Peter Hintze, Merkels Messdiener

15. Februar 2012, 17:35 Uhr

Erst bei "Günther Jauch", dann bei "Hart aber fair": Pastor Peter Hintze verteidigt Bundespräsident Christian Wulff bis zum letzten Blutstropfen. Warum? Ein Porträt. Von Hans Peter Schütz

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"Wer sich nicht in Gefahr begibt, kommt darin um": CDU-Pfarrer Peter Hintze©

Wer wagt es zu behaupten, alles, was Bundespräsident Christian Wulff gesagt oder getan habe, sei "in Ordnung"? Alles sei "aufgeklärt und widerlegt"? Wer tut dies vor dem Millionenpublikum der Talkshow "Günther Jauch", obwohl Wulff inzwischen ungestraft als "Lügner" bezeichnet werden kann?

Der Mann, wir müssen ihn "tollkühn" nennen, heißt Peter Hintze, er ist CDU-Bundestagsabgeordneter, Parlamentarischer Staatssekretär im Wirtschaftsministerium und evangelischer Pfarrer. Kein Wunder, dass "Bild" ihn jüngst mit dieser Schlagzeile an die zehn Gebote der Bibel erinnerte: "Mein Gott, Herr Pfarrer... Du sollst nicht lügen, Peter!"

Arbeit über Machiavelli

Denn die Wahrheit ist: Vieles ist nicht geklärt oder gar widerlegt; die Staatsanwaltschaft Hannover prüft noch, ob sie förmlich Ermittlungen aufnimmt. Was ist das also für ein Mann, der tollkühn das Gegenteil behauptet? Und der sich ohne jede Rücksicht auf die eigene Glaubwürdigkeit als letzter Kämpfer für Christian Wulff in Szene setzt?

Man könnte antworten, dass dieser Peter Hintze bis heute nicht vernünftig verarbeitet hat, womit er sich als Theologiestudent lange beschäftigte: nämlich mit einer Arbeit über Macchiavelli und die Macht. Denn Hintzes Motiv, sich schützend vor Wulff zu werfen, kann nur der Wunsch sein, den machtpolitischen Status quo für die Kanzlerin abzusichern. Andere in der Union, die zunächst auch für Wulff gekämpft hatten, haben sich bereits indigniert zurückgezogen. Peter Altmaier zum Beispiel, der Erste Parlamentarische Geschäftsführer der Unionsfraktion; Hermann Gröhe, Generalsekretär der CDU; oder auch CDU/CSU-Fraktionschef Volker Kauder. So bleibt für Hintze die Rolle "Wulffs letzter Verteidiger" reserviert.

Stumpfe Kampagnen

Es gab einmal Zeiten, lang, lang ist es her, da war dieser Peter Hintze Generalsekretär der CDU, der Kanzler hieß Helmut Kohl. Auf Hintzes Posten hatten Politiker von Format gesessen, die über die Zukunft der CDU nachgedacht hatten: Kurt Biedenkopf, Heiner Geißler, Volker Rühe. Der Pfarrer jedoch fiel vor allem wegen seiner platten "Rote Socken"-Kampagne bei der Bundestagswahl 1994 auf. Das Bildmotiv ließ er quer durch die Republik plakatieren und schwärmte anschließend über dessen Kultcharakter. Vier Jahre später wollte er seinen Kanzler Helmut Kohl erneut retten, mit einer Kampagne gegen die Grünen, die noch schamloser war. Die Ökopartei forderte damals einen Spritpreis von fünf Mark pro Liter, und Hintze wollte die deutschen Tankstellen mit dem Slogan "Lass Dich nicht anzapfen" überziehen. Die Grünen selbst titulierte er als "die Stinkefüße in der rotgrünen Formation des Herrn Schröder".

Selbst in der CDU schimpften sie damals über den "Schund" aus der Wahlkampfwerkstatt des Kohl-hörigen Mannes. Dass der Wunsch der Wähler nach einem Kanzlerwechsel nicht mehr abzuwenden war, realisierte Hintze nicht. Stattdessen versuchte er, die Rote-Socken-Kampagne mit einer Rote-Händedruck-Kampagne aufzuwärmen. Das Plakat zeigte das abgewandelte SED-Logo, das den Händedruck zwischen Wilhelm Pieck und Otto Grotewohl darstellen sollte. Darunter stand: "Wir sind bereit: SPD/PDS" und "Aufpassen Deutschland! CDU". Die ostdeutschen CDU-Politiker weigerten sich in vielen Fällen, das Plakat kleben zu lassen.

Das CDU-Netzwerk

Nach der verlorenen Bundestagswahl 1998 musste Hintze auf Druck der Partei seinen Posten als Generalsekretär niederlegen. Nach der Wahl 2005 wurde er unter der neuen Kanzlerin Angela Merkel Parlamentarischer Staatssekretär im Wirtschaftsministerium. Merkel und Hintze kennen sich seit Langem, da Pfarrer Hintze die ostdeutsche Pfarrerstochter schon Anfang der 90er Jahre als Parlamentarischer Staatssekretär im Amt der Bundesfrauenministerin politisch betreut hatte. Merkel hatte ihn nach der Bundestagswahl 2009 sogar als Staatssekretär ins Kanzleramt holen wollen, er bat indes darum, aus "privaten Gründen" im Wirtschaftsressort bleiben zu dürfen.

Dass Hintze den weniger arbeitsintensiven Posten im FDP-geführten Wirtschaftsministerium vorzog, war kein Verzicht auf politische Macht. Denn Hintze ist auch Chef, Spitzname: "Hirte", der nordrhein-westfälischen CDU-Landesgruppe im Bundestag, die 45 Mitglieder zählt. Größer ist keine andere Landesgruppe. Und mehr Einfluss als die Nordrhein-Westfalen hat nicht einmal die CSU. Auch deswegen hat Angela Merkel diese Machtbastion glänzend mit Posten vorsorgt. Norbert Röttgen ist Umweltminister, Hermann Gröhe CDU-Generalsekretär, Philipp Missfelder JU-Chef, die Merkel-Vertraute Eva Christiansen kommt aus NRW, ebenso Kanzleramtschef Ronald Pofalla. Hintze kommandiert damit ein praktisch allmächtiges CDU-Netzwerk.

Anleihe bei Ernst Bloch

Unter dem Einfluss des jeweiligen Regierungschefs meidet er jede Eigenständigkeit - Kohl war einst sein archimedischer Punkt, den er selbst dann als Wahlsieger sah, als niemand an der CDU-Spitze 1998 noch an seinen Wahlsieg glaubte. Auch als "Merkels Gebetesmühle", wie ihn viele nennen, arbeitet er jetzt perfekt - siehe die TV-Auftritt zum Thema Wulff. Joschka Fischer hat ihn einmal mit dem Satz charakterisiert: "Ein mäßig talentierter Streber, der sich durch Ehrerbietung gegenüber dem Pfarrer zum Oberministranten hoch gedienert hat."

Sein größtes Problem: Hintze mimt nicht nur den Polit-Schurken, spielt nicht nur Wortverdreher oder Runterputzer, er nimmt sich sehr ernst in seiner Rolle. Sein politisches Lebensmotto hat er beim CDU-fernen Philosophen Ernst Bloch gefunden: "Wer sich nicht in Gefahr begibt, kommt darin um."

Lieblingsrolle: Merkel-Retter

Den Dschungelkampf in der CDU hat er schon früh geübt. Etwa, als er in seiner Jugend die CDU aufforderte, sie möge Gratis-Kondome auf den Schulhöfen verteilen. Er schwärmt auch in der Politik von der japanischen Kampfsportart Aikido: Dabei kommt es darauf an, mit einer Drehung die Kraft des gegnerischen Angriffs intelligent zu nutzen, um ihn abzuwehren. Niederlagen fürchtet er nicht. Und er sieht gelassen in die Zukunft. Pfarrer war er gern und "Pfarrer kann ich immer wieder werden", sagt er. Auch die Traumstelle dafür hat er schon ausgeguckt: die Hallig Hooge.

Offenbar glaubt er, dort sei er am besten geschützt vor den aggressiven deutschen Medien, die aus seiner Sicht im Fall Wulff aus einer Mücke einen Elefanten machen.

Was ihn dagegen glücklich machen dürfte, sind die Schlagzeilen der vergangenen Tage: "Wulffs letzter Freund" (Die Welt), "Wulffs letzter Mann" (Der Spiegel), "Wulffs letzter Verteidiger" (Berliner Zeitung). Und es wird ihm wohl schmeicheln, dass seine Rolle als Wulff-Retter als Nebenfunktion seiner Lieblingsrolle zu sehen ist: Retter der Kanzlerin. Was ihm bei Kohl nicht geglückt ist, will er jetzt offenbar besser machen.

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