Um im Arbeitsalltag zu bestehen, wäre jeder fünfte Arbeitnehmer bereit, Pillen zu schlucken. Rund zwei Millionen gesunde Bundesbürger haben schon einmal Leistung und Laune mit Medikamenten gesteigert. Das geht aus einem Bericht der DAK hervor. Beginnt mit den "Smart Pills" ein Wettrüsten im Gehirn? Von Lea Wolz

Fünf Prozent haben schon einmal zur Leistungssteigerung Tabletten geschluckt© Colourbox
Aufmerksam, ausdauernder, intelligenter. Wer wäre das in der Leistungsgesellschaft nicht gerne? Erfüllen sich auch in Deutschland schon viele diesen Traum mit Medikamenten, die in den Hirnstoffwechsel eingreifen? Das hat die DAK Gesundheitskasse untersucht. Für den Report hat das Berliner IGES Institut die Krankschreibungen von 2,5 Millionen erwerbstätigen Mitgliedern der Krankenkasse ausgewertet. Zusätzlich wurde eine Umfrage erstellt und Wissenschaftler um ihre Einschätzung gebeten, wie aktuell das Thema "Doping im Beruf" in Deutschland ist.
Die in der Umfrage ermittelten Zahlen zeigen: Die Akzeptanz, Pillen zu schlucken, um so dem Leistungsdruck im Beruf standzuhalten, ist relativ hoch. Zwanzig Prozent der 3000 Teilnehmer finden, dass die Risiken der Mittel im Vergleich zum Nutzen auch bei Gesunden vertretbar seien. Rund fünf Prozent gaben an, tatsächlich schon einmal Medikamente ohne medizinische Notwendigkeit eingenommen zu haben, wobei Männer eher zu aufputschenden Mitteln greifen und Frauen Sedativa schlucken.
Hochgerechnet auf die Erwerbstätigen deutschlandweit wären es dem DAK-Report zufolge rund zwei Millionen der Beschäftigten im Alter zwischen 20 und 50, die schon einmal mit sogenannten "cognitive enhancern" - Amphetaminen, Medikamenten gegen Demenz oder Depressionen - ihr Gehirn auf Höchstleistung programmiert haben. 800.000 schlucken die Pillen regelmäßig. "Das ist ein Alarmsignal", sagte DAK-Chef Herbert Rebscher.
Als Bezugsquelle - ohne Rezept - nennt fast die Hälfte der Befragten die Standortapotheke, jeder Fünfte bekommt die vermeintlichen Power-Pillen ohne Rezept von Kollegen, Freunden oder aus der Familie. 14,1 Prozent haben die Präparate über ärztliche Verschreibungen erhalten. Jeder zehnte geht den Weg über den Versandhandel, um zum Beispiel Ritalin mit seinem Wirkstoff Methylphenidat zu bekommen. Ein Mittel, das eigentlich für Kinder mit einem Aufmerksamkeitsdefizit zugelassen ist. Bei gesunden Erwachsenen soll es Konzentration und Leistungsfähigkeit steigern. Wegen des Suchtpotentials fällt es allerdings in Deutschland unter das Betäubungsmittelgesetz. Oder Modafinil, ein Wirkstoff, der bei Narkolepsie angewendet wird und für Wachheit und Aufmerksamkeit sorgen soll. Im Zeitraum von 2005 bis 2007 hat sich die Zahl der verordneten Tagesdosen laut DAK-Report mehr als verdoppelt. Ein Trend, der anhält, vermuten Wissenschaftler. Denn seit Februar 2008 unterliegt Modafinil nicht mehr einer gesonderten Verschreibungspflicht nach dem Arzneimittelgesetz. In Amerika wurde ein Präparat mit dem Wirkstoff Modafinil sogar schon zur "Unternehmerdroge der Wahl" gekürt.
In Deutschland kann es ähnlich aussehen. "Die Medikamentenabhängigkeit von Geschäftsleuten in führenden Positionen nimmt eindeutig zu", sagt Hubert Buschmann, Chefarzt der Suchtklinik in Bad Tönisstein. Zugelassene und verschreibungspflichtige Arzneimittel wie Psycho- und Neuropharmaka rücken als manipulierende Substanzen in den Fokus. Das Problem: Verlässliche Daten über den Gebrauch gibt es nicht. Und: "Es ist ein Thema, das nicht offen angesprochen wird."
In seiner Annahme, dass der Konsum steige, sieht sich Chefarzt Hubert Buschmann trotzdem vor allem durch drei Dinge bestätigt: Die Zahl der Anfragen nach Therapieplätzen nehme zu. Hinter vorgehaltener Hand würden auch Betriebsärzte großer Firmen von Problemen mit dem Konsum von Arzneien als Aufputschmitteln berichten. Und der pro Kopf Verbrauch an Drogen ginge in die Höhe.