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31. Juli 2008, 11:24 Uhr

Vom Henker zum Bürgermeister

Am 1. August 1944 begann der Warschauer Aufstand, mit dem die polnische Heimatarmee verzweifelt versuchte, die deutschen Besatzer zu vertreiben. Doch SS-Führer Heinz Reinefarth ließ die Revolte brutal niederschlagen, 150.000 Polen wurden getötet. Dennoch gelang ihm in der Bundesrepublik eine bemerkenswerte Karriere. Von Andreas Mix

Offiziere der polnischen Heimatarmee bei einer Lagesprechung während des Aufstandes. Sie waren so knapp an Ausrüstung, dass sie sogar eroberte deutsche Uniformen verwendeten© Picture Post/Hulton Archive/Getty Images

Die Stunde "W" schlug am 1. August 1944 um 17 Uhr. Mit dieser Tarnbezeichnung löste die Führung der konspirativen nationalpolnischen Heimatarmee den Aufstand in Warschau aus. Militärisch richtete er sich gegen die deutschen Besatzer, politisch gegen die Sowjetunion. Die Zeit drängte: Nach dem Zusammenbruch der Heeresgruppe Mitte befand sich die Wehrmacht auf einem überstürzten Rückzug, und im ostpolnischen Lublin war auf Stalins Geheiß ein kommunistisches "Befreiungskomitee" gegründet worden.

Der Kampf um die polnische Hauptstadt dauerte 63 Tage. Da die erhoffte militärische Hilfe von der Roten Armee ausblieb, mussten die Aufständischen kapitulieren. Der Preis für die versuchte Selbstbefreiung war hoch: Mehr als 150.000 Menschen fielen ihr zum Opfer. Die überlebenden Einwohner Warschaus wurden zur Zwangsarbeit deportiert und die Stadt von den Deutschen systematisch zerstört.

15.000 Zivilisten ermordet

Besonders in den ersten Tagen des Aufstands verübten Wehrmachts-, SS- und Polizeieinheiten zahlreiche Verbrechen. Allein am 5. August ermordeten so genannte "fremdvölkische Verbände" und eine Bewährungseinheit der SS in den Stadtteilen Ochota und Wola etwa 15.000 Zivilisten - Frauen, Kinder und Kranke in den Spitäler. Die Verbände gehörten zur "Kampfgruppe Reinefarth". Den aus verschiedenen Einheiten eilig zusammengestellte Haufen kommandierte der Höhere SS- und Polizeiführer Heinz Reinefarth, der von Himmler aus Posen nach Warschau beordert wurde, um den Aufstand niederzuschlagen. Wer war dieser "Schlächter von Warschau"?

Als SS-Gruppenführer verantwortlich für die Ermordung von 15.000 Zivilisten: Heinz Reinefarth© Ullstein Bild

Der damals 41-jährige Reinefarth besaß keine Erfahrung als Befehlshaber größerer bewaffneter Verbände, aber das Vertrauen des Reichsführers-SS. Als Student der Rechtswissenschaften in Jena trat er 1932 der NSDAP und SS bei. Seine Karriere in Himmlers SS-Imperium begann jedoch erst 1942, als er kriegsverwundet aus der Wehrmacht ausschied. Innerhalb von zwei Jahren stieg Reinefarth bis in die höchsten SS-Ränge auf. Unmittelbar vor dem Warschauer Aufstand ernannte ihn Hitler zum SS-Gruppenführer und Generalmajor der Polizei.

"Weniger Munition als Gefangene"

Reinefarth führte bedenkenlos Himmlers Befehl aus, alle Aufständischen und Zivilisten zu töten. Er habe "weniger Munition als Gefangene", beklagte sich Reinefarth beim Oberbefehlshaber der bei Warschau stationierten 9. Armee Nikolaus von Vormann am 5. August. Als die marodierenden Truppen die Kampfmoral bedrohten und den Widerstand der Aufständischen verstärkten, wurden die Massaker an der Zivilbevölkerung unterbunden.

Für seinen Einsatz in Warschau erhielt Reinefarth das Eichenlaub zum Ritterkreuz, eine der höchsten militärischen Auszeichnungen des "Dritten Reichs". Derart bewährt, ernannte ihn Hitler im Januar 1945 zum Kommandanten der "Festung Küstrin". Reinefarth verweigerte jedoch den unsinnigen Befehl, die Stadt an der Oder gegen die Roten Armee zu verteidigen, und floh mit seinem Stab nach Westen. Das daraufhin eingeleitete Kriegsgerichtsverfahren blieb folgenlos; Reinefarth geriet Anfang Mai 1945 in britische Kriegsgefangenschaft.

Konsequent gegen Entnazifizierung

Die polnischen Behörden wollten den "Henker von Warschau" vor Gericht bringen, doch der beginnende Kalte Krieg bewahrte Reinefarth vor der Auslieferung. Im Gegensatz zu anderen hochrangigen SS-Führern suchte er seine zweite Chance nicht in der Wirtschaft, sondern in der Politik. Als Mitglied des "Blocks der Heimatvertriebenen und Entrechteten" (BHE) wurde Reinefarth 1951 zum Bürgermeister von Westerland auf Sylt gewählt. Für die selbsternannte Interessenvertretung der Kriegsverlierer, die ab 1952 unter dem Namen "Gesamtdeutscher Block/Bund der Heimatvertriebenen und Entrechteten" (GB/BHE) firmierte, war er auch im Landesverband von Schleswig-Holstein aktiv. Im nördlichsten Bundesland, wo der Bevölkerungsanteil der Flüchtlinge und Vertriebenen besonders hoch war, hatte die Partei ihre Machtbasis. Bei den Landtagswahlen 1950 erhielt der BHE mehr Stimmen als die CDU. Konsequenter noch als andere Parteien setzte sich der BHE für ein Ende der Entnazifizierung ein.

Ende der 50-Jahre geriet Reinefarth ins Visier der antifaschistischen Kampagnen der SED. In der DEFA-Dokumentation "Urlaub auf Sylt" klagten ihn die Filmemacher Annelie und Andrew Thorndike 1957 als einen der "übelsten Nazi-Kriegsverbrecher in der Bundesrepublik" an. Die polnischen Behörden forderten öffentlich die Auslieferung des "Mörders von Warschau". Die Staatsanwaltschaft Flensburg nahm daraufhin Ermittlungen gegen Reinefarth auf, die jedoch noch vor der Landtagswahl 1958 eingestellt wurden. Als Abgeordneter des GB/BHE zog Reinefarth in den Kieler Landtag ein. Zeitweilig war er als Amtschef im Innenministerium im Gespräch.

Reinefarth schob Schuld von sich

Reinefarth bestritt die gegen ihn erhobenen Vorwürfe und schob die Schuld an den Verbrechen anderen zu. Volle Unterstützung erhielt er von Hans-Adolf Asbach, dem Landesvorsitzenden des GB/BHE und Arbeitsminister von Schleswig-Holstein. Asbach war während es Zweiten Weltkriegs Kreishauptmann im besetzten Polen gewesen.

Doch auch im "braunen Naturschutzgebiet" (Die Zeit) Schleswig-Holstein war die Schonzeit für NS-Größen vorbei. Aufgrund neuer Erkenntnisse des Historikers Hanns von Krannhals, der anhand von Dokumenten die Verantwortung Reinefarths für die Massaker in Ochota und Wola nachweisen konnte, nahm die Staatsanwaltschaft erneut Ermittlungen auf. Die Verleumdungsklagen, die Reinefarth gegen Krannhals und andere anstrengte, verschafften seinem Fall nur noch mehr Aufmerksamkeit. Unter dem öffentlichen Druck hob der Landtag 1961 Reinefarths Immunität als Abgeordneter auf; zwei Jahre später trat er als Bürgermeister von Westerland zurück. Für die Verbrechen in Warschau musste er sich jedoch nicht verantworten. Die Staatsanwaltschaft Flensburg stellte ihre jahrelangen Ermittlungen schließlich ein. Nach dem erzwungenen Rückzug aus der Politik arbeitete Reinefarth wieder als Rechtsanwalt. Er starb am 7. Mai 1979 in Westerland auf Sylt - fast auf den Tag genau 34 Jahre nach dem Kriegsende.

Von Andreas Mix
 
 
KOMMENTARE (8 von 8)
 
Administrator (01.08.2008, 16:36 Uhr)
Liebe User,
vielen Dank für Ihre Beiträge. Wir haben an dieser Stelle einige Kommentare gelöscht, da diese gegen unsere Hausordnung verstoßen haben.
Aus diesem Grund schließen wir die Debatte an dieser Stelle.
Herzliche Grüße,
Ihre stern.de-Admins
ukiduki (01.08.2008, 16:33 Uhr)
@antiantianti
wie ich schon schrieb, besteht noch immer die notwendigkeit auf die gefahren hin zu weisen. wobei mir oft in den artikeln der bezug zur gegenwart fehlt. und da hast du recht, die medien wollen nur kohle verdienen und wenn das zufälliger weise mit aufklärung geht ist das gut. wenn aber die veröffentlichung dem eigenen geschäft schadet, wird es nicht gemacht.
besonders fällt das in letzter zeit bei den artikeln von stern online auf. sie sind doch sehr tendenzioös und stark darauf bedacht, nicht irgendeine lobby, die vielleicht einmal inserieren würde, zu verprellen. (siehe berichterstattung über die zukünfttige energieversorgung, rauchverbot, verkehrspolitik)
ukiduki (01.08.2008, 15:34 Uhr)
inkonsequenz verursacht übelkeit
ob die entnazifizierung im weste oder osten oder stasiaufarbeitung in der heutigen zeit, zeigt es sich, dass menschen mit zu verachtenden eigenschaften, in jedem system gebraucht und geschützt werden.
wenn man sich zum beispiel in mecklenburg die unsägliche verquickung alter seilschaften und der politik heute anschaut, dann weiss man, warum es nicht weiter geht.
die gleichen seilschaften finden sich in firmenleitungen wieder. und diese mauscheln mit der politik zusammen auf kosten der angestellten und steuerzahler (z.b. bei förderungen von firmen). wenn man tiefer schaut, wird einem übel.
RBrunnerHH (01.08.2008, 15:18 Uhr)
@alle
Mögt Ihr auch alle irgendwie "recht" haben. So what? Der Krieg ist seit mehr als 60 Jahren vorbei, die Protagonisten fast gänzlich verstorben!
UR63 (01.08.2008, 15:17 Uhr)
@Guennie04
Zitat:Und nun zur Aufklärung der Stasi verschlingen 3000 Mitarbeiter beim Schnipselzusammenkleben unsere hart erarbeiteten Steuergelder.
Ist doch gut so!
Warum sollen kriminelle Kommunisten geschützt werden!
Da sind noch viel zu viele,die sich in der CDU,PDS oder SPD rumtummeln!
Guennie04 (01.08.2008, 14:56 Uhr)
Es beschämt mich zutiefst,
dass es in diesem unsrem Land solche Henkersknechte auch noch zu Meriten gebracht haben.Globke, Filbinger, Reinefarth. Und wer noch alles? Wirft es doch auch ein beredtes Zeichen auf die uns umgebende Gegenwart. Neonaziaufmärsche, die durch höchstrichterliche Anordnung immer noch stattfinden dürfen. Alte und neue Nazis die der Milde unserer Gesetzgebung nur ein Lächeln entlocken können. Aber es hat auch Methode. Nicht nur der "kalte Krieg " ist daran schuld. Waren zu Aufarbeitung der Naziverbrechen zu Adenauers Zeiten ganze 50 Hanseln damit beschäftigt so kann man die "Effektivität" ermessen mit der die Aufklärung erfolgte. Da wurde Totgeschwiegen, hinausgezögert, ausgesessen und falsch Zeugnis abgelegt auf Teufel komm raus. Und nun zur Aufklärung der Stasi verschlingen 3000 Mitarbeiter beim Schnipselzusammenkleben unsere hart erarbeiteten Steuergelder. Wo soll das alles noch enden?
LaoLu (01.08.2008, 14:44 Uhr)
"nicht konsequent genug vorgegangen"???
Ich schmeiß mich gleich-
der Misthund war jahrelang Bürgermeister auf Sylt.
Und erzähle mir bitte keiner, man hätte seinen Background nicht gekannt!
Stahlkappe (01.08.2008, 14:22 Uhr)
Danke für die Info
Es zeigt doch eindeutig das gegen solche Menschen nicht konsequent genug vorgegangen wurde.
Sowas passiert in einem Zivilisierten Land?