bis zu 22 Stunden sind die Entführten an den Tagen davor gelaufen. "Verlor meinen Schuh 1x, fiel mehrmals hin. Ich konnte nicht mehr. Aber sie trieben uns weiter. Ich hätte schreien können vor Wut, aber ließ es sein. Dann ab in die Büsche, Kaffeebüsche, Dschungel, sie haben sich verlaufen. Lianen, Dreck, Dunkel, die Arme völlig zerschnitten. Dann ein reißender Fluss. Dadurch. Warten, sie spannten ein Seil. Ich war am Ende. Einer wollte mir helfen, aber ich schrie nur: Schweine, Ärsche! Hab den einen getreten. Bis zur Hüfte alles naß. Geheult!"

23. September - Geld

"Heute, ja heute ist alles gut und schön und dann bringen sie Dich an Deine Grenzen. Ein Gespräch mit einem von diesen Schweinen. Alles geht ums Geld, und als ich gefragt habe, ob es ihm Spaß macht, anderer Leute Leben zu zerstören, meint er ,Si, ich brauche auch Geld zum Essen." Dann meint er, ich soll ruhig bleiben und nicht mehr ausflippen, sonst gibt?s Handschellen. Und er hat gefragt, woher das Geld kommt, weil ich gesagt habe, ich habe keins, nur eine Hypothek, und meine Eltern auch nicht. Ich hab gesagt, ich weiß nicht, er kann gern die Hypothek haben. Er meinte, no plata (Geld), dann bleib? ich hier. Ich hab? gesagt, dann bring ich mich irgendwie um, und das mein ich auch ? Schweine, wie kann einem jemand in die Augen schauen, grinsen und sagen: Ja, es gefällt mir, dein Leben zu zerstören, damit ich Dein Geld haben kann? Wie kann ich cool bleiben, darüber stehen. Zumindest passiert was - die Fragerei. Ich hoffe, ich kriege meine Bücher zurück. Ich möchte mich waschen, ich stinke! Von Hygiene keine Spur." Reinhilt Weigels Mitgefangene sind Mark, 31, ein freier TV-Produzent aus England. Asier, 29, ein Baske, der aufbrausend, aber auch sanft und tröstend sein kann. Die Israelis Beni, 23, und Paz, 22, die wie Brüder aneinander festhalten, und Erez, 24, die alle als Soldaten in der Armee gedient haben. Und der Israeli Ido, 27, Software-Ingenieur, der irgendwann zu singen anfängt: "Sitting here in a boring room?"

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