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Erdbeben in Pakistan: Nato richtet Luftbrücke ein

Die letzten Stunden verrinnen für die Verschütteten in den Erdbebenregionen Pakistans. Während das THW eine Frau lebend aus den Trümmern retten konnte, versuchen Hilfsmannschaften verzweifelt, Güter in abgelegene Gebiete zu bringen. Die Nato will aus der Luft helfen.

Noch immer haben Hilfslieferungen zahlreiche Überlebende des verheerenden Erdstoßes vom Samstag nicht erreicht. Zugleich wurde mit jeder Stunde die Chance geringer, noch Überlebende unter den Trümmern zu finden. Unterdessen stieg die Gefahr eines Ausbruchs von Seuchen. Das Deutsche Rote Kreuz (DRK) wird an diesem Mittwoch und Donnerstag zwei Hilfsflüge mit insgesamt 40 Tonnen Gütern in die Krisenregion entsenden. Gleichzeitig beginnt die Nato mit einer Luftbrücke. Unterdessen verdoppelte die Weltbank ihre Soforthilfe für Pakistan auf 40 Millionen Dollar (33,4 Millionen Euro).

Wettlauf gegen die Zeit

Die Nato hat die Einrichtung einer Luftbrücke zur Versorgung der Katastrophenregion in Südasien beschlossen. Flugzeuge der 26 Mitgliedstaaten sowie Maschinen des Militärbündnisses sollten Hilfsgüter in die Erdbebengebiete in Pakistan bringen, teilte die Nato in Brüssel mit. Die erste Maschine werde am Mittwoch nach Slowenien fliegen, um 7,5 Tonnen Hilfsgüter für Pakistan aufzunehmen. Nato-Generalsekretär Jaap de Hoop Scheffer erklärte, die Allianz erwäge auch die Mobilisierung von Schiffen, um Rettungshubschrauber und medizinisches Gerät nach Südasien zu bringen.

"Diese Entscheidung ist nur die erste Reaktion", sagte er. "Der Nordatlantikrat hat heute außerdem beschlossen, weitere Unterstützung für Pakistan zu prüfen." Einzelne Mitgliedstaaten könnten für den Rettungseinsatz in Pakistan vorübergehend auch Soldaten der Nato-Truppe Isaf aus Afghanistan abziehen, hieß es in Brüssel. Die Bundeswehr hatte am Montag rund 50 Isaf-Soldaten nach Pakistan entsandt, um Medikamente, Betten, Zelte und Decken in die Katastrophenregion zu bringen. Ein größerer Einsatz der multinationalen Afghanistan-Schutztruppe in Pakistan ist Nato-Vertretern zufolge aber nicht vorgesehen. Dies sei angesichts der fragilen Sicherheitslage in Afghanistan nicht möglich.

THW rettet Frau lebend aus den Trümmern

Einsatzkräfte des Technischen Hilfswerks haben in Muzaffarabad eine Frau lebend aus den Trümmern eines Hauses geborgen. Die Frau werde von Ärzten der Bundeswehr medizinisch versorgt, teilte die Organisation mit, die mehrere Teams in das Land geschickt hat. Nach tagelangen Verzögerungen erreichten zudem erste Hilfslieferungen die Stadt im pakistanischen Teil Kaschmirs, der zu dem am stärksten betroffenen Gebiet gehört. Im Krisengebiet wächst nach Einschätzung der Vereinten Nationen (UN) die Gefahr von Seuchen wie Cholera und Lungenentzündung. In Muzaffarabad brachen nach Angaben eines örtlichen Behördenvertreters bereits Malaria und andere Krankheiten aus.

In der Stadt trafen bei Morgengrauen sechs Schwerlaster und drei große Lieferwagen mit Medikamenten und Lebensmitteln ein. Wie Augenzeugen berichteten, kamen die Rettungsarbeiten in der 70.000 Einwohner zählenden Stadt dennoch kaum in Gang. Auch drangen die Rettungsmannschaften weiter nicht in viele entlegene Gebiete der Krisenregion vor. Ein Vertreter der Vereinten Nationen (UN), der nicht namentlich genannt werden wollte, sagte: "Die Dinge verbessern sich, aber in den Gegenden, die die Rettungsteams noch nicht erreichen konnten, schwindet die Hoffnung."

Nach Angaben des UN-Welternährungsprogramms werden Lebensmittel für mindestens eine Million Menschen benötigt. Doch selbst eine erste Lieferung, mit der 240.000 Menschen fünf Tage lang ernährt werden könnten, werde frühestens am Mittwoch eintreffen. Insgesamt wird befürchtet, dass durch das Beben bis zu 40.000 Menschen ums Leben kamen.

41.000 Todesopfer in Pakistan erwartet

Das Leid von Millionen Hilfsbedürftigen war verlängert worden, weil wegen Unwettern Hilfsflüge am Dienstag ausgesetzt worden waren. Am Donnerstag könnte hingegen eine Kältewelle über die Region hereinbrechen. Nach Schätzungen kamen in Pakistan bei dem Beben der Stärke 7,7 mehr als 41.000 Menschen ums Leben. Innenminister Aftab Ahmed Sherpao bestätigte am Dienstag mindestens 33.000 Tote. Der Erdstoß hatte weite Landstriche im Norden Pakistans und Indiens verwüstet. Millionen von Menschen verloren ihr Dach über dem Kopf.

Im indischen Teil Kaschmirs stieg die Zahl der offiziell bestätigten Erdbebenopfer auf 1300. Der indische Premierminister Manmohan Singh kündigte bei einem Besuch der Katastrophenregion ein Hilfspaket von umgerechnet mehr als 900 Millionen Euro an.

Hilfsflüge ins Erdbebengebiet nach Unwettern wieder aufgenommen

Nach einer wetterbedingten Zwangspause über Nacht sind die Hilfsflüge ins pakistanische Erdbebengebiet am Mittwochmorgen wieder aufgenommen worden. Zahlreiche Hubschrauber seien unter anderem mit Nahrungsmitteln und Medikamenten an Bord in Richtung der Katastrophenregion gestartet, teilte eine Sprecher der pakistanischen Luftwaffe mit. Insgesamt seien 35 pakistanische Helikopter, acht US-Hubschrauber und zwei Helikopter der Bundeswehr im Einsatz. Sie sollen außerdem Verletzte ausfliegen.

Dramatisch blieb die Lage im weitgehend zerstörten Muzaffarabad, der Hauptstadt des pakistanischen Teils Kaschmirs. Unter den Trümmern werden noch tausende Tote vermutet. Verzweifelte Menschen gruben mit bloßen Händen nach Angehörigen. In der Luft lag Verwesungsgeruch. Der private Fernsehsender Geo TV berichtete, Ärzte warnten vor Seuchen. In der Stadt träfen jedoch immer mehr Hilfslieferungen ein. Aus den Trümmern einer eingestürzten Schule seien zwölf Schüler gerettet worden. Helfer hätten zudem vier Menschen aus zerstörten Häusern geborgen. Weiterhin gebe es weder Wasser noch Strom.

Angesichts der Katastrophe verdoppelte die Weltbank am Dienstag ihre Soforthilfe auf 40 Millionen Dollar. Jetzt gehe es darum, der pakistanischen Regierung schnell Mittel zur Verfügung zu stellen, die in den Aufbau von Notunterkünften, zum Kauf von Brennstoff für den bevorstehenden Winter und in den Lebensunterhalt der Menschen in den betroffenen Gebieten fließen können, sagte Praful Patel, Vizepräsident der Weltbank für Südasien.

Leichtes Erdbeben im Süden Pakistans

Ein leichtes Erdbeben erschütterte indes den Süden Pakistans und auch die Metropole Karachi. Unter den Bewohnern kam es zu Panik, Opfer gab es aber offenbar keine, wie die Behörden am Mittwoch mitteilten. Das Zentrum des Bebens der Stärke vier vom späten Dienstagabend lag rund 1.100 Kilometer südlich von Karachi. Erst Stunden zuvor hatte ein Beben der Stärke 5,1 den Südwesten des Landes erschüttert.

Rice besucht das vom Erdbeben gezeichnete Pakistan

US-Außenministerin Condoleezza Rice will am Mittwoch Pakistan einen Kurzbesuch abstatten und damit angesichts der verheerenden Folgen des Erdbebens in dem Land die Solidarität der USA unterstreichen.

Ihre Regierung werde eine langfristige internationale Unterstützung mobilisieren, um Pakistan bei der Bewältigung der Katastrophe zu helfen, sagte Rice auf dem Weg ins benachbarte Afghanistan, das sie im Rahmen einer Reise durch vorderasiatische Länder besuchte. Von der afghanischen Hauptstadt Kabul aus will sie für ein etwa zweistündiges Gespräch mit dem pakistanischen Präsidenten Pervez Musharraf nach Islambad fahren. Ihre Botschaft an die Pakistaner sei, dass "in dieser schrecklichen Zeit die internationale Gemeinschaft und das Volk der Vereinigten Staaten an ihrer Seite stehen", sagte sie.

Pakistan gehört zu den engsten Verbündeten der USA in deren Kampf gegen den Terror. Die US-Regierung hat Pakistan nach dem Beben am Samstag eine Soforthilfe von 50 Millionen Dollar zugesagt.

DPA/AP / AP / DPA