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Craig Federighi: Apples Software-Chef: "Wir haben keinerlei Interesse daran, alles über Sie herauszufinden"

Apple inszeniert sich wie kein anderes Tech-Unternehmen als Hüter der Privatsphäre. Der stern sprach mit Apples Software-Chef Craig Federighi darüber, ob Privatsphäre ein Luxusgut ist - und wie er Hacker daran hindern möchte, wichtige Passwörter zu erbeuten.

Apples Software-Chef Craig Federighi hält Privatsphäre für eines der wichtigsten Themen

Apples Software-Chef Craig Federighi hält Privatsphäre für eines der wichtigsten Themen

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Tausche Daten gegen Dienste. Diese stillschweigend geschlossene Übereinkunft ist seit Jahren das Fundament des Internets. Und einige Konzerne, ja ganze Branchen, leben gut davon. Sie verdienen Milliarden, indem sie immer mehr Daten über die Nutzer anhäufen und systematisch auswerten. Doch seit fast jede Woche ein Privatsphäre-Skandal die Schlagzeilen beherrscht, wird dieses Vorgehen seitens der Nutzer immer grundsätzlicher in Frage gestellt. Und damit auch das Geschäftsmodell der werbebasierten Konzerne. Die Menschen bekommen allmählich ein Gespür, wie viel Missbrauch mit Daten getrieben werden kann und mit welcher Wucht sie die Gesellschaft, in der wir leben, verändern können.

Wenn Apple am kommenden Montag seine alljährliche Entwicklerkonferenz WWDC eröffnet, wird der Konzern nicht nur Einblicke in seine kommenden Betriebssysteme für iPhone und iPad, Mac und Apple Watch liefern. Auch das Thema Datenschutz dürfte eine zentrale Rolle spielen. Denn kaum ein Konzern inszeniert sich so sehr als Vorkämpfer für die Privatsphäre seiner Nutzer wie Apple. Firmen-Chef Tim Cook bezeichnete sie in einer Rede vor dem Europa-Parlament sogar als "fundamentales Menschenrecht".

Vor allem aber ist die WWDC die Bühne von Apples Software-Chef Craig Federighi. Der 50-Jährige scheut nicht die Öffentlichkeit und nutzte bereits mehrfach die Gelegenheit, Farbe zu bekennen: Die Werbeindustrie sei "clever und unerbittlich", betonte er im vergangenen Jahr vor Tausenden Zuschauern, und er werde alles daran setzen, ihnen das Geschäft so schwer wie möglich zu machen.

Im Gespräch mit dem stern erklärt Federighi, was Apples Datenschutz-Einstellung von anderen Unternehmen unterscheidet, wie Nutzerkomfort und Privatsphäre zusammenpassen und warum der Konzern auch im Fall von Terrorattacken keine Geräte für Behörden entsperrt.

"Wir bauen Produkte für uns selbst"

Federighi ist überzeugt: Was Apple am meisten von anderen Unternehmen des Silicon Valley unterscheide, seien die Mitarbeiter. "Wir bauen hier die Produkte, die wir selbst nutzen wollen." Wenn die eigene Familie die Geräte nutze, habe man schließlich ein ureigenes Interesse daran, dass die persönlichen Daten bestmöglich geschützt sind. "Ich glaube, das ist eine Besonderheit bei Apple. Unser Geschäftsmodell ist völlig anders, es spiegelt unsere Werte wieder. Wir verkaufen Dinge, die Menschen kaufen wollen, und unser Ziel ist es, diese noch begehrenswerter zu machen. Uns interessiert nicht, wie viel Zeit Sie mit Ihrem Gerät verbringen. Wir wollen nur einen wertvollen Beitrag in ihrem Leben leisten. Das ist alles."

Apple macht den Großteil seines Umsatzes mit dem Verkauf von Geräten, vornehmlich dem iPhone, während Mitbewerber wie Google den Löwenanteil mit maßgeschneiderten Online-Anzeigen verdienen.

Mehrfach stellt Federighi im Gespräch klar, dass seine Firma keine Nutzerdaten sammelt oder gar verkauft. "Wir als Firma haben keinerlei Interesse daran, alles über Sie herauszufinden. Wir denken, ihr Gerät sollte sich an Sie persönlich anpassen, aber das liegt allein in Ihrer Hand. Dabei analysiert Apple aber nicht Ihr Verhalten - dafür haben wir weder einen Anreiz noch ein moralisches Bedürfnis.” Diese Einstellung hätten die Mitarbeiter tief verinnerlicht, so Federighi. “Privatsphäre ist fundamental in allem, was wir tun. Diese Haltung treibt uns an.” Bei der Entwicklung neuer Produkte stehen Privatsphäre-Überlegungen “immer am Anfang des Prozesses, niemals am Ende.”

Apple nutzt in seinen eigenen Apps und Diensten diverse Verfahren, um die Privatsphäre zu schützen und einzelne Identitäten zu verschleiern. Der Kartendienst Maps verschlüsselt etwa Routen-Informationen, der vorinstallierte Safari-Browser blockiert Werbe-Tracker. In der Nachrichten-App arbeitet Apple mit der sogenannten differenziellen Privatsphäre. Dabei geht es darum, allgemeine Trends zu erkennen, ohne individuelle Nutzungsmuster offenzulegen. Auf diese Weise können Dienste optimiert werden, ohne dass das Unternehmen die Vorlieben der einzelnen Nutzer kennt.

"Zentralisierung halten wir für eine grundlegende Bedrohung"

Ein häufiger Vorwurf lautet, Apple schränke durch seine hohen Datenschutzstandards den Funktionsumfang von Anwendungen ein. Deshalb sei etwa der Sprachassistent Siri den Mitbewerbern Alexa (Amazon) und Assistant (Google) unterlegen. Dem widerspricht Federighi entschieden: “Wenn wir ein neues Produkt entwickeln, ist eine der ersten Fragen, wie wir mit den Kundendaten umgehen, wie wir Privatsphäre sicherstellen und dabei die Nutzererfahrung nicht einschränken. Das ist eine wirklich spannende Aufgabe.” Sie bedeute manchmal “ein paar Überstunden, aber das ist es wert”, so Federighi.

Bei einem Treffen mit Wirtschaftsvertretern sitzt Apple-CEO Tim Cook neben Donald Trump

Federighi und sein Team betonen, dass Apples Anwendungen der der Konkurrenz ebenbürtig sind. Allerdings schneidet Googles Assistant in Tests häufig besser ab als Apples Siri. Auch Apples Kartendienst ist nicht unumstritten: Während er in den USA teils  bessere Ergebnisse liefert als die Konkurrenten, ist in vielen Ländern - auch Deutschland - bei den Nutzern häufig Google Maps die erste Wahl. Und auch Googles Foto-Dienst gilt in puncto Gesichts- und Objekterkennung als überlegen.

Federighi möchte im Gegenzug zu anderen Konzernen jedoch nicht die privaten Daten der Nutzer anzapfen, um die eigenen Dienste besser und die Künstliche Intelligenz schlauer zu machen. Das sei auch gar nicht nötig, erklärt der 50-Jährige: “Es gibt so viele öffentlich zugängliche Datenbanken mit Bildern von Gesichtern, Hunden, Bäumen, Bergen. Ich muss nicht die Bibliotheken unserer Kunden nutzen, um Bilder von Hunden und Bergen zu bekommen. Wenn ich wissen möchte, wie Menschen sprechen, um die Spracherkennung zu optimieren, nutzen wir Quellen wie Podcasts. In einigen Fällen würden wir solche Daten, etwa Fotos aus Bilderdatenbanken, von professionellen Agenturen einkaufen, anstatt auf die privaten Daten unserer Kunden zuzugreifen. Die gehören nur denen.”

Durch immer schnellere Prozessoren sind Tablets und Smartphones mittlerweile in der Lage, Aufgaben direkt auf dem Gerät zu erledigen, wofür vor einigen Jahren noch die Unterstützung der Cloud nötig gewesen wäre. Ein Beispiel dafür ist die Gesichtserkennung der Fotos-App, die mittlerweile komplett offline funktioniert. “Wir verwenden alle möglichen technischen Mittel, um so wenige Daten sammeln zu müssen wie möglich. Sie sollen auf den Geräten bleiben. Und wenn sie doch in die Cloud müssen, sollen nur Sie den Schlüssel zum Entsperren besitzen und nicht wir. Die Zentralisierung von personalisierten Informationen sehen wir als eine grundlegende Bedrohung an, egal ob durch Apple oder irgendjemand anderen. Um die Privatsphäre der Nutzer wirklich zu schützen, muss sichergestellt werden, dass die Daten gar nicht erst gesammelt und an einem Ort zusammengeführt werden.”

Das antwortet Federighi dem Google-Chef

Privatsphäre ist ein Thema, das zuletzt nicht nur Apple besetzte. Auch Google und Facebook sprangen in den vergangenen Wochen auf den Zug auf. Mark Zuckerberg erklärte: “Die Zukunft ist privat”. Google wiederum stellte einen smarten Lautsprecher mit Display vor, bei dem die eingebaute Gesichtserkennung ausschließlich lokal auf dem Gerät stattfindet. Auf die Entwicklung angesprochen entgegnet Federighi: “Ich bin erfreut, dass Firmen sich innerhalb weniger Monate so positiv zu Privatsphäre äußern. Ich glaube aber, dass es sich um eine ernstere Angelegenheit handelt, der man nicht in wenigen Monaten und mit ein paar Pressemitteilungen gerecht wird.” Man müsse intensiv die Firmenkultur, die eigenen Werte und das Geschäftsmodell unter die Lupe nehmen - “und all das verändert man nicht über Nacht.”

Google-Chef Sundar Pichai schrieb vor wenigen Wochen in einem Meinungsartikel in der “New York Times”, dass Privatsphäre “kein Luxusgut sein darf, das nur jenen Leute angeboten wird, die sich Premium-Produkte und -Dienste leisten können”. Zwar nannte er nicht explizit Apple, doch es gab keine Zweifel, an wen diese Worte gerichtet waren. Federighi findet den Vorwurf haltlos und erklärt: “Unser Ziel ist es, Produkte für jeden zu entwickeln. Deshalb glaube ich auch nicht an dieses Luxus-Ding.”

Apple-Produkte sind in der Regel teurer als ähnlich ausgestattete Android-Pendants. Im Schnitt geben die Deutschen weniger als 500 Euro für ein Smartphone aus, das günstigste Apple-Telefon bekommt man ab 519 Euro, dabei handelt es sich um das zweieinhalb Jahre alte iPhone 7. Allerdings ist Apple dafür bekannt, seine Geräte viele Jahre mit Updates zu versorgen. Die meisten Android-Hersteller wiederum streichen nach weniger als zwei Jahren den Support.

“Wir haben uns schon auf Privatsphäre fokussiert, als noch niemand sonst darüber gesprochen hat”, sagt Federighi. “Es gab viele Jahre bei Apple, in denen wir uns im Stillen auf Datenschutz fokussiert haben. Der Rest der Welt hat gesagt: Das ist die Post-Privacy-Ära, die Menschen kümmern sich nicht mehr darum. Es sei unwichtig und altmodisch. Aber wir haben weitergemacht und sind am Ball geblieben. Nicht weil wir dachten, dass wir eines Tages darüber mehr Produkte verkaufen, sondern weil wir es für unsere Kunden als richtig empfanden.”

Mittlerweile wird das Thema Datenschutz von Apple aber auch genutzt, um sich von Mitbewerbern abzuheben. Während der Consumer Electronics Show in Las Vegas, der größten Technik-Show der Welt, ließ der Konzern im Januar eine gigantische Reklametafel anbringen, auf der stand: ”Was auf deinem iPhone passiert, bleibt auf deinem iPhone.” Eine Anspielung an den berühmten Slogan der Casino-Metropole, “Was in Vegas passiert, bleibt in Vegas”. Und eine Attacke gegen die Konkurrenz, die im Kongresszentrum wenige Meter entfernt vernetzte Toaster und Router mit eingebautem Sprachlautsprecher präsentierte.

Apple gegen Behörden

Apples Standpunkt zum Thema Privatsphäre wurde einer breiteren Öffentlichkeit erstmals im Jahr 2015 bekannt, als der Konzern sich weigerte, das iPhone des San-Bernardino-Attentäters für das FBI zu entsperren. Apple behauptete damals, man habe nicht nur kein Interesse daran, man sei auch gar nicht in der Lage, den Behörden Zugriff auf die sensiblen Informationen zu liefern. Es gebe keinen Master-Schlüssel, mit dem der Konzern alle Daten seiner Kunden entsperren könne. Ob das stimmt oder ob es sich dabei um eine Finte handelt, kann nicht zweifelsfrei geklärt werden.

Federighi verteidigt diese Einstellung: “Wenn ich in einem Kraftwerk arbeite, habe ich möglicherweise Zugriff auf ein hochkritisches System. Für die Gesellschaft ist der Schutz dieser Geräte von höchster Wichtigkeit. Wir wissen, dass es sehr viele motivierte Hacker gibt, die in diese wertvollen Informationsspeicher auf unseren Geräten eindringen wollen, sei es aus finanziellen Absichten oder weil sie einfach Schaden anrichten wollen. Deshalb arbeiten wir sehr hart daran, diese Geräte zu sichern.”

Einer von Apples zentralen Sicherungs-Mechanismen ist die sogenannte Secure Enclave: Das ist ein hermetisch vom Rest des Systems abgetrennter Teilbereich des Prozessors, in dem extrem sensible Informationen wie Passwörter und biometrische Daten lagern. Erstmals eingeführt wurde ddie Secure Enclave 2013 mit dem iPhone 5s, dem ersten Apple-Smartphone mit einem Fingerabdruck-Scanner. Seitdem konnten Hacker das System nicht knacken. Das Prinzip hat sich bewährt und wird mittlerweile auch von anderen Herstellern wie Google (Titan M Chip in neuen Pixel-Smartphones) und ARM (TrustZone) aufgegriffen.

Die Geräte gegen Angreifer zu sichern, sich aber selbst ein Hintertürchen einzubauen, ergibt aus Federighis Sicht keinen Sinn. “Es wäre extrem schwer, sich gegen einen möglichen Missbrauch von böswilligen Menschen in der Zukunft zu schützen. Am Ende hoffen wir, dass Regierungen die Idee schätzen lernen und erkennen, dass es zum Vorteil aller ist, wenn jeder sichere Systeme benutzt.” Ein nobler Gedanke, allerdings geht der Trend in vielen Teilen der Welt in eine andere Richtung. Australiens Parlament verabschiedete vor wenigen Monaten ein Anti-Verschlüsselungsgesetz. Damit wollen sich Sicherheitsbehörden die Möglichkeit sichern, mittels Hintertüren oder Staatstrojaner Zugang zu digitaler Kommunikation zu erlangen. Auch die Bundesregierung forderte schon Zugriff auf die verschlüsselten Chats in Whatsapp.

"Die Privatsphäre ist nicht tot"

Mit verschiedenen Hard- und Software-Maßnahmen kann Apple seine Geräte gegen Zugriff von außen abriegeln. Doch sobald die Nutzer eine App öffnen, stoßen sie die Tür zu weiteren Mitspielern auf. Dabei können Daten im großen Stil abgesaugt werden, wie jüngst ein Experiment der "Washington Post" zeigte. Viele dieser Dritt-Entwickler halten sich an die Regeln des App Stores, einige Apps jedoch wurden nur entwickelt, um möglichst viele sensible Daten der Nutzer abzufischen. Ein Problem, dass es sowohl auf Android- wie auch Apple-Geräten gibt. Federighi gibt zu: “Hin und wieder nutzen Entwickler Möglichkeiten aus, um an Informationen zu gelangen, an die sie eigentlich nicht kommen sollten.” Die Aufgabe von Apple bestehe darin, die Zugänge der Entwickler einzuschränken und die Transparenz für die Nutzer zu erhöhen, ohne sie zu überfordern.

"Einige Menschen interessieren sich sehr dafür, welche Daten sie weggeben, und andere denken überhaupt nicht darüber nach. Zuletzt scheint das Interesse der Menschen an dem Thema zugenommen zu haben. Das ist gut." Federighi selbst sei "optimistisch" über die bisherige Entwicklung. "Die Menschen waren zuletzt etwas fatalistisch, wenn sie sagen 'Die Privatsphäre ist tot' - ich glaube nicht daran. Vielmehr denke ich, die Menschen begreifen, wie wichtig Privatsphäre für eine gut funktionierende Gesellschaft ist und dass wir als Gesellschaft immer mehr Energie investieren müssen, um diese zu gewährleisten."

Die China-Debatte

Einer der häufigsten Kritikpunkte von Datenschützern ist die Tatsache, dass Apple seine Dienste in China anbietet. Einem Land, in dem zwar gewisse Datenschutz-Gesetze existieren, der Staat aber im Zweifel immer das letzte Wort hat. Behörden können von Unternehmen verlangen, ihnen Zugriff auf online gespeicherte Daten zu ermöglichen. Viele Silicon-Valley-Firmen meiden China daher, darunter Google und Facebook. Apple bietet seine Geräte und Online-Dienste dagegen an. Das China-Geschäft ist für Apple mittlerweile von fundamentaler Bedeutung.

Federighi sieht darin kein Problem: Durch verschiedene Praktiken will Apple demnach nicht nur sicherstellen, dass möglichst wenig Daten gesammelt werden, diese sollen auch direkt auf dem Gerät bleiben. Indem die Daten gar nicht erst in der Cloud landen, seien diese vor dem Zugriff der Behörden geschützt. Und selbst wenn Behörden trotzdem Zugriff auf die Daten bekommen, wären diese dank Verschlüsselung unlesbar, argumentiert der Software-Chef.

Viele Daten sind zwar komplett verschlüsselt, nicht jedoch iCloud-Backups, also Sicherungen des Smartphones. Datenschützer fordern seit Jahren, dass Apple den Anwendern diese Option zumindest anbietet. Zwar könnte das Unternehmen bei Wiederherstellungs-Pannen dann nicht mehr helfen - die Nutzer könnten aber sicher sein, bei einem etwaigen Server-Einbruch nicht Opfer eines Datendiebstahls zu werden.

Interview: Christoph Fröhlich