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Selbstversuch: Mein 25 Kilometer-Trip mit dem E-Scooter durch die "Verkehrshölle" – viel Lärm um nichts

Unser Redakteur ist eingefleischter Radfahrer – und konnte den neuen E-Flitzern bislang wenig abgewinnen. Dann hat er sich auf einen der Scooter geschwungen. Hier ist sein Erfahrungsbericht.

Wer mit dem Rad durch die Stadt kommt, wird auch mit dem Scooter zurechtkommen (Symbolbild)

Wer mit dem Rad durch die Stadt kommt, wird auch mit dem Scooter zurechtkommen (Symbolbild)

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Seit Mitte Juni sind die E-Roller zugelassen und die Welt steht kopf. In Deutschland hat sich das übliche Bedenken-Geraune zu einem schrillen Crescendo gesteigert – mit verschiedenen Inhalten gefüllt wird der Untergang durch den E-Scooter beschworen. Dabei sind die Dinger gänzlich unspektakulär – vielleicht sogar langweilig. Als eingefleischter Radfahrer werde ich sicher kein Fan der E-Scooter – ich kann keinen Vorteil gegenüber einem Rad oder einem E-Rad erkennen. Außerdem sind die Leihgeräte auch nicht billig. Sie sind etwas für Städtetouristen, wo es am Ende bei den Ausgaben nicht auf 10 Euro mehr oder weniger ankommt. Auch würde ich bezweifeln, dass die Scooter das Weltklima retten.

Lächerliche Kritik

Doch die Kritik ist absurd bis lächerlich. Leute, die selbst einen SUV fahren, beschweren sich über die Ökobilanz der Elektroroller. Andere finden es ganz normal, dass ihnen die Allgemeinheit einen Parkplatz für ihren Pkw zu Verfügung stellt, beklagen sich dann jedoch lauthals, dass plötzlich diese verflixten Roller überall herumstehen. Solchen Verkehrsteilnehmern kann ich nur entgegen: "Wartet mal ab, eher früher als später werden in den Städten eure geliebten Parkplätze in Parkzonen für Scooter und Räder umgewandelt. Denn auf einen Pkw-Parkplatz passen leicht Dutzend dieser kleinen Verkehrsmittel. Paris und Amsterdam machen es gerade vor."

Schreckensberichte 

Auch die Selbstversuche von Journalisten entbehren nicht der Komik. Vollkommen ungeübt, wird sich mit Absicht in den dicksten Verkehr geworfen und danach ein Heldengedicht darüber angestimmt, wie man nur knapp den Scooter-Tod entronnen ist.

Das ist in etwa so, als würde man sich bei EBay ein aufblasbares Surfbrett für 30 Euro holen und damit stracks nach in Nazaré, Portugal, eilen, um mal ein paar 30-Meter-Wellen abzureiten.

Tatsächlich ist Scooterfahren keine Kunst. Von Hamburg-Hafen nach Eppendorf geht es durch den dichtesten Berufsverkehr. Die Zeit ist etwas knapp, sonst hätte ich Nebenstraßen gewählt. Aber es geht auch so. Natürlich sind die Radwege um 18 Uhr voll und mit den 20 km/h des Scooters bin ich auch nicht der Schnellste. Aber auch nicht der Langsamste. Es geht mir genauso, wie vielen anderen Radfahrern, die nicht mit einem Sportrad unterwegs sind. Heute zuckel ich gemütlich hinter einer Frau auf einem unförmigen Stadt-Rad hinterher. Größte Überraschung: An der Ampel Pferdemarkt spricht mich ein Polizist durch das Seitenfenster an. Er hat erkannt, dass ich keine Leih-Scooter fahre und will wissen, wie schnell man das Ding eigentlich machen kann.

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Danach eine kleine Herausforderung: Beim Anfahren geht mein Scooter ziemlich ab, im Fahrrad-Pulk muss ich aufpassen, niemand hinten ins Rad zu fahren. Weiter geht es durch die Schanze: das übliche Chaos von parkenden Lieferwagen, kreuzenden Fußgängern und jeder Menge Radfahrern. Irgendwie muss man da durch. Besondere Gefahren: keine.

Strecken, die man mit dem Rad meidet, sollte man auch nicht mit dem Scooter zurücklegen. Wer sich allerdings noch nie mit einem Rad in den Stadtverkehr gestürzt hat, sollte sich die Scooter-Tour noch einmal überlegen.

Mehrspurig geht auch 

Auf den Straßen "Beim Schlump" und "Grindelberg" muss ich dann doch auf die Fahrbahn zu den Autos – endlose Baustellen blockieren dort die Radwege. Das geht natürlich auch. Ich bin aber auch schlau genug, nicht besonders eng am rechten Rand zu fahren, wer mich überholen will, muss auf die zweite Spur.

Angeblich kann man mit einem Scooter kaum eine Kurve fahren und jedes Schlagloch soll einen aus der Bahn werfen. Das stimmt sicher, wenn man stocksteif auf dem Brett steht und sich panisch am Lenker festhält. Auch wenn einen der Motor voranbringt, muss man doch ein wenig mitarbeiten. Man sollte sich in die Kurve legen und immer locker in den Knien bleiben, damit man das eigene Gewicht verlagern kann.

Immer noch schneller als Bus und Bahn

Nach einigen Touren quer durch die Hamburger Innenstadt ist mein Resümee ziemlich unspektakulär: Dauert die Fahrt länger als zehn Minuten, wird es lang und langweilig, weil man anders als beim Fahrrad nicht mitarbeitet. Entfernungen bis fünf Kilometer sind okay, darüber hinaus wird es zäh. Anstatt den HVV zu nehmen, bin ich etwa 25 Kilometer durch Hamburg gekurvt, am Ende von Eppendorf nach Blankenese, inklusive Kopfsteinpflaster in Hoheluft, über Hauptverkehrsstraßen, Autobahnzubringern und bis hin zu holprigen Radwegen. Ging alles.

Beim nächsten Mal werde ich etwas vorsichtiger sein, wenn das Schild vor "Straßenschäden" warnt. Gefühlt hat die Tour eine Ewigkeit gedauert. Etwa 40 Minuten waren es von Eppendorf nach Blankenese. Das war aber objektiv immer noch deutlich schneller als die gleiche Strecke mit Bus und Bahn.

Angesichts des erbärmlichen Zustandes der Hamburger Radwege empfiehlt es sich generell auf der Straße zu fahren, so lange kein Kopfsteinpflaster liegt. So vermeidet man auch die engen Kurven, mit denen die Hamburger Planer die Radler herunterbremsen. Durchgehende Seitenstraßen sind besser geeignet als Hauptverkehrsstraßen. Und wenn man an einer dreispurigen Straße links abbiegen möchte, ist es klüger die Kreuzung auch mal im Fußgängermodus zu überqueren.

All dies sagt einem eigentlich der gesunde Menschenverstand, und mit ihm kommt man auch ganz gut ans Ziel. Einen positiven Effekt hat das Scootern übrigens doch: Überraschenderweise sieht man weit mehr von der Stadt als beim Fahrradfahren.

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