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Atomkatastrophe in Japan: Babys sollen kein Leitungswasser trinken

Babys und Kleinkinder sollen in Tokio kein Leitungswasser mehr trinken, es wurden erhöhte Strahlenwerte festgestellt. Unterdessen musste Block 3 des Unglückskraftwerkes Fukushima evakuiert werden.

Die radioaktive Strahlung im Trinkwasser der japanischen Hauptstadt Tokio hat die Gefahrengrenze für Neugeborene überschritten. Nach den gesetzlichen Vorschriften sei das Leitungswasser derzeit nicht für die Zubereitung von Babynahrung geeignet, sagte ein Vertreter der städtischen Behörden am Mittwoch vor Journalisten. In einem Stadtviertel habe die gemessene Radioaktivität im Wasser mehr als das Doppelte des Grenzwerts betragen.

Wegen erhöhter Strahlungswerte hatte Japans Regierung bereits zuvor die Ausfuhr mehrerer landwirtschaftlicher Produkte aus zwei Präfekturen im Umkreis des havarierten Kernkraftwerks Fukushima 1 untersagt. Die USA kündigten strengere Einfuhrkontrollen an. Frankreich forderte die Europäische Kommission zu einer schärferen Importpolitik auf. Tokio liegt etwa 250 Kilometer südlich von Fukushima 1.

Rauch über Fukushima

Im beschädigten japanischen Atomkraftwerk Fukushima behindert unterdessen schwarzer Rauch die Arbeiten der Einsatzkräfte. Das Gebäude von Reaktor 3 musste nach Angaben des Betreibers Tepco geräumt werden. Es sei unklar, ob der Rauch von der Turbine oder aus der Schutzhülle des Reaktorkerns stamme, sagte ein Tepco-Sprecher. Die Mitarbeiter des dortigen Kontrollraums seien in Sicherheit gebracht worden. In den Brennelementen des durch eine Explosion bereits beschädigten Reaktors befindet sich auch hochgefährliches Plutonium.

Auch im Block 2 mussten die Arbeiten unterbrochen werden, weil dort einer Meldung der Nachrichtenagentur Kyodo zufolge eine Strahlenbelastung von 500 Millisievert pro Stunde gemessen wurde. Die natürliche Hintergrundstrahlung liegt bei etwa 2 Millisievert pro Jahr. In Block 2 wird befürchtet, dass der innere Reaktorbehälter bei einer Explosion in der vergangenen Woche beschädigt wurde. Techniker wollen dort wie schon im Reaktorblock 3 zunächst die Beleuchtung im Kontrollraum wiederherstellen und Messinstrumente mit Strom versorgen.

Reguläre Kühlsysteme der Reaktorblöcke in Gang bringen

Weil im Block 1 der Anlage die Temperatur auf 400 Grad Celsius geklettert war, wurde dieser Reaktor von außen mit Wasser gekühlt, wie der Sprecher der Atomsicherheitsbehörde NISA, Hidehiko Nishiyama, auf einer Pressekonferenz mitteilte. Danach sei die Temperatur auf 360 Grad gesunken, berichtete der Fernsehsender NHK. Das technische Design des Reaktors sei allerdings nur auf eine Temperatur von 300 Grad ausgelegt. Auch Reaktorblock 4 wurde zeitweise wieder von außen mit Wasser besprüht, um das Abklingbecken für abgebrannte Brennstäbe zu kühlen.

Als nächstes wollen die Betreiber versuchen, die regulären Kühlsysteme der Reaktorblöcke wieder in Gang zu bringen, die nach dem Erdbeben und dem Tsunami vom 11. März ausgefallen sind. Dazu müssen zunächst die zugehörigen Pumpen getestet und wenn nötig ausgetauscht werden.

Lieferstopp für Gemüse wurde ausgeweitet

Die Verstrahlung der Umwelt veranlasste die Regierung, den Lieferstopp für Gemüse aus der Gegend um das Atomkraftwerk auszuweiten. Das japanische Gesundheitsministerium veröffentlichte eine Liste mit elf Gemüsearten, bei denen nach dem Unglück eine teilweise drastisch erhöhte Radioaktivität festgestellt wurde. Darunter sind Spinat, Broccoli, Kohl und das japanische Blattgemüse Komatsuna.

Regierungssprecher Yukio Edano sagte auf einer Pressekonferenz, der Verzehr dieses Gemüses gefährde zwar nicht die Gesundheit. "Wir sehen aber, dass die Werte hochgehen und müssen damit rechnen, dass sie ein schädliches Niveau erreichen. Daher ist es sinnvoll, die Lieferungen jetzt zu stoppen." Vorsichtshalber sollten Verbraucher kein in der Präfektur Fukushima angebautes Gemüse mehr verzehren.

In Proben fand das Gesundheitsministerium beim Blattgemüse Kukitachina 82.000 Becquerel an radioaktivem Cäsium und 15.000 Becquerel an radioaktivem Jod. Dies übersteigt die zulässigen Grenzwerte um den Faktor 164 beziehungsweise 7. In der Präfektur Ibaraki wurde auch radioaktiv belastete Milch gefunden.

Tepco muss um Notkredite bitten

Das AKW-Unglück setzt die Betreibergesellschaft Tepco auch finanziell unter Druck. Das Unternehmen ersuchte die großen Banken des Landes nach Informationen des Fernsehsenders NHK um Notkredite in Höhe von 1,5 Billionen Yen (13,1 Milliarden Euro). Diese Summe müsse möglichst bis Ende des Monats gezahlt werden, damit Tepco die Folgen des Unglücks im Atomkraftwerk Fukushima Eins bewältigen könne, berichtete der Sender unter Berufung auf unterrichtete Kreise. Möglicherweise könne der kurzfristig benötigte Betrag noch auf zwei Billionen Yen (17,4 Milliarden Euro) steigen.

Die Schäden des verheerenden Erdbebens und Tsunamis in Japan könnten sich einem Pressebericht zufolge auf bis zu 25 Billionen Yen (rund 220 Mrd Euro) belaufen. Die japanische Regierung gehe in ihrer aktuellen Schätzung von direkten Schäden aus der Naturkatastrophe von 15 bis 25 Billionen Yen aus, heißt es in einem Bericht der Wirtschaftszeitung "Nikkei".

Erneutes Erdbeben in Fukushima

Mehrere heftige Erdstöße erschütterten am Mittwoch die unmittelbare Umgebung des Atomkraftwerks Fukushima. In der Anlage seien keine weiteren Schäden entstanden, teilte die Reaktorsicherheitsbehörde NISA mit. Die laufenden Arbeiten seien nicht gestört worden.

Der intensivste Erdstoß hatte um 7.12 Uhr Ortszeit (23.12 Uhr MEZ) die Stärke von 6. In der US-Erdbebenwarte wurde eine Stärke von 5,7 gemessen. Das Epizentrum lag 72 Kilometer südöstlich der Stadt Fukushima und 180 Kilometer nordöstlich von Tokio. Hirofumi Yokoyama vom staatlichen Wetterdienst sagte auf einer Pressekonferenz: "Nach dem großen Erdbeben gab es wahrscheinlich einige tektonische Verschiebungen." Der jüngste Erdstoß sei sehr nahe an der Oberfläche gewesen. Es habe sich um ein Nachbeben der gewaltigen Erschütterung vom 11. März gehandelt. Zuletzt bebte die Erde innerhalb von 24 Stunden mindestens 18 Mal mit einer Stärke von mindestens 5.

Nach der Naturkatastrophe wurde bisher der Tod von 9301 Menschen bestätigt, wie die Polizeiführung am Mittwoch in Tokio nach einer Meldung der Nachrichtenagentur Kyodo mitteilte. Nach dem Erdbeben und dem Tsunami werden noch 13.786 Menschen vermisst. Bei vermutlich mehr als 23.000 Toten ist das die größte Naturkatastrophe in Japan seit dem Erdbeben von 1923, als 105.000 Menschen ums Leben kamen.

be/zen/DPA / DPA