Auch bei Beerdigungen schauen viele Leute aufs Geld. Die Finanzkrise verstärkt diesen Trend. Hartgesottene können den Leichnam selber waschen und sparen. Die bisher krisenfeste Zunft ächzt und befürchtet weitere Umsatzeinbußen. Von Carina Groh

Ein Bestatter verabschiedet einen Leichnam ins Krematorium. Aus Kostengründen entscheiden sich immer Menschen für die Beerdigung in einer Urne© Colourbox
Die billigste Variante, sich beerdigen zu lassen, ist ein anonymes Grab. Dafür gibt es auf den Friedhöfen extra Rasenfelder, auf denen mehrere Urnen dicht an dicht und ohne Kennzeichnung in der Erde verschwinden. Dabei ist der Wunsch der Verstorbenen, den Angehörigen eine jahrelange Grabpflege zu ersparen, oft zweitrangig. In erster Linie steht die Geldnot im Vordergrund. Viele Menschen entscheiden sich auch für eine preiswerte Feuerbestattung.
Laut einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts TNS-Emnid, die der Bundesverband Deutscher Bestatter 2008 in Auftrag gegeben hatte, suchen immer mehr Kunden nach billigen Beisetzungsformen. Ein Drittel der Hinterbliebenen kann sich sogar vorstellen, den nächsten Angehörigen anonym zu beerdigen.
Die günstigen Bestattungsvarianten sind nicht nur das Ergebnis der Finanzkrise, sondern eine Folge des augenblicklichen Zeitgeistes. Das findet Claus-Dieter Wulf, Präsident des Bundesverbands Deutscher Bestatter. Er bedauert: "Bestattungskultur hat in unserer Gesellschaft nicht mehr den Stellenwert wie früher". Trotzdem: Unabhängig von dem Wandel zur Discountmentalität registriert auch Wulf, dass die Finanzkrise die Kundschaft beeinflusst. "Man investiert vorsichtiger, wenn die Zukunft des Arbeitsplatzes ungewiss ist." Diese Vorsicht schreibt sich ohne Umweg bei den Bestattern in die Bücher und drückt die Umsätze.
Geldnot, Finanzkrise, Geiz-ist-geil-Haltung - die sonst krisenfeste Branche - gestorben wird ja immer - stöhnt, wenn die Menschen für den letzen Abschied immer weniger ausgeben.
"Jeder schaut jetzt kritischer auf die Bestattungskosten", sagt Ruth Garvens, die Vorsitzende des Bestatterverbandes Niedersachsen. Schuld an der Misere seien aber auch politische Entscheidungen und strukturelle Veränderungen. Vor allem durch den Wegfall des Sterbegelds sind die Umsätze gesunken. "Das zahlen die Krankenkassen seit 2004 nicht mehr - wer nicht privat vorgesorgt hat, muss seitdem in voller Höhe für die Bestattungskosten selbst aufkommen und tief in die Tasche greifen", erklärt Garvens.
Die Spannbreite reicht von 250 Euro für einen einfachen Kiefernsarg bis über 5000 Euro. Bekanntlich sind die Grenzen nach oben hin offen - so auch im Sarggeschäft. Ein einfaches Holzkreuz kostet 50 Euro, ein handgearbeiteter Grabstein samt Umrandung kann schnell mit 12.000 Euro und mehr zu Buche schlagen.
Auch bei den Bestatterkosten sind die Unterschiede immens: Für einfache Beerdigungen ohne Schnickschnack reichen mancherorts 600 Euro. Wer mehr will, sollte 5000 bis 10.000 Euro liquide haben. Dazu addieren sich Friedhofs- und Bestattungsgebühren.
Wenn es ums Geld geht, geben sich die Pressesprecher der Bestatterverbände verschlossen. Zu konkreten Umsatzzahlen könne man nichts genaues sagen, heißt es überall. Die Sprecher verweisen dann auf die Statistiker. Weil das Statistische Bundesamt Umsatzzahlen aber erst dann einholt, wenn ein Betrieb mehr als zehn Beschäftigte hat, ergibt sich nur im Umkehrschluss, dass die Umsätze der Bestatter schrumpfen, wenn die Kundschaft immer weniger ausgeben kann. Die rund 4000 Bestattungsunternehmen in Deutschland sind meist Familien- und Kleinbetriebe.
Immerhin: Die Branche reagiert auf den Erlösrückgang und balanciert zwischen Pietät und Profit. "Die Kundschaft will weniger Prunk und Mahagoni und bevorzugt schlichte Beerdigungen", sagt Kerstin Gernig, Sprecherin des Bundesverbandes der Bestatter. Um den Umsatz wieder nach oben zu treiben setzen viele Institute deshalb verstärkt auf ein umfangreiches Serviceangebot.
Das bedeutet für die Angehörigen, dass sie unter Zeitdruck abwägen müssen, welche Leistungen sie wirklich wollen. Besonders Hartgesottene können den Leichnam selber waschen und so einen Posten auf der Abrechnung einsparen. Etwas günstiger - 10 Euro - wird die Bestattung auch, wenn der Verstorbene persönliche Kleidungsstücke trägt statt Sterbewäsche, oder Behördengänge nicht in die Hand der Pietät gegeben werden.
Weil momentan viele Menschen aus den Jahrgängen 1920/1930 sterben, die seit der Halbierung des Sterbegeldes 1989 teilweise schon zu alt waren, um noch ausreichend privat vorzusorgen, bleiben viele Angehörige auf der Abrechnung sitzen. Doch wer offen über seine Geldklemme spricht, kann mit dem Anbieter verhandeln und eine Ratenzahlung vereinbaren. "Der Bestatter sieht es den Menschen nicht an, ob sie nach der Beerdigung die Rechnung auch bezahlen können", so Garvens. Weil viele Bestattungsinstitute sehr lange auf ihren Forderungen sitzen bleiben, wurde in der Branche schon über Vorkasse nachgedacht.
Trotz makaberem Beigeschmack: Die Firmen der Branche dürfen sich auf einen Aufschwung freuen, den sie den sogenannten Babyboomern zu verdanken haben. Dazu zählen in Deutschland etwa 21 Millionen Menschen, die zwischen den 1950er und 1960er Jahren geboren sind; sie stellen fast ein Viertel der Bevölkerung. Allein 1964 kamen 1.357.000 Kinder auf die Welt. Zwar ist die Sterberate dank längerer Lebenserwartung in den vergangenen Jahrzehnten kontinuierlich gesunken, doch die Demografie wird diesen Trend ab 2020 umkehren. Ökonomisch betrachtet ein Wachstumsmarkt.