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ZUM THRONJUBILÄUM: Cool Britannia: Bentley State Limousine

Für Queen und Konsorten bauten die Briten ein Auto, bei dem alles ein wenig zu groß geraten ist. 19-Zoll-Räder, 3.390 Kilo Leergewicht und 835 Nm sprechen eine deutliche Sprache.

Union Jack, Fish & Chips, Maul- und Klauenseuche. Was fällt ihnen sonst noch zu England ein? Vielleicht die Queen, geschliffener Stil und das, was der Brite »Splended Isolation«, also das Wohlgefühl der Abgeschiedenheit, nennt. Vieles vergammelt auf der Insel. Auch der Fuhrpark von Elizabeth II. ist nicht mehr ganz frisch: Daimler 420 und Rolls-Royce Phantom VI prägen das Bild. Damit die Queen zu ihrem 50-jährigen Thronjubiläum wieder angemessen chauffiert wird, übergab ihr Bentley die State Limousine. Moderne Technik in moderner Verpackung und trotzdem ohne den billigen Beigeschmack von Retro-Automobilen.

Länger als ein Maybach

Obwohl die Windsors aus Hannover stammen, fällt es ihnen nicht ein, einen Maybach zu ordern. Der ist erstens aus Deutschland, pfui, und zweitens selbst in seiner Langversion kürzer als die Bentley State Limousine. Es ist schon schlimm genug, dass dem britischen Traditionsunternehmen mit Ex-Audi-Chef Franz-Josef Paefgen ein »Kraut« vorsitzt. Der präsentierte der Queen ihr neues Luxusgefährt höchstpersönlich. Dazu musste ihre königliche Hoheit sich nicht in einen schnöden Verkaufsraum begeben, nein, die Bentley-Mannschaft kam zu ihr nach Hause ins Windsor Castle und übergab die neue »Queenousine« als ein »Geschenk zur Erinnerung an ihr goldenes Thronjubiläum«.

Kraft eines LKW

Technisch basiert die Bentley State Limousine auf dem aktuellen Arnage, hat aber mit diesem etwa soviel gemein wie Prinz Charles und Ernst-August von Hannover. Lediglich das Hubvolumen kommt einem reichlich bekannt vor: 6,75 Liter in Achtzylinder-V-Form, das ist seit Jahren das Maß der Dinge. Der Alumotor drückt dank Turbolader erkleckliche 406 PS ab. Das gigantische Drehmoment von 835 Nm wird von einem ebensolchen Getriebe gebändigt. Da Panzergetriebe offenbar zu groß waren, liefert General Motors einen passenden Schaltautomaten. Bei dem gebotenen Drehmomentüberfluss müssen vier Gänge reichen - sechs wären im zurückhaltenden Königreich obszön.

Einsteigen mit Hut

An diesem Auto ist halt alles etwas größer ausgefallen. Bei 1,77 Meter Höhe kann die Queen auch mit Kopfbedeckung einsteigen. Ebenfalls ist kaum zu befürchten, dass sie bei 2 Meter Breite an den Ellenbogen ihres Ehemanns, des Herzogs von Edinburgh, stößt. 19-Zoll große Felgen wirken selbst auf einem Porsche 996 sehr groß; bei der Bentley State Limousine sind sie einfach angemessene Beinchen für einen leer 3.390 kg schweren Koloss. Die offizielle Premierenfahrt wird am 4. Juni stattfinden und vom Buckingham Palace zur St. Paul's Cathedral führen. Dabei sitzt die Monarchin natürlich im Fond. Sollte sie wider Erwarten doch einmal ihre sprichwörtliche Reserviertheit ablegen und selbst ins Steuer greifen, hilft deutsche Sicherheitsfürsorge: Ein ESP von Bosch bremst übermütige Fahrer ein.

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Langzeitqualität

Die Queen ist keine Indianerin, die immer an die siebte Nachkommengeneration denkt. Trotzdem ist die Bentley State Limousine auf absolute Solidität hin gebaut. Im Lastenheft stand eine Mindestlaufzeit von 25 Jahren und 200.000 Kilometern. Das Team, das den ersten Bentley in königlichen Diensten gebaut hat, konstruierte bereits den 1987er Rolls-Royce Phantom für sie. Es gibt da ein paar Kleinigkeiten zu beachten: Zum Beispiel dürfen die Scheiben nur zu 15 Prozent abgetönt sein, weil die Queen sehen und gesehen werden will. Zum Schluss wurde die Klimaanlage dem besonderen Einsatzzweck angepasst. Da der Wagen oft mit der Prozessionsgeschwindigkeit von 14 km/h bewegt werden wird, entwarfen die Ingenieure ein extra leistungsfähiges Strömungssystem für den Innenraum. Welche Maßnahmen die Erbauer für den Personenschutz der Queen und anderer Kunden getroffen haben, wird nicht verraten; dieses Wissen, so erklären die Geheimniskrämer, sei »not for public consumption«.

Christoph M. Schwarzer

Wissenscommunity