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14. Februar 2001, 13:26 Uhr

Der Kampf um Jerusalem

Clermont, Frankreich, im November 1095: Papst Urban II. ruft die Christenheit zur Befreiung des Heiligen Landes auf. Zehntausende machen sich auf. Ein erster, schlecht bewaffneter Zug einfacher Leute wird von den Türken in Kleinasien aufgerieben. 1099 steht dann ein christliches Ritterheer vor Jerusalem. Von Durst und Seuchen geplagt, nehmen die Kreuzfahrer die Stadt ein und metzeln alles nieder, was sich ihnen in den Weg stellt. Ein Bericht.

Clermont, Frankreich, im November 1095: Papst Urban II. ruft die Christenheit zur Befreiung des Heiligen Landes auf. Zehntausende machen sich auf. Ein erster, schlecht bewaffneter Zug einfacher Leute wird von den Türken in Kleinasien aufgerieben. 1099 steht dann ein christliches Ritterheer vor Jerusalem. Von Durst und Seuchen geplagt, nehmen die Kreuzfahrer die Stadt ein und metzeln alles nieder, was sich ihnen in den Weg stellt. Ein Bericht.

Das Schlimmste ist der Durst. Die Zunge klebt am Gaumen, die Lippen sind aufgesprungen. Sprechen wird zur Qual, aus der vertrockneten Kehle kommt nur heiseres Krächzen. Unbarmherzig brennt die Julisonne. Über die kargen Höhen weht ein glühender Wüstenwind. Wer vorne zu tun hat, wo das Geröll zum Auffüllen der Gräben bereitgestellt wird, muß wegen des ständigen Pfeilhagels Helm und Kettenpanzer tragen. Zwar haben die Männer inzwischen gemerkt, daß die Sonne ihre Kettenpanzer aufheizt, und tragen über der Rüstung einen Umhang aus hellem Stoff, der die Hitze abweist, aber die Eisenhemden haben ein fürchterliches Gewicht, das macht jede Bewegung schwer und mühevoll, dazu klebt der dicke Filz darunter widerlich am Körper. Und wenn man dann von vorne zurückkommt, gibt es vielleicht einen Schluck trübe, grüne Brühe zu trinken, die man kaum Wasser nennen kann, und manchmal gibt es nicht einmal das.

Die drinnen in der Stadt, die Ungläubigen und die Juden, die haben alles. Randvolle Magazine, Wasser in wohlgefüllten Zisternen. Das haben die Christen berichtet, die der muslimische Befehlshaber aus der Stadt geworfen hat, als das Heer anrückte. Aber hier draußen im dürren, steinigen Land ist nichts. Hier im Christenlager brüllt das Vieh vor Durst in den Gattern. Täglich krepieren einige der Lasttiere. Und noch viel mehr Menschen. Seuchen gehen um. Seit das Heer vor drei Jahren losgezogen ist, schrumpfte es ständig. Man lebt auf dem Marsch und in den Zelten so eng beieinander, Krankheiten, die der eine hat, bekommt der andere auch, der Herr mag wissen, warum. Und dann das Essen. Zu wenig, natürlich, wenn man sich in einem ausgebluteten Landstrich versorgen muß. Den Gestank, der wie ein Wolke über dem Lager steht, nimmt niemand wahr. Auch zu Hause kacken alle dorthin, wo sie gerade gehen und stehen.

Am Rand des Lagers erhebt sich ein riesiges Holzgerüst, die Hoffnung des christlichen Heeres. Das Bauwerk steht auf Rädern, mannshohen Holzscheiben, auf der Rückseite hat es Leitern, obenauf eine Plattform, auf der ein Dutzend Männer Platz finden können, darüber eine Art Ladebaum, in den eine mit Brettern belegte Brücke eingehängt ist. Das Gerüst ist ein Belagerungsturm, bestimmt dazu, Mauern zu überwinden. Die Mauern der heiligen Stadt Jerusalem. Hinter diesen Mauern liegen die heiligen Stätten von Jesu Wirken und Leiden, von seiner Kreuzigung und Auferstehung. Wer Jerusalem aus der Hand der Muslime befreit, die es seit Jahrhunderten besetzt halten, dem werden seine Sünden vergeben. So hat es der Papst bei der Synode von Clermont vor fast vier Jahren versprochen.

Den Kreuzfahrern, die damals dabei waren, läuft es noch heute kalt über den Rücken. Aber auch die anderen, denen Wanderprediger die Papst-Botschaft in ihre Heimatkirchen brachten, steckte die Begeisterung an. Im November 1095 war es, die Kirche von Clermont hat den Andrang der Menschen nicht fassen können, also wurde die Versammlung ins Freie verlegt, und der Papst sprach, wie man noch nie einen Menschen hatte sprechen hören. »Nicht er hat geredet, Gott hat aus ihm gesprochen«, sagten viele.

Urban II. schilderte Not und Verfolgung der Christen in den Ländern des Ostens, er wiederholte die dringenden Hilferufe des Kaisers in Konstantinopel, der sich der Angriffe der muslimischen Türken nicht mehr erwehren könnte. Er mahnte die Christen an ihre Pflicht, für die Ausbreitung des Glaubens zu kämpfen. Und er nannte ein Ziel: Jerusalem, Befreiung des heiligen Grabes. Die Zuhörer schrien und weinten. Donnernde Sprechchöre erhoben sich: »Gott will es!« hallte es über das Feld.

Trefft euch im August des nächsten Jahres, hatte sie der Papst aufgefordert, und die Ritter Europas hatten sich gerüstet, einige ihre Güter verkauft, um Geld für Waffen, Panzerzeug, Pferde und Proviant zusammenzubekommen. Auch einige große Herren nahmen das Kreuz. Aus dem Norden kamen Flamen und Engländer unter Robert II. von Flandern und Robert II. von der Normandie, Lothringer und Rheinländer sammelten sich unter Gottfried von Bouillon, Südfranzosen unter Raimund IV. von Toulouse, Normannen aus Süditalien unter Bohemund von Tarent und seinem Neffen Tankred.

Auf verschiedenen Wegen, über Land, auf dem Seeweg über die Adria und dann weiter auf den alten römischen Heerstraßen durch den Balkan, zogen sie zu nächst nach Konstantinopel, wo sich die Fürsten zu endlosen Verhandlungen mit dem Kaiser niederließen. Der war nicht glücklich über den wilden Heerhaufen, der in sein Land eingefallen war. Die Kaisertochter Anna: »Die grobschlächtigen Ritter aus dem Westen waren von der glänzenden Pracht des Palastes, seinem glatten Zeremoniell und den ruhigen, geschliffenen Manieren der Höflinge natürlich beeindruckt. Aber sie nahmen es alles zutiefst übel. Ihr verletzter Stolz machte sie widerborstig wie ungezogene Kinder.« Der Kaiser hatte, als er beim Papst um Beistand gegen die Türken angesucht hatte, sein Hilfsgesuch ganz anders gemeint: Ihm schwebte eine kleine schlagkräftige Söldnertruppe vor, die helfen sollte, die Türken aus Kleinasien zu vertreiben. Mit dem Riesenheer, das verschiedenen Herren gehorchte, die sich untereinander keineswegs grün waren, und das unbedingt und ausschließlich nach Jerusalem wollte, konnte er nichts anfangen. Jerusalem, gewiß, das hatte mal zum Kaiserreich gehört, aber das war lange her, nun gehörte es zum Machtbereich der Muslime, und als unbewaffneter Pilger konnte man da auch durchaus hinkommen.

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