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Autofahren in Zentralasien: Ampelamok mit Nomaden

Gebrauchtwagen sind teuerer als Neufahrzeuge, Stadtautobahnen verwandeln sich über Nacht in blühende Parks und anstatt der Polizei regelt das Faustrecht den Verkehr. Wenn der Präsident ausfährt, steht die Hauptstadt still. An der Seidenstraße erlebt der Autofahrer noch Abenteuer aus Tausend und Einer Nacht.

Im Straßenverkehr in Zentralasien spiegelt sich die Politik. Despotie, Ölboom und Anarchie offenbaren sich auf einer Spazierfahrt durch die Städte in der Region zwischen kaspischen Meer und Chinas Grenze. An den Kreuzungen der kirgisischen Hauptstadt Bischkek gibt es keine Ampeln, dafür herrscht chaotisches Karosseriegerangel. In der kasachischen Wirtschaftsmetropole Almaty Eine schlängelt sich eine hochpreisige Offroadparade jeden Tag durch die engen Fahrspuren. Über die breit angelegten Pracht-Alleen der usbekischen Kapitale Taschkent zockeln dagegen hauptsächlich Fabrikate des koreanischen Autoherstellers Daewoo und altersschwache Gefährte sowjetischer Ingenieurkunst. Die Politik prägt den Straßenverkehr: Das Nachbarland Kirgistan hat sich seit der Tulpenrevolution im März 2005 in einem Zustand der permanenten Revolution eingerichtet, in Kasachstan boomt die Wirtschaft und in Usbekistan wird das Leben von einer Despotie abgeschnürt.

Vom Pferd zum Geländewagen

In Kasachstan sprudeln die Ölquellen und dadurch die Wirtschaft. Der Reichtum des Landes fließt nicht wie in den anderen Staaten Zentralasien allein und ausschließlich in die Taschen der herrschenden Eliten, sondern tröpfelt auch zu den übrigen Bevölkerungsschichten durch. Ein anständiger Geländewagen, je größer und glänzender desto besser, gehört zur Grundausstattung der schnell wachsenden Mittelschicht in Kasachstan und vor allem in Almaty. Im Steppenland galt bereits das Pferd seit Dschingis Khan Zeiten als ein wichtiges Statussymbol, dazu gesellen sich nun großräumige Fahrzeuge.

Die Cayennes von Porsche stehen allmorgendlich Stossstange an Stossstange mit den Offroadern von Mercedes, Landrover, Toyota, und dazwischen, als wäre der morgendliche Weg zur Arbeit ein Feldzug, quetschten sich fabrikneue Humvees im furchteinflößenden Schwarzlack.

Die eine Etage tiefer dahin gleitenden Luxuslimousinen müssen sich schon mächtig anstrengen, um überhaupt im Stadtverkehr von Almaty aufzufallen. Doch auch das noch so teure Fahrgestell macht das Fortkommen in Almaty nicht schneller. Das geometrisch angelegte und immer frisch asphaltierte Straßensystem in der kasachischen Wirtschaftsmetropole ist der stetig wachsenden Automobiledichte schlicht nicht gewachsen und Almaty erlebt täglich den Verkehrsinfarkt. Das änderte sich auch nicht, nachdem die Hauptstadt des Landes von Almaty in den Norden Kasachstan nach Astana verlegt wurde.

Mustang-Fahrer blamiert sich bei Show-Einlage

Verwirrung der Lenker

Der Straßenverkehr in Almaty wird zudem dadurch erschwert, dass in Kasachstan sowohl links als auch wegen der Importe aus Japan rechts gelenkt wird. Das führt oft zu krachenden und teuren Missverständnissen zwischen den Luxusschlitten. Der autokratisch herrschende kasachische Präsident Nursultan Nasarbajew wollte rechtslenkende Autos von den Strassen seines Landes verbannen. Doch Nasarabjewa knickte ein, als der Protest der so um ihre Fahrzeuge geprellten Besitzer anschwoll und erlaubte eine weitere Fristverlängerung für die Autos mit dem rechten Lenkrad. In Kasachstan darf die Macht ungestraft Wahlen fälschen und Zeitungen behindern, aber nicht den Menschen die Autos nehmen. Das hat Nasarbajew verstanden.

Rostlauben und Prügelszenen

In dem wesentlich ärmern Nachbarstadt Kirgistan dreht sich ebenfalls alles ums Auto. Täglich hupt und dampft es in der dortigen Hauptstadt Bischkek als wäre das komplette Sortiment eines Gebrauchtwagenmarktes im Ruhrgebiet eingefallen. Und so ist es ja auch fast. Wagemutig bringen Kirgisien über 6000 Kilometer die Autos aus deutschen Städten in die zentralasiatische Steppe, wobei die Kosten für den Weg und die Zölle oft den Kaufpreis des in Deutschland erhandelten Gebrauchtwagen um ein Vielfaches übersteigen. Hin und wieder hat selbst der Nickdackel auf der Hutablage eines Opels Admirals die Reise von Bottrop an die chinesische Grenze mitgemacht. Die verschiedensten Modelle von Audi, VW, Mercedes, BMW, mit vielen Jahren und Kilometern gesegnet, schieben sich durch die Strassen der kirgisischen Hauptstadt am Fuß des schneebedeckten Tien Shan Gebirges. Es wird geschrien und geschimpft. Nicht selten liefern sich auf einer Bischkeker Kreuzung zwei zornige Fahrer einen Faustkampf, um die Unfallschuld unter sich auszumachen. Die beiden zerbeulten Autos blockieren derweil ineinander verkeilt den Fahrweg. Es gibt in Kirgistan keine vertrauenswürdige Versicherung, und jeder Unfall bedeutet meist für denjenigen, der zahlen muss, den kompletten Ruin. Die Polizei ist weit und breit nicht zu sehen, und wenn sie mal kommt, streicht sie lediglich ein kleines Bakschisch von den schon eh genervten Fahrern ein. Seit 2005 befindet sich die zentralasiatische Gebirgsrepublik in einem Zustand der permanenten Revolution. Die Staatsmacht hat die Autorität verloren und die Bürger müssen sich selber helfen, auch auf der Strasse.

Je älter umso teurer

In Taschkent, der Hauptstadt Usbekistan herrscht dagegen Ruhe. Nur hin und wieder sieht man eine teuere Luxuslimousine über die Fahrbahn schweben. Darin sitzt dann entweder ein Angehöriger der herrschenden Elite oder ein Diplomat. Der Rest der usbekischen Bevölkerung muss sich entweder mit denen aus der Sowjetzeit hinübergeretteten Wolgas, Moskwitsch oder Schigulis begnügen oder fährt einen der vier Modelle des koreanischen Autowerkes von Daewoo in Usbekistan. Die Limousine Nexia, der Superkleinwagen Tico, der Kleinbus Damas und seit kurzem die neue koreanische Luxusklasse Lacetti. Ein Tico, eigentlich nicht mehr als ein rund geschliffener Pappkarton auf vier Rädern, kostet in Usbekistan saftige 6000 US$ und den bekommt der Usbeke auch nur auf Warteliste.

Hohe Zölle und Handelsbeschränkungen verhindern den Import von anderen Marken auf usbekische Strassen. Das Angebot an Autos wird künstlich klein gehalten und die Preise damit hoch. So ist Usbekistan einer der wenigen Staaten der Erde, bei dem der Preis für ein Wagen nach dem Einkauf und mit den Jahren und Kilometern steigt, eine Geldanlage auf usbekisch.

Stauursache Präsidentenkonvoi

Trotz der über zwei Millionen Einwohner lässt sich der Straßenverkehr in Taschkent beschaulich an. Es gibt kaum Staus, die einzige Ausnahme ist, wenn der Präsident des Landes Islam Karimow morgens zur Arbeit fährt oder Staatsgäste empfängt. Über ein Stunde zuvor sperren usbekische Spezialkräfte in Masken und Sturmgewehren die gesamte Hauptstrasse quer durch die Taschkenter Innenstadt ab, damit der Präsident des Lands samt Entourage ungestört zum Arbeitsplatz fahren kann. Für andere Verkehrsteilnehmer heißt es dann warten, und da gibt es keine Ausnahmen. Selbst Notfallwagen plus darin liegenden Patienten müssen sich dann an den gesperrten Zufahrtstrassen gedulden, bis der große Staatenlenker sich vorbeichauffieren lässt.

In der Taschkenter Innenstadt ist es seit 2005 verboten mit dem Motorrad zu fahren. Karimow sorgt sich, dass mögliche Attentäter - wie er in vielen Actionfilmchen gesehen hat - mit den Zweirädern über Absperrungen springen und auf das Staatsoberhaupt ein Attentat verüben könnten. Die Revolutionsangst mündet in Taschkent in eine seltsame Art von Verkehrsberuhigung, die das Herz mancher grüner Kommunalpolitiker höher schlagen ließe. Nach der kirgisischen Revolution 2005 fürchtete Karimow in seinem Land ähnlichen Aufruhr, also verwandelt er kurzer Hand eine Hauptverkehrsader in der Innenstadt, die vom Zentralen Supermarkt zum Präsidialamt führt, in einen Park. Der Asphalt wurde über Nacht aufgerissen und Bäume gepflanzt, seither müssen die Taschkenter Bürger in den Nexias und Ticas große Umwege in Kauf nehmen.

Marcus Bensmann

Wissenscommunity