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2. Oktober 2009, 16:58 Uhr

Alle gegen Sarrazin

Grüne, Genossen, Gewerkschafter, Glööckler: Eine breite Allianz hat sich auf Thilo Sarrazin eingeschossen. Dessen Kredit scheint nach seinen abfälligen Äußerungen über Türken in Berlin endgültig aufgebraucht. In der SPD werden die Rufe nach einem Parteiausschluss immer lauter.

Thilo Sarrazin, Bundesbank, Lettre International

Wegducken ist Thilo Sarrazins Sache nicht. Momentan sollte er aber in Deckung gehen, so scharf wie verbal auf ihn geschossen wird© Victoria Bonn-Meuser/DDP

Die Entrüstung über die Äußerungen von Bundesbank-Vorstandsmitglied Thilo Sarrazin kennt im neuesten Fall keine Grenzen. Scharfe Kritik an den Äußerungen Sarrazins über Berlin und einige seiner Einwohner kam am Freitag von: der Gewerkschaft Verdi, den Grünen, aus Sarrazins eigener Partei und sogar von dem exzentrischen Modeschöpfer Harald Glööckler. Derweil ermittelt die Staatsanwaltschaft Berlin weiter wegen des Verdachts auf Volksverhetzung.

Sarrazin, der Anfang Mai nach sieben Jahren als Finanzsenator von Berlin in die Bundesbankzentrale nach Frankfurt am Main gewechselt ist, hatte sich in einem Interview der Zeitschrift "Lettre International" abfällig über die Hauptstadt geäußert. Für Empörung sorgten solche Sätze: "Die Türken erobern Deutschland genauso, wie die Kosovaren das Kosovo erobert haben: durch eine höhere Geburtenrate." Und: "Ich muss niemanden anerkennen, der vom Staat lebt, diesen Staat ablehnt, für die Ausbildung seiner Kinder nicht vernünftig sorgt und ständig neue kleine Kopftuchmädchen produziert."

"Ein Vorstand sollte auch Verstand haben"

Der Grünen-Bundestagsabgeordnete Gerhard Schick sagte der "Frankfurter Rundschau": "Diese Äußerungen finde ich widerlich." Der im Verdi-Vorstand für den Finanzsektor zuständige Gewerkschafter Uwe Foullong bezeichnete die Bemerkungen als "skandalös" und "rechtsradikal".

Die Bundesbank hat sich von den Äußerungen ihres Vorstandsmitglieds bereits distanziert, ihn aber nicht kritisiert. Sarrazin entschuldigte sich am Donnerstag öffentlich. Ihm sei es nicht darum gegangen, einzelne Volksgruppen zu diskreditieren.

Die Berliner SPD-Bundestagsabgeordnete Eva Högl forderte sogar ein Parteiausschlussverfahren. "Nach diesen Äußerungen ist Thilo Sarrazin in der Sozialdemokratie untragbar", sagte sie der "Rheinischen Post". Sarrauom habe sich nicht zum ersten Mal abfällig über sozial Benachteiligte geäußert: "Er ist schon lange kein Sozialdemokrat mehr", sagte Högl.

Nach Informationen der RBB-Welle Radio Berlin 88,8 hat der Berliner SPD-Ortsverband Alt-Pankow am Freitag ein Parteiordnungsverfahren gegen Sarrazin beantragt.

Der SPD-Politiker Vural Öger kündigte an, sich beim Parteivorstand für einen Parteiausschluss Sarrazins einzusetzen. Er sagte in der WDR-Fernsehsendung "Aktuelle Stunde": "Ich bin entsetzt. Seine Worte sind beschämend, widerlich und skandalös. Und die Art und Weise wie er über die sozial benachteiligten spricht - so ein Mensch kann nicht ein SPD-Mitglied sein. Insofern finde ich das Ganze wirklich widerlich skandalös, und ich hoffe, dass das Konsequenzen haben wird."

Modedesigner Glööckler, der Botschafter des Deutschen Kinderhilfswerks ist, sagte, Sarrazin habe "die Grenze zum Rechtsradikalismus eindeutig überschritten". Was er sage, sei zudem eindeutig kinderfeindlich. Glööckler: "Ein Vorstand sollte auch Verstand haben."

AP
 
 
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