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Starkregen und Überschwemmungen Vorbild Niederlande: Wie Holland den Wassermassen trotzt – und an welchen Faktoren das liegt

Niederlande, Arcen: Die Zufahrtsstraße zum Dorf Bergen steht am 18. Juli wegen des hohen Wasserstandes der Maas unter Wasser
Niederlande, Arcen: Die Zufahrtsstraße zum Dorf Bergen steht am 18. Juli wegen des hohen Wasserstandes der Maas unter Wasser
Extreme Niederschläge und Überschwemmungen haben zu zahlreichen Toten in Deutschland und Belgien geführt. In den Niederlanden bleibt es nach den starken Unwetter weitgehend bei Sachschäden. Woran liegt das?

Die Pegel sinken, die Aufräumarbeiten beginnen, doch der Schock sitzt tief. Die verheerenden Unwetter in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz haben bis Montag mindestens 164 Menschen das Leben gekostet – in beiden Bundesländern wird nicht ausgeschlossen, dass noch weitere Opfer gefunden werden könnten.

Die Einsatzkräfte suchen nach Vermissten. Betroffene kämpfen gegen das Chaos. Hat der Katastrophenschutz versagt? Eine Frage, die auch in Belgien – das auch Dutzende Tote durch Starkregen und Überschwemmungen zu beklagen hat – im öffentlichen Diskurs an Konjunktur gewinnt.

In den Niederlanden stellt sich das Ausmaß der Katastrophe anders dar. Zwar kam es auch dort zu extremen Niederschlägen, Anwohner wurden evakuiert – Premierminister Mark Rutte sprach von einer "nationalen Katastrophe". Doch Städte, die praktisch von den Wassermassen weggerissen wurden, sind ausgeblieben. Bisher haben die Niederlanden auch keine Todesopfer im Zuge der Unwetter gemeldet.  

Warum sind die Niederlande vergleichsweise gut gegen Überschwemmungen geschützt?

Die Behörden sind besser vorbereitet, die Krisenkommunikation schneller, sagt Jeroen Aerts zum US-Sender CNN, Professor und Vorsitzender der Fakultät für Wasser- und Klimarisiken an der Vrije Universität in Amsterdam. "Wir sahen die Welle besser kommen und wohin sie ging", wird Aerts zitiert.

Eine "einzigartige Situation" in den Niederlanden

Das Land kann auf einen großen Erfahrungsschatz im Kampf gegen Hochwasser und Überschwemmungen zurückgreifen. Drei große europäische Flüsse – der Rhein, die Maas und die Schelde – fließen durch die Niederlande, die zum Großteil unter dem Meeresspiegel liegen. Nach Angaben der Regierung sind 60 Prozent des Landes hochwassergefährdet, so CNN.

Insofern könne die Erfahrung und der Umgang der Niederlande mit Hochwasserlagen auch als Blaupause für andere Länder dienen, konstatiert der US-Sender – zumal Extremwetterereignisse als Folge des Klimawandels (lesen Sie hier mehr zu dem Thema) in Zukunft häufiger auftreten dürften. 

So gehöre die entsprechende Infrastruktur in den Niederlanden zu den besten der Welt, die eigentliche Stärke liege aber in ihrer Organisation. Für das Wassermanagement, einschließlich des Baus und der Instandhaltung von Wasserstraßen und anderen Anlagen zum Hochwasserschutz, ist unter anderem eine Regierungsbehörde zuständig. Nach Angaben von CNN verwaltet die Generaldirektion für öffentliche Arbeiten und Wasserwirtschaft, so die etwas sperrige Übersetzung, rund 1500 Kilometer an künstlichen Verteidigungsanlagen.

Dazu komme ein Netzwerk lokal gewählter Gremien, deren einzige Aufgabe ebenfalls im Wassermanagement – von Hoch- bis Abwasser – bestehe. Experte Aerts spricht gegenüber CNN von einer "einzigartigen Situation" in den Niederlanden: "Abgesehen von der nationalen Regierung, den Provinzen und Städten gibt es eine vierte Ebene, die Wasserverbände, die sich ganz auf das Wassermanagement konzentrieren." Und das seit Jahrhunderten: Die ersten lokalen Wasserverbände seien 1255 in der Stadt Leiden gegründet worden, so Aerts. 

Ein Netzwerk, das in anderen Ländern nicht so eng geknüpft sei. "Wasser spielt im Tourismussektor eine Rolle, es ist in der Industrie und im Bausektor beteiligt", hebt Aerts die Bedeutung des Wassermanagements mit Blick auf die Niederlande hervor. Die Wasserverbände seien dabei der "Klebstoff", der alles zusammenhalte – und zum Beispiel dafür sorgen könne, dass ein Bauvorhaben auf einer potenziellen Überschwemmungsfläche alle relevanten Parteien an einen Tisch bringt. 

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Dass es in den Niederlanden aber weitgehend bei Sachschäden geblieben ist, hat noch mit anderen Faktoren zu tun – wie der Topographie: So gebe es in Deutschland und Belgien bergigere Gebiete, in denen die Niederschläge in Massen in die Täler strömten, zitierte "de Volkskrant" Jos Teeuwen vom Vorstand der Limburger Wasserschaft. Auch die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" berichtete. Darüber hinaus seien nach großen Überschwemmungen in den Neunzigerjahren vielerorts die Flussufer verbreitert worden, um Hochwasser auffangen zu können. 

Nach den großen Überschwemmungen entspannt sich allmählich die Lage. Die hohen Wasserstände in den Flüssen im Süden des Landes gehen nach Angaben der Behörden vom Montag nun schnell zurück. Die größte Gefahr für Bürger sei gewichen, teilten die Behörden mit. Einwohner aus Venlo bei der deutschen Grenze, die vorsorglich ihre Wohnungen verlassen mussten, konnten dorthin zurück kehren. Die Behörden mahnen allerdings zur Wachsamkeit. Die Deiche könnten durch die großen Wassermassen beschädigt sein. Sobald das Wasser gesunken sei, sollten sie extra auf Schwachstellen kontrolliert werden.

Quellen:CNN, "Frankfurter Allgemeine Zeitung"

fs

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