Vogelgrippe Auftakt zur Katastrophe?


Ein aggressives Influenzavirus verursachte den schlimmsten Geflügelpestausbruch der Geschichte. Schon starben die ersten Menschen.

Der Tod könnte über die "Goldene Brücke" kommen. Lee Yuimei aber, die Besitzerin des Geflügelladens mit dem hübschen Namen im Herzen Hongkongs, hält das Gerede von der Vogelgrippe und den Gefahren, die sie auch den Menschen bringe, für maßlos aufgebauscht. "Die verdammten Medien" seien schuld, dass sie an diesem Tag kein einziges Huhn verkauft habe. Resigniert zeigt sie auf die Käfige hinter sich, in die 48 Hühner eingezwängt sind. "Alle aus China", seufzt die 50-Jährige. "Wer will die noch auf dem Mittagstisch haben?"

Ein rotes Holzschild mit weißen Schriftzeichen verrät die Herkunft der Tiere: Qing Yuan, eine kleine Stadt in Chinas boomender und an Hongkong grenzender Provinz Guangdong. Pro Jahr werden allein dort 900 Millionen Hühner und 400 Millionen Enten produziert. Der wachsende Wohlstand Chinas ließ den jährlichen Pro-Kopf-Verbrauch von Hühnerfleisch seit 1990 von 2,8 auf über elf Kilo ansteigen. Da mussten die Betriebe mithalten.

Die Hygiene bei der Geflügelhaltung allerdings wurde nicht verbessert. So züchten am Stadtrand von Qing Yuan Wanderarbeiter aus den armen Provinzen Zentralchinas unter Slumbedingungen Hühner und Enten. Mehr als 300 Familienbetriebe gibt es dort. Und wie vielerorten in Guangdong sind auch diese Farmen illegal. Die Bauern haben keine Lizenzen. Zahlen sie keine Bestechungsgelder, schicken die zuständigen Beamten Bulldozer und lassen die ärmlichen Hütten und Ställe planieren. Dann ziehen die Vertriebenen weiter und errichten irgendwo eine neue Farm. Und auch dort leben sie wieder mit ihrem Vieh auf engstem Raum.

Der Hof von Bauer Zai am anderen Ende der Stadt zum Beispiel gleicht einer Müllhalde. Sein vierjähriger Sohn kratzt sich den Schorf von einer Wunde am Bein. Seine Frau steckt Federn gerade getöteter Hühner in einen Sack für den Verkauf an eine Fabrik. Am Abend verkauft Herr Zai eine Tonne mit Hühnerkot an einen Reisbauern. Der Dung gilt als besonders gefährlich, da Grippeviren darin noch Monate überleben können. Doch Bauer Zais Optimismus ist ungebrochen. "Meine Hühner sind gesund." Dann zeigt er eine Packung mit traditioneller chinesischer Medizin. "Das hilft", sagt er und lacht. Aber nicht alle in Qing Yuan sind so frohgemut. "Kürzlich sind viele Hühner gestorben", sagt die 23-jährige Zhen Hailing. "Wir haben Angst."

Notschlachtung von 30 Millionen Hühnern

Zehn Länder im Osten und Südosten Asiens waren Anfang der Woche von der Vogelgrippe betroffen, vom heftigsten Ausbruch, der je beobachtet wurde. In Vietnam und Thailand hatten sich zudem 14 Menschen mit dem Influenza-Erreger angesteckt. Elf waren gestorben. Rund 30 Millionen Hühner wurden zur Seucheneindämmung bereits notgeschlachtet. Pharmafirmen fahren Sonderschichten, um Impfstoffe und Medikamente bereitzustellen. Weltgesundheitsorganisation und nationale Seuchenbehörden konferieren, um Notfallmaßnahmen zu beraten. Die Horrorvision heißt Pandemie: Sprung eines tödlichen Virusstammes auf den Menschen. Weltweiter Seuchenzug. "Der könnte uns nun tatsächlich bevorstehen. Wir müssen die Situation außerordentlich ernst nehmen", bestätigt der Virologe John Oxford vom Royal London Hospital, einer der führenden Influenza-Experten.

In Deutschland aber besteht noch immer kein verbindlicher Plan für den Ernstfall, obwohl das Problem seit Jahrzehnten bekannt ist. Eine Bund-Länder-Kommission soll ihn aber nun bald beschleunigt fertig stellen, wie Reinhard Kurth, Präsident des Robert-Koch-Instituts, am Wochenende erklärte. Es sind vor allem Kompetenzstreitereien und das Gerangel um eine Verteilung der finanziellen Lasten, die einer effektiven Vorsorge im Wege stehen.

So viel immerhin ist absehbar: Ruft die WHO den Pandemie-Fall aus, sollen zunächst die versorgt werden, die anschließend den Schutz der Bevölkerung übernehmen: medizinisches Personal also und Sicherheitskräfte, die im Falle einer Panik für die Ordnung im Lande verantwortlich sind. In einer weiteren Stufe würden besonders Gefährdete wie Ältere und Kranke (beispielsweise Asthmapatienten oder Immungeschwächte) mit einem der bereits verfügbaren effektiven Grippemedikamente (siehe Kasten Seite 34) vorbeugend behandelt. Derzeit sind diese Medikamente noch gegen Rezept allgemein erhältlich, im Krisenfall allerdings könnte die Versorgung mit dem Mittel knapp werden. Nach Schätzung des RKI würden dann etwa 20 Tonnen Grippemedikamente benötigt. Zwar bevorraten deren Hersteller größere Mengen, doch reichen die derzeitigen Kapazitäten für eine gleichzeitige weltweite Anforderung der Arzneimittel nicht aus. Darum denken Infektionsschützer in den USA, aber auch bei uns bereits an größere Vorratslager auf Staatskosten für die nächste Pandemie.

Der könnte wesentlich gelassener entgegen gesehen werden, wäre es um die Impfmoral hierzulande besser bestellt - für die meisten Deutschen scheint Grippe lediglich "triefende Augen und tränende Augen" zu bedeuten. Selbst jene, die es besser wissen müssen, wiegen sich in trügerischer Sicherheit: Allenfalls 15 bis 20 Prozent des medizinischen Personals haben sich laut einer in dieser Woche veröffentlichten Studie zur Grippesaison 2001/2002 impfen lassen. Was hat die anderen abgehalten? 26 Prozent hielten die Impfung für nicht notwendig, 20 Prozent fürchteten eine Grippe gerade durch die Impfung, was eine ungenügende fachliche Information dieser beiden Gruppen belegt. 18 Prozent hatten die Vorsorge einfach vergessen. Damit lag die Impfrate derer, die im Ernstfall - auch im Fall einer Pandemie - für Infizierte und Kranke da sein sollen, deutlich unter der Quote in der restlichen Bevölkerung, doch selbst in den Risikogruppen erreichte die kaum 50 Prozent. Nur ältere Ostdeutsche und solche mit chronischen Krankheiten erreichten Impfraten von um die 60 Prozent.

Kaum eine Seuche hat der Menschheit je schlimmer mitgespielt als die Influenza. Ihr schwerster Ausbruch 1918/19 forderte zwischen 20 und 40 Millionen Todesopfer. 1957/58, als die "Asiatische Grippe" wütete, starben fünf Millionen Menschen. 1968 waren es zwei Millionen, die der "Hongkong-Grippe" zum Opfer fielen. Selbst wenn es in einer Saison "gut" geht, sterben allein in Deutschland etwa 10 000 Menschen an Influenza. Mindestens 16 000 sollen es 2003 gewesen sein. Es trifft nicht immer nur Alte und Schwache. Die "Spanische Grippe" wütete besonders unter jungen und mittleren Jahrgängen. Die derzeitige Vogelgrippe im ost- und südostasiatischen Raum hat ebenfalls schon junge Menschen umgebracht. Ein "trainiertes" Immunsystem älterer Erwachsener, das im Laufe der Jahre schon mehrmals einen harmlos verlaufenden Kontakt mit Influenzaviren gehabt hat und darum einer "unerfahrenen" kindlichen Abwehr überlegen sein könnte, ist ein möglicher Grund. Er erklärt nicht, warum einige Opfer wie in Vietnam schon in den Zwanzigern waren. Schuld ist hier die gefährliche Anpassungsfähigkeit des Virus.

Wie stachelige Kügelchen sehen Influenza-Viren unter dem Elektronenmikroskop aus. Etwa 500 "Spikes" ragen aus der Oberfläche des ein bis zwei Zehntausendstel Millimeter messenden Erregers. Vier Fünftel davon bestehen aus dem Eiweißstoff "Hämagglutinin" (H), das den Viren das Andocken an eine Zelle ermöglicht, in der anschließend neue Influenza-Viren aufgebaut werden. Die restlichen 20 Prozent der Spikes bestehen aus "Neuraminidase" (N), die zum Ausschleusen der neuen Viren aus der Zelle nötig ist.

Es gibt drei Hauptgruppen der Influenza. Offenbar haben alle ihren Ursprung in Vögeln - wenngleich sich unter anderem auch Affen, Frettchen oder Wale anstecken können. Die gefährlichsten Viren sind vom Typ A. Typ B dagegen führt meist nur zu milderen Krankheitssymptomen, Typ C spielt beim Menschen wohl keine Rolle. Je nach Feinbau der H- und N-Spikes wird jedes Virus noch weiter klassifiziert. So ist "H5N1" der A-Influenza-Typ, der zurzeit unter den asiatischen Vögeln wütet. Die bei uns momentan aktive Winterplage trägt die Bezeichnung "H3N2". Selbst diese Einteilung beschreibt noch nicht die genauen Eigenschaften des Virus. So wird meist noch der Name der Region oder Stadt seiner ersten Entdeckung angeführt (Hongkong, Moskau oder Panama) und auch das Jahr, in dem ein Stamm erstmals auftrat.

Doch kein endgültiger Sieg gegen Grippe

Ein Influenza-Virus kann sich bei der Vermehrung in befallenen Zellen - Menschen trifft es meist in den Atemwegen und der Lunge - mit jeder Generation verändern. Darum muss jedes Jahr ein neuer Impfcocktail gemixt werden, der die verbreitetsten gefährlichen Stämme abdecken soll. Das gelingt den zuständigen Experten der WHO oft gut, manchmal aber taucht dennoch ein Virus auf, das nicht mehr rechtzeitig in den über Monate produzierten Impfstoff aufgenommen werden kann. So ist es in diesem Jahr mit dem A-Typ H3N2 "Fujian", benannt nach der Taiwan gegenüberliegenden Provinz des chinesischen Festlandes. Immerhin bietet der gegenwärtige Impfstoff leidlich Schutz gegen "Fujian", da dieses Virus vom enthaltenen "Panama"-Stamm genetisch nicht allzu verschieden ist.

Der endgültige Sieg über die immer wiederkehrende Grippeplage sei in greifbare Nähe gerückt, hieß es noch vor 25 Jahren. Schließlich war es gelungen, die Pocken auszurotten, und viele Seuchenexperten sahen sich bald arbeitslos. Ihre Nachfolger dagegen sind heute schon froh, wenn im Laufe eines Jahres zu den bestehenden Epidemien nicht neue Hiobsbotschaften aus irgendeinem entlegenen Teil der Erde kommen und mit ihnen ein bis dahin unbekanntes Virus: Wie "Hendra" 1994, das damals in Australien den Sprung über die Artengrenze vom Pferd auf den Menschen schaffte und heute in der höchsten biologischen Gefahrenklasse geführt wird. Wie das verwandte "Nipah" 1999 in Malaysia und Singapur. Wie das SARS auslösende neue Corona-Virus im vergangenen Jahr, das in China schätzungsweise 350 Menschenleben kostete und sich per Flugzeug schnell über den halben Globus verbreitet hatte. Dieser vergleichsweise harmlose Erreger führte zu weltweiten Aufregungen, in deren Wirren ein anderer offenbar übersehen oder zumindest unterschätzt wurde - womöglich ein folgenreicher Fehler.

Am Dienstag vergangener Woche erklärte die chinesische Regierung, es seien mit dem Grippevirus vom Typ H5N1 infizierte Geflügelbestände im Land gefunden worden. Hatten die Offiziellen in Peking gelernt? Hatten sie diesmal rechtzeitig informiert und nicht wieder, wie zuletzt noch bei SARS, aus Angst um Ruf und Reibach den Deckel draufgehalten, so lange es nur ging? Schließlich hatte Hongkong 1997 schon einmal mit H5N1 zu kämpfen gehabt, als sich 18 Menschen direkt mit dem Vogelvirus angesteckt hatten. Damals war die Eindämmung gelungen. Experten der Weltgesundheitsorganisation (WHO) wie Klaus Stöhr, der deutsche Direktor des WHO-Influenzaprogramms, hatten darum auf die Einsicht der Verantwortlichen gehofft. Doch der Optimismus war wieder verfrüht.

Denn bereits vor einem Jahr, so Stöhr vergangene Woche, seien bei nicht von der WHO genommenen Proben Influenza-Viren des Typs H5N1 entdeckt worden, die identisch seien mit jenem aggressiven Stamm, der inzwischen nicht nur Asien das Fürchten lehrt. Wohl aus diplomatischen Gründen ließ Stöhr zunächst offen, in welchem Land diese Entdeckung gemacht worden war. Schließlich kämpft die WHO oft mehr an politischen als an medizinischen Fronten. Doch kurz darauf wurde bekannt, die Genfer UN-Behörde fordere China auf, zwei Fälle erneut zu untersuchen, bei denen im Februar 2003 ein aus Hongkong stammender Vater mit seiner Tochter nach einem Besuch in Südchina ums Leben gekommen war - Todesursache: H5N1.

Sollte der besonders rabiate Stamm also damals schon in der Volksrepublik existiert haben (wofür alle bisherigen Daten sprechen), könnten legaler Handel und zudem Schmuggel mit infizierten Tieren dem beispiellosen Ausbruch den Weg bereitet haben. Doch China übte sich zunächst weiter in Gelassenheit. Bis zum vergangenen Wochenende rollten Lastwagenladungen von Hühnern aus der infizierten Provinz Guangxi in die Nachbarregion. In Chengdu, der Hauptstadt der 83-Millionen-Provinz Sichuan in Zentrachina, ließen die Behörden 15 000 Hühner verbrennen. Zeitpunkt: Mitternacht am vergangenen Freitag. Befohlen war strengste Geheimhaltung. Die staatliche Lokalzeitung erwähnte den Eileinsatz nicht und meldete stattdessen stolz: "Hundertprozentige Impfung und Sicherheit in Chengdus größter Legebatterie".

Inzwischen ist H5N1 auch in der Nähe der 17-Millionen-Metropole Shanghai angekommen. Nachts keulten Kommandos in Schutzanzügen Zehntausende Hühner und Enten. Und an der Grenze von Guangxi nach Vietnam, dem mit neun bekannten Todesfällen bisher am schlimmsten betroffenen Land, werden Hühner weiter an den Posten vorbeigeschmuggelt.

Auch ohne menschliches Zutun findet das Virus seinen Weg durch ganz Asien. Reiher, Kormorane und andere Zugvögel, die sich auf ihrem Weg von Sibirien nach Australien oder Indonesien für Wochen in den Sümpfen Südchinas niederlassen, gelten als Überträger. "Es ist gut möglich, dass infizierte Zugvögel das Virus in die Hühnerfarmen gebracht haben", sagt der Virologe Leo Poon von der Universität Hongkong. Die nahe der Stadt gelegenen Mai-Po-Sümpfe etwa beherbergen im Winter über 60 000 Zugvögel. Bei einem Wanderfalken, der tot in der Nähe zweier Hongkonger Hühnerfarmen gefunden worden war, ließ sich das H5N1-Virus bereits nachweisen. Wildvögel gelten normalerweise als einigermaßen geschützt vor dem Erreger.

Hätten aber nicht alle infizierten Tiere rasch sterben müssen, wenn die derzeitige Variante von H5N1 so aggressiv ist, wie nach ersten Labortests behauptet wird? So wäre es wahrscheinlich auch gekommen. Doch auf vielen Farmen Südchinas bewahrten offenbar Antikörper infizierte Hühner vor dem raschen Tod - die Bauern hatten ihr Federvieh geimpft. Was als Schutz gedacht war, bahnte dem rabiaten Virus womöglich erst den Weg.

Riskanter darwinistischer Prozess

Impfungen gelten landläufig als das geeignetste Mittel, um einer Infektion vorzubeugen. Doch nur wenn der Impfstoff exakt auf den Krankheitserreger passt, dessen Ausbreitung gestoppt werden soll, geht die Rechnung auf. Gibt es aber einen auch nur geringen Unterschied zwischen dem Impf-Virus und dem, das dann tatsächlich ein Tier oder einen Menschen befällt, droht Schlimmeres als ohne jede Vorbeugung. Denn dann beginnt im geimpften und infizierten Organismus ein riskanter darwinistischer Prozess: Wohl werden dann zwar immer noch die meisten Erreger von Antikörpern zerstört, die sich dank Impfung gebildet haben. Da die genetische Übereinstimmung aber nicht total ist, kann das eine oder andere Virus doch überleben und sich vermehren - solche Erreger aber haben einen "evolutionären Vorteil", wie die Experten sagen. Auch von dieser Generation werden vermutlich dann wieder viele Viren abgetötet durch die Antikörper des Wirtes. Die aber überleben, sind noch einmal etwas widerstandsfähiger als ihre Artgenossen zuvor.

Nach und nach können in immer neuen Erregergenerationen ungewollt Virusstämme gezüchtet werden, die gegen vorhandene Impfstoffe sehr viel robuster sind als die ursprünglichen Varianten. Ohne eine Impfung wäre zum Beispiel ein Huhn vielleicht schnell eingegangen. Das Virus hätte seinen Wirt verloren und damit die Chance, sich in diesem Tier in immer neuen Zyklen zu vermehren und zu verändern. Durch die nur einigermaßen passende Impfung aber erkrankt das Huhn eventuell nur leicht oder überhaupt nicht. Das Virus kann sich dann zumindest auf niedrigem Niveau vermehren und weiter anpassen, bis der Impfstoff seine Wirkung völlig verliert. Dann ist H5N1 zwar immer noch H5N1, aber jetzt wie mit einem Schutzpanzer überzogen, an dem die Antikörper machtlos abprallen.

Auf einem Antigrippe-Gipfel in Bangkok vermuteten vergangene Woche Teilnehmer, die neue Variante des Typs H5N1 habe sich überhaupt nur in geimpften Geflügelbeständen Südostasiens bilden können. So reagierten denn auch Vertreter der Welternährungsorganisation FAO recht ungehalten, als indonesische Offizielle erklärten, in ihrem Land wolle man die drohende Seuche mit Impfungen bekämpfen, nicht aber durch das rigorose Keulen der Geflügelbestände. Unter wachsendem internationalen Druck lenkte Indonesiens Regierung inzwischen ein.

Ganz anders ist die Situation beim Impfschutz für Menschen zu bewerten, die natürlich nicht geopfert werden können, um die Ausbreitung eines Virus einzudämmen. Noch in dieser Woche soll darum ein für die Impfstoff-Produktion geeigneter Virusstamm zur Verfügung stehen. Zwei weitere Zellkulturen eines vergleichbaren Virustyps werden bereits in den USA und Großbritannien gelagert. Klinische Sicherheitstests stehen allerdings noch aus. In einigen Monaten könnten so trotzdem wenigstens die Menschen der Südhalbkugel geschützt werden, wenn mit dem dortigen Winter auch die nächste Grippesaison kommt. Möglichst jeder, der mit Geflügel hantiert, sollte geimpft werden, ginge es nach der WHO. Doch womöglich werden zum Beispiel gerade die Länder, in denen der Ausbruch des neuen Typs der Vogelgrippe zuerst entdeckt worden war, leer ausgehen. Vietnam etwa steht auf der Kundenliste ganz unten.

Grund ist ein kompliziertes Geflecht von Patentrechten und von Lieferabkommen, an die Produzenten wie GlaxoSmithKline oder Solvay rechtlich gebunden sind. Danach würden zunächst vor allem reiche Länder wie Australien mit dem nur in begrenzten Mengen verfügbaren neuen Impfstoff versorgt, nicht jedoch die armen Regionen Asiens. Gerade dort aber ist der Schutz aus der Ampulle besonders dringend erforderlich, um weitere Infektionen bei denen zu verhindern, die auf Farmen oder "nassen Märkten" Kontakt zu Geflügel oder in Hospitälern zu bereits Erkrankten haben könnten. Natürlich werde notfalls das Patentrecht gebrochen, wenn die Gefahr einer weltweiten Epidemie drohe, betonten Vertreter der Pharmaindustrie. Doch verlangen die Firmen eine amtliche Garantie, die sie vor späteren finanziellen Lizenzansprüchen oder Wiedergutmachungsforderungen schützt. So könnte schlimmstenfalls nicht nur ein neues Virus, sondern auch das Gerangel um Gesetze und Gebühren zum Tod Tausender führen, weil erforderliche Schutzmaßnahmen zumindest nicht rechtzeitig oder effektiv genug eingeleitet würden.

Die meisten politisch Verantwortlichen in den betroffenen Regionen Asiens handeln zudem weiter nach der altbekannten Devise: Vertuschen, verharmlosen, verzögern. Als der stern zum Beispiel am vergangenen Freitag bei den zuständigen Behörden in Peking und in den betroffenen Provinzen anfragte, ob Massenimpfungen vorgenommen worden seien, verwiesen die Beamten auf das staatlich kontrollierte Fernsehen. "Da erfahren Sie alles ganz genau", beschwichtigte Frau Cheng, die Leiterin des Geflügelamtes des Landwirtschaftsministeriums der Provinz Guangxi. Sie verriet auch, dass sie Anweisung aus Peking habe, ausschließlich mit chinesischen TV-Reportern zu sprechen.

Noch geübt durch die Vertuschung der SARS-Krise im vergangenen Jahr, verbreitet das Fernsehen die Vorgaben der Partei. In den 15-Uhr-Nachrichten verkündete die Sprecherin, dass in Thailand einige Läden der Fast-Food-Kette Kentucky Fried Chicken geschlossen werden mussten. Schnitt. Dann ist ein KFC-Kunde in Peking zu sehen. "Unsere Regierung hätte uns bestimmt gewarnt, wenn eine Gefahr bestünde", darf er sich freuen. Chinesische Journalisten berichteten dem stern von einem Maulkorberlass. In Kanton, Hauptstadt der infizierten Provinz Guangdong, wurden Journalisten eingeschüchtert und entlassen, weil sie die Verbreitung der Seuche thematisieren wollten. Nach Informationen der Londoner "Times" sollen bereits Dutzende Hühnerhändler angesteckt und gestorben sein.

Nicht nur in China wird grob fahrlässig mit einer globalen Gesundheitsgefahr umgegangen. Thailands Ministerpräsident Thaksin Shinawatra etwa verheimlichte die Vogelgrippe-Epidemie in seinem Land wochenlang, ehe er schließlich mehr als 26 Millionen Hühner töten ließ. Häftlinge und Soldaten gruben das zum Teil noch zappelnde Federvieh ein und trampelten dann mit den Stiefeln auf dem Matsch aus Kadavern und Erde herum.

Beinahe machtlos stehen Wissenschaftler und die Task-Force-Experten der WHO solchen Stümpereien gegenüber. Nur ganz allmählich, so scheint es, wird auch den hartnäckigsten Leugnern der Ernst der Lage bewusst. "Das entscheidende Kriterium für eine Pandemie", sagt der Virologe John Oxford, "ist die Übertragung des Virus von Mensch zu Mensch." Vergangenen Sonntag wurden Laborergebnisse aus Vietnam bekannt, nach denen diese Stufe vielleicht schon erreicht ist. Von den bislang entdeckten zehn Infektionsfällen des Landes stammen nämlich vier aus einer einzigen Familie: Zwei Schwestern im Alter von 23 und 30 Jahren waren am 23. Januar in der Provinz Thai Binh an der H5N1-Grippe gestorben, nachdem ihr Bruder zehn Tage zuvor dem Virus erlegen war. Dessen Frau hatte sich ebenfalls infiziert, genas aber wieder. Die WHO kann eine Mensch-zu-Mensch-Übertragung nun nicht mehr ausschließen. So wird es vermutlich noch einige Wochen dauern, bis klar ist, ob das jüngste asiatische Vogelsterben der Anfang einer neuen weltweiten Seuche war. Doch selbst wenn es nicht so weit kommen sollte, wäre nur Zeit gewonnen, warnt John Oxford: "Die Gefahr ist nie vorüber."

Frank Ochmann und Matthias Schepp print

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