. .
Geschichte & Historie
Schlagzeilen Themen Mobil iPad Blogs Investigativ Hefte
 
Fotocommunity
Fotocommunity

Treffpunkt für ambitionierte Amateurfotografie. Bilder hochladen und bewerten, sich mit anderen Austauschen. mehr...

Weblogs bei stern.de
Weblogs bei stern.de

Die Online-Tagebücher bei stern.de: Freie Autoren schreiben hier persönlich, direkt und eigenständig. mehr...

Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka
sternTV - Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka

Vertiefende Informationen zu der aktuellen und den vergangenen Sendungen von sternTV. mehr...

stern Investigativ
stern Investigativ

Das Recherche-Team des stern. Erfahren Sie mehr über die Recherchespezialisten und ihre Enthüllungen von Terrorismus bis Wettmanipulation. mehr...

 
26. Oktober 2007, 11:14 Uhr

Die Stadt Dresden ehrt einen "Rassisten"

Unter Historikern regt sich Protest gegen Rainer Fetscher. Der Rassenhygieniker sterilisierte 65 Menschen, die er für "minderwertig" hielt. Ein Platz, eine Straße und Schulen tragen seinen Namen. Von Kerstin Schneider

der Rassenhygieniker Rainer Fetscher© TU

"Die gesamte europäische Welt ... ist bedroht durch die Farbigenfrage... Es steht uns eine gewaltige Überzahl Farbiger gegenüber... Vollzieht sich ... die technische und staatliche Organisation der Farbigen, dann stehen wir einer erdrückenden Übermacht gegenüber, gegen die wir uns nur behaupten können, wenn wir die letzte biologische Reserve in den Kampf werfen. Europa hat sich selbst schwach gemacht und im Laufe der Jahrzehnte ein Heer von Minderwertigen herangezüchtet, das unsere Schlagkraft lähmt... Schon einmal musste das deutsche Volk Mongolenstürme abwehren und das bedrohte Europa retten..."

Rainer Fetscher, der diese Warnung 1933 in seinem Buch "Rassenhygiene" veröffentlichte und dessen Geburtstag sich am 26. Oktober zum 112ten Mal jährt, sterilisierte 65 Menschen, die er für minderwertig hielt. Er schuf eine "Erbbiologische Kartei" von "biologisch minderwertigen" Personen, die für die Nazis "wohl von entscheidender Bedeutung für die systematische Realisierung ihres barbarischen Feldzuges gegen alle Formen, ererbter Minderwertigkeit'" war, wie der Dresdner Arzt Steffen Sachse in seiner Dissertation schreibt.

Als "antifaschistischer Widerstandskämpfer" verehrt

Trotzdem wird Rainer Fetscher in Deutschland als "antifaschistischer Widerstandskämpfer" verehrt. In Dresden tragen eine Straße und ein Platz seinen Namen. Es gibt ein Fetscher-Altenheim und eine "Prof. Dr. Rainer Fetscher" Schule für Körperbehinderte. In Pirna gab es bis vor kurzem ein Fetscher-Gymnasium. "Rainer Fetscher war ein Rassist und Stichwortgeber für die nationalsozialistische Rassenpolitik", sagt Professor Dr. Reiner Pommerin vom Institut für Geschichte an der Technischen Universität Dresden. "Fetscher war nicht nur Schreibtischtäter. Er hat sich zur Sterilisation von 65 Menschen bekannt. Allein das reicht, um ihm jede Ehrung zu verweigern."

Pommerin ist Autor zahlreicher Fachbücher, darunter eines über die Geschichte der Technischen Hochschule Dresden, an der auch Fetscher Vorlesungen hielt. Auf die Frage, wer den Rassenhygieniker auf den Sockel des Widerstandskämpfers hievte, hat der Historiker eine provokante Antwort parat. "Fetscher wurde von der DDR zum Widerständler und Antinazi gekürt, weil es in den Kurs der offiziellen Geschichtsschreibung passte. Man brauchte einen bürgerlichen Widerstandskämpfer und Nazigegner. Weil es keine gab, kürte man Fetscher dazu."

Iring Fetscher pflegt das positive Bild seines Vaters

Doch auch 17 Jahre nach der Wende, hält sich Fetscher auf dem Sockel des Widerstandskämpfers. Denn Rainer Fetscher hat einen prominenten Sohn. Der Politologe Iring Fetscher, Marxismusforscher und Träger des Bundesverdienstkreuzes, sorgt dafür, dass das Bild seines Vaters als "Humanist" und "Antinazi" keine Kratzer bekommt - zum Teil mit Behauptungen, für die Historiker keine Belege finden.

René Rainer Fetscher wurde am 26. Oktober 1895 in Wien geboren. 1921 promovierte er zum Doktor der Medizin. Im Herbst 1922 zog Fetscher nach Dresden, trat eine Stelle als Assistent beim Ordinarius an der Technischen Hochschule an. 1923 habilitierte er sich und hielt Vorlesungen am Hygiene-Institut. "Die Rassenhygiene hat es nicht mit Menschenrassen ... zu tun, sondern nur mit Menschen mit gesundem oder kranken Erbgut", umriss Fetscher damals seine Haltung.

Mit dem Segen des Sächsischen Justizministeriums begann der Arzt 1923, Daten von Straftätern und ihren Familien für eine "Erbbiologische Kartei" zu sammeln. Fetscher konzentrierte sich zunächst auf Sexualtäter, begann jedoch 1925 mit der systematischen Erfassung aller Häftlinge in Sachsen und deren Familien, um eine "umfangreiche Kartothek über dissoziale Familien Sachsens" zu schaffen. Fetscher, der sich später als Vorstandsmitglied der "Kriminalbiologischen Gesellschaft" engagierte, glaubte an die Vererbung von Kriminalität und nahm Angehörige von Straftätern faktisch in genetische Sippenhaft. Innerhalb von mehr als zehn Jahren trug der Arzt eigenen Angaben zufolge rund 150.000 Namen aus etwa 13.000 Familien zusammen.

1928 wurde Fetscher zum außerordentlichen Professor für Hygiene berufen. Im Laufe der Jahre veröffentlichte er über 200 wissenschaftliche Arbeiten. Rainer Fetscher kann "nicht gänzlich von der Verantwortung entbunden werden", "der faschistischen Rassenhygiene den Weg mit bereitet zu haben", urteilt - wie Pommerin - auch Steffen Sachse in seiner Dissertation.

Warnung vor dem Farbigensturm

Schon in seinem 1928 erschienenen Buch "der Geschlechtstrieb" warnte Fetscher, "jede Zeugung, welche zu minderwertigen Früchten führt, ist zu vermeiden". Über die "Eheberatung" schrieb der Arzt:"Von einzelnen Autoren wird die Auffassung vertreten, dass aus der Kreuzung zweier Menschenrassen … relativ minderwertige Kinder hervorgingen ... Der Einwand dagegen besagt, dass sich eben nur relativ minderwertige Personen in ungünstigen sozialen Verhältnissen zur Mischehe bereitfinden, wenn einer solchen gesellschaftliche Vorurteile entgegenstehen. Dann erklärt sich die körperliche und geistig verminderte Leistungsfähigkeit der Kinder zwanglos aus der geringeren Wertigkeit der Eltern. Als Folge der Rassenkreuzung ist das aber nicht zu bezeichnen. Weiter ist zu bemerken, das jede Ehe auch eine 'Mischehe' sein muss, da sich praktisch das Erbgut aller Menschen unterscheidet. Zwischen einer Rassenmischehe und einer beliebigen anderen Ehe besteht also nur ein gradueller, nicht aber prinzipieller Unterschied."

Gleichwohl warnte Fetscher vor den "Farbigen". 1930 erschien das Buch "der gesunde Mensch", von Huntemüller und Fetscher, das "von Seite 95 an" Fetschers alleiniges Werk ist. Der Arzt beklagte, "dass die Summe der Farbigen die der Weißen übertrifft..." und mahnte, "dass wir unsere Geburtenziffer mindestens verdoppeln müssten, um den Geburtenwettlauf mit den Farbigen bestehen zu können..." Um wenigstens "durch Hebung der Qualität der Bevölkerung den Mangel an Quantität...wett zu machen", schlug Fetscher die "Sterilisierung"aus "eugenischen Gründen" vor. Fetscher rechnete seinen Lesern vor, dass "allerwenigstens 800.000 Personen im Deutschen Reich vorhanden sein dürften, deren Fortpflanzung biologisch bedenklich ist." Dazu zählte er nicht nur "schwere Psychopaten (400.000) und 100.000 Trinker", sondern alle Menschen, die durch "Blindheit (13.000), Taubstummheit (15.000), schwere Körperfehler (52.000), Epilepsie (60.000), Schizophrenie (80.000), Manisch-depressives Irresein (20.000) und Schwachsinn (60.000)" gesundheitlich beeinträchtigt waren.

  zurück
1 2 3